Die antike griechische Philosophie als Ideologie der Sklavenhaltergesellschaft
Das Aufkommen des Idealismus und des atomistischen Materialismus
Atomistischer Materialismus von Leukipp und Demokrit
In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. entstand im Norden Griechenlands, in Thrakien, ein neuer intellektueller Mittelpunkt — die Stadt Abdera. Hier wirkte vermutlich Leukipp in seiner Reifezeit, ebenso wie Demokrit. Die genaue Chronologie von Demokrits Leben und Wirken ist unklar. Einige Quellen geben sein Geburtsdatum mit etwa 460 v. Chr. an, andere mit 470 v. Chr. Wenn wir letzterem Datum folgen, dann war Demokrit nahezu ein Zeitgenosse des Athener Philosophen Sokrates, von dessen Geburtsjahr (469 v. Chr.) wir sicher wissen. Wahrscheinlicher ist jedoch die erste Angabe, die vom Chronographen Apollodorus überliefert wurde. Das zweite Datum (470 v. Chr.), das von dem antiken Herausgeber der Werke Demokrits, Frasilos, überliefert wurde, könnte auf eine nachträgliche Anpassung an Aristoteles' Ansicht hindeuten, Demokrit als Vorläufer Sokrates zu betrachten.
Demokrit war auch Zeitgenosse des bedeutenden Sophisten Protagoras und es gibt Hinweise darauf, dass eine seiner wichtigsten intellektuellen Aufgaben darin bestand, die skeptische Erkenntnistheorie der Sophisten zu widerlegen und nachzuweisen, dass Wissenschaft als zuverlässiges Wissen möglich ist, entgegen den Lehren der Sophisten. Nach einem langen Zyklus wissenschaftlicher Reisen in die Kulturländer des Ostens kehrte Demokrit nach Abdera zurück, wo er seine wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzte. Hier lebten neben ihm und möglicherweise seinem Lehrer Leukipp auch Protagoras sowie für eine Zeit der große griechische Naturwissenschaftler und Arzt Hippokrates. Diese drei Namen — Demokrit, Protagoras und Hippokrates — belegen, dass Abdera in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. zu einem bedeutenden wissenschaftlichen Zentrum wurde. Diese Entwicklung lässt sich durch die wirtschaftlichen und politischen Verbindungen erklären, die zu dieser Zeit zwischen Thrakien und Persien entstanden. Durch Abdera führten die Handelswege nach Osten. Der persische König Xerxes soll in Abdera verweilt haben, und es gibt eine Überlieferung, dass Demokrits Vater ihm Gastfreundschaft gewährte.
Demokrits Verbindungen zu Zeitgenossen waren vielfältig. Die Alten berichten, dass Demokrit Schüler seines Vorgängers und Freundes Leukipp war. Er stand auch in Kontakt mit Anaxagoras, von dem er die Idee aufnahm, dass Dinge aus der Vereinigung winzigster Teilchen entstehen. Zudem war er ein Schüler persischer Wissenschaftler, Chaldäer und Magier. Es wird auch vermutet, dass er von indischen Gelehrten lernte, da er Reisen nach Babylon, Persien, Indien und Ägypten unternahm. Das genaue Todesdatum Demokrits bleibt ungewiss, es liegt vermutlich entweder am Ende des 5. Jahrhunderts oder, wahrscheinlicher, zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr.
In seiner jugendlichen Dissertation “Über den Unterschied zwischen der Naturphilosophie von Epikur und Demokrit“, die noch unter dem Einfluss des hegelianischen Idealismus entstand, hebt Marx als prägendes Merkmal der Persönlichkeit und des Geistes Demokrits dessen unersättliche Wissbegierde hervor, sein Streben nach immer mehr theoretischem Wissen, das er sowohl aus der griechischen Wissenschaft als auch aus dem Austausch mit Gelehrten aus verschiedenen Ländern des Ostens zog.
Es gibt einige halblegendäre Erzählungen über das Leben Demokrits. Als Nachkomme einer berühmten Familie und Besitzer eines riesigen Erbes, soll Demokrit sein gesamtes Vermögen für wissenschaftliche Reisen ausgegeben haben. Dafür wurde er angeblich vor Gericht gestellt, da es damals in Abdera als Verbrechen galt, das von den Eltern geerbte Vermögen nutzlos zu verschwenden. Der Legende nach ersetzte Demokrit seine Verteidigungsrede vor den Richtern durch ein Werk, das auf dem Wissen basierte, das er während seiner wissenschaftlichen Reisen erworben hatte, und entging so der Strafe. Obwohl diese Geschichte historisch schwer fassbar ist, zeigt sie doch, dass Demokrit als Wissenschaftler und Denker einen bleibenden Eindruck hinterließ, dessen Hauptantrieb die leidenschaftliche Suche nach Wissen und wissenschaftlicher Forschung war.
In einem Text (der wohl eine Fälschung ist), der von Clemens von Alexandria, einem frühen christlichen Schriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr., überliefert wurde, lässt Demokrit Folgendes über sich selbst sagen: “Von allen meinen Zeitgenossen habe ich den größten Teil der Erde bereist; ich habe tiefere Forschungen angestellt als jeder andere; ich habe viele verschiedene Klimata und Länder gesehen und viele gelehrte Menschen gehört, und niemand hat mich in der Konstruktion von Linien, begleitet von logischen Beweisen, übertroffen.“ Trotz der Unzuverlässigkeit des Textes vermittelt er gut die Begeisterung Demokrits für theoretische Forschung und das stolze Bewusstsein seiner Errungenschaften.
Es sind Listen von Werken erhalten, die Demokrit zugeschrieben werden. Keines dieser Werke ist vollständig überliefert, nur einzelne Zitate und Fragmente sind erhalten. Diese Listen sind jedoch von Bedeutung, da sie das umfassende und weite Spektrum von Demokrits wissenschaftlichen Interessen widerspiegeln. Wahrscheinlich war Demokrits wichtigste Arbeit “Der große Weltbau“, also seine Lehre vom Aufbau der Welt. In seinen Schriften behandelte Demokrit eine Vielzahl von Themen, darunter Ethik, Logik, Erkenntnistheorie, Mathematik, Astronomie, Physik, Biologie, Technik, Literatur, Poetik (d. h. Theorie der Dichtkunst), Ästhetik, Linguistik und viele andere Bereiche des wissenschaftlichen Wissens. Demokrit war ein universeller Denker des späten 5. und frühen 4. Jahrhunderts v. Chr.
In der Schule Demokrits wurden seine Werke (und vermutlich auch die von Leukipp) zu einer Sammlung zusammengestellt, dem sogenannten corpus Democriteum. Auf dieser Sammlung basiert das Werkverzeichnis Demokrits, das von Kallimachos überliefert wurde und von Frasilos (dem Herausgeber im 1. Jahrhundert n. Chr.) übernommen wurde.
Atomistischer Materialismus
Der Name der Lehre zeigt, dass die grundlegende physische (und philosophische) Ansicht von Leukippos und Demokrit in der Hypothese über die Existenz unteilbarer Teilchen des Stoffes besteht. Das griechische Wort “atomos“ bedeutet: “unteilbar“, “nicht in Teile schneidbar“. Laut Simplicius erklärten Leukippos und Demokrit, dass die Prinzipien (physikalischen Elemente) unendlich in Zahl seien, die sie “Atome“ nannten, und dass diese unteilbar und undurchdringlich sind, da sie absolut dicht und ohne leeren Raum sind. Sie sagten, dass die Teilung durch die Leere erfolgt, die nicht innerhalb der Atome, sondern in den Körpern existiert; die Atome sind durch die unendliche Leere voneinander getrennt und unterscheiden sich in äußeren Formen, Größen, Positionen und Ordnung. Die Atome bewegen sich in der Leere; wenn sie einander begegnen, stoßen sie zusammen, wobei einige voneinander abprallen, andere sich verbinden oder ineinander verschlungen werden aufgrund passender Formen, Größen, Positionen und Ordnungen. Die entstandenen Verbindungen bleiben zusammen und erzeugen auf diese Weise das Entstehen komplexer Körper.
Leukippos und Demokrit glaubten, dass nicht nur die Zahl der Atome im Universum unendlich sei, sondern auch die Zahl der möglichen Formen für verschiedene Atome, das heißt ihrer Figuren und Umrisse. Es gibt Atome in den unterschiedlichsten Formen: kugelförmig, pyramidal, unregelmäßig, hakenförmig usw. Die Zahl dieser verschiedenen Formen ist unendlich.
Der Beweis für die unendliche Zahl der Formen der Atome konnte natürlich nicht empirisch geführt werden, da diese Formen unsichtbar und ungreifbar sind, sondern nur logisch. Ein solches logisches Argument sahen die Atomisten im Fehlen eines ausreichenden Grundes, um zu behaupten, dass die Zahl der Atomformen begrenzt sei: Sie behaupten, so berichtet Simplicius, dass die Zahl der Formen der Atome unendlich vielfältig sei “weil sie keineswegs mehr ist als eine andere“.
