Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften
Das Problem von Wahrheit und Rationalität in den Sozial- und Geisteswissenschaften
Existentielle Wahrheit. Wahrheit und Recht
Existentiell-anthropologische philosophische Konzepte, trotz ihrer teilweise sehr weit vom Naturwissen entfernten Annahmen, verwenden ebenfalls den Begriff der Wahrheit, wobei sie ihm eine spezifische Bedeutung verleihen. Wahrheit wird in diesen intellektuellen Konstruktionen vorwiegend als jene Art von Wissen verstanden, die zur spirituellen Befreiung des Menschen und zu seiner kreativen Selbstverwirklichung beiträgt. Wahrheit in diesem Sinne ist wahres Dasein, die angemessene Lebens- und Gedankenweise. N. Berdjajew betonte die Untrennbarkeit von Wahrheit, Freiheit und Kreativität. Nur im freien Schaffen des Neuen kann die wahre Berufung des Menschen verwirklicht werden.
Im deutschen Existentialismus wurde die Auffassung formuliert, dass die Wahrheit des Seins in sogenannten Grenzsituationen erfasst werden kann, angesichts lebensbedrohlicher Gefahren oder anderer Extremsituationen. M. Heidegger legt den Schwerpunkt auf die wörtliche Bedeutung des griechischen Begriffs „aletheia“, den er als „Unverborgenes“ oder „Nicht-Geheimes“ übersetzt. Heidegger betont, dass die Wahrheit sich vor allem poetischen Naturen eröffnet, die die Geheimnisse des Seins schärfer wahrnehmen als andere Menschen. Nach Heidegger ist Wahrheit daher keine Eigenschaft der Erkenntnis, sondern eine Eigenschaft des Seins. Sein Ansatz fand eine Fortführung in der hermeneutischen Wahrheitstheorie von H. Gadamer, die der existentialen nahekommt, sich aber nicht vollständig mit ihr deckt.
In seinem grundlegenden Werk „Wahrheit und Methode“ behauptet Gadamer, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht nur durch wissenschaftliche Methodik, sondern auch durch humanistische Erfassung der Wirklichkeit über Kunst, Philosophie und Geschichte möglich ist. In diesen Bereichen, schreibt der Philosoph, „verkündet sich die Wahrheit, die nicht durch methodologische Mittel der Wissenschaft verifizierbar ist“.
Gadamer bemüht sich, eine Subjektivierung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zu vermeiden. Ihre Objektivität wird nicht durch das Eintauchen in die geistige Welt des Autors erreicht, wie es W. Dilthey annahm, sondern durch das Verstehen des Wesens der Frage oder des Problems, das im Text verborgen liegt. Entscheidend ist nicht einmal, was der Autor in seinem Werk sagen wollte, sondern dass sich durch ihn das Sein selbst verkündet.
Im Russischen wird Wahrheit oft mit dem Begriff „Правда“ (Gerechtigkeit, Recht) verknüpft. Viele einheimische Denker wiesen auf diese Besonderheit hin. P. A. Florenski bemerkt in seiner fundamentalen Untersuchung „Säule und Festigung der Wahrheit“ (M., 1914), dass der russische Begriff „истина“ (Wahrheit) auf das slawische „естина“ zurückgeht – das, was wirklich ist. Der Begriff „правда“ markiert den wertbezogenen Aspekt unseres Wissens. Wahrheit in diesem Sinne bedeutet, was für uns von Bedeutung ist, vor allem moralisch, das, was wir mit unserem ganzen Seelenwesen anerkennen. Daraus ergeben sich verwandte Begriffe wie Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Fairness. Wahrheit bezeichnet somit nicht eine unpersönliche Wahrheit, sondern ein tief empfundenes Wissen, das seine Grundlage nicht nur im Verstand, sondern auch im Herzen hat.
N. K. Michailowski hob die außergewöhnliche innere Harmonie und Schönheit des russischen Wortes „правда“ hervor. „Ein solches Wort, – fährt er fort, – scheint es in keiner europäischen Sprache zu geben. Nur im Russischen scheinen Wahrheit-Истина und Wahrheit-Gerechtigkeit dasselbe Wort zu sein und in ein großes Ganzes zu verschmelzen. Wahrheit – in diesem umfassenden Sinn des Wortes – war stets das Ziel meiner Suche. Furchtlos der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und ihr Spiegelbild in der Wahrheit-Истине, in der objektiven Wahrheit, und zugleich die Wahrheit-Gerechtigkeit, die subjektive Wahrheit, zu bewahren – das war die Aufgabe meines ganzen Lebens.“
Es ist offensichtlich, dass das existentiell-anthropologische Verständnis von Wahrheit in den Geisteswissenschaften und der künstlerischen Erkenntnis vorherrscht. Die Naturwissenschaften hingegen wurden außerhalb des ethischen Maßstabs gebildet und entwickelt. Der gegenwärtige Zustand von Wissenschaft und Kultur erfordert dringend eine harmonische Verbindung von Wahrheit und Moral, von Wahrheit und Gerechtigkeit, oder anders gesagt, die Integration der erkenntnistheoretischen und existentiellen Aspekte von Wahrheit.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025