Philosophie I. Kants - Deutsche klassische Philosophie
Die Geschichte der Philosophie: Von den Anfängen bis zur Gegenwart - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Deutsche klassische Philosophie

Philosophie I. Kants

Die ontologische Begründung der Erkenntnistheorie wird erstmals erst im 18. Jahrhundert überwunden. Am konsequentesten und durchdachtesten führt dies der Begründer des deutschen Idealismus, Immanuel Kant (1724–1804), durch. Damit vollzieht Kant eine Art Wende in der Philosophie, indem er die Erkenntnis als eine Tätigkeit betrachtet, die nach ihren eigenen Gesetzen abläuft. Erstmals wird nicht der Charakter und die Struktur der zu erkennenden Substanz, sondern die Spezifik des erkennenden Subjekts als Hauptfaktor betrachtet, der die Art und Weise der Erkenntnis bestimmt und den Gegenstand des Wissens konstruiert.

Im Gegensatz zu den Philosophen des 17. Jahrhunderts analysiert Kant die Struktur des Subjekts nicht, um die Quellen der Irrtümer aufzudecken, sondern im Gegenteil, um die Frage zu klären, was wahres Wissen ist. Während bei Bacon und Descartes das subjektive Element als Hindernis betrachtet wurde, als das, was den tatsächlichen Sachverhalt verzerrt und verdunkelt, entsteht bei Kant die Aufgabe, die subjektiven und objektiven Elemente des Wissens ausgehend vom Subjekt selbst und seiner Struktur festzustellen. Im Subjekt selbst unterscheidet Kant gleichsam zwei Schichten, zwei Ebenen – die empirische und die transzendentale. Zur empirischen zählt er die individuell-psychologischen Besonderheiten des Menschen, zur transzendentalen die allgemeinen Bestimmungen, die dem Menschen als solchem eigen sind. Die Objektivität des Wissens wird gemäß Kants Lehre durch die Struktur eben des transzendentalen Subjekts bedingt, welches das überindividuelle Element im Menschen ist.

Kant erhob somit die Gnoseologie in den Rang des grundlegenden und ersten Elements der theoretischen Philosophie. Gegenstand der theoretischen Philosophie soll nach Kant nicht die Erforschung der Dinge an sich – der Natur, der Welt, des Menschen – sein, sondern die Untersuchung der Erkenntnistätigkeit, die Feststellung der Gesetze des menschlichen Verstandes und seiner Grenzen. Genau in diesem Sinne nennt Kant seine Philosophie transzendental. Er nennt seine Methode auch kritisch, im Gegensatz zum dogmatischen Rationalismus des 17. Jahrhunderts, und betont, dass es notwendig ist, zunächst eine kritische Analyse unserer Erkenntnisfähigkeiten vorzunehmen, um deren Natur und Möglichkeiten zu klären. Somit setzt Kant die Gnoseologie an die Stelle der Ontologie und vollzieht damit den Übergang von der Metaphysik der Substanz zur Theorie des Subjekts.

Die Schaffung der transzendentalen Philosophie war die Antwort auf eine ganze Reihe von Schwierigkeiten, die in der Wissenschaft und Philosophie des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auftraten und mit denen die Vertreter des vorkantischen Rationalismus und Empirismus nicht fertigwerden konnten. Eine davon war das Problem der Begründung der Objektivität des wissenschaftlichen Wissens, vor allem der Mechanik, die auf Mathematik und dem Experiment beruhte, welches die Konstruktion eines idealen Objekts voraussetzte. Inwieweit kann die ideale Konstruktion mit dem natürlichen Objekt und Prozess identifiziert werden? Um die Rechtmäßigkeit der Anwendung mathematischer Konstrukte auf natürliche Prozesse zu begründen, musste bewiesen werden, dass die Tätigkeit des Konstruierens eine gewisse Analogie in der Natur selbst hat; andernfalls wäre unverständlich, wie unser Wissen mit dem objektiven Gegenstand außerhalb von uns übereinstimmt. Um die genannte Frage zu lösen, ändert Kant deren Fragestellung selbst. Er fragt: Welchen Charakter und welche Fähigkeiten muss das erkennende Subjekt haben, damit der Gegenstand der Erkenntnis mit unserem Wissen über ihn übereinstimmt? Die Tätigkeit des Subjekts tritt somit erstmals als Grundlage auf, und der Forschungsgegenstand als Folge: Darin besteht die von Kant vollzogene „kopernikanische“ Wende in der Philosophie.