Diese Lehre ist eine neue und völlig originelle Weise, ein naturwissenschaftliches und philosophisches Problem zu lösen, das von den Eleaten mit ihrer Lehre aufgeworfen wurde, nach der das wahre Sein weder entstehen noch vergehen kann. Leukippos und Demokrit (wie auch Empedokles und Anaxagoras) stimmen diesem Grundsatz zu, kämpfen jedoch gleichzeitig gegen die Auffassung der Eleaten an, die das Denken von Vielfalt und Bewegung für unmöglich hielten. Es war erforderlich, so die Idee von Leukippos und Demokrit, eine Naturlehre zu entwickeln, die zwar den Grundsatz der Eleaten über die Unmöglichkeit des Entstehens und Vergehens des wahren Seins akzeptierte, jedoch die falschen Prämissen der eleatischen Lehre verworf und sowohl die sinnlich wahrnehmbare Realität der Bewegung als auch deren Denkbarkeit sowie die Realität und Denkbarkeit der Vielheit anerkannte. Wir haben oben gesehen, dass Empedokles versuchte, dieses Problem zu lösen, indem er die Hypothese der vier “Wurzeln aller Dinge“ und der zwei Kräfte aufstellte, die sie in Bewegung versetzen. Anaxagoras versuchte dasselbe, indem er die Hypothese der Existenz einer unzählbaren Zahl sehr kleiner Teilchen sowie eines von allem getrennten “Geistes“ als mechanische Bewegungskraft aufstellte, die diese Teilchen in Bewegung setzt. Aber weder Empedokles noch Anaxagoras nahmen an, dass die elementaren Teilchen des Stoffes absolut unteilbare Partikel sind, die prinzipiell keine Möglichkeit weiterer Teilung oder Zersplitterung zulassen. Diese Vorstellung bildet die Grundlage der materialistischen Philosophie und Physik von Leukippos und Demokrit.
Die Voraussetzungen der Atomisten erforderten eine Begründung. Die Hauptaufgabe bestand darin, die fehlerhafte skeptische und metaphysische Position der Eleaten zu überwinden, die das Denken von Bewegung im Raum ablehnten, ohne in Widersprüche zu geraten.
Die Atomisten stellen nicht die Frage nach der Ursache der Bewegung der Atome. Sie tun dies nicht aufgrund einer “Sorglosigkeit“, wie Aristoteles über sie dachte, sondern weil ihnen die Bewegung der Atome als ein ursprüngliches Attribut der Atome erscheint. Als ursprünglich erfordert sie keine Erklärung der Ursache. Doch die Lehre von der Bewegung der Atome ist nicht auch nur eine willkürliche Behauptung des Philosophen über das, was im Bereich des sinnlich Unsichtbaren und Unwahrnehmbaren geschieht. Die Theorie von den unsichtbaren Bewegungen der sehr kleinen Atome wird unserem Verstand durch Beobachtungen der Prozesse und Phänomene, die in der sinnlich wahrnehmbaren Natur stattfinden, nahegelegt. Die Atomismus-Theorie entstand bei Leukippos und Demokrit auf der Grundlage von Beobachtungen und einigen Analogien.
Gegenstand dieser Beobachtungen waren allgemein bekannte Fakten wie die Fähigkeit bestimmter fester Körper, sich zusammenzuziehen. Wenn Körper ihr Volumen verringern können, dann müssen sie aus Teilchen bestehen, zwischen denen leerer Raum vorhanden ist — wie könnten sie sonst ihr Volumen verringern? In Übereinstimmung damit erklärte Demokrit (laut Theophrastus), dass der Grad der Härte oder Weichheit “der größeren oder geringeren Dichte und Lockerheit entspricht“.
Neben diesen Überlegungen scheint der atomistische Hypothese auch eine Reihe von Analogien zugrunde zu liegen, insbesondere bei der Erklärung der Bewegung der Atome. Laut einem der uns überlieferten Texte bewegten sich die Atome gemäß der Lehre von Leukipp und Demokrit im leeren Raum in alle Richtungen und “zitterten“, wie ein Kommentator auf eine etwas eigenartige Weise ausdrückt. Bei Lukrez in seinem philosophischen Gedicht De rerum natura wird ein schöner Vergleich entwickelt, der — über Epikur, dem Lukrez' Lehrer, und auch Demokrit — auf eine Analogie zurückgeht. Lukrez vergleicht die Bewegung der “zitternden“ Atome in alle Richtungen mit den unregelmäßigen Bewegungen von Staubkörnern in der Luft. In der Tat, wenn man durch einen Spalt Sonnenlicht in einen Raum lässt, kann man in den Lichtstrahlen funkelnde Staubkörner sehen, die in alle Richtungen auf und ab fliegen:
...ein Schauspiel Das immer vor uns steht und vor unseren Augen geschieht. Sieh hier: Wann immer Sonnenlicht in unsere Räume dringt Und mit seinen Strahlen die Dunkelheit durchbricht, Siehst du eine Menge kleiner Körper in der Leere, die blitzend Hin- und herfliegen im strahlenden Glanz des Lichts; Als ob sie in ewiger Schlacht sich im Kampf und Streit messen, Unaufhörlich stürzen sie sich in die Auseinandersetzungen, ohne Rast, Mal kommen sie zusammen, mal zerstreuen sie sich wieder unaufhörlich. Du kannst daraus verstehen, wie unaufhörlich Die Urprinzipien der Dinge sich in der unermesslichen Leere bewegen.
Solche Analogien brachten Leukipp und Demokrit auf den Gedanken, dass, ebenso wie in der Welt, die wir durch die Sinne wahrnehmen, scheinbar völlig unregelmäßige Bewegungen von kleinen Staubkörnern in alle Richtungen existieren, auch in der Welt, die wir nicht wahrnehmen (wegen der extremen Kleinheit dieser Teilchen oder Elemente), die nur durch den Verstand begreifbar ist, eine unregelmäßige Bewegung von Teilchen oder “Atomen“ in alle Richtungen stattfindet.
Alle Dinge und Körper der sichtbaren, sinnlich wahrnehmbaren Welt entstehen gemäß ihrer Lehre durch die vorübergehende Vereinigung unsichtbarer und ungreifbarer materieller Teilchen. Diese Teilchen besitzen, im Gegensatz zu Anaxagoras, keine potenzielle Unteilbarkeit bis ins Unendliche. Es sind Teilchen, die absolut unteilbar sind und deshalb “Atome“ genannt werden.
Eine komplexe Frage zur Charakterisierung der Lehre von Demokrit betrifft die Vorstellung vom maximalen Maß der Atome. Im Allgemeinen sind Atome gemäß der Lehre von Leukipp und Demokrit so kleine Teilchen der Materie, dass ihre Existenz durch die Sinne nicht wahrgenommen werden kann; wir schließen nur aus Beweisen oder Überlegungen des Verstandes auf ihre Existenz. Es gibt jedoch Zeugnisse, aus denen hervorgeht, dass Demokrit nicht nur die Existenz sehr kleiner, sinnlich nicht wahrnehmbarer Atome, sondern auch von Atomen beliebiger Größe, einschließlich sehr großer, zuließ. Die Texte zu dieser Frage sind unklar und sogar widersprüchlich. Insbesondere berichtet Epikur (Ende des 4. — Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr.), dass Demokrit große Atome anerkannte.
Aristoteles, der Demokrit zeitlich näher war als Epikur, spricht jedoch nicht von der Existenz einer solchen Meinung bei Demokrit. In seiner Monographie über Demokrit (aus der Aristoteles von seinem Kommentator Simplicius zitiert wird) sagt Aristoteles, dass “Demokrit meinte, die ewigen Prinzipien (d. h. die Atome) seien von Natur aus kleine Wesen, unendlich zahlreich in ihrer Anzahl“ [75, S. 133a; 38, S. 225]. Diese Wesen, die Atome, seien “so klein, dass sie den Sinnen nicht zugänglich sind“ [75, S. 133a; 38, S. 225]. Wenn Aristoteles von den Atomen Demokrits als “kleinen Wesen“ spricht, erklärt er zugleich, dass Demokrit auch das Vorhandensein einer unendlich großen Wesenheit zuließ, nämlich des leeren Raumes oder der Leere. Wo, wenn nicht hier, sollte Aristoteles darauf hinweisen, dass Demokrit die Existenz von sehr großen Atomen zuließ, wenn er eine solche Auffassung gehabt hätte? Doch eine solche Bemerkung gibt es bei Aristoteles nicht, was darauf hindeutet, dass Demokrit keine Lehre von der Möglichkeit der Existenz riesiger Atome hatte und dass Epikurs Polemik gegen Demokrit in dieser Frage auf einem Missverständnis oder einem Fehler im Verständnis von Demokrit beruht.
Es ist wichtig zu betonen, dass Leukipp und Demokrit davon ausgingen, dass die Anzahl der Atome unendlich ist. Laut Simplicius postulierten sie das Vorhandensein einer unendlichen Zahl von Atomen, weil diese Unendlichkeit notwendig ist, um alle Phänomene zu erklären, die in der physischen Welt beobachtet werden: Nur diejenigen, die die Atome als unendlich zahlreich ansehen, gelingt es, alles vernünftig zu erklären. Diese Begründung ist ein klassisches Beispiel für das Entstehen einer wissenschaftlichen Hypothese.
