Westliche Postklassische Philosophie (19. – 20. Jahrhundert)
Der Positivismus als Reform der Philosophie
Der zweite Positivismus (Empiriokritizismus): Mach und Avenarius
Die zweite Welle des Positivismus ist mit den Arbeiten des Physikers, Mathematikers und Physiologen Ernst Machs (1838—1916), eines Österreichers tschechischer Abstammung, und des Schweizer Philosophen Richard Avenarius (1843—1896) verbunden. Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert vertieft sich die Krise der klassischen Physik, es entstehen neue Theorien (Elektrodynamik, Atomtheorie, spezielle Relativitätstheorie u. a.), die Physiologie und Psychologie der Sinnesorgane entwickeln sich weiter. Dies zwingt die Positivisten, ihre ursprüngliche Aufgabe zu erweitern: Sie kritisieren nicht nur die Philosophie, sondern stellen auch die Daten der Wissenschaft in Frage, um wahre Fakten von pseudowissenschaftlichen Errungenschaften zu unterscheiden. So entsteht das Programm des Empiriokritizismus (die “Kritik der Erfahrung“).
Die Grundlage von Machs Lehre besteht aus zwei Hauptprinzipien: dem Prinzip der “Ökonomie des Denkens“ und der Idee der “rein deskriptiven“ Wissenschaft. “Ökonomie des Denkens“ bedeutet, Begriffe auf Empfindungen (Elemente des sinnlichen Erlebens) zu reduzieren und dadurch die Anzahl der Elemente der begrifflichen Erklärung zu verringern. Warum dieser Ansatz? Die Ausgangsposition des Positivismus, die durch die Frage geprägt ist, welche philosophischen Begriffe in der Wissenschaft anerkannt und welche verworfen werden sollen. Zunächst einmal muss man auf die Unterscheidung zwischen Objekt und Subjekt (die Konzept der prinzipiellen Koordination bei Avenarius) verzichten. Erkenntnis ist das Erkennen des Subjekts seiner selbst, genauer gesagt seiner Empfindungen, und durch diese die Erkenntnis von allem anderen. Folglich basieren alle wissenschaftlichen Daten, so die Empiriokritizisten, auf Empfindungen (Elementen). Ein Begriff ist in diesem Fall lediglich die Bezeichnung einer Gesamtheit von Elementen. Die Gesetze der Wissenschaft enthüllen nur die Beziehungen zwischen den Elementen.
Diese Position führte zur Ablehnung der Realität von Objekten, das heißt, zum subjektiven Idealismus mit einer Mischung aus extremem Empirismus. So stellte Mach beispielsweise die Existenz von absolutem, unabhängigem Raum und Zeit infrage. In diesem Punkt hatte er recht. Diese Zweifel trugen zur Entstehung eines neuen (relationalen) Verständnisses von Raum und Zeit bei. Das Leugnen der Realität von Atomen jedoch hinderte die Entwicklung der Atomtheorie. Es wurde auch vorgeschlagen, die Begriffe “Kausalität“ (Mach) und “Materie“ (Avenarius) aufzugeben. Anstelle von “Materie“ wurden wiederum die gleichen “Empfindungen“ und “Komplexe von Empfindungen“ vorgeschlagen, die in der Erfahrung messbar sind. Doch bereits damals war die Unzulänglichkeit der Reduktion des materiellen Vielgestalt des Seins auf physiologische Empfindungen erkennbar.
Die Idee der “rein deskriptiven“ Wissenschaft in den Arbeiten Machs entstand wahrscheinlich nicht ohne Einfluss von A. Comte. Deskriptivität wurde als Ideal der Wissenschaft verkündet. Die erklärende Funktion der Wissenschaft wurde ausgeschlossen.
Das Hauptmissverständnis der Empiriokritizisten ist also die Reduktion des Wesens wissenschaftlicher Begriffe (Atome, Moleküle usw.) auf Empfindungen und die Ablehnung ihrer (also der Objekte — Atome, Moleküle usw.) objektiven Existenz. Manchmal gelangt Mach “blind“ (da seine Ausgangsthesen fragwürdig sind) zu gerechtfertigten Schlüssen. Einer davon, der bereits erwähnt wurde, ist die Anerkennung, dass aus der Perspektive der Empfindungen die Realität eines Traumes nicht weniger “wert“ ist als die Realität der physischen Welt. Bis heute verstehen viele in der wissenschaftlichen Welt nicht, dass die subjektive Welt des Bewusstseins — der Bewusstseinsbereich — eine vollkommen reale Dimension des Seins darstellt. Doch Machs Fehler liegt darin, dass er bereit war, die objektive (physische Welt) und die subjektive (feine Welten des Bewusstseins) Realität gleichzusetzen. In Wirklichkeit gibt es zwischen ihnen einen fundamentalen Unterschied. Es liegt nicht daran, dass eine Welt Realität und die andere eine Illusion oder Unwirklichkeit des Bewusstseins ist, sondern darin, dass es sich um Realitäten unterschiedlicher ontologischer Ordnung handelt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025