Die Probleme der Erkenntnis, vor denen der deutsche Philosoph stand, wurden durch neue Ansätze zur Erforschung der Natur hervorgerufen, die für die experimentell-mathematische Naturwissenschaft der Neuzeit charakteristisch waren. Kant versucht, die Art und Weise der Naturerkenntnis zu verstehen, die die wissenschaftliche Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts mit sich brachte. Kants philosophische Entdeckung besteht gerade darin, dass er die Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht in der Betrachtung des verständlichen Wesens des Gegenstands sieht, sondern in der Tätigkeit seiner Konstruktion, die idealisierte Objekte hervorbringt. Dabei ändert sich bei Kant die Vorstellung vom Verhältnis der rationalen und empirischen Momente in der Erkenntnis. Für Descartes, Spinoza und Leibniz erschien die sinnliche Wahrnehmung als unklares und verworrenes Wissen, als eine niedrigere Form dessen, was nur mithilfe der Vernunft klar und deutlich erfasst wird. Kant erklärt, dass Sinnlichkeit und Verstand einen prinzipiellen Unterschied aufweisen; sie stellen gleichsam zwei verschiedene Stämme im menschlichen Wissen dar. Daraus folgt, dass wissenschaftliches Wissen nur als Synthese dieser heterogenen Elemente – Sinnlichkeit und Verstand – gedacht werden kann. Empfindungen ohne Begriffe sind blind, und Begriffe ohne Empfindungen sind leer, sagt Kant. Und die ganze Frage besteht nun darin, wie diese Synthese zustande kommt und wie die Notwendigkeit und Allgemeinheit (in der Sprache jener Zeit – die A priori-heit) des Wissens als Produkt einer solchen Synthese begründet werden kann. Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? – so formuliert Kant das wichtigste Problem für sein philosophisches System.

In der Tat ist das Problem nicht einfach. Schließlich trägt die sinnliche Vorstellung immer das Element des Zufalls in sich (erinnern wir uns an die „Tatsachenwahrheiten“ von Leibniz). Wenn ich zum Beispiel aus dem Fenster schaue und sage: „Es schneit gerade“, so hat dieses Urteil den Charakter einer einzelnen Feststellung und kann schon eine halbe Stunde später unwahr sein. Es ist klar, dass allgemeines und notwendiges Wissen nicht auf solch einfachen empirischen Feststellungen beruhen kann, und deshalb galt in der vorkantischen Philosophie die allgemeine Auffassung, dass analytische Urteile, die durch logische Analyse von Begriffen gewonnen werden („Wahrheiten der Vernunft“ nach Leibniz), wissenschaftlich gesichert seien. Sowohl Rationalisten (Descartes, Leibniz) als auch Empiriker (Locke, Hume) hielten die gesichertste der Wissenschaften – die Mathematik – für analytisches Wissen. Urteile, in denen empirische Feststellungen gemacht werden (zum Beispiel „alle Schwäne sind weiß“), enthalten kein notwendiges und allgemeines Wissen, sondern immer nur wahrscheinliches Wissen. Solche synthetischen Urteile haben einen aposteriorischen Charakter, d. h. sie beruhen auf Erfahrung und können in ihrer Gewissheit, Notwendigkeit und Allgemeinheit niemals mit apriorischen (vordergründigen) Urteilen verglichen werden.

Nun wird Kants Frage verständlicher: Wie sind synthetische und zugleich vordergründige (apriorische) Urteile möglich? Wie lässt sich eine Verbindung von Begriffen herstellen, die nicht logisch voneinander ableitbar sind, so dass diese Verbindung, dieser Zusammenhang einen allgemeinen und notwendigen Charakter hat?

