Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften
Zeit, Raum, Chronotop in den Sozial- und Geisteswissenschaften
Die Evolution der Vorstellungen von Raum und Zeit in der europäischen Philosophie und Wissenschaft
Während in der Mythologie Raum und Zeit in qualitativ unterschiedliche Abschnitte unterteilt werden, dominierten in der Philosophie und Wissenschaft über lange Zeit Vorstellungen von homogener Zeit und einheitlichem Raum. Besonders klar sind diese Ansichten in Geometrie und Mechanik formuliert. Naturwissenschaftliche Ideen über die Essenz von Raum und Zeit stützten sich auf die Konzepte der griechischen Naturphilosophen, insbesondere Demokrit, nach dem Raum eine homogene, einheitliche Leere und Zeit eine gleichmäßige Dauer ist.
Tiefere Überlegungen zur Natur der Zeit finden sich in Aristoteles’ Philosophie. Er stellte erstmals die Frage nach der Objektivität der Zeit: Ist Zeit etwas Seiendes oder Nichtseiendes? Was den Raum betrifft, so bemerkte der russische Forscher der antiken Naturwissenschaft I. D. Roshansky, dass der Begriff des Raums bei Aristoteles überhaupt fehlt und er nur den Begriff des Ortes (topos) kennt. In der Bedeutung von Raum verwendet Aristoteles jedoch nicht nur den Begriff „topos“, sondern auch „chora“. Letzteren entlehnte er von Platon, der ihn im Sinne von Räumlichkeit und Volumen gebrauchte, in dem alles Existierende entsteht und verweilt. In Buch IV der „Physik“ untersucht Aristoteles verschiedene Interpretationen von Raum und Zeit und offenbart ihre Kontinuität und Diskontinuität, also ihren widersprüchlichen, dialektischen Charakter.
Hinsichtlich der Zeit reflektiert er über deren objektiven oder subjektiven Status, ohne diese beiden Positionen gegeneinander zu stellen, sondern in gewissem Maße zu verbinden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass moderne Philosophen überzeugt sind, dass alle europäischen Streitigkeiten über die Natur von Raum und Zeit nicht mehr als Kommentare zu Aristoteles sind.
Die christliche theoretische Gedankenwelt, die die Antike ablöste, brachte wesentliche Änderungen in der Auffassung von Raum und Zeit mit sich. Dies war bedingt durch den Übergang von einem kosmozentrischen zu einem theozentrischen Denkstil. Die Antike betrachtete Raum und Zeit in untrennbarer Verbindung mit dem kosmischen Ganzen, als Eigenschaften oder Elemente des harmonischen Kosmos. Christliche Denker interessierte vor allem die Natur der Zeit. In ihrer Interpretation verliert die Zeit die Merkmale eines natürlichen Prozesses (während Zeit bei Aristoteles das Maß oder die Zahl der Bewegung ist) und wird in die Tiefen der menschlichen Seele verlegt. In den berühmten „Bekenntnissen“ betrachtet Augustinus die Zeit vor allem aus diesem Blickwinkel und bezeichnet sie als Ausdehnung der Seele. Ein weiteres Merkmal der christlichen Auffassung von Zeit – ihre Linearität, die die antike Vorstellung von Zyklizität ablehnt – wurde bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt.
Auch die christliche Auffassung von Raum ist höchst originell. Das Mittelalter stellt die Schöpfung mehrstufig dar. Die detaillierteste Darstellung findet sich in Dantes „Göttlicher Komödie“: neun Himmel (göttliche Sphäre) und neun Kreise der Hölle (Unterwelt). Die spezifische Auffassung von Raum spiegelt sich in der mittelalterlichen Kunst wider. Auf Ikonen mittelalterlicher Meister fehlt die lineare Perspektive, bei der das Dargestellte aus einem einzigen Beobachtungspunkt gesehen wird. Stattdessen sind mehrere Projektionen vorhanden, und die künstlerische Technik wird als umgekehrte Perspektive bezeichnet. Die Proportionen der dargestellten Figuren sind absichtlich verzerrt: ihre Größe wird durch ihre religiöse Bedeutung bestimmt.
