Bewusstsein
Struktur und Wesen des Bewusstseins
Das Bewusstsein ist ein Abbild, eine ideale Reflexion der Außenwelt, eine besondere Karte der Realität, die unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Ziele des Menschen konstruiert wird. Der Mensch nimmt die Welt aus einer bestimmten Perspektive wahr. Sein Standort und seine Position bestimmen die Orientierung und im weiteren Sinne eine spezifische Werteskala. Hieraus ergibt sich die Vielfalt der Perspektiven, sodass das Problem des Bewusstseins nicht auf bloße Angemessenheit reduziert werden kann. Entscheidend ist, wie individuelle Standpunkte aufeinander abgestimmt werden können und wie Gemeinschaften mit unterschiedlichen Wertorientierungen zu Verständigungen gelangen.
Das Bewusstsein ist kein Spiegelbild der Wirklichkeit. Tatsächlich wird die Welt auf der Netzhaut des Auges verkleinert und auf den Kopf gestellt abgebildet. Auf Grundlage dieses Bildes konstruiert das Bewusstsein seine eigene Darstellung der Wirklichkeit, die von uns mehr oder weniger adäquat wahrgenommen wird. Setzt man spezielle Brillen auf, die das Bild erneut “umkehren“, passt sich das Bewusstsein nach kurzer Zeit an, und alle Dinge erscheinen wieder an ihrem Platz, also dort, wo sie in der Realität stehen.
Die genetische Psychologie hat festgestellt, dass Neugeborene ihre Umwelt wie durch ein Kaleidoskop wahrnehmen und die Welt erst nach und nach durch die Entwicklung ihres Körpers und durch den Umgang mit Spielzeugen in Dinge strukturiert wird. Darüber hinaus bildet sich die Fähigkeit, stabile Komplexe von Eigenschaften zu erkennen und Objekte hinsichtlich ihrer Größe und Form zu vergleichen, erst durch praktische Manipulation mit Gegenständen aus. Das sogenannte “unbeteiligte Anschauen“ eines neutralen Beobachters ist eine Abstraktion, die selbst in der Wissenschaft nicht realisierbar ist. Tatsächlich sieht ein Fachmann, wenn er sein Labor betritt, nicht ein chaotisches Durcheinander, sondern eine experimentelle Anordnung. Dennoch nehmen Menschen mit unterschiedlicher Erziehung und Bildung eine gemeinsame Welt wahr. Die Bildung eines solchen gemeinsamen Horizonts wird durch die Einheit körperlicher Praktiken des Seins in der Welt bestimmt.
Das Bewusstsein ist kein Teil der materiellen Welt und unterliegt nicht den Kausalgesetzen, die in der Natur gelten. Die Bilder des Bewusstseins sind immateriell, nehmen keinen Raum ein und können daher nicht physisch beeinflusst werden. Ideen werden beispielsweise durch Argumente bestätigt oder widerlegt, nicht durch Schläge auf den Tisch. Das Bewusstsein ist keine Materie, obwohl es mit materiellen Trägern verbunden ist. Es wird oft als besondere Eigenschaft definiert, die im Prozess der Interaktion verschiedener materieller Systeme entsteht. Dieses Merkmal wird manchmal als Reflexion bezeichnet, was bedeutet, dass ein materielles System Informationen über ein anderes trägt, wie im Fall von Zeichen und Bedeutung. Aus der Sicht der kognitiven Theorie ist das Bewusstsein ein Bild, das Informationen über das reflektierte System enthält. Solche Abdrücke können von einem komplex strukturierten System genutzt und “gelesen“ werden, um eine effektive Orientierung zu ermöglichen. Auf diese Weise entsteht ein Rückkopplungssystem, in dem Information als Auslöser für die Einwirkung eines Systems auf ein anderes dient. Dabei ist hervorzuheben, dass der Informationseinfluss keine mechanisch-kausale Verbindung darstellt, sondern als Stimulus wirkt, der durch das innere Programm des Systems bedingt eine Reaktion hervorruft.
Je nach Komplexität lassen sich folgende Formen der Reflexion unterscheiden:
- Reizbarkeit: die Fähigkeit von Pflanzen, auf die Einwirkung der Energie eines anderen Systems als Faktor des Überlebens zu reagieren;
- Empfindlichkeit: die Fähigkeit lebender Systeme, auf die gesamte Umwelt und nicht nur auf einzelne Faktoren zu reagieren;
- neurophysiologische Reflexion: verbunden mit der Bildung von Nervengewebe und basierend auf der internen Programmierung des Organismus, der sich aktiv an die Umwelt anpassen kann;
- psychische Formen der Reflexion (Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen): entstehen durch aktives Wechselwirken mit der Außenwelt und werden auf Grundlage einer suchenden Orientierungsaktivität entwickelt. Der Inhalt psychischer Bilder besteht aus Handlungsschemata in der Umgebung.
