Periode der Blütezeit der Scholastik - Mittelalterliche Philosophie
Die Geschichte der Philosophie: Von den Anfängen bis zur Gegenwart - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Mittelalterliche Philosophie

Periode der Blütezeit der Scholastik

Ab dem 12. Jahrhundert lernte Europa hauptsächlich durch arabische und jüdische Vermittlung das Erbe des Aristoteles kennen, insbesondere seine bis dahin unbekannten metaphysischen und physikalischen Abhandlungen.

Arabische Versionen wurden ins Lateinische übersetzt; ab dem frühen 13. Jahrhundert wurde Aristoteles direkt aus dem Griechischen übersetzt. Die rationalistischen Ansichten des Aristoteles verbreiteten sich in Europa und gerieten in Konflikt mit der kirchlichen Theologie.

Die entstehenden Universitäten waren die Zentren, in denen sich die Philosophie im Mittelalter entwickelte. Zu den führenden Universitäten gehörten die in Paris, Köln, Oxford, Bologna, Neapel und Padua. Die wichtigste universitäre Metropole während des gesamten Mittelalters war Paris. Ein weiteres bedeutendes wissenschaftliches und philosophisches Zentrum war das englische Oxford.

Die wichtigste philosophische Richtung, die die Ideen des Aristoteles entwickelte und der offiziellen kirchlichen Ideologie entgegenstand, war der lateinische Averroismus, dessen Hauptfigur Siger von Brabant (ca. 1240–1281 oder 1284) war, Magister der Artistenfakultät der Universität Paris.

In seinen Werken strebte er die Unabhängigkeit der Philosophie von der Theologie an. Er anerkannte nur philosophische Autoritäten, vor allem Aristoteles, dessen Ideen er entwickelte.

Der lateinische Averroismus vertrat vor allem die Idee, dass Gott nicht die unmittelbare Ursache der Welt ist, sondern mittelbar und in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Natur wirkt. Er ist eher der erste Beweger der Welt als ihr Schöpfer. Die Welt ist ewig und völlig selbstständig, daher gab es weder einen Anfang der Welt noch eine Erschaffung des Menschen. Die Tätigkeit Gottes in Bezug auf die Materie hat den Charakter der Notwendigkeit (sie manifestiert sich in der natürlichen Gesetzmäßigkeit der Welt), nicht des freien Willens. Siger verkündete den Determinismus als universelles Prinzip, das in der Natur (und teilweise auch in der menschlichen Gesellschaft) herrscht, und erkannte nur materielle, formale und aktive Ursachen an, aber keine finalen.

Ausgehend von Aristoteles’ Prinzip, dass die Seele die Form des Körpers ist, verband Siger die Tätigkeit jeder einzelnen Seele mit der sinnlichen Erkenntnis, die untrennbar mit der Körperlichkeit verbunden ist.

Die individuelle Seele vergeht gleichzeitig mit dem leiblichen Tod des Menschen, nur der kollektive Verstand der Menschheit ist unsterblich. Die individuelle Unsterblichkeit existiert somit nur im übertragenen Sinne – als Unsterblichkeit der menschlichen Gattung.

Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich die Meinung durch, dass die Theologie einer Erneuerung durch die Philosophie des Aristoteles bedürfe. Der wachsende Einfluss des Aristoteles mündete schließlich in ein neues theologisch-philosophisches System, das von Thomas von Aquin geschaffen wurde.

Thomas von Aquin wurde ungefähr im Jahr 1227 geboren. Er war der Sohn des Grafen Landulf von Aquino, wurde bei den Benediktinern in Montecassino erzogen. Er starb im Jahr 1274 auf dem Weg zum Konzil von Lyon im Kloster Fossanova, in der Nähe von Terracina. Aufgrund seiner Sanftheit und Milde erhielt er den Beinamen „Engelgleicher Doktor“ (doctor angelicus).

Aus dem umfangreichen Erbe des Thomas von Aquin werden gewöhnlich zwei Hauptabhandlungen hervorgehoben – die „Summa theologiae“ (1266–1274) und die „Summa contra gentiles“ (1259–1264).

In der „Summa theologiae“ (d. h. der Gesamtheit der theologischen Lehren) wird die katholische Dogmatik ausgearbeitet. Sie wird zum Hauptwerk der gesamten scholastischen Theologie.