In der Neuzeit werden Vorstellungen von Raum und Zeit stark von der damals fortschrittlichsten Wissenschaft – der Mechanik – geprägt. Die Vielzahl der Ansichten über die Natur von Raum und Zeit lässt sich in zwei Konzepte einteilen: substanzielle und relationale. Erstere ist am klarsten in den Werken von I. Newton vertreten. Er betrachtete Raum und Zeit neben der Materie als eigenständige Substanzen. Sie sind absolut, da sie konstant, allgegenwärtig, unveränderlich und unabhängig von der Materie sind. Die relationale Konzeption, die auf Aristoteles’ Ansichten zurückgeht, wurde in der Neuzeit von Leibniz vertreten. Der deutsche Philosoph lehnte die eigenständige Existenz von Raum und Zeit ab und sah sie als eine besondere Art von Beziehungen zwischen Objekten und Prozessen.
Es sei angemerkt, dass die marxistische Philosophie, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildete, versuchte, die Extreme der substantiellen und relationalen Konzepte zu überwinden. Raum und Zeit sind in ihrer Auffassung objektiv, aber keine eigenständigen Substanzen, sondern Formen der Existenz von Materie.
Die substanzielle Konzeption dominierte die europäische Wissenschaft bis zum Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die Revolution in der Naturwissenschaft zur Entstehung der Relativitätstheorie führte, zunächst der speziellen (1905), dann der allgemeinen (1916). In der ersten wurde die Abhängigkeit der Eigenschaften von Raum und Zeit von der bewegten Materie festgestellt, womit eine Verschiebung von der substantiellen zur relationalen Konzeption erfolgte. In der allgemeinen Relativitätstheorie, die Materie als Folge der Krümmung des Raumes behandelt, lässt sich jedoch eine Art Rückkehr zur substantiellen Konzeption erkennen, da der einheitliche Raum-Zeit-Komplex als erzeugende Substanz fungiert. In der modernen Physik wird großer Wert auf die Erforschung der Eigenschaften von Raum und Zeit im Mikrokosmos und Makrokosmos gelegt. Es werden Hypothesen über mehrdimensionale Räume und die Möglichkeit eines Rücklaufs der Zeit geäußert.
In der europäischen Philosophie der Neuzeit stammen die originellsten Auffassungen über die Natur von Raum und Zeit vermutlich von I. Kant. Nach seiner Auffassung sind Raum und Zeit apriorisch, also vor jeder Erfahrung bestehend. Mit anderen Worten: Der menschliche Organismus ist so beschaffen, dass er die Welt in Raum und Zeit wahrnimmt. Dies ermöglicht es dem Menschen, den chaotischen Strom von Eindrücken aus der Außenwelt zu ordnen.
Die Apriorität selbst kann als das Erbe verstanden werden, das jede Generation von Menschen übernimmt: die in der Kultur etablierten Vorstellungen von Raum, Zeit und anderen Formen der Wahrnehmung der Welt. Diese Formen und Vorstellungen werden nicht von jedem Menschen neu in seiner individuellen Erfahrung geschaffen. In diesem Sinne sind sie apriorisch, also vor aller Erfahrung bestehend. Andererseits ist leicht zu erkennen, dass Kants Sichtweise Raum und Zeit subjektiviert, wobei der Raum als „Form der äußeren Anschauung“ und die Zeit als „Form der inneren Anschauung“ interpretiert wird. Kants Ansatz eröffnet somit die Problematik der subjektiven Zeit, die sich von der physikalischen unterscheidet.
Diese Interpretation der Zeit als Charakteristik der Zustände der menschlichen Seele fand in der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts weitere Entwicklung. So betrachtet beispielsweise der französische Philosoph A. Bergson die gesamte menschliche Tätigkeit und Kultur unter dem Gesichtspunkt ihrer Dauer in der Zeit und bringt damit eine historische, also zeitliche Dimension in die sozial- und geisteswissenschaftliche Erkenntnis ein.
Auch in Phänomenologie und Hermeneutik rückt das Problem der Zeit in den Vordergrund. Die Phänomenologen betonen die Rolle des zeitlichen Aspekts sowohl auf der Ebene der Wahrnehmung der Welt und ihrer Erkenntnis als auch in der Funktionsweise des Bewusstseins selbst. Die Hermeneutik misst dem Faktor Zeit große Bedeutung bei. Beim Verstehen der Intention des Autors eines Textes wird der zeitliche Abstand zwischen Leser und Autor berücksichtigt, und die Rolle der historischen Tradition wird sichtbar. Vertreter der Hermeneutik, insbesondere Gadamer, betonen, dass der zeitliche Abstand, der den Leser vom Autor trennt, das Verstehen des Textes nicht behindert, sondern unterstützt, da zur Entfaltung seiner Bedeutung Zeit erforderlich ist.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025