Die östliche Philosophie im postklassischen Zeitraum (Mittelalter und Neuzeit)
Chinesische Philosophie im Postklassischen Zeitalter
Das Entstehen und die Entwicklung des chinesischen Buddhismus
Man nimmt an, dass der Buddhismus in China etwa im 1. Jahrhundert, während der Herrschaft des Kaisers Ming-di, auftauchte. Zunächst wurde der Buddhismus als eine der Sekten des Daoismus betrachtet. Buddha galt als Schüler von Laozi, und die indischen buddhistischen Sutras wurden als eine Übertragung des “Dao De Jing“ verstanden. Doch die wahre Ursache für die Ähnlichkeit zwischen Buddhismus und Daoismus lag in etwas anderem — sie teilten gemeinsame esoterische Wurzeln.
Im 3. und 4. Jahrhundert stärkt der Buddhismus seine Positionen und wird zunehmend als eigenständige philosophische Lehre wahrgenommen. Bis zum Ende des 5. Jahrhunderts existierten in China bereits etwa zweitausend buddhistische Zentren (Klöster und andere Einrichtungen). Was trug zu diesem raschen Wachstum und zur Verbreitung des Buddhismus bei? Erstens war es die sozial-politische Lage in China — endlose Kriege, Unruhen und Umstürze. Zweitens war es die Flexibilität des Buddhismus, der versuchte, auf stabile Elemente der traditionellen chinesischen Kultur aufzubauen. Er wollte diese nicht zerstören, sondern sich mit ihr vereinen. So erklärte zum Beispiel der chinesische Buddhist Sun Chuo (4. Jahrhundert) Buddha zur Verkörperung des Dao.
Jedoch verwandelte sich der Buddhismus unweigerlich, während er in die chinesische Kultur integriert wurde. Es traten neue, untraditionelle Akzente auf. So verstärkte der Patriarch des chinesischen Buddhismus, Dao-sheng (4. Jahrhundert), den Kult des künftigen Buddhas Metteya (chinesisch: Maitreya), der von Gautama Buddha prophezeit wurde. Hui-yuan (4.—5. Jahrhundert) entwickelte den Kult des Amitabha, des Buddha des “westlichen Paradieses“. Allmählich entstand im chinesischen Buddhismus ein ganzer Pantheon von spirituellen Wesen. Neben Metteya und Amitabha war auch Guanyin, die weibliche Inkarnation der Bodhisattva Avalokiteshvara, eine verehrte Gottheit — die Göttin des spirituellen Mitgefühls und die Schutzpatronin leidender Seelen. Auf diese Weise entdeckte die ungebildete Volksmasse im Buddhismus eine neue Religion und nahm vor allem die Idee der Befreiung von Leiden auf.
Die Philosophie des Buddhismus blieb nicht unbeachtet. Die Chinesen übernahmen von den indischen Buddhisten zwei bedeutende Ideen: die Idee des “universellen Bewusstseins“ und die negative Metaphysik, das heißt den Glauben an die Unmöglichkeit, die Höchste Realität mit rationalen Mitteln zu beschreiben. Natürlich wurden auch andere buddhistische Ideen übernommen (die je nach Schule unterschiedlich interpretiert wurden):
— Karma (chinesisch: “ye“) — Die Ursache des Leidens ist Unwissenheit in den wichtigsten Lebensfragen (chinesisch: “wu-ming“); — Befreiung wird durch Erleuchtung erreicht (sanskrit: bodhi); — Nirvana ist der Zustand der Befreiung, was als das Bewusstsein der Einheit und die Auflösung des individuellen Bewusstseins im universellen Bewusstsein verstanden werden muss.
Der Buddhismus verbreitete sich in China und bildete verschiedene Schulen. Einige seien hier kurz genannt:
— Die “Wei-shi-Zong“-Schule — “Lehre des reinen Bewusstseins“. Diese Schule stellte den indischen Buddhismus in China ohne besondere “chinesische Zusätze“ dar. — Die “Kun-zong“-Schule — die Schule der “Leere“ (oder der “Mittleren Weges“). Sie basierte auf den Ideen der Mahayana und war dem Daoismus nahe. — Die Chan-Buddhismus-Schule. Hier fand eine Synthese von Buddhismus und Daoismus statt. — Die “Xin-zong“-Schule — die Schule des “universellen Geistes“. Sie stellte die chinesische Variante des Mahayana-Buddhismus dar.
Offensichtlich hatte der Mahayana-Buddhismus den größten Einfluss auf die chinesische Philosophie. Lassen Sie uns zwei der originellsten Schulen des chinesischen Buddhismus näher betrachten — die Schule der “Leere“ und den Chan-Buddhismus.
Die Schule der “Leere“ (oder des “Mittleren Weges“). Der Patriarch dieser Schule war der Inder Kumarajiva (5. Jahrhundert), der sich der Verbreitung des Buddhismus in China widmete. Er übersetzte viele buddhistische Texte. Seine bekanntesten Schüler waren Sengzhao und Dao-sheng. Die Ideen von Dao-sheng erschienen den anderen chinesischen Buddhisten jener Zeit ungewöhnlich. Tatsächlich wiederholte Dao-sheng weitgehend die Vorstellungen der frühen indischen Buddhisten, wobei er jedoch Akzente veränderte.