Das Bewusstsein kann auch nach sozialen Kriterien strukturiert werden, wodurch sich individuelles und kollektives Bewusstsein unterscheiden lassen. Insbesondere können praktische (instrumentelle, moralische, wertorientierte), künstlerische und theoretische Formen des Bewusstseins unterschieden werden, ebenso wie wissenschaftliches und außerwissenschaftliches (philosophisches, religiöses), politisches und andere Formen. Obwohl diese Unterschiede relativ sind, rechtfertigen sie sich zur Lösung spezifischer Erkenntnisaufgaben. Darüber hinaus können auch spezifische Formen des Bewusstseins betrachtet werden, deren Eigenart durch kulturelle Besonderheiten bestimmt ist.
Betrachten wir die wesentlichen Merkmale des sinnlichen Bewusstseins, das Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen umfasst.
Empfindung ist die Reflexion von Eigenschaften der Realität, die infolge ihrer Einwirkung auf die Sinnesorgane und die Erregung der Nervenzentren des Gehirns entsteht. Man unterscheidet visuelle, auditive, taktile, gustatorische und olfaktorische Empfindungen. Eine besonders wichtige Rolle spielen motorische oder kinästhetische Empfindungen, die nach dem Prinzip der Rückkopplung die realen Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt regulieren. Empfindung kann auch als Art des Erlebens eigener Zustände verstanden werden.
Lange Zeit wurde angenommen, dass die Struktur der peripheren Nervensysteme es erlaubt, “elementare“ psychische Funktionen von höheren zu unterscheiden. Tatsächlich gehören Empfindungen jedoch nicht vollständig in den Bereich der Physiologie, da sie ganzheitliche Gebilde mit spezifischer Bedeutung darstellen.
Wahrnehmung ist der Prozess der Bildung eines subjektiven Bildes eines ganzheitlichen Objekts, das direkt auf die Sinnesorgane einwirkt. Ein weißer Fleck auf einheitlichem Hintergrund lässt sich als einfaches Beispiel nehmen: Alle seine Punkte bilden eine Figur. Die Heraushebung einer Figur vor einem Hintergrund stellt den einfachsten Akt der sinnlichen Wahrnehmung dar. Im Gegensatz zu Empfindungen, die nur einzelne Eigenschaften eines Objekts widerspiegeln, erfasst das Wahrnehmungsbild das gesamte Objekt mit seinen invarianten Eigenschaften. Dieses Bild ist das Resultat eines Syntheseprozesses, der laut A.N. Leontjew im Verlauf der Evolution durch den Übergang lebender Wesen von einer homogenen, objektiv ungeformten Umgebung zu einer gegliederten Umwelt möglich wurde.
Aufmerksamkeit ist der Prozess, eingehende Informationen im Hinblick auf die Prioritäten der anstehenden Aufgaben zu ordnen. Das Wunder des Bewusstseins besteht darin, dass durch die Aufmerksamkeit die Einheit des Objekts in einer neuen Dimension wiederhergestellt wird. Wesentliche Eigenschaften der Wahrnehmung sind Gegenständlichkeit, Ganzheit, Konstanz und Kategorisierung. Menschliche Wahrnehmungsbilder integrieren sprachliche Bezeichnungen, wodurch Abstraktion und Verallgemeinerung der Eigenschaften von Objekten ermöglicht werden.
Vorstellung ist das anschauliche Bild eines Objekts, das in der Erinnerung oder im Vorstellungsvermögen reproduziert wird. Gedächtnis ist ein kognitiver Prozess, der das Speichern, Wiederherstellen und Vergessen von Erfahrungen umfasst. Im Vorstellungsvermögen antizipiert der Mensch auf bildhafte Weise Ergebnisse, die durch bestimmte Handlungen erreicht werden können. Dabei spiegeln Vorstellungen oft die charakteristischsten Merkmale eines Objekts wider, auch wenn sie weniger detailliert sind als Wahrnehmungsbilder. Durch Sprache wird Vorstellung in abstrakte Begriffe überführt, jedoch wäre es ein Fehler, Vorstellung lediglich auf Urteile zu reduzieren. Prozesse der Interpretation begleiten sinnliche Wahrnehmung und Vorstellung, ersetzen diese jedoch nicht.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025