Da alle Atome ohne Ausnahme “kleine Wesen“ sind, haben sie verschiedene Formen. Durch die Unterschiede in der Form der Atome erklärte Demokrit das Zusammenfügen der Atome zu vorübergehend stabilen Gebilden, also zu Welten: Da die Atome in sehr verschiedenen Formen existieren, verbinden sie sich miteinander und erzeugen auf diese Weise sowohl die Welt als auch alles, was in ihr geschieht, genauer gesagt, sie erzeugen unzählige Welten.
Die Bedeutung dieser Eigenschaft — der Unterschied in den Formen — spiegelt sich auch in der Terminologie von Demokrit wider. Er bezeichnet seine ursprünglichen Teilchen der Materie nicht nur als “Atome“, sondern auch als “unteilbare Formen“. Doch im Griechischen wurde das Konzept der Form manchmal mit einem Wort ausgedrückt, das “Erscheinung“ oder “Kontur“ bedeutete. Für das Wort “Erscheinung“ gab es zusätzlich zum Begriff “Eidos“ auch den Begriff “Idee“. Das Wort “Idee“ bedeutete hier nicht “Begriff“ oder “Gedanke“ im modernen Sinne, sondern “Erscheinung“, “Kontur“, “Form“. Diese Bedeutung des Wortes “Idee“ nutzte Demokrit als Begriff für “unteilbare Formen“ oder “Atome“. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das spezielle Werk des Philosophen über die Atome (das uns nicht erhalten geblieben ist) den Titel “Über die Ideen“ trug. Zumindest ist dies die Mitteilung von Sextus Empiricus.
Im Lehrgebäude über die “Atome“ (oder “Ideen“) ist Demokrit ein Materialist. Was er “Ideen“ nennt, sind körperliche Formen oder Wesenheiten. Diese sind unendlich zahlreich: Atome, Teilchen der Materie, die sich im unendlichen leeren Raum bewegen.
Diese Besonderheit in Demokrits Verwendung des Begriffs “Ideen“ muss beachtet werden, da später der jüngere Zeitgenosse Demokrits, der athenische Philosoph Platon, denselben Begriff “Ideen“ verwendete, jedoch in idealistischem Sinne. Bei Platon sind “Ideen“ der Begriff für das wahre Sein. Und bei Platon sind “Ideen“ Formen. Aber bei Platon sind seine “Ideen“ (oder “Archetypen“, “Formen“) nicht körperlich. Sie existieren an einem besonderen, “überirdischen“ Ort, wie Platon es ausdrückt. Sie werden nicht durch die Sinne, sondern durch den Verstand erfasst, der von allem Sinnlichen abgekehrt ist. Dasselbe Wort “Idee“ hat bei Demokrit eine materialistische Bedeutung, bei Platon jedoch eine idealistische.
Wenn wir jedoch annehmen, dass Atome unsichtbare, aufgrund ihrer enormen Kleinheit, Wesenheiten oder Formen sind, stellt sich die Frage, welche Eigenschaften oder Qualitäten diese Formen besitzen. Sind es dieselben Qualitäten, die unsere Sinne in den physischen Körpern der uns umgebenden Welt finden — Farbe, Wärme, Geruch, Klang — oder sind es möglicherweise ganz andere Qualitäten der Atome?
Aus den Äußerungen Demokrits selbst geht hervor, dass gemäß seiner Lehre die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten der Körper nicht tatsächlich in den Körpern existieren. Die Unterschiede zwischen den Körpern in Bezug auf Farbe, Wärme, Geschmack usw. entsprechen nicht der Natur der Dinge selbst. In den Atomen sind es nicht diese Qualitäten, die Wirklichkeit haben, sondern lediglich Unterschiede in ihrer Form, Größe, Ordnung und ihrer Stellung im Raum. Diese Qualitäten, die bei verschiedenen Atomen wahrnehmbar sind, und der leere Raum, in dem sich diese Atome bewegen, sind das Einzige, was in Wahrheit existiert.
Demokrits eigene Aussage zu dieser Frage ist klar, aber leider zu kurz — sie ist in Zitaten späterer antiker Gelehrter wie Sextus Empiricus und Galen überliefert. Sextus zitiert aus Demokrits Werk die Aussage: “Nur im allgemeinen Urteil existieren Süße, Bitterkeit, Wärme, Kälte, Farbe, in der Wirklichkeit jedoch existieren nur Atome und Leere“ [74, VII, 135; 38, S. 224].
Die gleiche Ansicht über die Eigenschaften der Atome, die sowohl Leucippus als auch Demokrit mit dem gesamten antiken atomistischen Materialismus teilen, drückt Epikur in einem Brief an Herodot aus: “…man sollte glauben, dass Atome keine Eigenschaften besitzen, die den Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung zukommen: außer Form, Gewicht, Größe und all jenen Eigenschaften, die notwendigerweise mit der Form verbunden sind. Denn jede Eigenschaft verändert sich, aber Atome verändern sich nicht, da bei der Zersetzung zusammengesetzter Dinge immer etwas Festes und Unzerstörbares übrig bleiben muss, das Veränderungen hervorbringt… durch die Bewegungen einiger Partikel, das Kommen und Gehen anderer“ [34, II, 1947].
Die Lehre von Leucippus und Demokrit über die Qualitäten der Körper war ein völlig neuer Standpunkt, der erstmals in der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft eingeführt wurde. Sie hinterließ einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung der späteren Physik, Chemie und das philosophische Verständnis der Natur. Von Demokrit stammt die in den Wissenschaften des 17. Jahrhunderts (Galileo in Italien, Descartes in Frankreich, Hobbes und Locke in England) erneuerte Unterscheidung zwischen zwei Arten von Qualitäten: Nach dieser Ansicht existieren in den Körpern die Qualitäten, die wir beobachten, und die objektiv sowohl den Körpern als auch den Atomen, aus denen sie bestehen, zukommen. Diese Qualitäten sind die wesentlichen oder grundlegenden physikalischen Eigenschaften materieller Dinge und der materiellen Elemente des gesamten Seins. Es gibt jedoch auch Qualitäten, die uns nur als in den Körpern befindlich erscheinen, die in Wirklichkeit jedoch weder den Körpern noch den Atomen zugehören. Sie werden von uns wahrgenommen, abhängig von der besonderen Beziehung zwischen den grundlegenden — primären — Eigenschaften der Körper und den Organen unserer sinnlichen Wahrnehmung.
Indem Leucippus und Demokrit diese Lehre erstmals entwickelten, legten sie die Grundlagen für die naturwissenschaftliche Sichtweise, die sich erst im 18. Jahrhundert herausbildete. Diese Sichtweise, die von den Qualitäten absieht, die wir direkt in den Dingen und Erscheinungen der Welt wahrnehmen, erklärt diese Qualitäten als abgeleitet und sekundär und strebt an, ihre wesentlichen, objektiv zugehörigen, aber nicht von unseren Sinnen erfassten, grundlegenden (primären) Eigenschaften der materiellen Elemente der Natur zu entdecken. Im 18. Jahrhundert begann die Wissenschaft, diesen Standpunkt der “qualitativen“ Physik der mittelalterlichen Scholastik entgegenzustellen. Doch obwohl dieser Blick im Vergleich zu den Konzepten der Scholastiker neu war, stammte er ursprünglich aus der Lehre über die Qualitäten der Körper, die erstmals von Leucippus und Demokrit entwickelt wurde.
Demokrits bemerkenswerte atomistische Sichtweise entwickelte sich untrennbar mit dem Begriff der Ewigkeit der Zeit. Aristoteles berichtet, dass die Ewigkeit der Zeit für Demokrit ein Beweismittel dafür war, dass es ein nicht entstandenes Sein gibt. Mit Ausnahme von Platon hielten alle Philosophen, wie Aristoteles feststellt, die Zeit für unerschaffen. “Deshalb beweist auch Demokrit die Unmöglichkeit des Entstehens von allem, da die Zeit nicht erschaffen ist“ [Phys., VIII, 1, 251 b; 14, S. 139].
Notwendigkeit und Zufall
Aus der Ewigkeit der Zeit und den materiellen Anfängen leiten die Atomisten die Notwendigkeit aller Prozesse und Phänomene der Natur ab. Nach Aëtius, der auf den Text von Leucippus (und vielleicht auch von Demokrit) zurückgreift, behauptet Demokrit, dass nichts “ohne Grund entsteht, sondern alles entsteht auf irgendeiner Grundlage und aus Notwendigkeit“ [38, S. 229]. Dabei äußert Demokrit den Gedanken der Notwendigkeit, die alle Prozesse der Natur beherrscht, nicht nur als These der abstrakten Philosophie, sondern auch als These der physikalischen Erklärung von Naturphänomenen. In einem kurzen, aber wichtigen Text, der von Aëtius überliefert wurde, erklärt Demokrit, dass Notwendigkeit (anagkh) “Widerstand, Bewegung und Schlag der Materie“ ist [55, S. 321]. Mit anderen Worten, Notwendigkeit erhält bei Demokrit eine physische, ja, präziser, mechanische Bedeutung. In Übereinstimmung damit erklärt auch Diogenes Laertius, dass Demokrit unter Notwendigkeit den “Strudel“ verstand, der die Ursache für das Entstehen von allem ist.
Neben diesem physischen Sinn, der die Notwendigkeit auf eine rein mechanische Kausalität reduziert, entwickelt Leucippus und Demokrit auch eine grundlegende philosophische Lehre, dass alles Existierende in der Welt der Notwendigkeit unterworfen ist.
