Entwicklung des Begriffs des Seins in der Philosophie
Theoretisches und praktisches Erfassen des Seins
Das Existieren verläuft im Raum und in der Zeit. Die Menschen verfügen über alltägliche Erfahrungen von Zeit, Bewegung und Raum, doch bei dem Versuch, diese rational zu rekonstruieren, geraten sie in ernsthafte Schwierigkeiten. Zum Beispiel: Damit eine Minute verstreichen kann, muss eine halbe Minute vergehen, davor ein Viertel, ein Achtel, ein Sechzehntel und so weiter bis in die Unendlichkeit — das heißt, eine Minute dauert ewig. Es ist daher nicht verwunderlich, dass große Philosophen in wahres Verzweifeln gerieten, als sie mit solchen Problemen konfrontiert wurden. “Was ist Zeit?“, grübelte Augustinus quälend. “Solange mich niemand danach fragt, verstehe ich es, ohne Schwierigkeiten; aber sobald ich versuchen will, eine Antwort darauf zu geben, gerate ich vollkommen in die Irre.“ Was aber fragte Augustinus, und was wollten andere Philosophen, die über die Essenz des Seins nachdachten, klären? Es ist klar, dass er nicht versuchte, die Zeit genauer zu messen oder gar deren objektive Existenz zu widerlegen. Fragen nach dem Sein, der Zeit, der Kausalität, der Einheit betreffen fundamentale Konzepte, die im alltäglichen und selbst im wissenschaftlichen Alltag als selbstverständlich gelten. Doch in Wirklichkeit bedürfen sie einer Präzisierung, denn was in einem bestimmten Bereich des Lebens verständlich ist, erweist sich in einem anderen als unbrauchbar. Der Fortschritt wissenschaftlichen Wissens hängt nicht nur mit der Ansammlung von Fakten und der Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten zusammen, sondern auch mit der Überprüfung bestehender Vorstellungen von Kausalität und Gesetzmäßigkeit, Raum und Zeit usw. Ein Beispiel hierfür sind die Bemühungen der Begründer neuer Theorien, die gezwungen sind, den Sinn etablierter Begriffe zu verändern.
Die Interpretation des Begriffs des Seins und der Versuch, widersprüchliche Ansichten der Vorgänger in einer neuen philosophischen Theorie plastisch miteinander zu verbinden, sind typisch für den Enzyklopädisten der antiken Welt, Aristoteles. Gerade die glückliche Kombination von Existenz und Wesen, die Orientierung an der Suche nach dem Ursprung und dem letzten Ziel aller Dinge, führten dazu, dass auch heute noch das Sein als Werden, als Veränderung im Laufe der Zeit von einzelnen, aber miteinander verbundenen Dingen verstanden wird, die sich nicht nur verändern, sondern sich auch als das Selbstidentische bewahren. Um die Beständigkeit und Stabilität der Dinge im Laufe der Zeit zu begründen, unterschied Aristoteles zwischen der Essenz (oder, wie sie im Mittelalter verstanden wurde, der Substanz) und den Qualitäten, deren Veränderung die Essenz nicht beeinflusst. Dank der Essenz bleibt die Sache identisch mit sich selbst, und dank der Qualitäten erlangt sie die Fähigkeit zur Veränderung. Nicht nur die Qualitäten, sondern auch das Substrat selbst unterliegt der Entwicklung und dem Werden. Die unveränderliche Essenz bei Aristoteles ist die Form, die nicht mit den Sinnen, sondern mit dem Denken erfasst wird. Sie bildet die Grundlage des Begriffs der Sache. So löste Aristoteles die Streitigkeiten zwischen den Anhängern der physischen Ursprünge des Seins und der Ideen, die die ideale Grundlage des Seienden bilden. Aristotelische Begriffe sind etwas wie lebendige Wesen in der Natur, die in ihr immer die Ordnung des Lebendigen und Wachsenden bewahren. Das Ziel des Wissens ist es, diese Ordnung so vollständig und genau wie möglich zu offenbaren. Im Wissen zeigt sich dies in der logischen Subordination von Begriffen, die in einer hierarchischen Struktur von Arten und Gattungen organisiert sind: An der Spitze des Wissens stehen die arm an Inhalt, aber weit in ihrem Umfang gefassten Begriffe, während am unteren Ende die reichhaltigen, inhaltlichen und konkreten Begriffe mit engerem Umfang stehen. Diese Hierarchie entspricht der Ordnung der lebenden Wesen, die ebenfalls in Gattungen und Arten unterteilt sind. Die Arten werden von Wesen gebildet, die die gleiche Form besitzen, weshalb zum Beispiel der Mensch den Menschen hervorbringt. Die Arten bilden die Gattungen, deren Form weiter im Umfang und ärmer im Inhalt ist.
Dass Aristoteles' Theorie des Seins auf einer Analyse des natürlichen und biologischen Materials basiert, beweist die Tatsache, dass Aristoteles in seiner Lehre nicht nur die Form verwendet, sondern auch den Begriff des Ziels einführt, der die Essenz besser charakterisiert. Die Beobachtung lebender Wesen zeigt, dass auch ihre Form sich verändert (Embryo, Fötus usw. unterscheiden sich von der reifen Gestalt) und ihre Vollkommenheit in der höchsten Entwicklungsphase erreicht. So erweist sich das Erreichen der Form als das Ziel des lebenden Wesens. Wenn etwas in sich selbst ein Ziel hat, ist es gleichzeitig auch der Ursprung (bei der Fortpflanzung wird von einem Individuum auf das andere die Form übertragen, die das Einheit der Art gewährleistet).
Aristoteles’ Lehre vom Sein bewahrt also das Konzept des Ursprungs sowie der Ideen, fügt jedoch das Werden hinzu, das in den Begriffen von Substanz, Form, Ziel und Handlung beschrieben wird. Diese Lehre fügt sich recht organisch in die nachfolgende Tradition des Christentums ein, in dem das Sein als Produkt der Schöpfung Gottes verstanden wird, was zu einem erheblichen Einfluss der aristotelischen Theorie des Seins auf die europäische Kultur insgesamt führte. Doch auch das Christentum bewahrte als lebendig und bis heute wirksam das platonische Denken vom Einen, dem Guten und der Seele als Quelle der Ideen.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025