Europäischer Rationalismus XVII Jahrhunderts - Philosophie der Neuzeit
Die Geschichte der Philosophie: Von den Anfängen bis zur Gegenwart - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Philosophie der Neuzeit

Europäischer Rationalismus XVII Jahrhunderts

Ein schwacher Punkt in Descartes’ Lehre war der unbestimmte Status der Substanzen: Einerseits besaß nur die unendliche Substanz – Gott – wahres Sein, während die endlichen, also geschaffenen, Substanzen von der unendlichen abhingen. Diese Schwierigkeit versuchte der niederländische Philosoph Benedict Spinoza (1632–1677) zu überwinden, der stark von Descartes beeinflusst war, dessen Dualismus jedoch ablehnte und eine monistische Lehre von der einen Substanz schuf, die er Gott oder Natur nannte. Spinoza akzeptiert die Substantialität einzelner Dinge nicht und steht in diesem Sinne der Tradition des Empirismus entgegen. Seine Lehre ist ein Beispiel für einen vollkommenen Pantheismus. Spinoza definiert die Substanz als Ursache ihrer selbst (causa sui), das heißt als das, was durch sich selbst existiert und aus sich selbst erkannt wird. Indem er die Substanz Gott oder Natur nennt, betont Spinoza damit, dass dies nicht der Gott der theistischen Religionen ist, er ist keine Person, die mit Bewusstsein, Macht und Willen ausgestattet ist, er ist nicht der Schöpfer der Naturdinge. Spinozas Gott ist ein unendliches unpersönliches Wesen, dessen Hauptbestimmung die Existenz, das Sein als Anfang und Ursache alles Seienden ist. Die Vorstellung von der Verschmelzung von Gott und Natur, die der Lehre Spinozas zugrunde liegt, wird Pantheismus genannt; Spinoza setzt jene Tradition fort, die bei Nikolaus von Kues angedeutet und bei Bruno entfaltet wurde.

Denken und Ausdehnung sind laut Spinoza Attribute der Substanz, und die einzelnen Dinge – sowohl denkende Wesen als auch ausgedehnte Gegenstände – sind Modi (Abwandlungen) der Substanz. Bereits bei Descartes war die Lehre von einer Art Parallelismus der materiellen und geistigen Substanzen entwickelt. Nach Descartes entspricht jedem Zustand und jeder Veränderung in der materiellen Substanz (zum Beispiel im menschlichen Körper) eine Veränderung in der geistigen Substanz (in menschlichen Gefühlen, Wünschen, Gedanken). Die Substanzen selbst können sich laut Descartes nicht direkt gegenseitig beeinflussen, aber ihre Handlungen sind dank Gottes streng korrigiert, ähnlich wie zwei (oder mehrere) Uhrwerke dieselbe Zeit anzeigen können, wenn sie vom Uhrmacher aufgezogen wurden, der ihre Zeiger synchronisiert hat. Eine analoge Argumentation finden wir bei Spinoza: Alle Phänomene in der physischen Welt entwickeln sich, als Modi des Attributs der Ausdehnung, in derselben Reihenfolge wie alle Modi im Bereich des Denkens. Daher entspricht die Ordnung und Verknüpfung der Ideen, nach Spinozas Worten, der Ordnung und Verknüpfung der Dinge, wobei beide nur Folgen des göttlichen Wesens sind. Daraus ergibt sich Spinozas Definition der Seele als Idee des menschlichen Körpers.

Der gesamte Weltprozess vollzieht sich somit aufgrund absoluter Notwendigkeit, und der menschliche Wille ist nicht in der Lage, hier etwas zu ändern. Spinoza erkennt eine solche Fähigkeit wie den Willen überhaupt nicht an: Die einzelne menschliche Seele ist nichts Selbstständiges, sie ist keine Substanz, der menschliche Geist ist nichts anderes als ein Modus des Denkens, und deshalb sind laut Spinoza „Wille und Verstand ein und dasselbe“. Der Mensch kann nur den Verlauf des Weltprozesses erkennen, um sein Leben und seine Wünsche danach auszurichten, meint Spinoza. Darin zeigte sich eine gewisse Nähe seiner Weltanschauung zur Lehre der Stoiker. „Nicht lachen, nicht weinen, nicht verdammen, sondern verstehen“ – das ist die Maxime von Spinozas Ethik.