Wichtige Gedanken in der Philosophie von Dao-sheng:
- Der Zustand des Buddhas wird in einem einzigen Augenblick des plötzlichen Erleuchtungserlebnisses errei Dies ist die Vereinigung mit dem universellen Bewusstsein. Diese Erleuchtung wird durch das gesamte vorherige Leben des Menschen vorbereitet.
- Alle Wesen besitzen potenziell das “universelle Bewusstsein“ (also “die Essenz des Buddha“), verstehen es jedoch nicht.
- Worte sind Symbole, durch die der Sinn (die Idee) ausgedrückt wird. Wenn die Idee erreicht ist, sind Worte nicht mehr notwendig.
- Gute Taten, so Dao-sheng, “haben keine Belohnung“. Hier bedarf es einer Erklärung. In der Yogaphilosophie (und anderen indischen philosophischen Schulen) gibt es die Vorstellung von der Befreiung von der Bindung an die Früchte der eigenen Taten, also von der Befreiung von jeglichem Karma — sowohl gutem als auch schlechtem. Der Grund liegt darin, dass jedes Karma den Menschen an das irdische, körperliche Leben bindet, das von Leiden durchzogen ist. Dao-sheng meinte offenbar, dass, wenn tugendhafte Taten ohne Anhaftung an deren Konsequenzen vollzogen werden, sie keine Bindung des Bewusstseins an diese Folgen erzeugen. Und das wiederum erzeugt kein Karma (d.h. keine Belohnung).
Die philosophischen Ideen der Anhänger der “Leerschul“-Schule bereiteten den Weg für den ungewöhnlichsten Zweig des chinesischen Buddhismus — den Chan-Buddhismus. In ihm werden die traditionellen Lehren des indischen Buddhismus durch die Linse des Daoismus betrachtet und erscheinen in einer völlig eigenartigen Form.
Die Schule des Chan-Buddhismus. Der chinesische Begriff “chan“ (auch “zen“ im Japanischen) ist eine phonetische Verzerrung des indischen Begriffs “dhyana“, der als “Kontemplation“, “Konzentration“ oder “Meditation“ übersetzt wird. Der Ursprung des Chan liegt in der alten buddhistischen Tradition der Dhyana (also Meditation), in der das Selbstversenken und die Kontemplation eine führende Rolle im Erreichen der Erleuchtung spielten. Indem der Schüler in die Tiefen seines Bewusstseins eindrang, kam er der Erleuchtung näher. Es wurde geglaubt, dass Gautama Buddha auf genau diesem Weg das Wissen der Wahrheit erlangte.
Die Texte des meditierenden Buddhismus waren in China zumindest seit dem 4. Jahrhundert bekannt, viele davon wurden ins Chinesische übersetzt von Dao-sheng. Doch gemäß einer weit verbreiteten Legende wird die eigentliche Geburtsstunde des Chan-Buddhismus auf das 6. Jahrhundert datiert, als der größte Patriarch des indischen Buddhismus, Bodhidharma, mit missionarischer Absicht nach China kam. Ihn betrachtet man als den Begründer des Chan. Doch dies ist lediglich eine Legende. Historiker neigen eher zu einer anderen Version. Im 7. Jahrhundert gab es innerhalb der beiden Hauptschüler des fünften Patriarchen des chinesischen Buddhismus, Hongren, eine Meinungsverschiedenheit. Shenxiu, der die Nordschule leitete, vertrat die traditionellere Sichtweise bezüglich der Erleuchtung. Er glaubte, dass diese das Resultat langanhaltender Meditationen, Selbstvertiefung und Reflexionen sei. Hui-neng, der die Süderschule leitete, neigte zu radikaleren Ansichten. Seiner Meinung nach war Erleuchtung das Resultat einer plötzlichen intuitiven Eingebung des Bewusstseins.
Das Schicksal führte dazu, dass Hui-neng der sechste Patriarch wurde, und seine Schule entwickelte sich erfolgreich, wobei sie sich zu dem entwickelte, was wir heute als Chan-Buddhismus kennen. Die Ideen Hui-nengs wurden in der kanonischen “Sutra des sechsten Patriarchen“ festgehalten, während die Nordschule allmählich in den Hintergrund trat.
Lassen Sie uns die wesentlichen philosophischen Ideen des Chan-Buddhismus betrachten:
- Der Ursprung (das “Urprinzip“ — “wu“) gilt als unaussprechlich. Der Schüler darf nicht nach ihm fragen, da es sinnlos wäre, darüber zu sprechen. Der Schüler muss dieses Geheimnis selbst erkennen. Was aber ist dieses “wu“? In gewisser Weise entspricht es dem “kosmischen Bewusstsein“ (also dem “Bewusstsein des Buddha“). Doch dies ist nur eine teilweise Definition, die das unaussprechliche Urprinzip einschränkt und herabsetzt.