Die Bereiche der Wissenschaft und des Glaubens sind bei Aquin völlig klar definiert. Die Aufgaben der Wissenschaft beschränken sich auf die Erklärung der Gesetzmäßigkeiten der Welt. Aquin erkennt auch die Möglichkeit an, objektives, wahres Wissen zu erlangen, und lehnt solche Vorstellungen ab, wonach nur die Tätigkeit der menschlichen Vernunft als wirklich angesehen wird. Die Erkenntnis muss sich vor allem auf das Objekt richten, keinesfalls aber nach innen, auf die subjektiven Denkformen.

Und obwohl die Erkenntnis objektiv und wahr ist, kann sie nicht alles umfassen. Über dem Reich der philosophischen, metaphysischen Erkenntnis befindet sich ein anderes Reich, mit dem sich die Theologie befasst. Dorthin kann man mit der natürlichen Kraft des Denkens nicht vordringen. Der Bereich der wesentlichsten Geheimnisse des christlichen Glaubens bleibt für Thomas von Aquin außerhalb der philosophischen Vernunft und Erkenntnis (z. B. die Dreieinigkeit, die Auferstehung usw.). Es handelt sich um übernatürliche Wahrheiten, wie die göttliche Offenbarung oder die Frohe Botschaft, die nur im Glauben enthalten sind.

Jedoch gibt es keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube. Die christliche Wahrheit steht über der Vernunft, aber sie widerspricht der Vernunft nicht. Die Wahrheit kann nur eine sein, da sie von Gott stammt. Argumente, die gegen den christlichen Glauben vom Standpunkt der menschlichen Vernunft vorgebracht werden, widersprechen der höheren, göttlichen Vernunft, und die Mittel, über die die menschliche Vernunft für eine solche Gegenüberstellung verfügt, sind offensichtlich unzureichend. Die Philosophie soll dem Glauben, der Theologie, dienen, indem sie religiöse Wahrheiten in den Kategorien der Vernunft darstellt und interpretiert, und indem sie falsche Argumente gegen den Glauben widerlegt. Auf diese Rolle beschränkt sie sich. Die Philosophie selbst kann die übernatürliche Wahrheit nicht beweisen, aber sie kann die gegen sie vorgebrachten Argumente abschwächen.

Die größte Anzahl von Elementen der Lehre des Aristoteles enthält die thomistische Lehre vom Sein. Die Welt wird hier als ein System, eine Ordnung dargestellt, nach der alles in mehrere hierarchisch bedingte Stufen unterteilt ist. Die breiteste Stufe ist die unbelebte Natur, darüber erhebt sich die Welt der Pflanzen und Tiere, woraus die höchste Stufe erwächst – die Welt der Menschen, die der Übergang zur übernatürlichen und geistigen Sphäre ist. Die vollkommenste Realität, der Gipfel, die erste absolute Ursache, der Sinn und das Ziel allen Seienden ist Gott.

Aquin verbindet die Metaphysik des Aristoteles mit platonischen Vorstellungen, was sich in den Begriffen von Wesenheit und Existenz zeigt. Jedes Seiende, sowohl das Einzelne als auch das göttliche Absolute, besteht aus Wesenheit (essentia) und Existenz (esse, existentia). Die Wesenheit jeder Sache ist das, was in der Definition ausgedrückt wird, die das generische und nicht das individuelle enthält. Bei Gott ist die Wesenheit mit der Existenz identisch. Im Gegensatz dazu stimmt die Wesenheit aller geschaffenen Dinge nicht mit der Existenz überein, da sie nicht aus ihrem einzelnen Wesen entspringt. Alles Einzelne ist geschaffen, existiert dank anderer Faktoren und hat somit bedingten und zufälligen Charakter. Nur Gott ist absolut, unbedingt, daher existiert er mit Notwendigkeit, weil die Notwendigkeit in seinem Wesen enthalten ist.

Gott ist das einfache Sein, das Seiende; das geschaffene Ding, das Geschöpf, ist ein komplexes Sein.

Im Verständnis von Wesenheit und Existenz verwendet Aquin auch solche Kategorien des Aristoteles wie Materie und Form. Materielle Dinge stellen eine Synthese von unbestimmter, passiver Materie und aktiver Form dar. Im Zusammenhang mit der Lehre von der Form betrachten wir die Konzeption genauer.

Die Konzeption der Universalien des Thomas drückt die Positionen des gemäßigten Realismus aus.

