Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften
Die Natur der Werte und ihre Rolle in den Sozial- und Geisteswissenschaften
Das Problem der Werte
Bis Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts unterteilten Philosophen den gesamten Körper wissenschaftlichen Wissens in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften (Kulturwissenschaften). G. Rickert vertrat die Ansicht, dass der Begriff „Kultur“ geeigneter sei als der Begriff „Geist“, da es materielle Werte und materielle Kultur gibt. Für M. Weber sind Werte eine transzendente Voraussetzung aller Kulturwissenschaften, die eine regelmäßige Rolle in ihnen spielen. Sie bestimmen die Ziele der Forschung, die Ausrichtung und die Methode der Untersuchung eines Objekts, die Bildung von Begriffen und die Spezifik der Erkenntnismethoden.
Die sozial- und geisteswissenschaftliche Erkenntnis ist Teil der geistigen Kultur. Die Kategorien „Wert“ und „Sinn“ sind entscheidend für das Verständnis der Besonderheiten dieser Wissenschaften. Die Wahrheit wird hier in einem „dichten Medium“ vielfältiger Werte erreicht, die auf die menschliche, soziale und kulturelle Bedeutung bestimmter Phänomene der Realität hinweisen.
Kultur wird in diesem Zusammenhang als zentraler Bestandteil des werte- und sinnorientierten Universums betrachtet. Der Übergang von einem Universum zu einem anderen bedeutet nach F. Nietzsche eine „Umwertung aller Werte“. Neue Werte erscheinen den Trägern des alten Universums als Unsinn – so betrachteten antike Kritiker das christliche Neue Testament. Nach der Oktoberrevolution 1917 sang man in revolutionären Hymnen: „Wir wenden uns von der alten Welt ab…“ und „Wir werden unsere neue Welt erschaffen, wer nichts war, wird alles sein.“ Hierbei ging es eindeutig um eine Umwertung aller Werte; das Wort „Welt“ bezeichnet neben vielem anderen auch das wert- und sinnorientierte Universum. Nach Marx umfasst die Welt des Menschen die Gesellschaft, ihre Geschichte und natürlich den Menschen selbst. Diese Welt ist Gegenstand der sozial- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnis.
Philosophie betrachten wir als geisteswissenschaftliche Disziplin. Die minimale Struktur philosophischen Wissens umfasst die Analyse der miteinander verflochtenen Beziehungen zwischen Mensch und Welt, die sich auf unterschiedliche, relativ selbständige Aspekte der Philosophie beziehen: ontologisch, erkenntnistheoretisch und axiologisch. Die philosophische Unterscheidung der beiden letzten Aspekte geht auf I. Kant zurück, auf seine Differenzierung zwischen „reinem (theoretischem) Verstand“, der auf die Erkenntnis des Seienden gerichtet ist, und dem praktischen (moralischen) Verstand, der auf die Welt des Sollens ausgerichtet ist. Die sogenannte Wertneutralität in der Sozialforschung bedeutet, dass empirische Fakten und Gesetze nicht mit den Werturteilen der Forschung selbst vermischt werden dürfen. Auf die prinzipielle Verschiedenheit von Fakt und Wert bestand L. Wittgenstein.
Axiologie ist die philosophische Lehre von den Werten als gesellschaftlicher (sozialer) Bedeutung von Dingen und Ideen in unserem Leben und unserer Kultur. Diese kurze Definition zeigt, dass Werte materiell oder geistig sein können (Wert von Ideen, Idealen usw.). Die kulturelle Bedeutung eines Gegenstands (materiell oder ideell) wird vor allem durch seine Funktion bestimmt, als Mittel der Verbindung zwischen Menschen zu dienen, als gegenseitiger Vermittler, der Menschen im Prozess des Zusammenlebens und der historischen Entwicklung verbindet. Eine umfassendere Definition von Werten zeigt, dass die Verletzung des Wertsystems (der Hierarchie) einer Gesellschaft auf die Aufweichung des Kerns der sozialen Solidarität, auf die Zerstörung ihrer moralisch-politischen Einheit hinweist. Wertanarchie führt zu sozialer Anomie, faktischem Rechtsbruch und gesetzloser Willkür.
