Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) - Europäische Philosophie der Neuzeit: Der Höhepunkt der deutschen Philosophie (18.–19. Jahrhundert)
Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Europäische Philosophie der Neuzeit: Der Höhepunkt der deutschen Philosophie (18.–19. Jahrhundert)

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854)

Friedrich Schellings philosophisches Wirken widmet sich vor allem der Naturphilosophie, einem Bereich, der seiner Ansicht nach von seinen berühmten Landsleuten Kant und Fichte kaum angemessen bedacht wurde. Zudem verlangten die naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Epoche nach einer tiefgehenden philosophischen Deutung.

Das bedeutendste Verdienst Schellings liegt in der Anwendung der Dialektik auf das Studium der Natur. Hierbei stützt er sich sowohl auf die Gedanken von Nikolaus von Kues und Giordano Bruno als auch auf Fichtes Lehre, der die Dialektik zur Analyse des transzendentalen Subjekts einsetzte. Eine weitere zentrale Inspirationsquelle für Schellings Überlegungen waren die rasanten Fortschritte in Physik, Chemie, Biologie und anderen Wissenschaften. Besonders die sich entwickelnde Theorie der Elektrizität, in der das Prinzip der Polarität (etwa Coulombs Vorstellung von positiven und negativen elektrischen Strömen) bereits im Mittelpunkt stand, übte einen starken Einfluss auf sein Denken aus.

Schelling wandte sich entschieden gegen den Mechanizismus und den Reduktionismus, die in der Aufklärung das Verständnis von Natur prägten. Für ihn ist die Natur kein seelenloser Mechanismus, sondern ein lebendiger Organismus, durchdrungen von einer “Weltenseele“. Dieses Konzept, das er den Neuplatonikern entlehnte, interpretiert er als ein “organisierendes Prinzip“ der Welt.

Die Natur erscheint bei Schelling als ein ununterbrochener, dynamischer Entwicklungsprozess, der von den einfachsten Formen zu immer komplexeren führt. Angetrieben wird dieser Prozess durch das Wechselspiel gegensätzlicher Kräfte, die in jedem Objekt und Subjekt existieren. Mehr noch: Die gesamte Natur ist die Bühne des Widerstreits solcher Gegensätze. Im Verlauf ihrer Entwicklung bildet sie eine Art Stufenleiter, auf der jede Stufe auf der vorherigen basiert und eng mit ihr verknüpft ist. So geht die unbelebte Natur auf natürliche Weise in die belebte über und diese wiederum in das Reich der lebendigen und schließlich der denkenden Organismen.

Nach Schelling entspringt die gesamte Vielfalt der Natur einem schöpferischen Akt, der in den Tiefen eines einheitlichen, höchsten Prinzips — des Absoluten — wurzelt. Das Absolute ist die Identität (Ununterscheidbarkeit) von objektivem Sein und subjektivem Denken. Beide sind untrennbar verbunden und bilden, wie der Philosoph schreibt, eine “absolute Identität“. Dieses Verständnis des Absoluten ist charakteristisch für die Theosophie und ähnliche philosophische Strömungen, die der esoterischen Tradition nahestehen.

Die Erkenntnis des schöpferischen Akts, durch den das Naturreich aus der Einheit des Absoluten hervorgeht, ist dem Verstand nicht zugänglich. Doch durch eine besondere, irrationale Erkenntnisfähigkeit — die “intellektuelle Anschauung“ — kann sie erfasst werden, wenngleich diese Fähigkeit nicht jedem zugänglich ist. Schelling erhebt daher die Intuition über die Sinnlichkeit und den Verstand, ebenso wie er die Kunst, die er als Synthese des Bewussten und Unbewussten versteht, über die Wissenschaft stellt.

In seinem Spätwerk nimmt Schellings Philosophie einen theologischen Charakter an. Begriffe wie “Gott“, “Wille“, “Glaube“ und “Offenbarung“ treten in den Vordergrund. Die Hauptaufgabe seiner “Philosophie der Offenbarung“ (ein Vorlesungszyklus, den Schelling Anfang der 1840er Jahre in Berlin hielt) sieht er in der Erforschung des inneren, verborgenen Sinns des Christentums und des Wesens Christi — als Logos und Mensch.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025