Der Lehre Spinozas von der einen Substanz, deren Modi alle einzelnen Dinge und Wesen sind, stellte der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) die Lehre von der Vielheit der Substanzen entgegen. Damit versuchte Leibniz, in der rationalistischen Metaphysik des 17. Jahrhunderts die auf Aristoteles zurückgehende nominalistische Vorstellung von der Realität des Einzelnen durchzusetzen.

Den Pluralismus der Substanzen stellte Leibniz bewusst dem pantheistischen Monismus Spinozas entgegen. Die selbständig existierenden Substanzen erhielten bei Leibniz den Namen Monaden. (Zur Erinnerung: „Monade“ bedeutet aus dem Griechischen übersetzt „das Eine“ oder „die Einheit“). Laut Leibniz ist die Monade einfach, das heißt, sie besteht nicht aus Teilen und ist daher unteilbar. Das bedeutet aber, dass die Monade nicht etwas materiell-stoffliches sein kann, nicht ausgedehnt sein kann, denn alles Materielle ist, da es ausgedehnt ist, bis ins Unendliche teilbar. Nicht die Ausdehnung, sondern die Tätigkeit macht das Wesen jeder Monade aus. Aber worin besteht diese Tätigkeit? Wie Leibniz erklärt, stellt sie genau das dar, was unmöglich mit mechanischen Ursachen erklärt werden kann: erstens, die Vorstellung oder Wahrnehmung und zweitens, das Streben. Die Vorstellung ist ideal und kann daher weder aus der Analyse der Ausdehnung noch durch die Kombination physischer Atome abgeleitet werden, da sie kein Produkt der Wechselwirkung mechanischer Elemente ist. Es bleibt nur übrig, sie als eine ursprüngliche, primäre, einfache Realität, als die Haupteigenschaft einfacher Substanzen anzunehmen.

Die Tätigkeit der Monaden drückt sich laut Leibniz in einem kontinuierlichen Wechsel innerer Zustände aus, den wir beobachten können, wenn wir das Leben unserer eigenen Seele betrachten. Tatsächlich denkt Leibniz die Monaden in Analogie zur menschlichen Seele, indem er sie mit Trieb und Wahrnehmung ausstattet. Monaden, sagt Leibniz, werden Seelen genannt, wenn sie Gefühl haben, und Geister, wenn sie Vernunft besitzen. In der anorganischen Welt wurden sie häufiger als substanzielle Formen bezeichnet. Somit erweist sich alles in der Welt als lebendig und beseelt, und dort, wo wir nur ein Stück Materie sehen, existiert in Wirklichkeit eine ganze Welt von Lebewesen – Monaden.

Leibniz führt den Begriff der sogenannten unbewussten Vorstellungen ein. Es gibt keinen scharfen Übergang zwischen bewusst erlebten und unbewussten Zuständen: Leibniz meint, dass die Übergänge in den Zuständen der Monaden allmählich sind.

Die Monaden unterscheiden sich nach ihrem Rang, laut Leibniz, je nachdem, in welchem Maße ihre Tätigkeit klar und deutlich wird, das heißt auf die Ebene des Bewussten übergeht. In diesem Sinne bilden die Monaden sozusagen eine einheitliche Leiter von Lebewesen, deren untere Stufen Minerale, dann Pflanzen, Tiere, schließlich der Mensch bilden; an die Spitze der Leiter stellt Leibniz die höchste Monade – Gott. Die Zunahme des Grades der Bewusstheit oder Vernünftigkeit – das ist das Kriterium für die Bestimmung des Entwicklungsgrades der Monade.

Das Bemerkenswerteste an Leibniz’ Lehre ist die These von der Abgeschlossenheit jeder Monade. Monaden, schreibt er, „haben keine Fenster“, daher ist eine gegenseitige Beeinflussung der Monaden völlig ausgeschlossen; jede von ihnen gleicht einem selbständigen, isolierten Universum. In diesem Sinne ähnelt jede Monade von Leibniz der Substanz Spinozas: Sie ist das, was aus sich selbst existiert und von nichts anderem abhängt, außer natürlich von Gott, der die ganze Welt der Monaden erschaffen hat. Und zugleich nimmt jede Monade den gesamten Kosmos in all seinem Reichtum und seiner Vielfalt wahr, durchlebt ihn sozusagen in sich selbst, nur besitzen längst nicht alle Monaden das Licht der Vernunft, um sich dessen deutlich bewusst zu sein. Selbst vernünftige Monaden – menschliche Seelen – haben mehr unbewusste als bewusste Vorstellungen in sich, und nur die göttliche Substanz sieht alles Seiende im hellen Licht des Bewusstseins.