Setzen wir die Analyse der Werte fort. Nun geht es um die Spezifik ihres Seins. Werte zeichnen sich durch ein funktionales Sein aus. Ein Wert ist eine funktionale Eigenschaft von Dingen oder Ideen. Sie erlangen diese in einem System gesellschaftlicher Beziehungen und Interaktionen. Eine wertbezogene Beziehung ist die Orientierung auf die soziale Bedeutung eines Gegenstands oder einer Idee. Das Objekt einer wertbezogenen Beziehung ist ein Phänomen (materiell oder ideell), das in den Bereich transformierender Aktivitäten einbezogen ist und daher in ein System historisch bestimmter gesellschaftlicher Beziehungen eingebunden wird. Dadurch erhalten die natürlichen Eigenschaften eines solchen Phänomens eine soziale Charakteristik. Im Zusammenhang mit den sozialen Bedürfnissen und Interessen des Subjekts werden die natürlichen Eigenschaften des Gegenstands gesellschaftlich relevant. Diese Eigenschaften machen ihn zum Objekt einer wertbezogenen Beziehung und bestimmen seinen Inhalt als Wert. Die soziale Bedeutung von Phänomenen im System der transformierenden Aktivität des Subjekts bildet den objektiven Gehalt der wertbezogenen Beziehung. Die Bewertung eines Phänomens ist bereits die subjektive Form des Seins des Wertes, seine Reflexion und Ausdruck im Bewusstsein des Subjekts.
Ein weiterer Schritt unserer Analyse ist die Unterscheidung von Wert und Bewertung. Dieser Schritt ist vermutlich der schwierigste zu verstehen. Werte können individuell oder überindividuell sein. Soziale Werte sind transzendent (überindividuell) gegenüber dem individuellen Bewusstsein und zweifellos primär im Verhältnis zu individuell-psychologischen Strukturen, die wertbezogen sind: Motiv, Bedürfnis, Interesse, Wertorientierung. In diesem Zusammenhang kann man vom wert-motivationalen Kern der Persönlichkeit sprechen, der ihr Handeln bestimmt. Zu den Existenzformen von Werten zählen gesellschaftliche Ideale, Gegenstandswerte und persönliche (individuelle) Werte, die, wie oben erwähnt, den motivationalen Kern des Verhaltens einer Person bilden.
Individuelle Werte sind nur für das sie erlebende Subjekt relevant. Hier liegt der Ursprung der Auffassung, dass Gefühl und Erlebnis die primäre und zugleich eigentliche Form des Seins von Werten darstellen. Zwar kann eine wertbezogene Beziehung objektiv in Emotionen zum Ausdruck kommen. Eine Emotion (im Gegensatz zum rational-logischen Konzept) spiegelt nicht den Gegenstand selbst, sondern dessen Beziehung zu den Bedürfnissen des Organismus wider. Dennoch ist der Wert in erster Linie der bewertete Gegenstand selbst, seine wertbezogenen Eigenschaften. Die Schwierigkeit besteht darin, dass ein Gegenstand aus der Perspektive seiner Wertwahrnehmung nur jene Merkmale und Eigenschaften offenbart, die die Bedürfnisse, Interessen und Anforderungen des Individuums betreffen.
Zweitens können als Grundlage wertbezogener Beziehungen nicht nur Emotionen, sondern auch der Wille dienen, worauf I. Kant bestand. Seiner Auffassung nach ermöglicht gerade der vernünftige Wille Bewertungsakte, lebenspraktische Entscheidungen und die Entschlossenheit, in einer gegebenen Situation auf diese Weise und nicht anders zu handeln. Wenn wertbezogene Beziehungen stets emotional sind (Gefühle – im Gegensatz zu Begriffen – sind in Wertbeziehungen nicht neutral), gilt ebenso, dass sie immer willensbestimmt sind. Zu den wesentlichen Merkmalen von Werten zählen daher ihre Emotionalität und Antriebswirkung. Sie besitzen eine emotional-antriebsbezogene Komponente.
