Logischer Positivismus - Der Positivismus des 20. Jahrhunderts und seine Spielarten
Die wichtigsten Phasen in der Entwicklung des philosophischen Wissens - 2024 Inhalt

Der Positivismus des 20. Jahrhunderts und seine Spielarten

Logischer Positivismus

Die zentrale Aufgabe des logischen Positivismus besteht darin, wahre wissenschaftliche Aussagen von falschen zu unterscheiden. Nach Auffassung seiner Vertreter müssen sprachliche Konstruktionen, um als wissenschaftliche Sätze zu gelten und sich von willkürlich akzeptierten Konventionen (Hypothesen) in theoretische Aussagen zu verwandeln, mit sinnlichen Daten korrelieren. Dabei unterscheiden die logischen Positivisten zwei Arten von Sätzen: logische und faktische. Logische Sätze entsprechen den Gesetzen und Regeln der Logik, sind in mathematischer Symbolik ausgedrückt und besitzen keinen inhaltlichen Gegenstand. Faktische Sätze hingegen stimmen mit sinnlichen Daten überein.

Einige Neopositivisten, wie Wittgenstein und Reichenbach, bezeichnen diese sinnlichen Daten als „atomare Tatsachen“, während andere, wie Neurath, von „Protokollsätzen“ sprechen. Beide Begriffe beschreiben die Basis der Wissenschaft, das „Material“ der Erkenntnis. Das menschliche Wissen, so argumentieren sie, ist auf sinnliche Daten und Empfindungen beschränkt und kann deren Grenzen nicht überschreiten. Objekte treten in „atomaren Tatsachen“ als Relationen auf, sind jedoch nicht selbst Tatsachen. Diese „atomaren Tatsachen“ stellen also Relationen zwischen Wahrnehmungen dar, nicht aber die Wahrnehmungen selbst.

Die Einführung des Begriffs der „atomaren Tatsache“ ändert im Vergleich zur Lehre des Machismus wenig, führt aber ebenfalls zum Solipsismus. Um diesem Problem zu entkommen, ersetzten die Neopositivisten die „atomaren Tatsachen“ durch sprachliche Elemente – die „Protokollsätze“, die unmittelbare Erfahrung beschreiben.

Die Verknüpfung wissenschaftlicher Sätze mit „atomaren Tatsachen“ oder „Protokollsätzen“ erfolgt durch empirische Überprüfung, die von M. Schlick als Verifikation bezeichnet wird. Durch diesen Prozess, so die Vertreter dieser Schule, werden Sätze nicht nur überprüft, sondern auch mit Bedeutung versehen, und die Theorie wird von pseudowissenschaftlichen Aussagen gereinigt. Die Verifikation beruht auf der Identifikation des Beobachteten mit dem Realen, was die subjektiv-idealistische Essenz des Neopositivismus offenbart: Real ist das, was beobachtbar ist.

Ein prominenter Vertreter, H. Feigl, argumentiert, dass die Realität von Felsen, Bäumen, Sternen, Atomen, Strahlung, menschlicher Vernunft und sozialen Gruppen empirisch überprüfbar sei. Viele Philosophen, so Feigl, seien jedoch mit einem solchen empirischen Verständnis von Realität nicht zufrieden. Sie stellen die Frage, was mit Dingen ist, über die wir zuvor nichts wussten. War beispielsweise die Atomenergie oder die Rückseite des Mondes nicht objektiv existent, bevor sie Gegenstand unserer Erfahrung wurden? Die strikte Anwendung des Verifikationsprinzips stößt hier auf erhebliche Schwierigkeiten.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass allgemeine Sätze, wie etwa Naturgesetze, nicht durch eine endliche Anzahl empirischer Akte bestätigt werden können. Solche allgemeinen theoretischen Konstruktionen – wie das Gesetz der Gravitation oder das Gesetz der Erhaltung – besitzen Bedeutung auch ohne empirische Überprüfung. Ebenso können Aussagen über Vergangenheit und Zukunft, die nicht gegenwärtig beobachtbar sind, nicht verifiziert werden. Dies führt zu einem Widerspruch im Ansatz des logischen Positivismus, der dazu neigt, Gesetze, Prognosen und historische Schlussfolgerungen aus der Wissenschaft auszuschließen.

Karl Popper kritisierte das Verifikationsprinzip mit dem Hinweis, dass es neben der Metaphysik auch die Naturwissenschaften negiere, deren Gesetze nicht auf elementare Aussagen reduziert werden können. Anstelle der Verifikation schlug er das Prinzip der Falsifikation vor, welches fordert, dass jede wissenschaftliche Theorie prinzipiell widerlegbar sein muss. Anders als die Verifikation dient die Falsifikation jedoch nur als Kriterium zur Abgrenzung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, nicht aber zur Bestimmung der Bedeutung von Aussagen.

Später wichen Carnap und Neurath vom Verifikationsprinzip ab und schlugen vor, wissenschaftliche Sätze als wahr anzusehen, wenn sie mit der Gesamtheit zuvor akzeptierter wissenschaftlicher Aussagen konsistent sind. Doch auch dieser Ansatz birgt Schwierigkeiten, da wissenschaftliche Entdeckungen oft bestehenden Theorien widersprechen, wie etwa die kopernikanischen Gesetze den ptolemäischen oder die Quantenmechanik den Gesetzen der klassischen Mechanik.

Die Krise des Neopositivismus zeigte sich auch in der Unfähigkeit, einen universellen Sprachansatz zu entwickeln, der die Einheit der Wissenschaften gewährleisten könnte. Während B. Russell die mathematische Logik als solchen Ansatz betrachtete, favorisierte R. Carnap einen „physikalischen Sprachmodus“. Diese Ansätze, die qualitative Unterschiede zwischen den Wissenschaften leugnen, wurden schließlich als unzulänglich erkannt.

Unter dem Einfluss von Tarski richtete Carnap schließlich die Aufmerksamkeit auf die semantische Analyse von Zeichensystemen, was die Entwicklung der Semiotik als eigenständiges Forschungsfeld einleitete.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025