Erstens existiert der allgemeine Begriff (die Universalien) in den einzelnen Dingen (in rebus) als deren wesentliche Form (forma substantiates); zweitens werden sie im menschlichen Verstand durch Abstraktion vom Einzelnen gebildet (post res); drittens existieren sie vor den Dingen (ante res) als ideales Vorbild individueller Gegenstände und Phänomene im göttlichen Verstand.

Die Existenz Gottes kann laut Aquin durch die Vernunft bewiesen werden. Der Ausdruck „Gott existiert“ ist für die Vernunft nicht offenkundig angeboren. Er muss bewiesen werden. Die „Summa theologiae“ enthält fünf Beweise, die miteinander verbunden sind.

Der erste basiert darauf, dass alles, was sich bewegt, von etwas anderem bewegt wird. Man kann diese Reihe jedoch nicht bis ins Unendliche fortsetzen, denn in diesem Fall gäbe es keinen primären „Beweger“ und folglich auch nicht das, was von ihm bewegt wird, da das Nachfolgende nur bewegt wird, weil es vom ersten bewegt wird. Dadurch wird die Notwendigkeit der Existenz eines ersten Bewegers bestimmt, der Gott ist.

Der zweite Beweis geht vom Wesen der Wirkursache aus. In der Welt gibt es eine Reihe von Wirkursachen. Es ist aber unmöglich, dass etwas die Wirkursache seiner selbst ist, denn dann müsste es vor sich selbst existieren, und das ist unsinnig. In diesem Fall muss man eine erste Wirkursache anerkennen, die Gott ist.

Der dritte Beweis ergibt sich aus dem Wechselverhältnis von Zufälligem und Notwendigem. Bei der Untersuchung dieser Kette von Zusammenhängen kann man ebenfalls nicht bis ins Unendliche gehen. Das Zufällige hängt vom Notwendigen ab, das seine Notwendigkeit entweder von einem anderen Notwendigen oder in sich selbst hat. Am Ende stellt sich heraus, dass eine erste Notwendigkeit existiert – Gott.

Als viertes dienen die Grade von Qualitäten, die aufeinander folgen, die überall im gesamten Seienden vorhanden sind, daher muss ein höchster Grad der Vollkommenheit existieren, und dieser ist wiederum Gott.

Der fünfte Beweis ist der teleologische. Ihm liegt die Nützlichkeit zugrunde, die sich in der gesamten Natur manifestiert. Alles, auch das scheinbar Zufällige und Nutzlose, wird auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, hat einen Sinn, eine Nützlichkeit. Folglich existiert ein vernünftiges Wesen, das alle natürlichen Dinge und Ziele lenkt, und dieses ist Gott.

Gott kann laut Aquin in dreifacher Hinsicht erkannt werden: Die Erkenntnis ist durch den göttlichen Einfluss in der Natur vermittelt; auf der Grundlage der Ähnlichkeit von Schöpfer und Geschaffenem, denn die Begriffe erinnern an die göttlichen Schöpfungen; alles kann nur als Teilchen des unendlichen vollkommenen Wesens Gottes verstanden werden. Die menschliche Erkenntnis ist in allem unvollkommen, aber dennoch lehrt sie uns, Gott als das vollkommene, in sich selbst bestehende Sein, als die absolute Existenz in sich und für sich zu sehen.

Die Offenbarung lehrt uns auch, Gott als den Schöpfer des Universums zu sehen. Einen wichtigen Platz im Schaffen des Thomas von Aquin nehmen die Probleme der menschlichen Seele ein. In vielen seiner Abhandlungen erörtert er die Gefühle, das Gedächtnis, einzelne seelische Fähigkeiten, ihre gegenseitigen Beziehungen, die Erkenntnis. Dabei geht er vom aristotelischen Verständnis der passiven Materie und der aktiven Form aus. Die Seele ist das formende Prinzip, das in allen Lebensäußerungen wirkt. Die menschliche Seele ist unkörperlich, sie ist die reine Form ohne Materie, eine geistige, von der Materie unabhängige Substanz. Da die Seele eine vom Körper unabhängige Substanz ist, kann sie nicht von ihm zerstört werden und kann als reine Form nicht von sich aus zerstört werden.

Thomas von Aquin unterscheidet die vegetative Seele, die Pflanzen eigen ist (Stoffwechsel und Fortpflanzung), von der sensitiven Seele, die Tiere haben (sinnliche Wahrnehmungen, Triebe und freie, willkürliche Bewegung). Der Mensch hat die vernünftige Seele, die die Funktionen der beiden niedrigeren Seelen erfüllt. Aquin gibt der Vernunft den Vorrang vor dem Willen. Die thomistische Lehre von der Seele und der Erkenntnis ist rationalistisch.