Um diese knifflige Frage zu lösen, revidiert Kant die frühere Vorstellung von der menschlichen Sinnlichkeit, wonach die Sinnlichkeit uns nur die Mannigfaltigkeit der Empfindungen liefert, während das Prinzip der Einheit von den Begriffen der Vernunft ausgeht. Die Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sagt Kant, liefert uns tatsächlich die sinnliche Wahrnehmung; die Empfindung ist der Inhalt, die Materie der Sinnlichkeit. Aber darüber hinaus hat unsere Sinnlichkeit ihre vordergründigen, apriorischen Formen, in die diese Empfindungen von Anfang an gleichsam „eingeordnet“ werden, mithilfe derer sie quasi geordnet werden. Diese Formen sind Raum und Zeit. Der Raum ist die apriorische Form des äußeren Sinnes (oder der äußeren Anschauung), während die Zeit die apriorische Form des inneren Sinnes (der inneren Anschauung) ist.

Synthetische Urteile können dann a priori sein, wenn sie sich nur auf die Form der Sinnlichkeit stützen und nicht auf das sinnliche Material. Und das sind laut Kant genau die Urteile der Mathematik, die ihren Gegenstand konstruiert, indem sie sich entweder auf die reine Anschauung des Raumes (Geometrie) oder auf die reine Anschauung der Zeit (Arithmetik) stützt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Mathematik damit keine Begriffe des Verstandes benötigt. Aber allein mit Begriffen, ohne Rückgriff auf die Intuition, d. h. die Anschauung von Raum und Zeit, kann sie nicht auskommen. Somit ermöglicht die Betrachtung von Raum und Zeit nicht als Formen des Seins der Dinge an sich, sondern als apriorische Formen der Sinnlichkeit des erkennenden Subjekts, Kant, die objektive Gültigkeit idealer Konstruktionen – vor allem der Konstruktionen der Mathematik – zu begründen. Damit ist auch die Frage beantwortet, wie apriorische (vordergründige) synthetische Urteile möglich sind.

In der allgemeinsten Form lässt sich Kants Verständnis des Erkenntnisprozesses wie folgt darstellen. Etwas Unbekanntes – das Ding an sich – erzeugt durch Einwirkung auf die Sinnlichkeit des Menschen die Mannigfaltigkeit der Empfindungen. Letztere werden mithilfe der apriorischen Formen der Anschauung – Raum und Zeit – geordnet; indem sich die Empfindungen im Raum und in der Zeit gleichsam nebeneinander anordnen, bilden sie den Gegenstand der Wahrnehmung. Die Wahrnehmung hat individuellen und subjektiven Charakter; damit sie sich in Erfahrung verwandelt, d. h. in etwas Allgemeingültiges und in diesem Sinne Objektives (Objektivität identifiziert Kant gerade mit Allgemeingültigkeit), ist die Beteiligung einer anderen Erkenntnisfähigkeit notwendig, nämlich des Denkens, das mit Begriffen operiert. Diese Fähigkeit nennt Kant den Verstand.

Kant definiert den Verstand als eine Tätigkeit und unterscheidet ihn dadurch von der Empfänglichkeit, der Passivität, die für die Sinnlichkeit charakteristisch ist. Dabei ist jedoch die Tätigkeit des Verstandes formal, sie benötigt einen gewissen Inhalt, der gerade von der Sinnlichkeit geliefert wird. Der Verstand erfüllt die Funktion, die Mannigfaltigkeit des sinnlichen Materials (das auf der Ebene der Wahrnehmung mithilfe der apriorischen Formen der Anschauung organisiert ist) unter die Einheit des Begriffs zu bringen.

Auf die Frage, wie die individuelle Wahrnehmung zu einer allgemeingültigen, allgemeinen Erfahrung wird, behauptet Kant: Dieser Übergang wird vom Verstand mithilfe der Kategorien vollzogen. Gerade die Tatsache, dass der Verstand den Gegenstand selbst gemäß den apriorischen Denkformen – den Kategorien – konstruiert, entfällt nach Kant die Frage, warum die Gegenstände mit unserem Wissen über sie übereinstimmen. Wir können nur das erkennen, was wir selbst geschaffen haben – diese Formel liegt der Erkenntnistheorie Kants zugrunde, der die Tätigkeit des transzendentalen Subjekts an die Stelle der Substanz des früheren Rationalismus setzte.

