Europäische Philosophie der Neuzeit: Aufklärung (18. Jh.)
Der Mensch
Im philosophischen Denken des 18. Jahrhunderts wurde der Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Im Mittelalter galt der Mensch als von Natur aus böse und sündig. Diese Auffassung wurde von den Aufklärern nicht übernommen. Sie setzten die Linie der Humanisten der Renaissance fort, die die menschliche Natur als durch natürliche Faktoren bestimmt ansahen und daher nicht als Quelle des Bösen interpretierten. Die Philosophen der Aufklärung gingen weiter und postulierten die Grundannahme, dass der Mensch von Natur aus gut sei. Alle seine sinnlichen Neigungen seien unvermeidlich und gesetzmäßig, da in ihm von Natur aus das Streben angelegt sei, Leiden zu vermeiden und Freude zu erfahren. Später jedoch wurde dieser Standpunkt neu überdacht und korrigiert (Diderot, Rousseau, Kant).
Besonders eigenständig waren die Vorstellungen des französischen Philosophen und Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau (18. Jh.). Seiner Auffassung nach lebte der Mensch im natürlichen, also ursprünglichen Zustand in völliger Abwesenheit von Gesellschaft, und in diesem Zustand war der Mensch gut und gerecht. Erst die Zivilisation habe, indem sie die natürlichen Anlagen des Menschen unterdrückte, diesen verdorben. Daraus resultieren die soziale Unordnung, die Bosheit und die Gier des Menschen. Der Weg zur Lösung dieses Problems sei die Rückkehr des Menschen zu seinem natürlichen Zustand und der Verzicht auf die Zivilisation. Ein Jahrhundert später werden diese Gedanken mit der Weltanschauung von L.N. Tolstoi in Einklang stehen. Natürlich sind Rousseaus Ansichten willkürlich und widerstandslos gegenüber einer kritischen Prüfung. Doch gibt es in ihnen dennoch ein rationales Korn. Er hatte tiefgehend recht, dass die Zivilisation einen erheblichen Einfluss auf den Menschen ausübt, der nicht immer positiv ist.
Für die mechanistischen Materialisten war die Essenz des Menschen auf seine sinnliche biologische Natur reduziert. Viele von ihnen schwankten zwischen Deismus und Atheismus, was zur Ablehnung des geistigen Aspekts des Menschen und seines möglichen Lebens nach dem Tod führte (Seele, Bewusstsein, Verstand usw.). Der Mensch wurde als ein beseelter, fühlender Mechanismus betrachtet — so kann der Inhalt der aufklärerischen philosophischen Anthropologie zusammengefasst werden. Ein ähnlicher Gedanke wurde in dem Buch des französischen materialistischen Philosophen und Arztes Julien La Mettrie "Der Mensch als Maschine" (1747) formuliert, in dem der Mensch auf eine selbstaufziehende Maschine reduziert wurde, ähnlich einem Uhrwerk. Als eine notwendige Folge solcher Auffassungen kann der Sensualismus (die Orientierung auf die Sinne) in der Erkenntnistheorie und der Hedonismus (das höchste Gut ist Genuss) in der Ethik genannt werden.
Die Aufklärer legten besonderen Wert auf die Erziehung des Menschen. Für die Franzosen bildeten Erziehung und Bildung praktisch den Kern der Aufklärung. Es wurde angenommen, dass, wenn Menschen unter gleichen Bedingungen und mit gleichen Möglichkeiten aufwachsen, sie durch Erziehung und Bildung letztlich ein ähnliches moralisches und aufgeklärtes Erscheinungsbild erwerben würden. Für Helvétius, der der Meinung war, dass die Fähigkeiten der Menschen von Geburt an gleich seien, spielte der Einfluss zufälliger Umstände eine wichtige Rolle. Diese könnten die vorab geplanten Ziele stören und zu völlig unerwarteten Ergebnissen führen. Rousseau widersprach dieser Ansicht. Er glaubte, dass die Fähigkeiten der Menschen von Natur aus unterschiedlich seien. Dieses Moment, mehr als der Zufall, beeinflusse das Endergebnis. Doch sei dieses Ergebnis letztlich vor allem von der Erziehung abhängig. Rousseaus pädagogische Ideen beeinflussten Goethe, Pestalozzi und Tolstoi.
Angesichts der Vorstellung, dass der Mensch ein natürliches Wesen sei, versuchten die Aufklärer, die von Geburt an bestehende Gleichheit aller Menschen zu begründen. Dies war ein sehr progressiver Ansatz. Doch die soziale Realität war weit entfernt von diesem Ideal. Tatsächlich, wenn Menschen von Natur aus gleich sind, woher kommt dann das Eigentum und die ungleiche Abhängigkeit einiger Mitglieder der Gesellschaft von anderen? Die Engländer Hobbes und Locke erklärten dieses Phänomen durch die menschliche Arbeitskraft, die im Laufe der Geschichte Besitz und damit auch Ungleichheit hervorgebracht habe. Das Faktum, dass die soziale Realität nicht mit dem natürlichen Zustand des Menschen unter seinen Mitmenschen übereinstimmt, brachte unweigerlich die Überlegung auf, die Gleichheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft wiederherzustellen. Zunächst wurde diese Frage rein theoretisch behandelt, doch schon bald nahm sie eine praktisch-sozialpolitische Dimension an. Die historische Situation begünstigte diese Entwicklung. So waren es die französischen Aufklärer, die zu Ideologen und Inspiratoren der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts wurden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025