Grundlagen der Sozialphilosophie und der Geschichtsphilosophie
Sinn der Geschichte und Idee des historischen Fortschritts
Über den Sinn der Geschichte
Bei der Durchdringung der Logik der Darstellung der Problematik im Zuge der Arbeit an diesem Buch hielt ich es für notwendig und folgerichtig, diese mit der Betrachtung solch zweier fundamentaler Fragen abzuschließen, nämlich dem Sinn der Geschichte und der Idee des historischen Fortschritts. Sie ergeben sich logisch aus dem gesamten vorangegangenen Inhalt und bilden als abschließender Teil des Buches ein notwendiges Bindeglied, das dessen Inhalt krönt.
Über den Sinn der Geschichte sinnierte Karl Jaspers: „Wir bemühen uns, die Geschichte als ein Ganzes zu verstehen, um dadurch auch uns selbst zu verstehen. Die Geschichte ist für uns die Erinnerung, von der wir nicht nur wissen, sondern in der die Wurzeln unseres Lebens liegen. Die Geschichte ist das Fundament, das einst gelegt wurde, eine Verbindung, die wir aufrechterhalten, wenn wir nicht spurlos verschwinden, sondern einen Beitrag zum Menschsein leisten wollen. Die historische Anschauung schafft jenen Bereich, in dem unser Verständnis der menschlichen Natur erwacht.“
Beim Erfassen der Geschichte in ihrer einheitlichen Ganzheit erfährt der Mensch eine Vertiefung seiner Selbstbesinnung: Seine geistige Welt, indem sie durch ihr Bewusstwerden und Erinnern an der Geschichte teilhat, erhebt sich gleichsam auf einen hohen Gipfel, von dem aus ihm nicht nur die Vergangenheit und nicht nur die Gegenwart, sondern gewissermaßen auch die Zukunft deutlicher wird. Er versteht all dies nicht nur tiefer, sondern beurteilt sich auch anders. Die Geschichte hält uns einen Spiegel vor, in dem wir, indem wir die Vergangenheit sehen, unsere eigene Natur besser verstehen: Hier sind ein Vorbild zur Nachahmung, ein Tadel für unser Gewissen und ein Ruf zur Umkehr und zur Heldentat, zur Selbstvervollkommnung. Und noch etwas: Der Inhalt des historisch Erkannten ist uns keineswegs gleichgültig, er wird zu einem konstituierenden Moment unseres Seins, manchmal sogar unbewusst, oder, genauer gesagt, in gewissem Maße unbewusst.
Liegt der Sinn der Geschichte nicht darin? Zwar sagt Friedrich Nietzsche: Schritt für Schritt kämpfen wir mit dem Ungetüm des Zufalls, und die Menschheit wird bis heute von Sinnlosigkeit regiert! Man kann Nietzsche zustimmen, wenn man die verallgemeinerte Kategorizität seiner Aussage einschränkt. Ja, in der Geschichte gibt es viel Sinnloses, Irrationales, sogar Lächerliches und mehr noch, einfach Widerwärtiges. Aber reduziert sich alles in der Geschichte auf Sinnlosigkeit? Eine solche Schlussfolgerung wäre falsch. In der Geschichte gibt es nicht nur viel Vernünftiges, sondern auch Geniales, zum Beispiel den Fortschritt der Kultur, etwa der Philosophie, die Schöpfungen von Genies der Literatur, Poesie, Malerei, Bildhauerei, die Errungenschaften der Wissenschaft, Technik und so weiter. Indem wir die Vergangenheit erfassen, schöpfen wir Kraft aus dem, was war, was, so Jaspers, unsere Entstehung bestimmt hat, was uns ein Vorbild ist, und es ist gleichgültig, wann der große Mensch lebte: Alles ordnet sich gleichsam auf einer zeitlosen Ebene von etwas sehr Bedeutungsvollem an, und dann werden die gegebenen historischen Ereignisse von uns als etwas in unserem Leben unmittelbar Gegenwärtiges wahrgenommen.
Was den objektiven Sinn der Geschichte betrifft, so hat sie auf ihrem Weg durch die Zeit offenbar ein objektives Ziel, die Zeit in ihr ist in Epochen zergliedert und endlich. Keiner der Menschen weiß um dieses Ende, aber wir wissen, dass dieses Ende eintreten wird: Denn unser Haus, der Planet Erde, ist nicht ewig, und zudem geschieht vieles in der Geschichte spontan, und die Menschen begehen nicht wenig, was den Untergang der Erde näher bringt. Es wäre hochmütig zu sagen, dass wir alle klug handeln. Jeder handelt, wie es ihm scheint, vernünftig, aber viele handeln in Wirklichkeit grausam und egoistisch, und im Großen und Ganzen ergibt sich vieles, was einfach verbrecherisch vor der Vernunft der Geschichte ist. Und das Verbrecherische wird früher oder später bestraft. Sicherlich kann man annehmen, dass alle Menschen plötzlich zur Besinnung kommen und anfangen, göttlich klug zu handeln und jedes Grashälmchen und jedes Tier zu schützen. Das würde natürlich das Leben auf der Erde verlängern. Aber niemand wird der Menschheit unter keinen Umständen ein solches Gut schenken, wie die Ewigkeit des Seins. Dies schrieb ich in einem traurigen Augenblick meines Nachdenkens, in tiefer Nacht der Einsamkeit und Besorgnis, in Augenblicken der empörten Erkenntnis, wie die Menschheit unsere gemeinsame Mutter Natur verhöhnt und wie die Menschen sich nicht selten gegenseitig verhöhnen, versunken in gegenseitigem Hass und Bosheit. Verdient all das nicht das Gericht der Vernunft der Geschichte? Wird die Absolute Göttliche Vernunft uns nicht das vergelten, was wir verdienen? Und die Geschichte selbst ist das Weltgericht: Es ist weise und unbarmherzig und stellt alles und jeden an seinen Platz.
Und noch etwas zum Sinn der Geschichte. Die Weisheit der Jahrhunderte besagt: Die Geschichte lehrt uns, dass wir unbedingt von ihr lernen müssen. Für den Menschen und die Gesellschaft ist die Möglichkeit selbst wichtig, aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen, was uns erlaubt, den Verlauf des historischen Lebens der Menschheit zu erfassen und dadurch eine philosophische Konzeption der Geschichte zu entwerfen. Dazu ist es notwendig, das Wissen um die Vergangenheit mit dem zu verbinden, was uns die gegenwärtige Epoche in Bezug auf die Vergangenheit und die Zukunft offenbart. Dies ist, nach Nikolai Iosifowitsch Konrad, nur möglich, indem man die Geschichte der gesamten Menschheit berücksichtigt und nicht nur die einer bestimmten Gruppe von Völkern oder Ländern. Und abschließend: Die Lösung der Frage nach dem Sinn der Geschichte, ähnlich der Frage nach dem Sinn unseres persönlichen Seins in der Welt, kann uns nur etwas der äußersten Grenze unseres Verständnisses näherbringen, aber jenseits davon, zumal in der grenzenlosen Ferne der Zeit, ist für uns alles in undurchdringlichen Nebel gehüllt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/10/2025