Demokrit glaubt dabei, dass der notwendige Ordnung, der in der gesamten Welt wirkt, von Anfang an in ihr vorhanden ist. Die Lage der Dinge ist nicht so, dass “Notwendigkeit“ nur allmählich das Universum ergreift, wie es beispielsweise Anaxagoras dachte. Vom Anfang an und in allen Zeiten seines Bestehens war die Welt eine Welt, in der stets die ewige Notwendigkeit herrscht.
Aus der oben skizzierten Sichtweise des Demokrits über die Notwendigkeit ergibt sich die Ablehnung des Zufalls. Wenn man “Zufall“ als das Fehlen einer Ursache versteht, so gibt es laut Demokrit in der Tat nichts, was diesem Sinn des Wortes “Zufall“ entspricht: In der Welt gibt es nichts, das ohne Ursache entsteht, und folglich gibt es auch nichts Zufälliges.
Ein Urteil des Demokrit über den Zufall ist überliefert: “Die Menschen,“ sagt er, “haben den Götzen des Zufalls erfunden, um ihn als Vorwand zu benutzen, der ihre eigene Unvernunft verdeckt.“
Simplikios erklärt, dass Demokrit den “Zufall“ nur in seiner Lehre über die Entstehung der Welt gebrauchte, jedoch bei der Erklärung eines konkreten Ereignisses behauptete, dass “Zufall“ nicht als Ursache von irgendetwas angesehen werden könne. Der “Zufall“ wird auf andere Ursachen zurückgeführt.
Hier einige Beispiele von Simplikios. Ein Mensch gräbt im Garten und findet plötzlich einen Schatz. Doch diese Entdeckung ist nicht zufällig im Sinne des Fehlen einer Ursache. Auch in diesem Fall gibt es eine Ursache für das Auffinden des Schatzes: Diese Ursache war das Graben oder das Pflanzen eines Olivenbaums. Ein weiteres Beispiel, das Simplikios aus gängigen Anekdoten übernimmt: Ein kahler alter Mann geht über ein Feld. Plötzlich fällt ihm eine Schildkröte auf den Kopf und zerschmettert sein Schädel. Das Ereignis wird im Alltag als ein Beispiel für den Zufall betrachtet. Doch das ist nicht der Fall. Der Zufall ist nur für den Menschen, der das Unglück erleidet, unerwartet, aber objektiv betrachtet fällt dieses Ereignis nicht aus der wirkenden Notwendigkeit und Kausalität der Natur heraus: Die Schildkröte fiel nicht ohne Grund, sondern weil ein Adler sie in seinen Krallen trug. Adler haben die Gewohnheit, Schildkröten in die Luft zu heben und sie auf einen Felsen zu werfen, damit ihr Panzer zerbricht und sie an das Fleisch der Schildkröte gelangen können. Als der Adler den kahlen Schädel des alten Mannes unter sich sah, hielt er ihn für einen Felsen und ließ die Schildkröte darauf fallen.
So leugnet Demokrit den Zufall im Sinne der Kausalitätslosigkeit. Andererseits erkennt er jedoch den Zufall in einem völlig anderen Sinn an — nicht im Sinne des Fehlens einer Ursache, sondern im Sinne der Ablehnung von Zweckmäßigkeit. Demokrits Lehre ist das völlige Gegenteil der Teleologie, d.h. der Weltanschauung, nach der alles Entstehende und alles Existierende einem vorbestimmten oder beabsichtigten Ziel dient. Aus der Sicht Demokrits muss man bei jedem Phänomen die Frage stellen, warum dieses Phänomen entstanden ist, was seine Ursache ist, aber es ist völlig absurd, die Frage zu stellen, wozu es entstanden ist, was sein Ziel ist. Mit anderen Worten: Demokrits physikalisch-materialistische Weltanschauung ist strikt kausal, “kausalistisch“, sie ist keinesfalls teleologisch und beruht nicht auf der Vorstellung von Zweckmäßigkeit oder einem zielgerichteten Plan der Natur oder eines Gottes.
Daher gibt es in Demokrits Ansicht über den Zufall im Wesentlichen keinen Widerspruch. Demokrit leugnet den Zufall nicht in dem Sinne, in dem er ihn anerkennt. Er leugnet den Zufall nur im Sinne der Kausalitätslosigkeit. Gleichzeitig erkennt Demokrit den Zufall im Sinne der Ablehnung jeglicher Zweckmäßigkeit in der unorganischen Natur an. Diese Ablehnung gilt jedoch nicht für den Menschen und höhere Tiere. Der Mensch handelt selbstverständlich nach Zielen, setzt sich Ziele und sucht Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Und ebenso können auch Tiere sich Ziele setzen. Aber in der unorganischen Natur geschieht alles nicht mit einem Ziel und ist in diesem Sinne zufällig.
So ist Demokrits Sichtweise der Natur streng kausal und deterministisch. Er schließt jegliches unursächliches Entstehen von irgendetwas aus. Gleichzeitig leugnet er entschieden die Zielgerichtetheit der Prozesse in der unorganischen, wie wir heute sagen, Natur. In dieser Natur existiert nur die ewige und notwendige Bewegung der Atome. Man kann über sie nicht sagen, dass die Wirbel der Atome einer bestimmten Zielsetzung dienen.
Die Grundlagen des atomistischen Materialismus von Leukipp und Demokrit entstanden im Kampf gegen die Physik und Metaphysik der Eleaten. Die Eleaten behaupteten, dass nur das Sein existiere (eine durchgehende, unteilbare Kugel des Universums), dass es kein Nicht-Sein gebe, und dass man es nicht einmal denken könne. Im physikalischen Sinne bedeutete diese Lehre, dass es keine Leere gebe. Im Gegensatz dazu sagen die Atomisten: Es gibt das Sein, aber es gibt auch das Nicht-Sein. Laut Aristoteles sagte Leukipp, dass die Leere — das Nicht-Sein — existiert und dass das Nicht-Sein keineswegs weniger existiert als das Sein. Die Leere der Atomisten ist der leere Raum zwischen den physischen Körpern und den elementaren physikalischen Teilchen der Körper, den Atomen, die sich im Raum bewegen. Die Realität des Raumes ist nicht weniger real als die Realität der materiellen Teilchen (Atome), die sich in diesem Raum bewegen. Laut Aristoteles nahmen die Atomisten an, dass die Ursache der Dinge sowohl die Atome als auch die Leere oder die leeren Zwischenräume zwischen den Atomen sind. Die Leere zusammen mit den Atomen bildet die Materie oder die Ursache der Dinge.
Auf diesen einfachen und klaren Prinzipien bauten die Atomisten ihre gesamte Kosmologie (Weltlehre), ihre gesamte Physik, ihre gesamte Psychologie und Mathematik auf.
Kosmologie und Kosmogonie
Die Kosmologie der Atomisten und ihre Kosmogonie entsprechen in ihren verschiedenen Teilen unterschiedlichen Entwicklungsstufen der antiken Wissenschaft und sind daher in ihren einzelnen Lehren nicht gleichwertig. In einigen kosmologischen Ideen gingen die Atomisten ihrer Zeit weit voraus, in anderen blieben sie ungefähr auf dem Niveau, das die Milesier-Schule mit ihrem letzten Vertreter, Anaximenes, erreicht hatte.
Neue Errungenschaften der Atomisten waren ihre Lehren: 1) über die Unendlichkeit des Universums und 2) über die Unzahl der Welten, die gleichzeitig im unendlichen Weltraum existieren.
Die Lehre von Leukipp und Demokrit über die Unendlichkeit des Universums ergibt sich direkt aus ihrer Vorstellung von der Unendlichkeit des leeren Raumes und der Vorstellung von einer unendlichen Zahl von Atomen, die sich in der Leere bewegen. Beide Positionen sind in der antiken Literatur über die Atomisten gut belegt. Wir wissen zum Beispiel von Hippolytus nicht nur den Thesen Demokrits, dass die Welten unzählbar und in ihrer Größe unterschiedlich sind, sondern auch solche Details wie Demokrits Lehre, dass die Entfernungen zwischen den einzelnen Welten ungleich sind: zwischen einigen sind die Entfernungen größer, zwischen anderen kleiner. Bemerkenswert nahe an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist Demokrits Vermutung, dass verschiedene Welten, die gleichzeitig im Universum existieren, sich in verschiedenen Stadien ihrer “Lebenszeit“ befinden: Einige wachsen noch, andere befinden sich bereits im Höhepunkt ihres Wachstums, andere zerstören sich bereits.
Diese Ansichten standen in starkem Widerspruch zu den herrschenden Vorstellungen des 5. Jahrhunderts v. Chr. Der Gedanke an die Unendlichkeit des Universums und das gleichzeitige Bestehen unzähliger Welten hatte Schwierigkeiten, sich im Bewusstsein der Menschen durchzusetzen. Gegen die Atomisten erhob sich in dieser Frage scharf und hochmütig der Idealist Platon. Mit dem griechischen Wort “apeiros“, das sowohl “unendlich“ als auch “unwissend“ bedeutet, behauptete Platon, dass das Konzept einer unendlichen Zahl von Welten “die Meinung eines wahrhaft grenzenlosen Unwissens“ sei. Später bemerkte Cicero, dass die Theorie der unzähligen Welten zu den Lehren gehörte, die in der platonischen Akademie am meisten verlacht wurden.