- Der Zustand des Buddhas wird durch Vollkommenheit und spontane Erleuchtung erreicht.
- Was ist die beste Methode zur Vollkommenheit? Das Fehlen jeglicher Vollkommenheit, da diese “Handeln“ bedeutet, und “Handeln“ schlechter ist als “Nicht-Handeln“. Die beste Methode ist es, ohne Ziel und ohne gezielte Bemühungen zu handeln. Der Chan-Buddhist Yi-xuan schrieb: “Um den Zustand des Buddhas zu erreichen, sind keine absichtlichen Anstrengungen erforderlich. Der einzige Weg besteht darin, das Alltägliche zu vollziehen: den Bauch zu entleeren und die Feuchtigkeit auszuscheiden, Kleidung zu tragen und Nahrung zu essen, müde zu werden und sich schlafen zu legen.“
- Was fördert die Erleuchtung (das Verstehen der Wahrheit)?
- Die Ablehnung von buchstäblichem, intellektuellem Wissen und die Entwicklung der Intuition.
- Plötzliche Rufe, Stöße und Schläge während der Meditation.
- Die Praxis von Paradoxen und Rätseln (chinesisch “gong’an“, japanisch “koan“). Zum Beispiel könnte auf die Frage “Wer ist der Buddha?“ die Antwort lauten: “Drei Büschel Baumwolle“. Durch solche paradoxen Antworten sollte der Schüler lernen, die Paradoxalität der natürlichen Welt zu verstehen.
- Dialoge (chinesisch “wenda“, japanisch “mondo“) zwischen Lehrer und Schüler. Ihr Ziel ist es, bestimmte Assoziationen beim Schüler hervorzurufen, die das intuitive Verständnis eines Problems fördern.
Im Chan-Buddhismus lassen sich mehrere wesentliche Verzerrungen der ursprünglichen Lehre von Gautama Buddha beobachten:
- Erstens wurde das Prinzip des Dienstes reduziert. Anstatt für die Rettung der leidenden Wesen zu leben, sollte der Schüler für sich selbst leben.
- Zweitens wurde die Idee der fortwährenden aktiven spirituellen Selbstvervollkommnung durch die Idee der Abwesenheit von Vollkommenheit ersetzt.
- Drittens wurde die Notwendigkeit des Strebens nach Nirvana, Wahrheit und Buddha abgelehnt. Es wurde geglaubt, dass diese Dinge um den Menschen herum existieren und dass man sie nur sehen und verstehen müsse. Der Mensch sollte nicht für diese Ziele leben, sondern für das Leben selbst, wobei er die Wahrheit, den Buddha und das Nirvana in allem erblickt. In diesen Überzeugungen der Chan-Buddhisten steckt sicherlich ein gewisser Kern von Wahrheit. Doch sie verstanden das Wesentliche der Lehre Buddhas nicht — die Befreiung von der Welt des Leidens und den Übergang in eine andere, spirituelle Sphäre des Seins. Vielmehr lehrten sie, in dieser Welt zu leben und nicht nach einer anderen zu streben.
Die weitere Entwicklung des Buddhismus in China. Den größten Aufschwung erlebte der chinesische Buddhismus in der Tang-Dynastie (7. bis 10. Jahrhundert). Dies wurde durch politische Instabilität, feudale Kriege und den Niedergang des Konfuzianismus begünstigt. Doch in dieser Epoche zeichnete sich auch der zukünftige Fall des Buddhismus ab. Als das zentralisierte Imperium wieder erstarkte, wurde seine staatliche Lehre (der Konfuzianismus) nicht mehr von Wettbewerbern wie dem Daoismus und dem Buddhismus benötigt. Während der Daoismus von den Herrschern der Tang-Dynastie nicht direkt verfolgt wurde, fiel der Buddhismus zunehmend in Ungnade. Bereits im 9. Jahrhundert erließ Kaiser Wuzong mehrere Dekrete, die die ideologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Buddhismus und seiner Klöster einschränkten. In dieser Zeit, wie Historiker berichten, wurden etwa 5000 buddhistische Klöster und Tempel geschlossen.
Im 13. Jahrhundert, unter Kaiser Kublai, erlebte der Buddhismus wieder eine Stärkung. Doch dies hatte wenig Einfluss auf die weitere Entwicklung der Lehre in China. Konfuzianismus blieb bis zum 20. Jahrhundert die dominante Lehre. Der Buddhismus und Daoismus nahmen eine untergeordnete Position ein.
Verfolgt in Indien und China, sahen sich die Buddhisten gezwungen, neue Länder aufzusuchen, in denen ihre Lehren mit mehr Toleranz begegnet wurden. So fand der Buddhismus eine neue Zuflucht in Tibet und der Mongolei, wo er sich mit den nationalen mythologischen und religiösen Lehren vermischte, sich festigte und allmählich eine führende Rolle in der geistigen Kultur dieser Länder einnahm.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025