Entwicklung des Begriffs des Seins in der Philosophie
Raum, Zeit und Dauer
Was ist Zeit — ein Fluss, in dem das Sein dahintreibt, oder ein willkürlicher Maßstab zur Messung des Werdens? Soll sie dem Gemessenen proportional sein oder völlig beliebig? In der Tat messen wir das Vergehen unterschiedlichster Prozesse an einem Maßstab, der auf der Rotation der Erde beruht. Aber grundsätzlich könnten wir es auch am Rhythmus unseres eigenen Pulses messen. Wissenschaftler halten dies jedoch für unvernünftig, da sich die Prozesse je nach Rhythmus beschleunigen oder verlangsamen würden. Deshalb wählen sie einen Prozess, der dem Ideal am nächsten kommt — den Zerfall von Radium, bei dem selbst die Erdrotation als unregelmäßig erscheint.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat das Problem der Zeit erneut in den Mittelpunkt der Philosophie. Dies war zum Teil durch die theoretischen und praktischen Bedürfnisse der Wissenschaft und Kultur bedingt. Die Forschungen von Bergson und Husserl, Poincaré und Einstein, die sich wechselseitig ergänzten, reagierten einerseits auf die Herausforderung der historischen Zeit und weckten andererseits ein großes Interesse an diesem Thema in den unterschiedlichsten Disziplinen, von der Physik bis zur Kunstwissenschaft.
Die Schwierigkeiten beim Verständnis der Begriffe Raum und Zeit werden besonders deutlich bei der Analyse der Zahl. Sie traten in den Arbeiten französischer Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zutage. Henri Bergson gilt zu Recht als der Philosoph, der die einseitige Tendenz zur Homogenisierung in der mathematischen Naturwissenschaft erkannte, deren deutlichster Ausdruck für ihn in der Ersetzung der Dauer durch Identität lag. Die Dauer, die als Form des Seins der Realität und des Bewusstseins fungiert, wird bei ihm zur zentralen Kategorie. Das Maß für die Messung von Zeit und Raum ist die Zahl. Doch der Kern der Sache reduziert sich nicht auf eine quantitative Beschreibung. Raum muss durchschritten, überwunden werden, und das erfordert Zeit. Zeit als Dauer ist die Zeit des Überwindens des Widerstands der Materie. Aber auch diese Kategorie ist mit der Annahme verbunden, dass eine homogene Umgebung existiert, die einem stetigen Widerstand leistet. Dies ist eine offensichtlich alltägliche Konstruktion der Realität als Materie und Raum, die überwunden und gemessen werden müssen, die in der modernen Philosophie und Wissenschaft eine fundamentale Rolle spielt.
Das Verdienst Bergsons liegt darin, dass er das Werden in den numerischen Reihen selbst aufzeigte. An einem einfachen Beispiel demonstrierte er, dass wir es tatsächlich mit zwei Konzepten der Zahl zu tun haben. Eines beschreibt die Anzahl abstrakter Einheiten, die nach ihrer Zahl in einem bestimmten Raum festgelegt wird, das andere ist der Prozess des Zählens, der die Dauer einer numerischen Reihe kennzeichnet. Zahl ist der Synthese von Einheit und Identität, die sich in der Summe ausdrückt. Zahl ist nicht einfach die Summe von Einheiten. Natürlich können Schafe mit Hirten addiert werden, aber zuvor müssen sie in eine Menge integriert und damit als gleiche Elemente dieser Menge identifiziert werden. Bergson versuchte zu verstehen, wie wir uns Zahl vorstellen. 50 Schafe können als eine einheitliche Gestalt im Raum (Menge) oder als 50-fache Wiederholung des Bildes eines einzelnen Schafes im Raum vorgestellt werden (dies würde das Festhalten des Bildes der Summe in der Erinnerung voraussetzen). Streng genommen handelt es sich hier nicht um Dauer im Zeitrahmen, sondern um Reihenfolge im Raum. Auch im Zählprozess bleibt die Summe der vorherigen Zählung als ein räumliches Ganzes in der Erinnerung zurück, zu dem das neue Element hinzukommt. Die reine Reihenfolge wird als Zeit gedacht, doch das Zählen impliziert, dass nicht nur vergangene Elemente im Raum summiert werden, sondern auch jedes künftige Element wie in einem virtuellen Raum existiert, bis es seinen Moment erreicht. Somit kann die Zähloperation räumlich vorgestellt werden.
