Welt, Weltbild, wert- und sinntragendes Universum - Die Natur der Werte und ihre Rolle in den Sozial- und Geisteswissenschaften - Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften
Geschichte und Philosophie Der Wissenschaft - Philosophie der Wissenschaft - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften

Die Natur der Werte und ihre Rolle in den Sozial- und Geisteswissenschaften

Welt, Weltbild, wert- und sinntragendes Universum

In der modernen philosophischen Literatur wird von prinzipiell unterschiedlichen Weltbildern gesprochen: naturwissenschaftliche, religiöse und künstlerische. Unter einem naturwissenschaftlichen Weltbild versteht man offenbar den konzeptuellen Apparat der Naturwissenschaften, organisiert zu einem zusammenhängenden System, das die Einheit und die Wechselbeziehungen der Naturwissenschaften demonstriert. Es unterscheidet sich von diesen lediglich durch einen höheren Grad der Verallgemeinerung. Als Funktion und zugleich Form der Entwicklung naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist das naturwissenschaftliche Weltbild – wie alle spezialwissenschaftlichen Weltbilder – ein offenes System, das sich entsprechend der Veränderungen im Inhalt der Naturwissenschaften verändert. Das religiöse Weltbild hingegen ist in seinem Kern stabil. Betrachtet man die Theologie als Wissenschaft (da theologische Abschlüsse in der Russischen Föderation den Abschlüssen anderer Hochschulen gleichgestellt wurden), gehört sie zu den Geisteswissenschaften.

Welche Rolle spielt das Weltbild in der wissenschaftlichen Erkenntnis? Wenn Schwierigkeiten auftreten oder es Unterbrechungen beim Erwerb neuen Wissens oder bei der Entwicklung einer neuen Theorie gibt, wendet sich der Wissenschaftler an die allgemeinere Ebene wissenschaftlichen Wissens – das wissenschaftliche Weltbild. Es legt einen typischen Denkstil und eine Art, das Untersuchungsobjekt zu betrachten, für die jeweilige Wissenschaft fest. Zudem kann der Wissenschaftler philosophische Kategorien und Prinzipien heranziehen.

Die Frage ist lediglich, welche Kategorien den methodologischen Anforderungen der Sozial- und Geisteswissenschaften am besten entsprechen. Klar ist, dass in den Sozial- und erst recht in den Geisteswissenschaften Materie nicht die grundlegende Kategorie sein kann, da die "Einheit" der methodologischen und semantischen Analyse sozial-geisteswissenschaftlicher Erkenntnis der Text als besondere Realität ist. Die gesamte Kultur wird als ein "großer Text" gelesen, der verstanden und interpretiert werden muss. Diese Interpretation – das Vergeben von Sinn und Bedeutung an Texte, Phänomene und Ereignisse – ist die zentrale Operation und die allgemeine wissenschaftliche Methode der Sozial- und Geisteswissenschaften.

Bewegte Materie ist Gegenstand der Naturwissenschaften. Sie kann jedoch auch in Formen geisteswissenschaftlicher Kultur betrachtet werden: Mythologie, Religion, Kunst, Philosophie. Die wert- und sinnbezogene Interpretation der Naturkräfte erfolgt zunächst im Heidentum als Mythologie und Religion, in mündlicher Volkskunst und in der prähistorischen Kunst, später in der Philosophie. Aus dieser Sicht ist die Erde nicht einfach Boden, sondern Mutter und Ernährerin, "heimische Erde" (daher Begriffe wie "Landsleute" oder "Landgemeinde"). Feuer ist nicht nur eine chemische Kettenreaktion der Verbrennung, sondern eine Quelle von Wärme und Licht, die in verschiedenen heidnischen Kulturen vergöttert wird. Bei den Slawen ist Jarilo der Gott der Sonne und des Feuers.

Im Sinne der wert- und sinnbezogenen Interpretation ist "Boden" nicht Humus, sondern die sogenannten "Bodenautoren" (z. B. F. M. Dostojewski, A. Grigorjew, N. N. Strachow u. a.), nicht Bodenkundler. Diese Schriftsteller und Literaturkritiker wurden als "Bodenautoren" bezeichnet, weil sie sich für die historische und geistige Verwurzelung des Menschen in seiner Heimat, also im "Boden" seiner nationalen Kultur mit eigener Geschichte und Heiligtümern einsetzten. Hier steht "Boden" für einen kulturell-historischen Substrat, ein Element und Symbol eines bestimmten wert- und sinntragenden Universums.

