Zeitgenössische westliche Philosophie
Grundlegende Merkmale der postklassischen Philosophie
Mitte des 19. Jahrhunderts schloss die klassische Philosophie ihre Entwicklung ab. Ihr Hauptmerkmal war die Verherrlichung der menschlichen Vernunft, die Bekräftigung der Grenzenlosigkeit menschlicher Erkenntnis als Garantie für die Verwirklichung humanistischer Ideale. Damit war ein bestimmtes Verständnis von Mensch und Gesellschaft verbunden, das die Spezifik der Philosophie der Aufklärung ausmachte.
In der klassischen Philosophie wurden die vielfältigen philosophischen Konzepte und Ansätze gleichsam zu einem einheitlichen rationalen Schema verbunden, das es ermöglichte, diese Vielfalt innerhalb einer gemeinsamen Problemeinheit aufrechtzuerhalten. Die Unterschiedlichkeit philosophischer Systeme stand hier neben der Gemeinsamkeit des Verständnisses der Ziele und Aufgaben der Philosophie. In der modernen Philosophie hingegen treten die Unterschiede in den Vordergrund, der allgemeinphilosophische Kern zerfällt, es kommt zur Herauslösung und Lokalisierung einzelner philosophischer Probleme, die sich zu eigenständigen Richtungen formieren. Während die genetische Verwandtschaft zur Klassik zunächst noch nicht geleugnet wird, was sich in der Hinzufügung der Vorsilbe „neo“ zu den entsprechenden Konzepten ausdrückt (zum Beispiel Neukantianismus, Neuhegelianismus usw.), wird diese Zäsur dann allmählich zum Selbstzweck, und jede philosophische Richtung der Moderne „wirft ihren Stein“ in Richtung der klassischen Philosophie.
Die moderne Philosophie lässt sich als eine Palette von Versuchen zur „endgültigen“ Überwindung der klassischen Philosophie darstellen. Die Besonderheiten der Entwicklung der Philosophie des 20. Jahrhunderts werden maßgeblich von soziokulturellen Prozessen beeinflusst, insbesondere vom drastisch veränderten Status der Wissenschaft in der Gesellschaft und Kultur insgesamt. Die Wissenschaft bricht in Form ihrer positiven wie negativen Ergebnisse buchstäblich in alle Ebenen des gesellschaftlichen Seins ein und zwingt jeden Menschen, eine eigene Haltung dazu zu entwickeln. Die Kultur „zersplittert“ gleichsam in jene, die sich für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt aussprechen, und jene, die dagegen sind. Dabei liegt der Grund für diese Positionen nicht in der Wissenschaft als solcher, sondern in ihrem in der Kultur entstandenen Bild.
Infolgedessen bilden sich in der modernen Kultur zwei soziokulturelle Orientierungen heraus, die dieses absolutierte Bild der Wissenschaft jeweils spezifisch und unterschiedlich interpretieren – der Szientismus und der Antiszientismus.
Der Szientismus äußert sich als die weltanschauliche Einstellung, dass wissenschaftliches Wissen der höchste kulturelle Wert ist, an dem alle anderen Formen der geistigen Erfassung des Seins ihren Inhalt messen müssen. Historisch gesehen sind das Ideal für den Szientismus (was sich auch in der Etymologie des Wortes widerspiegelt) vor allem die am weitesten entwickelten Natur- und mathematischen Wissenschaften. In ihr Prokrustesbett werden nicht nur andere Arten und Methoden der Wissensgewinnung, wie sie beispielsweise für die Geisteswissenschaften charakteristisch sind, sondern überhaupt alle Errungenschaften des menschlichen Geistes, die Anspruch auf die Erfassung der Wahrheit erheben, eingeordnet.
Dieser Position steht der Antiszientismus gegenüber – eine soziokulturelle Orientierung, die auf einer breiten Kritik der Wissenschaft als sozialer Institution und als Form der Welterfassung basiert und sie als einen „aus der Flasche gelassenen Dämon“ betrachtet, der nun die Existenz der menschlichen Zivilisation selbst bedroht. Als Alternative zur Wissenschaft, zur wissenschaftlichen Erkenntnis, in einigen Fällen sogar zum rationalen Blick auf die Welt überhaupt, werden verschiedene Arten von außerwissenschaftlichen oder außer-rationalen (irrationalen) Wegen zur Erfassung des Seins ins Feld geführt.
Das Pathos der Philosophen der nichtklassischen Periode bestand auch darin, dass sie danach strebten, sich von der idealistischen Metaphysik zu befreien, die Philosophie dem Leben näherzubringen und den einzelnen Menschen in ihr Betrachtungsfeld einzubeziehen. Diese Tendenz beginnt bei Arthur Schopenhauer und lässt sich bei so unterschiedlichen Philosophen wie Søren Kierkegaard, Ludwig Feuerbach und Karl Marx verfolgen.
Und schließlich kann die Klassifizierung zeitgenössischer philosophischer Richtungen als Opposition von Rationalismus und Irrationalismus ausgedrückt werden, die die Unterteilung in Szientismus und Antiszientismus in gewisser Weise ergänzt. Die erste Richtung entwickelt die traditionellen Probleme des klassischen Rationalismus unter neuen, nichtklassischen Bedingungen weiter; die zweite stellt die Allmacht der Vernunft in Frage und lehnt oft ihre Rolle im Leben des Menschen und der Gesellschaft ab.
Zum nichtklassischen Rationalismus können wir alle Entwicklungsstufen des Positivismus, den anthropologischen Materialismus Feuerbachs, den Marxismus, den Neukantianismus, den Neuhegelianismus zählen. Zum Irrationalismus werden gewöhnlich der Voluntarismus, die Lebensphilosophie, die Phänomenologie, die Psychoanalyse, der Existenzialismus und andere, sehr zahlreiche Richtungen der westlichen Philosophie gezählt.
Es ist auch anzumerken, dass diese Einteilung weitgehend bedingt ist und zum Zwecke der Typologie und Untersuchung der vielfältigen Richtungen der zeitgenössischen westlichen Philosophie erfolgt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 14/10/2025