Der Positivismus des 20. Jahrhunderts und seine Spielarten
Die Entstehung des Neopositivismus, seine Ursachen und Entwicklungsstufen
Der Neopositivismus repräsentiert die dritte Entwicklungsstufe des Positivismus. Seinen Anfang nahm er in den 1920er Jahren innerhalb eines philosophischen Seminars an der Universität Wien, das als „Wiener Kreis“ bekannt wurde. Dieses Seminar vereinte Philosophen und Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen unter der Leitung von Moritz Schlick, einem österreichischen Philosophen und Physiker, der Nachfolger von Ernst Mach auf dem Lehrstuhl für die Philosophie der induktiven Wissenschaften war. Zu den Mitgliedern des Wiener Kreises zählten Rudolf Carnap, Otto Neurath, Kurt Gödel, Eino Kaila und andere. Der Kreis arbeitete eng mit ähnlichen Gruppen zusammen, darunter die von Hans Reichenbach in Berlin, sowie mit Denkern wie Philipp Frank in Prag und Alfred Ayer in England.
Der Neopositivismus knüpfte an die antimetaphysischen Tendenzen des Machismus an. Philipp Frank, ein Vertreter des Wiener Kreises, schrieb, dass die Gruppe den radikalen Empirismus Machs als Ausgangspunkt vollends übernommen habe. Darüber hinaus integrierte der Wiener Kreis Ideen des logischen Atomismus von Bertrand Russell und besonders des Tractatus Logico-Philosophicus von Ludwig Wittgenstein, die Varianten positivistischer Ansätze darstellten. Russell sah beispielsweise die mathematischen Axiome als apriorische logische Prinzipien an, während er das Wissen auf Kombinationen sinnlicher Daten reduzierte – eine Sichtweise, die auch von den Empiriokritizisten geteilt wurde.
Auf dieser Grundlage entwickelte sich die Schule des logischen Positivismus. Der Wiener Kreis wurde ihr geistiges und organisatorisches Zentrum. Ähnliche Positionen vertraten auch Mitglieder der Lemberg-Warschau-Schule, die unter Kazimierz Ajdukiewicz und Alfred Tarski arbeitete. 1929 wurde der programmatische Text „Das wissenschaftliche Weltbild. Der Wiener Kreis“ veröffentlicht, in dem die Grundprinzipien des Neopositivismus dargelegt wurden.
Der Neopositivismus, der sich als „Philosophie der Naturwissenschaften“ verstand, verbreitete sich rasch in westlichen Ländern. Ab den 1930er Jahren entstanden zahlreiche internationale Vereinigungen und Zeitschriften, die diese Richtung unterstützten, darunter das Internationale Institut für Logik und Wissenschaftstheorie sowie die Zeitschriften Erkenntnis, Analysis und Journal of Unified Science.
Mit der Machtübernahme des Faschismus in Deutschland emigrierten viele Wissenschaftler und Philosophen in die USA und nach Großbritannien. Der Wiener Kreis löste sich 1936 auf, als Moritz Schlick ermordet wurde. Rudolf Carnap, Hans Reichenbach und andere trugen den Neopositivismus in die angelsächsischen Länder, wo er in den folgenden Jahrzehnten großen Einfluss gewann.
Die Entstehung des Neopositivismus lässt sich durch zwei grundlegende Erkenntnisthemen erklären: die Relativität des Wissens und den Prozess der Mathematisierung und Formalisierung der Wissenschaften, der mit der Entwicklung theoretischer Disziplinen einherging. Der Neopositivismus beschäftigte sich mit zentralen methodologischen Fragen wie der Rolle von Zeichen und Symbolen im wissenschaftlichen Denken und dem Verhältnis zwischen theoretischem Apparat und empirischer Basis.
Im Gegensatz zu den rein subjektivistischen Ansätzen des frühen Positivismus – insbesondere des Machismus – erkannte der Neopositivismus, dass es in der Wissenschaft einen nicht reduzierbaren „Rest“ gibt, der über die sinnliche Erfahrung hinausweist. Dennoch verfolgte er in der Analyse mathematischen Wissens oft eine formalistische Haltung, die die Verbindung zu sinnlich-anschaulichen Erfahrungen vernachlässigte und die heuristische Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse leugnete.
Im Laufe seiner Entwicklung durchlief der Neopositivismus mehrere Stadien: den logischen Atomismus (Russell, früher Wittgenstein), den logischen Positivismus (Wiener Kreis, Berliner Schule Reichenbachs), den semantischen Positivismus, den linguistischen Analyseansatz und schließlich den Postpositivismus. Diese Evolution spiegelt den Versuch wider, den Positivismus den Herausforderungen moderner Wissenschaft und Philosophie anzupassen, zugleich aber auch seine inneren Widersprüche zu überwinden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025