Deutsche klassische Philosophie
Der transzendental-idealistischen Philosophie F.W.J. Schellings
F.W.J. Schelling (1775–1854) spielte eine bedeutende Rolle in der weiteren Entwicklung der transzendental-kritischen Philosophie. Während J.G. Fichte sein erkenntnistheoretisches Interesse vor allem darauf richtete, wie das Subjekt sich selbst bestimmt und formt, konzentrierte Schelling seine Aufmerksamkeit auf den Prozess der natürlichen Entstehung der Subjektivität. Er war der Ansicht, dass es unhistorisch sei, den Aufbau der Philosophie am selbstbewussten „Ich“ zu beginnen, da dabei der gesamte Entwicklungsprozess des Bewusstseins und Selbstbewusstseins nicht vollständig berücksichtigt werde.
Der Analyse des Bewusstseins, so der deutsche Denker, müsse die Analyse der Natur vorausgehen, die als unbewusstes Schaffen verstanden wird; das Verhältnis von Bewusstsein und Unbewusstem steht daher im Mittelpunkt von Schellings philosophischen Überlegungen. Die Naturphilosophie wird somit zu einem notwendigen Fundament, ohne das die Entstehung des Menschen als selbstbewusstes Subjekt nicht gedacht werden kann.
Ähnlich wie Kant und Fichte stellte Schelling die Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis: Wie kann der Mensch als Naturerscheinung die Natur erkennen? Und wie kommt die Natur dazu, vom Menschen erkannt zu werden? Unter Anwendung der dialektischen Erkenntnismethode auf die Analyse natürlicher Prozesse betrachtete Schelling Wissen als Produkt, das von der Natur in den Menschen gelegt wird.
Als zentrale Prinzipien seiner Naturphilosophie nennt Schelling:
- Polarität: Die Auffassung jedes Naturkörpers als Produkt der Wechselwirkung gegensätzlich gerichteter Kräfte;
- Einheit: Da er davon ausging, dass Natur und menschliches Bewusstsein letztlich einen gemeinsamen Substrat bilden;
- Entwicklung: Da Natur nicht nur Produkt, sondern auch Tätigkeit ist. Jede Entwicklung in der Natur verläuft, so Schelling, vom Objektiven zum Subjektiven. Diese Auffassung stützte sich auf naturwissenschaftliche Entdeckungen in Physik und Chemie.
Schelling führte spekulativ eine Synthese von Teilchen- und Wellentheorie des Lichts durch. In seiner Lehre begründete er die Idee, dass alles in der Welt auf einem bestimmten Entwicklungsstadium die Einheit von Subjektivem und Objektivem darstellt und Unterschiede zwischen ihnen lediglich auf der quantitativen Überlegenheit des einen oder anderen beruhen. Daher ist die Natur gleichzeitig real und ideal: Sie existiert unabhängig von unserer Erkenntnis, die sie bedingt, und enthält zugleich die Bedingungen und Prinzipien dieser Erkenntnis in sich.
Schelling verstand seine Naturphilosophie als Teil des transzendentalen Idealismus, in dem „jedes Wissen auf der Übereinstimmung von Objektivem und Subjektivem beruht“. Daraus ergibt sich, dass die Hauptaufgabe der transzendentalen Philosophie darin besteht, die Entwicklung des Intellekts selbst zu untersuchen, oder wie Schelling es formulierte: „wie es möglich ist, dass Vorstellungen mit den Gegenständen übereinstimmen und die Gegenstände mit den Vorstellungen“. Schelling unterscheidet den Intellekt in theoretischen und moralisch-praktischen Teil und identifizierte in seiner Lehre zwei Komponenten, die die transzendental-idealistischen Philosophie ausmachen: Die theoretische beantwortet die Frage „Wie erkennt der Intellekt die Welt?“ und die praktische untersucht, wie der Intellekt die Welt ordnet.
Ein besonderer Stellenwert kommt in Schellings System dem Philosophie der Kunst zu, in der das Spannungsverhältnis zwischen theoretischem und moralisch-praktischem Denken aufgehoben wird und die Vollendung der Erkenntnis erreicht wird. Schelling schreibt: „Im ästhetischen Anschauen wird das Intellektuelle objektiv und die Harmonie des untersuchten Objekts mit sich selbst wird hergestellt.“ Daher betrachtet er künstlerisches Schaffen als Maßstab, da es ein Ideal erreicht, das weder theoretisch noch moralisch-praktisch erreicht werden kann. Im Kunstwerk wird Unendlichkeit ausgedrückt, weshalb der Künstler in Schellings transzendentaler Philosophie „ein Genius ist, in dem sich die Natur auflöst und ein Widerspruch aufgelöst wird, der sonst nirgends lösbar ist“.
In der letzten Schaffensperiode widmete sich Schelling den Problemen der Religionsphilosophie und überschritt die Grenzen der transzendental-kritischen Philosophie. Im Mittelpunkt standen hierbei irrationale Themen, verbunden mit Mythologie und Religion. Schellings Lehre übte großen Einfluss auf die europäische Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts aus und fand weitere Entwicklung in den Arbeiten westlicher Gelehrter und Philosophen.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 01/10/2025