Durch Kultur und Zivilisation wird die natürliche Umwelt in die "Welt des Menschen" transformiert, in der Naturphänomene ihren Status als reine Naturkräfte verlieren und uns erstens als Elemente der künstlichen Umwelt begegnen – vergleichbar etwa Elektrizität als Blitz oder als elektrische Beleuchtungs- und Heizgeräte – und zweitens als Elemente des wertbezogenen Universums, also der Kultur. Das Bewusstsein in den Geisteswissenschaften richtet sich nicht auf die natürliche Beschaffenheit der Dinge. Hier ist die Welt dem Menschen nicht sachlich-naturwissenschaftlich gegeben, sondern geistig-praktisch (K. Marx).

Wie im ersten Paragraphen bereits erwähnt, ist der Gegenstand sozial-geisteswissenschaftlicher Erkenntnis die "Welt des Menschen". Diese Welt wird insbesondere durch die Brille der Wert-Hierarchie des Menschen (im Extrem: der Menschheit) verstanden. In diesem Sinne ist das Verhältnis Mensch–Welt eine universelle und essentielle Charakteristik des Seins. Das Leben des Menschen ist unmittelbar der primäre und höchste Wert des Seins. Dass der Mensch sich einen so hohen Platz in der Hierarchie des Seienden einräumt, verdankt er dem Umstand, dass er nach I. Kant ein moralisch-vernünftiges Wesen ist, das objektiv die Bestimmungen von Freiheit, Pflicht und Verantwortung gegenüber der Welt in sich trägt.

Der Schlüssel zur Unterscheidung der Weltbilder liegt in der Polysemie (Mehrdeutigkeit) des Begriffs "Welt". Grundlage dieser Polysemie ist die Vielfalt von Welten im ontologischen Sinn. Vergleichen wir beispielhaft die "Welt Descartes" mit der "Welt von Marx". "Gebt mir Materie und Bewegung, und ich erschaffe die Welt" (Descartes). Diese Ontologie ist nicht mit Axiologie verbunden und kann keine philosophische Grundlage der Sozial- und Geisteswissenschaften bilden. Die "Welt von Marx" ist eine soziokulturelle Welt. Diese Welt ist nicht nur durch wirtschaftliche Verbindungen, wie bei Marx beschrieben, geeint, sondern auch durch universelle menschliche Werte. Anders als das naturwissenschaftliche Weltbild ist das sozial-geisteswissenschaftliche Weltbild wertbeladen. Diese "Beladung" bezeichnen wir als "wert- und sinntragendes Universum".

Im religiösen Weltbild steht Gott im Zentrum der wertbezogenen Zusammenhänge. In diesem Zusammenhang ist das Urteil von N. A. Berdjajew als Vertreter des religiösen Existenzialismus bemerkenswert, der die Welt als wert- und sinntragendes Universum beschreibt: "In der Welt gibt es so viel Böses und Leid, weil Freiheit die Grundlage der Welt ist. In der Freiheit liegt alle Würde der Welt und des Menschen. Das Böse und Leid zu vermeiden, wäre nur durch die Verneinung der Freiheit möglich. Dann wäre die Welt gezwungen gut und glücklich, aber sie hätte ihre Gottesähnlichkeit verloren. Denn Gottesähnlichkeit besteht vor allem in der Freiheit… Die Tragödien des Weltprozesses würden entfallen, aber ebenso der mit der Freiheit verbundene Sinn."

Die Neubewertung des wert- und sinntragenden Universums (vgl. biblisch: "...neuer Himmel und neue Erde") erfolgt nicht zwangsläufig aus blinder Zerstörungswut oder aus eiteler Erneuerung. In diesem Zusammenhang sei das Urteil eines prominenten Vertreters des atheistischen Existenzialismus, M. Heidegger, zitiert: Diese Neubewertung "ergibt sich aus der Notwendigkeit, der Welt einen Sinn (wertbezogen) zu geben, der sie nicht auf die Rolle eines Durchgangshofs für eine andere Welt reduziert. Es muss eine Welt entstehen, die das Erscheinen des Menschen ermöglicht, der sein Wesen aus der Fülle seines eigenen Seins entfaltet."

Wie ersichtlich, kann die Betrachtung der Welt als wert- und sinntragendes Universum bei Vertretern desselben philosophischen Ansatzes unterschiedliche Nuancen haben, ganz zu schweigen von unterschiedlichen Ansätzen (wenn auch nahestehend). Nach E. Husserl, dem Begründer der phänomenologischen Philosophie, ist die Lebenswelt (im Unterschied zur natürlichen Welt) eine Welt subjektiver persönlicher Bedeutungen. Sie trägt den kulturhistorischen Kontext in sich und bildet die Grundlage aller Idealisationen, auch der wissenschaftlichen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 20/09/2025