Bergson vertritt die Auffassung, dass Zahl eine Gesamtheit von Einheiten ist und gleichzeitig selbst eine Einheit darstellt. Doch es handelt sich um verschiedene “Einheiten“. Im ersten Fall geht es um die Einheit des Ganzen, im zweiten um die unteilbare Einheit, die die Reihe bildet. Die gedachte Einheit ist unteilbar. Im Gegensatz dazu ist die Einheit als reale Sache vielfach. Zum Beispiel sind arithmetische Einheiten Einheiten, die unendlich teilbar sind, was die Intuition des Raums voraussetzt. Andererseits ist die Einheit als einfacher Akt des Geistes unteilbar, was auf die Atopie (Raumlosigkeit) des Denkens hinweist. Es scheint, dass das Zählen auf der “Sprung“-Prozedur beruht — einem scharfen Übergang zwischen zwei unteilbaren Einheiten, die durch ein leeres Raum getrennt sind. Doch wenn wir aufhören, darüber nachzudenken, verwandelt sich die Zahl in eine kontinuierliche Ganzheit. Bergson sprach daher von der Notwendigkeit, “den Unterschied zwischen der Einheit, die wir im Moment denken, und der Einheit, die wir zur Sache machen, nachdem wir aufgehört haben, über sie nachzudenken“, zu erkennen.
Die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Teile des Raums ist die Grundlage, um die Zahl als unteilbare Einheit zu definieren. Doch diese Isolation erfolgt unter der Annahme der möglichen Summierung. Es gibt zwei unterschiedliche Arten des Zählens. Im ersten Fall versteht man unter einer Menge materielle Dinge, die im Raum lokalisiert sind, die berührt werden können und die keiner Symbolisierung bedürfen, um gezählt zu werden. Sie müssen zunächst einzeln gedacht und dann zusammengefasst werden, wobei es notwendig ist, die Zeit “auszuschalten“. Im zweiten Fall handelt es sich um affektive Zustände der Seele, die nicht im Raum, sondern in der Zeit oder möglicherweise im idealen Raum gegeben sind, in dem reine Dauer, unterteilt in Intervalle, existiert. Das Vorhandensein von Intervallen widerlegt die Vorstellung von Zahlen als Dauer. Bergson fasste zusammen: “Es gibt zwei Arten von Vielheit: die Vielheit materieller Objekte, die unmittelbar die Zahl bildet, und die Vielheit von Bewusstseinsakten, die nur durch ein symbolisches Repräsentationsmittel als Zahl erscheinen kann, das unweigerlich räumliche Elemente enthält.“ Die Grundlage der ersten Zahlvorstellung bildet die Annahme der Undurchdringbarkeit der Materie, die in gewisser Weise der Annahme ihrer Schwere und Widerstandsfähigkeit ähnelt. Die Behauptung, dass zwei Körper nicht denselben Raum gleichzeitig einnehmen können, ist ein logisches Prinzip, und daher ist es schwieriger, die Undurchdringbarkeit aufzugeben als die Vorstellung von schwereloser Materie. Die Undurchdringbarkeit der Materie zu behaupten, bedeutet nach Bergson lediglich, die Konsistenz der Konzepte Zahl und Raum zu erkennen.
Zeit kann als objektive Dauer, als der Prozess des Werdens der Dinge, gedacht werden. Doch der Verstand, der Theorien schafft, abstrahiert vom Wandel. So ist die Physik gewissermaßen eine Momentaufnahme, eine daher zeitlose Beschreibung des Universums, die sowohl die Zeit als auch die Bewegung umfasst. Dies wird durch die Annahme eines göttlichen Beobachters erreicht, der im Grunde die Bedingung für die Möglichkeit einer solchen theoretischen Weltbeschreibung darstellt. Es gibt Gott als Bedingung des Wunders und es gibt den Gott der Philosophen und Wissenschaftler, der als Bedingung für die Möglichkeit der Konstanz der Natur fungiert, ohne die Wissenschaft unmöglich wäre. Die Intention einer homogenen Umgebung, in der es weder Werden noch Veränderung gibt, in der einmal existierende Dinge sich nicht ändern, es sei denn, es wirken äußere Kräfte, bildet die Grundlage für die Abstraktion des Raumes. Diese Abstraktion ist radikal zeitlos. Sie beschreibt die Realität ohne Qualitäten — eine homogene, reine und neutrale Umgebung. Was sie erfüllt (Kräfte, Objekte, Qualitäten), sind quasi separate Entitäten, die miteinander interagieren, ohne dass der Raum als eine Art Bühne auftritt, auf der das Schauspiel der Dinge abgeht. Daher wird die Zeit entweder ausgeschlossen oder auf der Basis räumlicher Analogien beschrieben.