Nachdem Kant jedoch den Substanzialismus der früheren Philosophie abgelehnt hatte, stand er vor der Frage: Was genau dient als letzte Grundlage der Einheit, ohne die der Verstand seine Funktion der Vereinigung des Mannigfaltigen nicht ausführen könnte? Eine solche höchste Einheit kann Kant nur im Subjekt suchen. Und er sieht sie in jenem stets identischen Akt, der alle unsere Vorstellungen begleitet und sie erst möglich macht: dem Akt des Selbstbewusstseins, der sich in der Formel ausdrückt: „Ich denke“. Diesen Akt nennt Kant die transzendentale Einheit der Apperzeption (des Selbstbewusstseins) und betrachtet ihn als die Quelle jeder Einheit. Die Kategorien stellen laut Kant gewissermaßen partielle Formen (Spezifikationen) dieser höchsten Einheit dar. Und gleichzeitig hält Kant den Verstand nicht für die höchste Erkenntnisfähigkeit: Ihm fehlt der Zweck, das heißt der treibende Anreiz, der seiner Tätigkeit eine Richtung geben würde.

Gibt es unter unseren Erkenntnisfähigkeiten eine, die die Tätigkeit des Verstandes leiten könnte, indem sie ihm bestimmte Ziele setzt? Laut Kant existiert eine solche Fähigkeit, und sie wird Vernunft genannt. Auf Kant geht die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft zurück, die dann bei allen nachfolgenden Vertretern des deutschen Idealismus – Fichte, Schelling und Hegel – eine wichtige Rolle spielt. Der Verstand geht nach Kant immer von einem Bedingten zum nächsten Bedingten über, ohne die Möglichkeit zu haben, diese Reihe mit einem letzten – dem Unbedingten – abzuschließen, denn in der Welt der Erfahrung gibt es nichts Unbedingtes. Gleichzeitig ist es dem Menschen eigen, nach absolutem Wissen zu streben, d. h. in Kants Worten, das absolut Unbedingte zu erlangen, aus dem als einer Art Urursache die gesamte Reihe der Erscheinungen hervorgehen und ihre Gesamtheit sofort erklärt würde. Eine solche Art des Unbedingten bietet uns die Vernunft in Form von Ideen. Wenn wir die letzte unbedingte Quelle aller Phänomene des inneren Sinnes suchen, erhalten wir, sagt Kant, die Idee der Seele, die die traditionelle Metaphysik als Substanz betrachtete, die mit Unsterblichkeit und freiem Willen ausgestattet ist. Wenn wir danach streben, zum letzten Unbedingten aller Phänomene der Außenwelt aufzusteigen, gelangen wir zur Idee der Welt, des Kosmos als Ganzes. Und schließlich, wenn unser Verstand das absolute Prinzip aller Phänomene überhaupt – sowohl der psychischen als auch der physischen – erfassen will, steigt er zur Idee Gottes auf.

Indem er den platonischen Begriff der Idee zur Bezeichnung der höchsten unbedingten Realität einführt, versteht Kant die Ideen der Vernunft ganz anders als Platon. Die Ideen sind bei Kant keine übersinnlichen Wesenheiten, die reale Existenz besitzen und mithilfe der Vernunft erfasst werden. Ideen sind Vorstellungen vom Ziel, nach dem unsere Erkenntnis strebt, von der Aufgabe, die sie sich selbst stellt. Die Ideen der Vernunft erfüllen eine regulative Funktion in der Erkenntnis, indem sie den Verstand zur Tätigkeit anregen, aber nicht mehr. Indem Kant dem Menschen die Möglichkeit absprach, Gegenstände zu erkennen, die ihm nicht in der Erfahrung gegeben sind, kritisierte er damit den Idealismus Platons und all jener, die nach Platon die Überzeugung teilten, dass eine außersinnliche Erkenntnis der Dinge an sich möglich sei.

Somit ist das Erreichen des letzten Unbedingten das Ziel, nach dem die Vernunft strebt. Aber hier entsteht ein unlösbarer Widerspruch. Damit der Verstand einen Anreiz zur Tätigkeit hat, strebt er, von der Vernunft angetrieben, nach absolutem Wissen; aber dieses Ziel bleibt für ihn immer unerreichbar. Und deshalb überschreitet der Verstand, indem er nach diesem Ziel strebt, die Grenzen der Erfahrung; indes haben seine Kategorien nur innerhalb dieser Grenzen eine rechtmäßige Anwendung. Wenn der Verstand die Grenzen der Erfahrung überschreitet, verfällt er der Illusion, dem Irrtum, indem er annimmt, dass er mithilfe der Kategorien imstande ist, außersinnliche Dinge an sich zu erkennen.