In der Erkenntnis sieht er die bildliche Wahrnehmung der Realität. Wenn das Abbild mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist die Erkenntnis richtig. Auf die Frage nach den Quellen der menschlichen Erkenntnis antwortet Aquin, ähnlich wie Aristoteles: Die Quelle ist nicht die Teilhabe an den göttlichen Ideen (oder die Erinnerung daran), sondern die Erfahrung, die sinnliche Wahrnehmung. Der tätige Intellekt verarbeitet dieses Material weiter. Die sinnliche Erfahrung stellt nur das individuelle, einzelne Ding dar. Das eigentliche Objekt der Vernunft ist die Wesenheit, die in den einzelnen Dingen enthalten ist. Die Erkenntnis der Wesenheit ist mit Hilfe der Abstraktion möglich.

Auf der Lehre von der Seele und der Erkenntnis basiert die thomistische Ethik. Aquin hält die Willensfreiheit für die Voraussetzung moralischen Verhaltens. Was die Tugenden betrifft, so reproduziert Aquin die vier traditionellen griechischen Tugenden: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit, und fügt noch drei christliche hinzu: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Den Sinn des Lebens sieht Aquin im Glück, das er im Geiste seiner theozentrischen Weltanschauung als die Erkenntnis und Betrachtung Gottes verstand. Die Erkenntnis ist die höchste Funktion des Menschen, Gott aber der unerschöpfliche Gegenstand der Erkenntnis. Das Endziel des Menschen liegt in der Erkenntnis, Betrachtung und Liebe zu Gott. Der Weg zu diesem Ziel ist voller Prüfungen, die Vernunft führt den Menschen zur moralischen Ordnung, die das göttliche Gesetz ausdrückt; die Vernunft zeigt, wie man sich verhalten soll, um zur ewigen Glückseligkeit und zum Glück zu gelangen.

Der Staat existiert, um für das Gemeinwohl zu sorgen. Die Untertanen müssen sich den Herren unterordnen, Gehorsam ist ihre grundlegende Tugend, wie auch aller Christen insgesamt. Die beste Staatsform ist die Monarchie. Der Monarch soll in seinem Reich das sein, was die Seele im Körper und Gott in der Welt ist. Die Aufgabe des Monarchen ist es, die Bürger zu einem tugendhaften Leben zu führen. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind die Erhaltung des Friedens und die Gewährleistung des Wohlergehens der Bürger. Die Rolle der Kirche ist höher als die des Staates, und deshalb müssen die Herrscher dieser Welt der kirchlichen Hierarchie untergeordnet sein.

Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts herrschte der Thomismus im Dominikanerorden vor. Thomas von Aquin wurde als dessen „erster Doktor“ anerkannt, im Jahr 1323 heiliggesprochen, im Jahr 1567 als fünfter Kirchenlehrer anerkannt. Allmählich wurde der Thomismus zur offiziellen Doktrin der Kirche.

Papst Leo XIII. erklärte am 4. August 1879 in der Enzyklika „Aeterni Patris“ die Lehre des Thomas von Aquin für die gesamte katholische Kirche als verbindlich.

Dem Thomismus standen die Lehren der Vertreter der Oxforder Schule entgegen. Ein gewisser Vorteil Oxfords gegenüber Paris war, dass seine Universität an der Peripherie der katholischen Welt lag und somit von der römischen Kurie entfernt war. Hier bildete sich eine freiere Atmosphäre, die der selbstständigen Entwicklung der Naturwissenschaften und der Philosophie förderlich war.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts war der Franziskaner Robert Grosseteste (ca. 1168–1253) in Oxford eine bekannte Persönlichkeit, der wichtigste Anreger zur Ausweitung der wissenschaftlichen Tätigkeit. Er las jüdische, arabische und griechische wissenschaftliche Werke im Original und war daher einer derjenigen, die die naturwissenschaftlichen Werke des Aristoteles direkt aus dem Griechischen übersetzten. Er schrieb auch Kommentare dazu.

Der Hauptvertreter der oppositionellen Strömung, die sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an der Universität Oxford bildete, war Roger Bacon (1210–1294). Schon zu der Zeit, als die großen Systematiker der Scholastik lebten, trat er nicht nur gegen den Thomismus auf, sondern erschütterte die Prinzipien der Scholastik im Allgemeinen.

