Bewusstsein
Die Hauptrichtungen und wichtigsten Fragen der Philosophie des 20. - frühen 21. Jahrhunderts - 2024 Inhalt

Bewusstsein

Die Diskussionen über die Natur des Bewusstseins widerlegen die Auffassung, dass philosophische Probleme künstlichen Ursprungs seien. Ob sie durch wissenschaftliche Untersuchungen oder Gespräche über Leben und Politik entstehen, belegen sie überzeugend die Notwendigkeit, sich mit Philosophie zu befassen. Im Leben des Einzelnen wie auch der Gesellschaft müssen konkrete Entscheidungen getroffen werden, die auf allgemeinen Voraussetzungen beruhen. Streben wir danach, uns selbst zu verwirklichen, ein freies Leben zu führen, einen anderen Menschen zu verstehen oder seinen Standpunkt zu beeinflussen, so stellt sich unvermeidlich die Frage: Was ist Bewusstsein?

Das Bewusstsein ist eines der zentralen Begriffe der Philosophie, Soziologie und Psychologie und bezeichnet die menschliche Fähigkeit, die Wirklichkeit ideal im Denken zu reproduzieren. Es ist die höchste Form psychischer Reflexion der objektiven Realität, die dem gesellschaftlich entwickelten Menschen eigen ist und als ideale Seite zielgerichteter Tätigkeit eng mit der Sprache verbunden ist. Mitunter wird das Bewusstsein als subjektives Abbild der Gegenstände der Außenwelt definiert, das sowohl von sinnlich wahrnehmbaren Merkmalen als auch von hypothetischen Konstrukten geprägt ist. Als Grundlage praktischer Handlungen zur Aneignung der Außenwelt wird dieses Abbild zugleich durch die Art dieser Handlungen bestimmt.

Bewusstsein ist die Reflexion dessen, was außerhalb seiner selbst geschieht, und als solches eine Weise der Gegebenheit der Außenwelt. Das Problem liegt darin, wie das Bewusstsein sich selbst erkennen kann. Offensichtlich wird es nicht wie Dinge erkannt und kann nicht direkt thematisiert werden. Um es zu definieren, müssen indirekte Wege eingeschlagen werden. So verliert ein Mensch infolge von Durchblutungsstörungen, Ohnmacht, Schlaf und Ähnlichem das Bewusstsein und kann sich nicht erinnern, was mit ihm geschehen ist. Der Bewusstseinsverlust verdeutlicht, wenn auch auf unbestimmte Weise, worin das Erleben von Bewusstsein besteht. Die Essenz des Bewusstseins, wie die jedes anderen grundlegenden Begriffs, erschließt sich daher durch seine Gegensätze. Deshalb können wir auch nicht beschreiben, wie der Übergang vom Unbewussten zum Bewussten und zurück erfolgt. Doch macht die philosophische Reflexion gerade dasjenige zum Gegenstand, was gewöhnlich nicht bewusst wahrgenommen wird.

Philosophen haben seit jeher grundlegende Fragen nach Wesen und Natur des Bewusstseins gestellt und zu beantworten versucht. Frühere Materialisten verstanden es als eine besondere, “feine“ Form der Materie — als Lichtbilder, die sich von den Oberflächen der Dinge lösen und auf der Netzhaut reflektieren. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wie diese Bilder in den “Kopf“ gelangen und wie sie von dort aus projiziert werden. Die mechanistische Psychologie konstruierte hierfür eine komplexe Theorie, wonach verschiedenartige Empfindungen in Form einheitlicher Nervenimpulse “kodiert“ und an das Gehirn weitergeleitet werden, welches sie dann “dekodiert“. Diese Erklärung beschreibt eher die Funktionsweise einer Videokamera oder eines Fernsehgeräts als die des Gehirns. Moderne Psychologie betrachtet das Gehirn als ein ganzheitliches System, das selbst dann adäquate Bilder erschafft, wenn einige Sinnesorgane oder gar bestimmte Hirnregionen beschädigt oder verloren sind. Dies alles zeigt, dass Physiologie und Psychologie allein keine erschöpfende Antwort darauf geben können, wie das Bewusstsein funktioniert. Da dessen Inhalte in hohem Maße vom praktischen Umgang mit der Welt, von kulturellen Werten und sozialen Normen abhängen, die durch Erziehung von Generation zu Generation weitergegeben werden, muss die Philosophie des Bewusstseins nicht nur naturwissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, sondern auch die Ergebnisse der Geisteswissenschaften einbeziehen.

Das Bewusstsein lässt sich als eine Art Immunsystem betrachten, das eine Schutzmembran zwischen Individuum oder Gemeinschaft und der Umwelt bildet. Jeder Mensch, jede organische Gemeinschaft entwickelt eine eigene Weltanschauung, in deren Rahmen sich die Menschen sicher und geborgen fühlen. Umgekehrt fühlen sich Menschen in Zeiten sozialer Umbrüche, wenn das bisherige Wertesystem zerstört wird, schutzlos fremden Einflüssen ausgeliefert. Dies verschärft die Bewusstseinsfrage. Sind wir in der Lage, unsere professionellen, sozialen und kulturellen Barrieren zu überwinden und uns in öffentlichen Diskussionen auf rationale Weise zu verständigen? Die Aufgabe der Philosophie des Bewusstseins besteht darin, eine klare Antwort auf die Frage zu geben, wie Einigkeit über Werte erreicht wird, die als universell-menschlich gelten. Dazu ist es notwendig, die komplexe Natur des menschlichen Bewusstseins zu berücksichtigen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025