Verstand und Vernunft - Bewusstsein
Die Hauptrichtungen und wichtigsten Fragen der Philosophie des 20. - frühen 21. Jahrhunderts - 2024 Inhalt

Bewusstsein

Verstand und Vernunft

Das moderne Wort “Vernunft“ leitet sich vom griechischen Begriff “Logos“ ab, in dem zwei Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind: das Sammeln, Ordnen und Zusammenfügen sowie das Sprechen, Benennen und Verkünden. Vernunft offenbart sich als Verstehen und Überlegen, also als ein Prozess des Abwägens und Beurteilens im Einklang mit Recht, Gesetz und Ordnung. Entscheidend ist hierbei, dass der Mensch zwar Vernunft besitzen, ihr lauschen, jedoch nicht notwendigerweise selbst die Vernunft sein konnte, sondern diese sich aneignen oder auch usurpieren konnte.

Die objektive Vernunft ist dasjenige, was der Welt eigen ist; sie ist die Welt selbst und das Prinzip der Vernünftigkeit, das die Welt als Ganzes ordnet und sie begreifbar macht. Die subjektive Vernunft hingegen ist die Fähigkeit des Menschen, rational zu erkennen und zu handeln. In diesem Sinne wird die Vernunft in die Welt hineingetragen und durch ein handelndes Subjekt verwirklicht. Allerdings fand die subjektive Vernunft weder in der Antike noch im Mittelalter Anerkennung. Dort, wo es ursprünglich um das Sein ging, galt die Vernunft als etwas Objektives, dem der Mensch folgen musste, wollte er als vernünftig gelten. In der Antike gehörte die objektive Vernunft dem Kosmos an, dessen Ordnung überpersönliche Bedeutung besaß. Selbst die christliche Schöpfungsvorstellung veränderte den Status der objektiven Vernunft nur geringfügig.

Das objektive Verständnis der Vernunft (Logos) zeigt sich in ihren Charakteristika. Mit dem Begriff Logos ist die Idee exakten Wissens verbunden, dem die Meinung gegenübersteht. Eine weitere Gegensatzpaarung lautet: Logos und Ästhesis, also das Rationale und das Sinnliche. Wahrheit kann durch Vernunft und Denken erfasst werden, während Meinungen aus sinnlichen Eindrücken entspringen.

Die Entwicklung des Begriffs der Vernunft zeigt eine zunehmende Anthropomorphisierung und Humanisierung, also eine Vermenschlichung des Vernunftverständnisses. Die antiken Philosophen sahen im Geist (Nous) das leitende Prinzip der Welt, was später in die Lehre vom göttlichen Intellekt überging. Doch die Idee der Schöpfung führte in der mittelalterlichen dynamischen Weltsicht zu einer langen Auseinandersetzung über das Verhältnis von Wille und Intellekt: Ist der Wille Gottes seiner Vernunft untergeordnet? Voluntaristen betonten den Vorrang des Schöpfungsaktes und leiteten alles von Gottes “Fiat“ (“Es werde“) ab. Ihre Gegner, die Intellektualisten, sahen in dieser Position die Gefahr einer Zerstörung der Vernunft. In der Neuzeit spiegelt sich dieser Konflikt eindrucksvoll in der Metaphysik Arthur Schopenhauers wider. Er wandte sich scharf gegen Hegels Einheit von Sein und Denken, die er als Unterwerfung des lebendigen Werdens unter abstrakte Begriffe interpretierte. Schopenhauer überwand Hegels Logozentrismus, indem er zu einem Voluntarismus und Irrationalismus gelangte: Die Welt, so argumentierte er, sei nicht durch Vernunft, sondern durch blinden, dunklen Willen geprägt, dessen Impulse die Wünsche und Handlungen des Menschen bestimmen. Schopenhauer stellte somit die Definition des Menschen als “vernünftiges Tier“ infrage. Nach ihm traten stattdessen soziale Strukturen, ökonomische Grundlagen, das Unbewusste oder Kommunikation als zentrale Bestimmungen der menschlichen Natur in den Vordergrund. Die klassische Rationalitätsvorstellung wurde schließlich in der postmodernen Philosophie radikal kritisiert.

Der Wille, die Fähigkeit des Menschen, gesetzte Ziele trotz Hindernissen zu erreichen, basiert auf der charakteristischen Vermittlung seines Verhaltens durch gesellschaftlich entwickelte Werkzeuge und Mittel. Dieser Prozess erlaubt es dem Menschen, bestimmte emotionale Zustände oder Motive bewusst zu kontrollieren, um entgegen starken Antrieben zu handeln oder intensive emotionale Erlebnisse zu ignorieren. Die Entwicklung des Willens beginnt in der frühen Kindheit und basiert auf der bewussten Steuerung des unmittelbaren Verhaltens.