Das Konzept des Demokrit über die Ewigkeit des Universums sollte nicht mit der Vorstellung von der Ewigkeit der Welten gleichgesetzt oder vermischt werden. Nur das Universum als Gesamtheit aller ewigen Atome ist ewig; im Gegensatz dazu sind einzelne Welten nach Demokrit nicht ewig: Sie entstehen, bestehen eine gewisse Zeit und zerfallen dann wieder, indem sie in Atome aufgespalten werden.
Der Prozess der Bildung einer unendlichen Zahl von Welten im unendlichen Raum stellten sich die Atomisten, wie Diogenes Laertius berichtet, der direkt auf Leukipp verweist, folgendermaßen vor: “Indem sie sich aus dem Unendlichen abspalten“, fliegen zahlreiche Körper unterschiedlicher Formen “in die große Leere“. Dort versammeln sie sich, erzeugen einen gemeinsamen Strudel, in dem sie, indem sie miteinander zusammenstoßen und sich in alle Richtungen drehen, sich aufspalten, wobei sich ähnliche Teile zu ähnlichen hinziehen. Die gleichschweren Teile jedoch, durch die große Ansammlung, sind nicht mehr in der Lage, weiter zu kreisen... Auf diese Weise weichen die feinen Körper an die äußeren Teile der Leere zurück, als würden sie zur Peripherie hin abdriften. Die anderen “bleiben zusammen“ und, indem sie sich miteinander verflechten, bewegen sie sich gemeinsam und bilden zunächst eine gewisse kugelförmige Vereinigung.
Diese kugelförmige Vereinigung trennt sich von sich selbst wie eine Hülle, die verschiedene Körper umschließt. Am Rand des Strudels, aus den ständig zusammenfließenden festen Massen, bildete sich eine dünne Hülle. Der Grund für ihre Entstehung war die Rotation der Körper und der Widerstand des Zentrums. Auf diese Weise entstand die Erde: Die zum Zentrum getragenen Massen blieben zusammen.
Doch der Prozess hielt nicht an. Die entstandene Hülle am Rand wuchs weiter; vom Strudel mitgerissen, fügte die Peripherie alles hinzu, was sie berührte. In der Folge bildeten bestimmte Körperkonfigurationen Verbindungen. Als diese Körper, die anfangs feucht waren, trockneten, begannen sie, zusammen mit dem kosmischen Strudel zu kreisen. Später, entzündet, wurden sie zu Himmelskörpern.
Am nächsten zur Erde liegt der Kreis des Mondes, der entfernteste Kreis ist der des Sonnens. Zwischen diesen beiden äußersten Kreisen befinden sich die Kreise aller anderen Himmelskörper.
Diese Kosmogonie wirft eine natürliche Frage auf: Wie lässt sich das Lehrgebäude des Leukipp von der Unendlichkeit der Welten im unendlichen Raum mit seiner Lehre von der Kugelform und damit der Endlichkeit unserer Welt, mit der Erde in ihrem Zentrum und der Sonne an ihrer Peripherie, in Einklang bringen?
Die Erklärung ist einfach: Wenn Leukipp von der Kugelform der Verbindung der Teilchen oder Körper spricht, die im Zentrum entstanden ist, und von der sich aus dieser Verbindung bildenden Hülle, beschreibt er den Entstehungsprozess nur einer der unzähligen Welten — derjenigen, in der unsere Erde, die Sonne und die zwischen Erde und Peripherie kreisenden Himmelskörper entstanden. Aber die auf diese Weise entstandene Welt, nach Leukipp, erschöpft noch nicht das Universum. Sie ist nur eine von unzähligen Welten, die entstehen und vergehen.
Eine wichtige Bestätigung dieser Aussage liefert das Zeugnis von Hippolytos. Er berichtet, dass nach Demokrit in einigen Welten weder Sonne noch Mond existieren, in anderen ist die Sonne und der Mond größer als unsere, und in manchen gibt es mehr von ihnen. Aus diesen Aussagen geht hervor, dass die Lehre der Atomisten von der Kugelform unserer Welt und ihrer Endlichkeit in keinem Widerspruch zu ihrer Lehre von der Unendlichkeit des Universums und der unendlichen Zahl der Welten stand, die das Universum bevölkern.
Die historische Bedeutung der Kosmologie der Atomisten ist doppelt. Einerseits legten Leukipp und Demokrit genial den Grundstein für die Lehre von der Unendlichkeit der Welten, die nicht nur zeitlich aufeinander folgen, sondern auch gleichzeitig existieren. Sie entwickelten die Vermutung Anaxagoras' weiter, dass die Himmelskörper und alle Phänomene am Himmelszelt rein physischer, nicht göttlicher Natur sind. Sie schlossen sich Anaxagoras auch in seiner bemerkenswerten Vermutung über die sterneartige Natur der Milchstraße an.
Doch in den Vorstellungen über die Ordnung der Himmelskörper im Raum im Verhältnis zur Erde sowie über die Form der Himmelskörper kehrten die Atomisten zu überholten und von der griechischen Wissenschaft bereits verworfenen Auffassungen zurück. Sie platzieren alle Himmelskörper zwischen dem Mond und der Sonne, wobei sie die Sonne als das äußerste Himmelslicht unseres Weltalls ansehen. Sie kehren auch zu den Ansichten des Anaximenes zurück, der die flache Form der Himmelskörper und der Erde lehrte. Zu den Schwächen der atomistischen Sicht auf den Weltprozess gehört auch, dass sie in gewissem Maße das verbreitete in der frühesten griechischen Philosophie des 6. Jahrhunderts v. Chr. (Pythagoreer, Heraklit) herrschende Konzept vom ewigen, periodischen Zurückkehren der Welt zu einem bereits durchlebten Zustand oder von der ewigen Wiederholung aller Situationen und Ereignisse in der Welt teilten.
Nicht alles in dieser Lehre ist ausreichend klar. Es gibt Zeugnisse, die nur besagen, dass in der Welt unzählige Welten existieren, die sich absolut nicht voneinander unterscheiden. Es gibt aber auch Zeugnisse, aus denen hervorgeht, dass Demokrit neben seiner Lehre vom Zusammenleben vieler völlig identischer Welten auch eine Lehre vom Prozess des Zurückkehrens der Welten zu ihrem früheren Zustand hatte.
Das Anerkennen des ewigen Kreislaufs der Welt in ihren ursprünglichen Zustand finden wir bereits bei Anaximander, dann bei Heraklit, später bei Empedokles. Besonders deutlich trat diese Lehre bei den Pythagoreern hervor. Gerade in ihrer pythagoreischen Interpretation erschien sie besonders paradox. “Wenn man den Pythagoreern glauben soll“, schrieb Eudemos, ein Schüler von Aristoteles, “wird alles wieder genau so numerisch wiederholt, und ich werde wieder mit meinem Stöckchen in der Hand euch, die hier vor mir sitzen, erzählen, und alles wird wieder in denselben Zustand zurückkehren...“
In der fehlerhaften Theorie der ewigen Wiederkehr gab es ein Samenkorn fruchtbarer Gedanken. Hier fand einer der ersten Ausdrücke für die Vorstellung von der Gesetzmäßigkeit des Weltprozesses statt. Diese Gedanken wurden durch die Fantasie eines undisziplinierten Geistes angestoßen. Aber auch falsch interpretierte Jahrtausende lange Beobachtungen über die Wiederholbarkeit von Phänomenen — Konfigurationen von Himmelskörpern, die am Himmelszelt sichtbar sind — führten zu dieser Idee. Bereits bei Heraklit war die Vorstellung der ewigen Wiederkehr mit seinem Begriff des “Weltjahres“ verknüpft, das offenbar in astronomische Beobachtungen aus den Ländern des Ostens zurückgeht. Besonders bedeutend für die Entstehung der Lehre von der ewigen Wiederkehr waren die systematischen Beobachtungen babylonischer Astronomen. Diese hatten das richtige wiederholte Zurückkehren der Himmelskörper in dieselben Positionen und Konfigurationen am Himmelszelt festgestellt. Die Ergebnisse der babylonischen Beobachtungen fanden Widerhall in der indischen und griechischen Wissenschaft.
Zwischen der Idee einer gesetzmäßigen Periodizität der Weltprozesse und der Idee ihrer absoluten Wiederholbarkeit besteht jedoch keine notwendige Verbindung. Deshalb wurde die Theorie der ewigen Wiederkehr schon in der Antike von Wissenschaftlern kritisiert, die die Gesetzmäßigkeit und Periodizität des Weltprozesses anerkannten, jedoch seine absolute Wiederholbarkeit verwarfen. Wie aus den Berichten von Cicero und Simplicius hervorgeht, vertraten Leukipp und Demokrit in dieser Frage den radikalsten Standpunkt der Anhänger der Lehre von der absoluten Wiederholung des Weltprozesses.