Dasselbe gilt für psychische Zustände. Diese, wie Descartes zeigte, haben keine räumlichen Eigenschaften. Der Paradox besteht jedoch darin, dass sie ebenfalls in der Sprache räumlicher Analogien beschrieben werden. Zeit wird als homogene Umgebung gedacht, in der die Zustände des Bewusstseins nebeneinander bestehen. Somit erfüllen die Abstraktionen von Raum in der Physik und Zeit in der Psychologie im Wesentlichen dieselbe Funktion der Symbolisierung einer homogenen Umgebung, die es ermöglicht, das Heterogene auf der Grundlage von Ausdehnung zu unterscheiden.
In Wirklichkeit ist der Raum, in dem wir leben, keineswegs homogen. Natürlich kann die Wissenschaft sich von verschiedenen sozialen und kulturellen Räumen abstrahieren, in denen unterschiedliche Orte verschiedene qualitative Merkmale aufweisen. Aber der Verstand kann selbst das einfachste menschliche Unterscheidungsmerkmal zwischen Rechts und Links nicht widerspruchsfrei und begründet begreifen. Da im Raum alle Richtungen gleich sind, erweist sich dieses Unterscheidungsmerkmal als undenkbar. Oder genauer gesagt, die Unterschiede werden als identisch bewiesen: der linke Handschuh ist der gewendete rechte. Denn die logischen Strukturen der Erklärung und Vorhersage sind gleich (identisch). Dies ist möglich, weil für den Verstand im Wesentlichen nur das Jetzt von Bedeutung ist, das sich in die Vergangenheit und Zukunft erstreckt. So wird Zeit letztlich nur als Maß für den Raum verstanden.
Durch das Zählen aufeinanderfolgender Momente der Dauer, durch die Verbindung mit der Zahl, erscheint Zeit als zählbar und messbar, ähnlich wie Raumabschnitte. Zahl und Raum scheinen untrennbar miteinander verbunden. Bergson stellte die Arithmetisierung des Raums nicht infrage, versuchte jedoch, die Zeit vor der Reduktion auf mathematisierten Raum zu retten. Die Vorstellung von Zeit als der sukzessiven Zunahme der Zahl mathematischer Punkte, die eine Linie bilden, zerstört die Vorstellung von Dauer. In Wirklichkeit ist Dauer nicht quantifizierbar, und sobald wir versuchen, sie zu messen, ersetzen wir sie unbewusst durch Raum. Zeit ist Intensität, nicht Extensität.
Indem Bergson Zeit als Intensität, als einen inneren qualitativen Prozess begreift, geht er der Frage nach: Was ist es, das eigentlich dauert, wie verstehen wir die Dauer selbst? Wir begreifen Zeit als eine homogene Umgebung, in der Dinge und unser eigenes Leben dauern. Doch man kann sie auch anders betrachten, nämlich als eine Dauer, die dem Seienden immanente ist, sei es die Dinge oder wir selbst. Es ist nicht so, dass wir in der Zeit dauern, sondern die Zeit dauert in uns. Bergson unterscheidet das, was man äußere und innere Zeit nennen könnte. Außerhalb von mir schwingen periodisch die Pendel der Uhren, die nichts an der Welt verändern. Wenn der Mensch die Bewegung der Uhrzeiger beobachtet, misst er nicht die Zeit, sondern zählt und summiert Gleichzeitigkeiten. Doch in Wirklichkeit vollzieht sich im Bewusstsein eine Veränderung der Organisation seiner Zustände, die Bergson als wahre Dauer bezeichnet.
Dieses scheinbar rein formale Unterscheidungsmerkmal erscheint von großer Bedeutung, da Zeit gewöhnlich wie eine homogene Umgebung des Bewusstseins behandelt wird, als ein innerer Raum. Bergson zufolge verzerrt die Definition der Zeit aus einer räumlichen Perspektive ihre wahre Natur. Raum ist extensiv, da er für das Bestehen vieler einzelner Dinge gebildet wurde. Im Raum gibt es Nachbarschaft, aber keine Dauer, da jeder der aufeinanderfolgenden Zustände der Welt getrennt existiert. Ihre Vielheit existiert nur für das Bewusstsein, in dem diese Zustände der Dinge spezifische Zustände hervorrufen, die ineinander übergehen, sich selbst zu einem Ganzen organisieren und so die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. Bergson machte einen wichtigen Schritt im Verständnis der Zeit, und heutige Konzepte von Systematik und Selbstorganisation übertragen seine Theorie im Wesentlichen auf ein universelleres Niveau, indem sie die zeitliche Organisation nicht nur dem Bewusstsein, sondern auch den objektiven Prozessen außerhalb des Bewusstseins zuschreiben.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025