Das Erleben von Werten lässt sich nicht in objektiven Eigenschaften ausdrücken. Wunsch, Streben, Wahl und Entscheidung sind alles subjektiv-wertbezogene Akte. Noch einmal sei betont: Es gilt, Wert und Bewertung zu unterscheiden. Letztere ist ein subjektiver Bewertungsakt. Sie drückt die emotionale und willensbestimmte (antriebsbezogene) Beziehung des Subjekts zum bewerteten Gegenstand aus. Wissenschaftlich-rationales Wissen deckt die Struktur objektiver Phänomene auf, aber in dieser Struktur selbst gibt es keine Antriebs- oder Willensrichtung. Das Konzept von Wert kann im Allgemeinen nicht vom objektbezogenen Subjekt, vom Bewertenden und von der systemischen Hierarchie (Unterordnung) der Werte getrennt werden.
Die wertebezogenen Orientierungen einer Person bestimmen die individuellen Merkmale ihres Weltbildes. Doch individuelle Werte stehen stets in Verbindung mit sozialen Werten: Im Prozess der Sozialisation nimmt das Kind soziale Normen, Standards und Muster des richtigen Verhaltens auf. Philosophie untersucht in ihrem ontologischen Aspekt das, was objektiv existiert, das Sein an sich. Sie untersucht jedoch nicht nur das Seiende, sondern auch das Sollen, das Wie-es-sein-soll. Sie lehrt nicht nur, wie der Mensch lebt, sondern auch, wie er leben sollte. Werte bestimmen das Niveau des Sollens, liefern Muster und Standards für richtiges (in der Religion: rechtschaffenes) Verhalten.
Verinnerlichte Werte dienen als Motivationen für Handlungen (daher das Konzept der wertebezogenen Orientierung einer Person) und als treibende Kräfte des Individuums über seinen gesamten Lebensweg hinweg. Beispiele für solche Werte sind Vorstellungen von Gut und Böse, Selbstaufopferung (Heroismus), Schönheit, Gerechtigkeit, Sünde und Heiligkeit, Edelmut und Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung. Hier wurden nur einige ethische, ästhetische und religiöse Werte aufgeführt, die ein edles oder niedriges Lebensideal bestimmen. Die genannten geistigen Werte sind geistige Präferenzen, Bestrebungen, Imperative (Gebote): Wie zu leben, wofür zu leben.
Es gilt, Werte zu unterscheiden, die tatsächlich wirken, und deklarierte Werte; absolute Werte (Zielwerte) und instrumentelle Werte (Mittelwerte). Ein Beispiel für Letztere sind die sogenannten Marktwerte. Die Wirtschaft kann marktorientiert sein, aber nicht die Kultur der Gesellschaft. Der Markt ist kein Selbstzweck in der gesellschaftlichen Entwicklung. Gefühle des Menschen, etwa die Liebe, in Waren umzuwandeln und zu verkaufen, wäre eine prostituierte, käufliche Liebe. Wo es keine Partnerwahl gibt, existiert keine echte Liebe als geistiger Wert. Kennt jemand den Preis seines Gewissens (z. B. ein korrupter Beamter), verliert die Persönlichkeit ihre höchsten (absoluten: das Gewissen ist unverkäuflich) Werte und verbleibt bei rein instrumentellen, zynisch-pragmatischen Werten. Wenn instrumentelle, etwa marktbezogene, Werte in der Gesellschaft und Kultur an erste Stelle treten, ist die Demoralisierung und moralische Degeneration der Gesellschaft unvermeidlich. Dabei geht es nicht darum, marktbezogene Werte völlig abzulehnen. Ihr Platz ist die Wirtschaft. Doch auch dort sollten sie durch das Prinzip staatlicher Wirtschaftsregulierung sowie durch den Schutz von Alten und Kindern ergänzt werden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025