Atomismus in der Mathematik
Der Atomismus blieb bei Demokrit nicht nur eine physische Weltanschauung. Er war ein äußerst konsequenter Denker. Indem er sich für den Standpunkt des Atomismus entschied, strebte er danach, diesen auch auf andere Wissenschaftsbereiche zu übertragen. Einer dieser Bereiche war die Mathematik. Demokrit war ein herausragender mathematischer Denker der Antike, einer der Vorläufer des berühmten Sammelsuriums mathematischen Wissens, das um das 3. Jahrhundert v. Chr. entstand. Dieses Sammelwerk trägt den Namen “Elemente“ und stammt von Euklid. Die atomistische Konzeption der Mathematik, die Demokrit entwickelte, bestand darin, dass Demokrit mathematische Körper (Kugel, Kegel, Pyramide) als aus übereinandergelegten, jedoch voneinander getrennten Flächen ansah, ganz wie physische Atome, die durch leeren Raum getrennt sind. So besteht der Kegel nach dieser Ansicht aus einer sehr großen Anzahl von Kreisen, die parallel zur Basis des Kegels angeordnet sind, wobei ihre Radien zur Spitze hin abnehmen. Die Feinheit ihrer Schnitte ist so groß, dass sie von unseren Sinnen nicht wahrgenommen werden können. Ebenso fein ist die Schicht Raum, die die Schnitte voneinander trennt. Im Übrigen bestehen die Flächen, auf die die Körper zerlegt werden, aus Linien, und diese Linien aus unteilbaren Punkten. Unteilbare Punkte sind für keine weitere Teilung zugänglich: weder mechanisch noch gedanklich.
Die Existenz einer atomistischen Theorie der Mathematik bei Demokrit, die aus diesen Bildern der Atomistik hervorging, wurde von mehreren antiken Schriftstellern bezeugt. Diese Theorie entsprach nicht nur in der Mathematik dem atomistischen Verständnis von physischen Körpern und Naturelementen. Sie sollte auch innerhalb der Mathematik Schwierigkeiten überwinden und Widersprüche auflösen, die nach den Untersuchungen der Eleaten, insbesondere von Zenon, aufgetreten waren.
Aus der Lehre der Eleaten folgte der skeptische Schluss, dass es unmöglich sei, die Mathematik als eine Wissenschaft ohne Widersprüche zu konstruieren. Diese Wissenschaft war vor dem Aufkommen der atomistischen Lehre auf den folgenden Axiomen aufgebaut: 1) Jeder geometrische Körper ist unendlich teilbar; 2) Eine unendlich große Zahl von Elementen (die nicht null sind), selbst wenn sie alle sehr klein sind, ergibt immer eine unendlich große Summe. Die zweite dieser Axiome war, wie allgemein bekannt, vollkommen falsch. Doch im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde dieses falsche Statement in der griechischen Wissenschaft nicht nur als wahr angesehen, sondern als selbstverständlich angenommen.
Indem er sich auf diese allgemein akzeptierte Aussage stützte und die Möglichkeit der unendlichen Teilbarkeit des Ganzen in Teile als ein bedingt angenommenes Postulat akzeptierte, entwickelte Zenon Argumente, aus denen hervorging, dass diese Annahmen, wenn sie akzeptiert würden, die Mathematik notwendigerweise zu einem Widerspruch führen müssten. Diese Theorie gestattete gleichzeitig, dass jeder Körper aus einer unendlich großen Zahl von unmessbaren Punkten besteht, die nicht weiter teilbar sind, und dass jeder Körper unendlich teilbar sein könnte. Doch Zenon zeigte, dass aus den oben formulierten zwei Annahmen dieser Theorie notwendigerweise ein Widerspruch folgt: 1) Die Summe der unmessbaren Punkte, aus denen ein Körper besteht, muss gleich null sein, das heißt, der Körper hätte null Größe, und 2) Bei unendlicher Teilbarkeit müsste jeder Körper als Summe einer unendlich großen Zahl von Teilen unendlich groß sein. Da ein Widerspruch für Zenon unvorstellbar war, kam er zu dem Schluss, dass die Annahme der Teilbarkeit von Körpern falsch sei. Körper sind unteilbar. Für die Mathematik schien sich somit eine ernsthafte Schwierigkeit zu stellen.
Die atomistische Theorie der Mathematik befreite die Mathematik von dem Widerspruch, der durch Zenons Kritik aufgedeckt worden war. Die Atomisten behaupteten, dass die Teilung eines Körpers nicht bis ins Unendliche gehen könne und dass für die Teilchen der Materie eine absolute Grenze der Teilbarkeit existiere. Der Atom selbst ist diese Grenze. Deshalb, so erklärten die Atomisten, besteht der Körper nicht aus einer unendlich großen Zahl von Teilen, sondern aus einer sehr großen, aber dennoch endlichen Zahl von Atomen. Deshalb muss jeder Körper in keinem Fall unendlich groß sein.
Andererseits darf der Körper auch nicht null Größe annehmen: Obwohl die Atome, aus denen der Körper besteht, sehr klein sind (von den Sinnen nicht wahrnehmbar), ist ihre Größe nicht null. Atome sind reale Teilchen der Materie. Deshalb ist jeder Körper, der eine Verbindung oder Ansammlung von Atomen darstellt, nicht nichts, sondern hat eine reale Größe.
Die atomistische Theorie der Mathematik befreite die Wissenschaft nicht nur von den Schwierigkeiten, die durch Zenons Kritik aufgedeckt wurden. Diese Theorie wurde von Demokrit und seinen Anhängern auch auf eine Reihe von Problemen und Aufgaben der Mathematik angewendet. Der Blick auf den Kegel als einen Körper, der aus einer sehr großen Zahl von winzigen, mit den Sinnen nicht wahrnehmbaren Flächen besteht — aus parallel zur Basis des Kegels angeordneten Kreisen — wurde von Demokrit zur Begründung des Satzes über das Volumen des Kegels verwendet. Demokrit stellte die Behauptung auf, dass das Volumen eines Kegels ein Drittel des Volumens eines Zylinders mit derselben Basis und Höhe wie der Kegel beträgt. Auf Grundlage desselben Blickwinkels äußerte Demokrit auch die Behauptung über das Volumen der Pyramide: Dieses Volumen entspricht einem Drittel des Volumens der Pyramide mit derselben Basis und Höhe wie die Pyramide.
In der Stereometrie betrachtete Demokrit die Pyramide als das grundlegende atomarische Körper. Alle Körper, so Demokrit, können in Pyramiden zerlegt werden. Nach der Erklärung des sowjetischen Historikers der antiken Wissenschaft, Prof. S. J. Lurje, wurde die Kugel bei Demokrit ebenfalls als “die Summe einer sehr großen Zahl von nadelartigen Pyramiden mit für die Sinne unmerklich kleinen Basen, deren Gesamtheit die Oberfläche der Kugel bildet, mit Spitzen in ihrem Zentrum“ angesehen. Mit anderen Worten, die Kugel erhält bei Demokrit das Aussehen eines Polyeders mit einer für die Sinne unendlich großen Zahl von Flächen.
Eine der wichtigsten Merkmale der atomistischen Theorie der Mathematik war die Ablehnung der Realität irrationaler Verhältnisse. Seit den Pythagoreern, die die Unmöglichkeit des Verhältnisses zwischen der Seite eines Quadrats und seiner Diagonalen entdeckten, beschäftigte sich die griechische Mathematik fortwährend mit dem Problem der Irrationalität. Die Pythagoreer waren nicht nur davon fasziniert, sondern tatsächlich beunruhigt — und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Pythagoreer behaupteten, dass die Dinge Zahlen seien und dass alles Seiende durch Zahlen ausgedrückt werden könne. Daher stellte die Entdeckung der Irrationalität für sie eine wahre Krise der Mathematik dar, die scheinbar die Grundlagen ihrer philosophischen Lehre erschütterte. Aus diesem Grund wurde diese Entdeckung zunächst tief geheim gehalten, um Unkundige nicht zu beunruhigen.
Auf der Grundlage der Prinzipien des Atomismus mildert Demokrit die Schärfe des Problems. Für Demokrit bestehen alle mathematischen Objekte — Körper, Flächen, Linien — aus atomaren, also unteilbaren, Elementen. Das bedeutet, dass keine irrationalen Verhältnisse möglich sind. Jedes Verhältnis zwischen beliebigen Größen ist ein Verhältnis zwischen ganzen Zahlen, die die Mengen unteilbarer atomarer Elemente ausdrücken. Die Diagonale des Quadrats besteht, ebenso wie seine Seiten, aus einer sehr großen Anzahl unteilbarer Elemente, deren Zahl endlich ist und immer durch eine ganze Zahl ausgedrückt werden kann.
Diese Theorie geriet jedoch in Widerspruch zu den unumstößlichen Ergebnissen der Geometrie. Um diesen Widerspruch zu beseitigen, führte Demokrit eine Unterscheidung zwischen zwei Arten des Wissens ein — dem sinnlichen und dem intellektuellen. Irrationale Verhältnisse erscheinen gemäß seiner Erklärung nur für den Verstand, der sich auf die sinnliche Wahrnehmung stützt, als real. Einen solchen Verstand bezeichnet Demokrit als “dunkel“. Für ihn erscheinen Diagonale und Seite eines Quadrats als durchgehende Linien, und das Verhältnis zwischen ihnen kann irrational sein. Für das intellektuelle Denken, das zu den letzten Elementen der Realität vordringt — den atomaren Elementen —, gibt es jedoch nichts Irrationales in der Welt.