Das Denken Roger Bacons war nicht typisch mittelalterlich; er erkannte keine Autoritäten an, war eher ein Individualist, der alles und jeden kritisierte. Er neigte nicht nur zur empirischen Forschung, sondern war auch ein herausragender Naturforscher und Mathematiker, ein bemerkenswerter Physiker, der viele Sprachen beherrschte. Für seine Zeit war Bacon ein sehr origineller Denker, und seine Zeitgenossen nannten ihn doctor mirabilis (wunderbarer Doktor).

Sein Hauptwerk „Opus majus“ (Größeres Werk) in sieben Abschnitten enthält die Theorie des menschlichen Denkens, Ansichten über das Verhältnis von Wissenschaft und Theorie, Grammatik und Sprachwissenschaft, über die Perspektiven der experimentellen Wissenschaften und die Moralphilosophie. Das fragmentarische „Opus minus“ (Kleineres Werk) stellt es in verkürzter Form dar. Das „Opus tertium“ (Drittes Werk) ist eine Überarbeitung der beiden vorhergehenden.

Roger Bacon brachte drei Hauptkritikpunkte gegen die Scholastik vor.

1. Die größten Philosophen der Vergangenheit waren für Bacon Aristoteles, Avicenna und Averroes (alle drei – Heiden). Den Scholastikern fehle jedoch die Kenntnis der Sprachen (Griechisch und Arabisch) für das korrekte Verständnis ihrer Philosophie. Über Thomas von Aquin sagte Bacon mit unverhohlener Verhöhnung, dieser habe dicke Bücher über Aristoteles geschrieben, ohne die griechische Sprache zu verstehen. Bacon war davon überzeugt, dass die existierenden Übersetzungen (auch der Heiligen Schrift) ungenau seien und viele Missverständnisse enthielten.

2. Er warf den Scholastikern vor, dass sie unzureichende Kenntnisse der Mathematik hätten, die er als Grundlage aller Wissenschaften ansah.

3. Der dritte Einwand betrifft die in den Wissenschaften verwendete Methode. Die scholastische Methode löst alle Probleme durch den Verweis auf Autoritäten (Bibel, Aristoteles, „Kirchenväter“), aus denen mittels Deduktion Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Bacon hielt es im Gegensatz dazu für notwendig, von der unmittelbaren Erfahrung auszugehen, d. h. von Experimenten und Beobachtungen, in denen er die eigentliche Quelle des Wissens über die Welt sah.

Physikalische Experimente waren Bacons liebste Beschäftigung. Er gab sein gesamtes Vermögen für Experimente aus und setzte sie fort, selbst als er nicht über ausreichende Mittel verfügte. In dem Werk mit dem bezeichnenden Titel „Über die Nützlichkeit der Wissenschaften“ entwickelt er die Grundlagen der Logik, Grammatik, Mathematik und praktischen Physik. Im Bereich der Physik, insbesondere in der Optik, gelang es ihm, einige Gesetze zu entdecken, beispielsweise das Gesetz der Reflexion und Brechung des Lichts.

Bacon ist der Autor vieler wissenschaftlicher und technischer Ideen. Er wies darauf hin, dass man Wagen und Schiffe bauen könne, die sich von selbst, aus eigener Kraft, ohne Pferde und Segel fortbewegen würden, er ahnte das Prinzip des Magnetismus, sagte auch viele andere Entdeckungen voraus, insbesondere das Schießpulver.

Als Hauptquelle der Erkenntnis betrachtete Bacon die Erfahrung, verstand sie im weitesten Sinne und behauptete, sie sei notwendig für die Erkenntnis nicht nur der sinnlichen Dinge, sondern auch der übersinnlichen, nicht nur der natürlichen, sondern auch der übernatürlichen Phänomene. Die Wahrheit über Gott könne nicht durch die Vernunft, sondern durch die Erfahrung gefunden werden. Die Erfahrung ist zweierlei Art, die äußere und die innere. Die innere Erfahrung hat einen intuitiven, mystischen Charakter, setzt eine übernatürliche, göttliche Erleuchtung voraus.

Bacons Bedeutung liegt darin, dass seine Tätigkeit dazu beitrug, den Weg für die Entwicklung wissenschaftlicher Forschung zu ebnen; mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war er seiner Zeit weit voraus.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 14/10/2025