Wird der Strom von Zuständen, die in jeder Monade aufeinanderfolgen, irgendwie synchronisiert, und wenn ja, wie ist das möglich? Hier führt Leibniz den Begriff der sogenannten prästabilierte Harmonie ein. Die Synchronität des Ablaufs der Wahrnehmungen in den abgeschlossenen Monaden geschieht durch die Vermittlung Gottes, der die Harmonie des inneren Lebens der gesamten unendlichen Vielzahl von Monaden eingerichtet und aufrechterhält. Wie bei Spinoza ist daher bei Leibniz der Grad der Vernünftigkeit, der Bewusstheit der Monade gleichbedeutend mit dem Grad ihrer Freiheit; der Fortschritt in der Erkenntnis bestimmt den Fortschritt der Moralität und dient als Hauptquelle der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.

In der Erkenntnistheorie akzeptiert Leibniz die Lehre von den angeborenen Ideen nicht vollständig. Er meint, dass dem menschlichen Verstand nicht Ideen, sondern eine Art von Prädispositionen angeboren sind, die unter dem Einfluss der Erfahrung sozusagen klarer hervortreten und schließlich von uns bewusst werden, ähnlich wie ein Bildhauer, der an einem Marmorblock arbeitet, den im Block vorgezeichneten Adern folgt und dem unbearbeiteten Stück schließlich die gewünschte Form gibt. Ideen haben im Verstand kein aktuelles, sondern nur ein virtuelles Dasein, sagt Leibniz. Letztendlich steht Leibniz jedoch im Streit der Rationalisten mit den Empirikern den Rationalisten näher. In Erwiderung auf Descartes schrieb der Sensualist J. Locke: „Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war.“ Leibniz präzisiert seine Formel, indem er Locke scheinbar teilweise zustimmt: „Nichts ist im Verstand, was nicht in den Sinnen war, außer dem Verstand selbst.“

Alle dem Menschen zugänglichen Kenntnisse teilt Leibniz in zwei Arten: „Wahrheiten der Vernunft“ und „Tatsachenwahrheiten“. Zu den ersteren gehören Kenntnisse, die nur mit Hilfe der Begriffe der Vernunft gewonnen werden, ohne auf die Erfahrung zurückzugreifen, zum Beispiel das Gesetz der Identität und des Widerspruchs, die Axiome der Mathematik. Im Gegensatz dazu erhalten wir die „Tatsachenwahrheiten“ auf empirischem, experimentellem Wege; zu ihnen gehört der größte Teil unserer Vorstellungen über die Welt. Wenn wir sagen, dass Eis kalt und Feuer heiß ist, dass Metalle beim Erhitzen schmelzen, dass Eisen von einem Magneten angezogen wird usw., haben unsere Aussagen den Charakter von Feststellungen einer Tatsache, deren Ursachen uns keineswegs immer mit Gewissheit bekannt sind. Daher haben die „Wahrheiten der Vernunft“ laut Leibniz immer einen notwendigen und allgemeinen Charakter, während die „Tatsachenwahrheiten“ nur wahrscheinlich sind. Für die höchste Monade, die absolutes Wissen besitzt, existiert die „Tatsachenwahrheit“ nicht – all ihr Wissen erscheint in Form von „Wahrheiten der Vernunft“.

Wir sehen, dass die Philosophen des 17. Jahrhunderts das Problem der Erkenntnis der Welt umfassend untersucht haben. Die Tatsache, dass das Denken, wenn es wahr ist, das Denken des Seins ist (Denken über das Sein), kann so ausgedrückt werden: Wahres Denken wird durch das bestimmt, worüber es denkt, und nur unwahres Denken, der Irrtum, wird durch die subjektiven Besonderheiten des Denkenden selbst bestimmt. Das ist in dieser Frage die Position von Bacon, Hobbes und Descartes. Die ontologische Begründung der Erkenntnistheorie finden wir auch bei Spinoza. Für die These, dass das Denken nicht durch die subjektive Beschaffenheit des Geistes, sondern durch die Struktur des Gegenstands, durch das, worüber man denkt, bestimmt wird, fand Spinoza eine gelungene Formel: „Die Wahrheit offenbart sich selbst und das Falsche.“ Die Frage nach dem wahren Wissen ist bei Spinoza eine Frage nach dem Sein und seiner Struktur.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 14/10/2025