Wie nahmen die Zeitgenossen Demokrits und die späteren Wissenschaftler diese atomistische Theorie der Mathematik auf? Sie stießen auf erheblichen Widerstand. In der Tat bestand die Hauptansicht dieser Theorie in der Ablehnung der unendlichen Teilbarkeit von Körpern und Größen. Die atomistische Theorie behauptete, dass eine solche unendliche Teilung nicht möglich sei. Sie sei nicht nur als reale physische Zerstückelung eines materiellen Teilchens in immer kleinere Teile unmöglich, sondern auch als gedankliche Fortsetzung der Teilung, nachdem die technisch erreichbare Grenze der Teilbarkeit überschritten ist. Die Theorie Demokrits lehrt, dass für jeden Körper und jedes mathematische Element eine Grenze der Teilbarkeit existiert. Diese Grenze ist das Atom — die kleinste Größe im absoluten Sinne des Wortes.
Die Mathematik, die Demokrit auf Grundlage dieser Ansicht entwickelte, war frei von inneren logischen Widersprüchen. Die Prinzipien dieser Mathematik widersprachen jedoch eindeutig der sinnlichen Intuition der Realität, auf die die zeitgenössische und spätere antike Mathematik angewiesen war. Doch Demokrit appelliert nicht an die sinnliche Intuition, nicht an die unmittelbare anschauliche Wahrnehmung. Seine Theorie bezieht sich auf Objekte, die nur der Welt des Denkens zugänglich sind. Demokrits Theorie forderte eine Abkehr von der üblichen Vorstellung, dass einer beginnenden Teilung eines Körpers oder einer Größe grundsätzlich kein Ende gesetzt werden könne.
Es war schwierig, diese Sichtweise anzunehmen: Das Vertrauen in die sinnliche Intuition war zu stark. Daher lehnten die meisten späteren Mathematiker und Philosophen verschiedener Schulen, insbesondere der aristotelischen, die Theorie Demokrits ab. Sie erklärten sie für zerstörerisch für die Grundlagen der Mathematik. Bereits Euklid widerlegte Demokrit in seinem ersten Satz des 10. Buches seiner “Elemente“, indem er beweist, dass im Prozess der wiederholten Teilung jede Größe kleiner als jede gegebene Größe werden kann. Die philosophische Grundlage für seine Behauptung der unendlichen Teilbarkeit einer Größe konnte Euklid bei Aristoteles finden.
Nach der Kritik von Mathematikern und Aristoteles in der Zeit nach Demokrit wurde die atomistische Theorie der Mathematik später in der materialistischen Schule des Epikur wiederbelebt.
Die Lehre vom Wissen
Im Zusammenhang mit der Atomistik von Leukipp und Demokrit steht ihre Lehre vom Wissen. Die atomistische Theorie stellte neue, schwierige Fragen für die Erkenntnistheorie und lieferte den Schlüssel zur Lösung dieser Fragen.
Wie wir bereits gesehen haben (vgl. oben Kap. II), war eine der Folgen der Erkenntnistheorie der Eleaten der Skeptizismus gegenüber der sinnlichen Erkenntnis und der scharfe Bruch zwischen den Daten der sinnlichen Wahrnehmung und den Ergebnissen des Denkens. Da wahres Wissen über das wirklich Seiende nur durch den Verstand erlangt werden kann, so lautete die Lehre der Eleaten, kann dieses Wissen nur eine Erkenntnis des Verstandes sein. Im Gegensatz dazu geben die sinnlichen Wahrnehmungen nur unsicheres, wankendes Meinungen wieder.
In dieser Herabsetzung der Rolle der sinnlichen Quelle des Wissens fand später der Skeptizismus Unterstützung, der in einigen Schulen der antiken griechischen Philosophie, zum Beispiel in der Schule der Sophisten, entwickelt wurde.
Die Atomisten hingegen traten in dieser Frage den Eleaten entgegen. Sie bewahrten genauso klar wie die Eleaten die Unterscheidung zwischen sinnlichem und intellektuellem Wissen. Wie die Eleaten behaupten auch die Atomisten, dass den Sinnen das unmittelbare Erkennen der wahrhaft wesentlichen Elemente des Seins, d. h. der Atome, verborgen bleibt. Die Überzeugung von der Existenz der Atome und die Bestimmung ihrer Eigenschaften führt der Verstand herbei. Doch die Eleaten glaubten, dass das Wissen, das der Verstand erlangt, vollkommen im Gegensatz zu den sinnlichen Wahrnehmungen steht. Im Gegensatz dazu sehen die Atomisten im Wissen des Verstandes nicht einen Gegensatz zu den sinnlichen Wahrnehmungen, sondern deren Fortsetzung, Vertiefung und Präzisierung. Die Zuverlässigkeit des intellektuellen Wissens hat ihren Ursprung in derselben sinnlichen Wahrnehmung.
Ein Fragment von Galen enthält Zitate aus dem Werk von Demokrit, in dem ein Dialog zwischen dem Verstand und den Empfindungen dargestellt wird. Unabhängig von der dialogischen Form ist aus der Reihenfolge der Zitate ersichtlich, zu welcher Lösung der Streit für Demokrit selbst führt. Zuerst erklärt der Verstand die sinnlich wahrgenommenen Phänomene für trügerisch, doch dann weisen die Empfindungen darauf hin, dass die Grundlage des Verstandesbeweises in denselben Empfindungen liegt. So wird der Sieg des Verstandes, der sich über die Sinne erhoben hat, zu seiner eigenen Niederlage.
Aristoteles und der bedeutendste Gelehrte seiner Schule, Theophrastos, bezeugten zuverlässig die grundlegende Neigung von Demokrit. Ihren Berichten zufolge stellte Demokrit den Intellekt nicht den Sinneseindrücken gegenüber und sah die Quelle des verlässlichen Wissens in den Sinnen, im Gegensatz zu Anaxagoras, bei dem der Intellekt scharf von den sinnlich wahrnehmbaren “Samen“ der Dinge getrennt ist. Demokrit, so Aristoteles, “betrachtet den Intellekt nicht als eine Kraft, mit der die Wahrheit erfasst wird, sondern identifiziert ihn mit der Seele“ [De anima, I, 2, 404a; 12, c.l9—20].
Die Identifikation des Intellekts mit den Sinneswahrnehmungen, von der Aristoteles spricht, steht bei Demokrit in engem Zusammenhang mit der Überzeugung, dass das durch die Sinne vermittelte Wissen das wahre Wissen ist. So zumindest deutet Aristoteles Demokrits Ansicht. “… Weil sie (Demokrit, Anaxagoras und andere) das sinnliche Wahrnehmen für vernünftiges Denken halten, müssen sie alles für wahr erklären, was einem einzelnen Menschen gemäß der Zeugenschaft der Sinneswahrnehmung erscheint“ [Met., III, 5, 1009 b; 7, S. 70].
Es könnte den Anschein haben, dass hier ein Widerspruch bei Demokrit vorliegt. Einerseits erkennt er das sinnliche Phänomen als wahr an. Andererseits betont er scharf, dass nicht alle Qualitäten, die durch die Sinne entdeckt werden, in den Dingen selbst existieren. So existieren weder Farbe noch Ton noch Geruch noch Temperatureffekte in der tatsächlichen Wirklichkeit.
Sowohl Aristoteles als auch dessen Schüler Theophrastos betrachteten beide dieser Aussagen Demokrits als offensichtlich widersprüchlich. Doch ein Teil der Zeugnisse lässt darauf schließen, dass Demokrit hier nicht von einem Gegensatz oder einer Unvereinbarkeit zwischen den sinnlichen und intellektuellen Wissensarten spricht, sondern vielmehr von einem Unterschied zwischen ihnen, genauer gesagt, von einem unterschiedlichen Grad der Tiefe des Eindringens in die wahre Natur der Dinge. Und das sinnliche Wahrnehmen liefert wahres Wissen. Dinge, bei denen die Sinne, etwa das Sehen, aussagen, dass sie sich bewegen, bewegen sich tatsächlich. Aber nicht alles in der Natur der Dinge ist unmittelbar dem sinnlichen Wahrnehmen zugänglich. Offensichtlich muss man Demokrits Texte über die zwei Wissensarten in diesem Sinne verstehen. Demokrit zufolge gibt es zwei Arten des Erkennens: eine wahre und eine dunkle. Die dunkle umfasst all jene Arten des Wissens: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Was das wahre Wissen betrifft, so unterscheidet es sich grundlegend von der ersten [vgl. 74, VII. 139; 38, S. 242].
Dieses Unterscheiden ist jedoch keine Gegensatzbildung. Es bezieht sich im Wesentlichen lediglich auf ein vertieftes Eindringen mit dem Intellekt in jene Natur der Dinge, die den Sinnen nicht vollständig zugänglich ist: “Wenn die dunkle Art des Wissens nicht mehr in der Lage ist, das zu sehen, was zu klein ist, zu hören, zu riechen, zu schmecken oder zu tasten, sondern das Forschen bis zu dem feineren, für die Sinne unzugänglichen Bereich vordringen muss, dann tritt die wahre Art des Wissens auf, da sie im Denken über ein feineren Erkenntnisapparat verfügt“ [ebd.].