Die Auffassung der Vernunft als Form des Machtwillens ist jedoch nicht korrekt. Es handelt sich um eine andere Art von Macht, die nicht auf Gewaltstrategien reduziert werden kann. In der griechischen Philosophie wurde der Logos mit Feuer und Licht gleichgesetzt. Der Gedanke, der das Sein erleuchtet, ermöglicht diesem, sich zu zeigen. Ähnlich entwickelte das Christentum die Lehre vom natürlichen Licht der Vernunft (lumen naturale), wodurch sich Vernünftigkeit und Heiligkeit verbinden ließen. Hegel knüpfte an diese Tradition an, indem er den Geist nicht nur mit Licht, sondern auch mit Atem (pneuma) verband, wodurch er das Sichtbare, Äußere, Leidenschaftslose mit dem Symbolischen, Inneren und Dynamischen verknüpfte. Seine Vernunft erweist sich somit als lebendig.

Ein weiteres zentrales Konzept der menschlichen Fähigkeit, die Welt zu erfassen, ist das Denken. Bereits Locke definierte es als die Verbindung von Vorstellungen (Ideen), ohne jedoch eine scharfe Trennung zwischen sinnlichen und abstrakten Vorstellungen vorzunehmen. Bei Kant verbindet die Urteilsfähigkeit Verstand und Vernunft, während bei Hegel alle Formen und Arten der Vorstellung, einschließlich der sinnlichen, von der Vernunft durchdrungen werden. Heute ist “Rationalität“ das am häufigsten gebrauchte synthetisierende Konzept. Sie wird mit den unpersönlichen Gesetzen der Logik gleichgesetzt, die als allgemeingültige Normen des Denkens verstanden werden.

Die grundlegenden Begriffe der deutschen klassischen Philosophie gehen auf das mittelalterliche Unterscheiden von “Ratio“ und “Intellectus“ zurück, deren Herkunft in den antiken Begriffen “Nous“ und “Dianoia“ liegt. “Nous“ bezeichnet in der griechischen Philosophie die geistige Schau, durch die wahrhaft seiende Ideen erfasst werden. “Dianoia“ hingegen steht für die methodische Untersuchung und Verarbeitung von Ideen. Die lateinische Tradition fasst das Poetische und das Dianoiatische als Gegensatz von Intuition und Diskursivität auf: Ersteres beschreibt den Intellekt als Fähigkeit zur reinen geistigen Erkenntnis, Letzteres den Verstand als Instrument der Analyse und der Begriffsoperationen. Verstand und Vernunft sind somit zwei Seiten des Denkens: einerseits gerichtet auf ein Objekt, andererseits als Vorgang des Nachdenkens und Erforschens. Beide Seiten sind untrennbar miteinander verbunden: Ohne Gegenstand bleibt der Denkprozess leer, ohne logische Verfahren bleibt das Denken vage und unausdrückbar.

Bereits in der antiken Philosophie wurde eine plastische Verbindung von intuitivem und beweisendem Wissen erreicht. In der Philosophie der Neuzeit geschah dies durch die Komplementarität von “angeborenen“ und “notwendigen“ Wahrheiten: Die einen resultieren aus reflektierenden Akten, die unsere Ideen verständlich machen und Zugang zu nicht sinnlich erfassbaren Gegenständen wie Substanz, Absolutem oder Gesetz gewähren; die anderen basieren auf idealen Objekten, die durch reine Vernunft erkannt werden. Diese klare Sichtweise wurde von den Empiristen kritisiert, die sich auf den äußeren, sinnlichen Erfahrungshorizont stützten. Innerhalb dieses Paradigmas verlor der Gegensatz zwischen Verstand und Vernunft an Bedeutung, da die operative Denkfähigkeit in den Vordergrund rückte.

Kant jedoch, der eine Versöhnung von Rationalismus und Empirismus suchte, führte die Unterscheidung von Verstand und Vernunft erneut ein, ohne dabei auf “angeborene Ideen“ zurückzugreifen. In seiner Erkenntnistheorie identifizierte er reine Formen, die den Sinnen unzugänglich sind, da sie keine Gegenstände, sondern Bedingungen ihrer Möglichkeit darstellen (Raum und Zeit als Formen der Sinnlichkeit; Einheit, Vielheit, Substanz, Kausalität und andere Kategorien als Formen des Denkens). Der Verstand denkt mittels Formen und folgt den Regeln der Logik, während die Vernunft die Grundlagen für das Denken liefert und eine kritische Reflexionsfunktion gegenüber dem Verstand ausübt. Für Kant sind sie keine unterschiedlichen menschlichen Fähigkeiten, sondern Funktionen des Denkens: Der Verstand denkt über Gegenstände, die Vernunft denkt über das Denken.

Diese Reflexion als Fähigkeit, über das Denken nachzudenken, die die Möglichkeit apriorischer Erkenntnis eröffnet, ergänzt Fichte und Schelling durch das Konzept der “reinen Anschauung“. Bei Hegel schließlich finden “Begriff“ und “Anschauung“ ihre absolute Einheit in seiner dialektischen Logik — ein Verständnis, das allerdings den Preis hat, dass jeder Gegenstand zum Gegenstand des Denkens wird.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025