Diese Illusion ist laut Kant für die gesamte vorhergehende Philosophie charakteristisch. Zu beweisen, dass den Ideen der Vernunft, die den Verstand dazu anregen, die Grenzen der Erfahrung zu überschreiten, kein realer Gegenstand entsprechen kann, versucht Kant mithilfe der Aufdeckung des widersprüchlichen Charakters dieses vermeintlichen Gegenstands. Wenn wir zum Beispiel die Idee der Welt als Ganzes nehmen, so stellt sich heraus, dass man die Gültigkeit von zwei einander widersprechenden Behauptungen, die die Eigenschaften der Welt charakterisieren, beweisen kann. So ist die These, dass die Welt im Raum begrenzt ist und einen Anfang in der Zeit hat, ebenso beweisbar wie die entgegengesetzte These, der zufolge die Welt im Raum unendlich und in der Zeit anfangslos ist. Die Entdeckung eines solchen Widerspruchs (Antinomie) zeugt laut Kant davon, dass der Gegenstand, dem diese sich gegenseitig ausschließenden Bestimmungen zugeschrieben werden, unerkennbar ist. Der dialektische Widerspruch zeugt laut Kant von der unrechtmäßigen Anwendung unserer Erkenntnisfähigkeit. Die Dialektik wird somit negativ charakterisiert: Die dialektische Illusion findet dort statt, wo versucht wird, mithilfe des endlichen menschlichen Verstandes nicht die Welt der Erfahrung, sondern die Welt der Dinge an sich zu konstruieren.

Indem Kant behauptet, dass das Subjekt nur das erkennt, was es selbst erschafft, zieht er eine Trennungslinie zwischen der Welt der Erscheinungen und der unerkennbaren Welt der „Dinge an sich“ (d. h. der Dinge, wie sie an sich selbst existieren). In der Welt der Erscheinungen herrscht Notwendigkeit, alles ist hier durch etwas anderes bedingt und wird durch etwas anderes erklärt. Hier ist kein Platz für Substanzen in ihrem traditionellen Verständnis, d. h. für das, was aus sich selbst existiert, als eine Art Zweck an sich. Die Welt der Erfahrung ist insgesamt nur relativ, sie existiert dank der Beziehung zum transzendentalen Subjekt. Zwischen den „Dingen an sich“ und den Erscheinungen bleibt eine Beziehung von Ursache und Wirkung bestehen: Ohne die „Dinge an sich“ kann es auch keine Erscheinungen geben. Kant ist hier nicht in der Lage, einen Widerspruch zu vermeiden: Er wendet unrechtmäßig eine der Kategorien des Verstandes – die Kausalität – auf die „Dinge an sich“ an.

Die Welt der „Dinge an sich“, oder anders gesagt, die verständige Welt, könnte nur der Vernunft zugänglich sein, denn sie ist der Sinnlichkeit völlig verschlossen. Aber der theoretischen Vernunft, d. h. der Wissenschaft, ist sie laut Kant unzugänglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Welt dem Menschen überhaupt nicht von sich zeugt: Sie offenbart sich laut Kant der praktischen Vernunft oder dem vernünftigen Willen. Praktische Vernunft wird sie hier genannt, weil ihre Funktion darin besteht, die Handlungen des Menschen zu leiten, d. h. die Prinzipien des moralischen Handelns festzulegen. Der Wille ermöglicht es dem Menschen, seine Handlungen durch allgemeine Gegenstände (Ziele der Vernunft) zu bestimmen, und deshalb nennt Kant ihn die praktische Vernunft. Ein Wesen, das fähig ist, gemäß allgemeinen und nicht nur egoistischen Zielen zu handeln, ist ein freies Wesen.

Freiheit ist laut Kant die Unabhängigkeit von den bestimmenden Ursachen der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Wenn in der empirischen, natürlichen Welt jede Erscheinung durch die vorhergehende als ihre Ursache bedingt ist, so kann das vernünftige Wesen in der Welt der Freiheit eine „Reihe beginnen“, ausgehend vom Begriff der Vernunft, ohne von der Naturnotwendigkeit bedingt zu sein.

Kant nennt den menschlichen Willen autonom (selbstgesetzlich). Die Autonomie des Willens besteht darin, dass er nicht durch äußere Ursachen – sei es Naturnotwendigkeit oder sogar göttlicher Wille – bestimmt wird, sondern durch das Gesetz, das er sich selbst auferlegt, indem er es als das höchste, d. h. als das ausschließlich innere Gesetz der Vernunft anerkennt.

Der Mensch ist also ein Bewohner zweier Welten: der sinnlich wahrnehmbaren, in der er als sinnliches Wesen den Gesetzen der Natur unterliegt, und der verständigen, in der er sich frei dem Gesetz der Vernunft, d. h. dem moralischen Gesetz, unterwirft. Das Prinzip der natürlichen Welt besagt: Keine Erscheinung kann die Ursache ihrer selbst sein, sie hat ihre Ursache immer in etwas anderem (einer anderen Erscheinung). Das Prinzip der Welt der Freiheit besagt: Das vernünftige Wesen ist Zweck an sich selbst, es darf nicht nur als Mittel für etwas anderes behandelt werden. Gerade weil es ein Zweck ist, kann es als frei handelnde Ursache, d. h. als freier Wille, auftreten. Die verständige Welt denkt Kant somit als die Gesamtheit „vernünftiger Wesen als Dinge an sich selbst“, als eine Welt von Zweckursachen, selbstständigen autonomen Monaden. Der Mensch als ein mit Vernunft ausgestattetes, denkendes und nicht nur fühlendes Wesen ist laut Kant ein Ding an sich selbst.

Das „Wissen“ der verständigen Welt, das sich der praktischen Vernunft offenbart, ist laut Kant eine besondere Art von Wissen – ein Aufruf, ein Anspruch, der an uns gerichtet ist und unsere Handlungen bestimmt. Es reduziert sich auf den Inhalt des höchsten moralischen Gesetzes, des Kategorischen Imperativs, der besagt: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Das bedeutet: Verwandle ein anderes vernünftiges Wesen nicht nur in ein Mittel zur Verwirklichung deiner privaten Ziele. „In allem Geschaffenen“, schreibt Kant, „kann alles, was man will und wofür man will, nur als Mittel gebraucht werden; nur der Mensch und mit ihm jedes vernünftige Wesen ist Zweck an sich selbst.“

In der Ethik tritt Kant als Gegner des Eudämonismus auf, der das Glück zum höchsten Ziel des menschlichen Lebens erklärt. Da die Erfüllung der moralischen Pflicht die Überwindung sinnlicher Neigungen erfordert, ist laut Kant das Prinzip der Lust dem Prinzip der Moral entgegengesetzt, und folglich muss man von vornherein die Illusion aufgeben, dass der Mensch glücklich sein kann, wenn er dem kategorischen Imperativ folgt. Tugend und Glück sind zwei unvereinbare Dinge, meint der deutsche Philosoph.

Obwohl Kant ursprünglich der Aufklärung nahestand, erwies sich seine Lehre letztendlich als eine Kritik der aufklärerischen Vernunftkonzeption. Ein charakteristisches Merkmal der Aufklärung war die Überzeugung von den unbegrenzten Möglichkeiten der Erkenntnis und dementsprechend des gesellschaftlichen Fortschritts, da dieser als Produkt der Wissenschaft gedacht wurde. Indem Kant die Ansprüche der Wissenschaft auf die Erkenntnis der Dinge an sich ablehnte und dem menschlichen Verstand seine Grenzen aufzeigte, beschränkte er das Wissen, um dem Glauben Platz zu machen, wie er sagte. Gerade der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, die Freiheit und Gott, deren rationale Existenzbeweise Kant ablehnt, bildet die Grundlage, die den an den Menschen gerichteten Anspruch, ein moralisches Wesen zu sein, heiligen soll. Der Bereich des moralischen Handelns wurde somit vom wissenschaftlichen Wissen getrennt und über dieses gestellt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 14/10/2025