Obwohl keine Gegensatzbildung vorliegt, ist der Unterschied der beiden Wissensarten von außerordentlicher Bedeutung. Mithilfe dieses Unterschieds löst Demokrit einige Schwierigkeiten, die mit der Theorie des atomistischen Aufbaus der Körper zusammenhängen, darunter solche, die mit der Geometrie zu tun haben.
Ein solches Problem betrifft die atomistische Theorie, nach der der Kegel aus einer sehr großen Zahl einzelner Kreise besteht, die parallel zur Basis des Kegels verlaufen. Wenn dem so ist, stellt sich zwangsläufig die Frage: Sind diese Kreise gleich im Durchmesser und in der Fläche oder nicht, und welche Form hat die Erzeugende des Kegels in beiden Fällen? Wenn die Kreise gleich groß sind, wird die Erzeugende parallel zur Achse des Kegels verlaufen, und wir haben keinen Kegel mehr, sondern einen Zylinder. Wenn jedoch die Kreise ungleich sind, muss die Erzeugende keine gerade Linie sein, die den Umfang des Kegels mit seiner Spitze verbindet, sondern eine gebrochene Linie, ähnlich dem Umriss von Treppenstufen.
Aus der Erkenntnistheorie Demokrits heraus lässt sich das Paradoxon leicht lösen. Ein durchgehendes Erzeugen des Kegels existiert in Wirklichkeit nicht. Die Elemente des Kegels bestehen aus einer sehr großen, aber endlichen Zahl von Atomen, die durch Leere voneinander getrennt sind. Wäre unser Auge so scharf, dass es die atomaren Elemente des Kegels wahrnehmen könnte, so würde die Erzeugende uns nicht als durchgehende Linie erscheinen, sondern wie eine gestrichelte Linie, die einen der atomaren Punkte, die auf dem Umfang der Kegelbasis liegen, mit dem atomaren Punkt verbindet, der die Spitze bildet. Da unser sinnliches Sehen jedoch solche kleinen Körper nicht wahrnimmt, erscheint uns die Erzeugende des Kegels als durchgehende Linie.
Ebenso hätte Demokrit das Problem der Berührung einer geraden Linie mit dem Umfang eines Kreises gelöst. Im Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Dinge erscheint für das nichtwissenschaftliche Bewusstsein die Gerade als berührend, nicht in einem einzigen Punkt, sondern in einer ganzen Reihe von Punkten, die sich zu einem Abschnitt der Linie vereinen. Im Bereich des vom Intellekt erfassten Wissens geht die Geometrie der zu Demokrits Zeit aktuellen Schule davon aus, dass sowohl die Gerade als auch der Kreis durchgehende Linien sind und dass die Gerade den Kreis nur an einem einzigen Punkt berührt, der sowohl auf der Geraden als auch auf dem Umfang des Kreises liegt. Demokrits Auffassung nach ist eine Berührung im eigentlichen Sinne jedoch auch in einem einzigen Punkt unmöglich. Sowohl die Gerade als auch der Kreis sind, nach Demokrit, keine durchgehenden Linien, sondern bestehen aus atomaren Punkten, die durch Atome der Leere voneinander getrennt sind; ein unmittelbares Berühren von Atom zu Atom ist undenkbar, da alle Atome durch Leere voneinander getrennt sind. Dennoch behält Demokrit den Begriff der “Berührung“ bei und verleiht ihm einen eigenen Sinn, der der atomistischen Auffassung entspricht.
Die Frage nach dem Verhältnis des Denkens zur sinnlichen Wahrnehmung barg eine große Schwierigkeit, die nicht nur Demokrit, sondern der gesamten spekulativen (nicht-dialektischen) Materialismus nicht lösen konnte. In der Tat: Solange wir nicht aus dem Kreis der spekulativen und daher passiven Wahrnehmungen heraustreten, haben wir keine Möglichkeit zu entscheiden, welche der von uns sinnlich wahrgenommenen Eigenschaften der Dinge zu ihrer objektiven Wesenheit gehören. Ohne ein Kriterium der materiellen Praxis konnte der atomistische Materialismus nicht zufriedenstellend erklären, was in den Angaben unserer Sinne subjektiv ist und was die wahre, “feinere“ Natur der Dinge ist, die durch die Tätigkeit des Intellekts erfasst wird. Einerseits verkünden auch die Sinne die Wahrheit. Andererseits ist diese Verkündung unvollständig und unvollkommen. Einerseits sind die Phänomene wahr. Andererseits ist die Wahrheit tief verborgen und für die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung unzugänglich.
So finden sich in Demokrits Aussagen (in den uns überlieferten Fragmenten) zahlreiche Passagen, die auf den ersten Blick wie ein Eingeständnis der Begrenztheit unseres Wissens erscheinen, seiner Unfähigkeit, die wahre Natur der Dinge zu erfassen: “…wir wissen nichts über irgendetwas, aber für jeden von uns ist seine Meinung das Ergebnis der Bilder, die zu ihm kommen“ [8]. Und noch eindrucksvoller: “Oft habe ich gezeigt, dass wir nicht wahrnehmen, was jede Sache in Wirklichkeit ist und welche Eigenschaften ihr tatsächlich nicht eigen sind“ [9].
Aus dem Zusammenhang der gesamten Erkenntnistheorie Demokrits heraus betrachtet, vermitteln solche Aussagen jedoch nicht den Eindruck eines skeptischen Denkers, der die Möglichkeit der Erkenntnis der wahren Natur der Dinge verneint. Diese Aussagen wurden von antiken Schriftstellern skeptischer Richtung häufig im Sinne eines Beweises ihres eigenen Skeptizismus verwendet. Auch Demokrits Gegner warfen ihm einen skeptischen Standpunkt vor. Doch bereits Plutarch erläuterte, dass Demokrit gegen den Skeptizismus und Relativismus des Protagoras auftrat — gegen die These, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, sei es der existierenden oder nicht existierenden Dinge. In der Tat drücken die vermeintlich skeptischen Positionen Demokrits nur die Unfähigkeit des spekulativen, nicht-dialektischen Materialismus aus, zu erklären, was in den Wahrnehmungen der Sinne subjektiv ist und was zumindest das Erste, wenn auch unvollständig, aber dennoch eine Annäherung an die tiefere Natur der Erscheinungen ist.
Die detaillierte Ausarbeitung der Erkenntnistheorie bei Demokrit ging Hand in Hand mit der Entwicklung seiner Ansichten über die Kriterien der logischen Verknüpfung des Denkens, mit anderen Worten, der Fragen der Logik. Demokrits logische Ansichten wurden in seinen “Kanones“ niedergelegt (der Titel “Kanones“ bedeutet “Kriterien“, “Regeln“). Aus den spärlichen Fragmenten, die uns von Philodemus, einem Anhänger des Epikur, überliefert wurden, lässt sich der Schluss ziehen, dass Demokrit es für nicht möglich hielt, logische Verbindungen in einem Argument unabhängig vom Inhalt jedes einzelnen Arguments insgesamt zu betrachten. In einem der Fragmente wird behauptet, dass die wissenschaftliche Richtigkeit eines Arguments an seiner Fähigkeit gemessen wird, die Zukunft zu erahnen und uns in dieser Zukunft in unseren praktischen Handlungen zu leiten. Besonders hervorgehoben werden dabei zukünftige Ereignisse des gesellschaftlich-politischen Lebens: “Es ist ersichtlich, dass ein Argument korrekt ist, weil es uns immer auch das zukünftige Geschehen eröffnet und uns in Bezug auf dieses zukünftige Geschehen hilft … die geeignetsten in politischen Dingen, sei es an der Spitze der Demokratie, der Monarchie oder irgendeiner anderen Regierungsform, sind stets diejenigen, die auf diese Weise argumentieren.“
Leukipp und Demokrit beschränkten sich nicht nur darauf, den kausalen (ursächlichen) Standpunkt in allen Bereichen des wissenschaftlichen Denkens und Forschens konsequent anzuwenden. Das Prinzip der ursächlichen Verbindung erkannten und formulierten die Atomisten auch in ihrer logischen Theorie. In dem Werk von Leukipp “Über den Geist“, das uns durch Aetius überliefert wurde, findet sich ein Text, in dem Leukipp erklärt: “Nichts entsteht ohne Grund, sondern alles entsteht auf irgendeiner Basis und aus Notwendigkeit.“
In der Untersuchung und Entdeckung der ursächlichen Verbindungen sahen die Atomisten eine der wichtigsten wissenschaftlichen Aufgaben. Die Titel einiger Werke Demokrits zeigen, dass sie sich mit der Untersuchung von Ursachen befassten (“Ursachen der Himmelsphänomene“, “Ursachen der Gesetze“ usw.).
In den drei Büchern der “Kanones“ wird nacheinander die Lehre von den drei Kriterien der Erkenntnis dargelegt. Das erste betrifft die sinnliche Erkenntnis von Erscheinungen, das zweite das Denken, mit dessen Hilfe die wissenschaftliche Forschung betrieben wird, das dritte das Wünschenswerte und das Unerwünschte, durch das unser Streben bestimmt wird, uns einem Objekt zu nähern oder uns von ihm zu entfernen.
So wurde in den “Kanones“ Demokrits Lehre von den Arten des Wissens dargelegt. Fragen der Logik wurden hier nicht von Fragen der Erkenntnistheorie getrennt behandelt.
Über die Details von Demokrits logischen Theorien verfügen wir nicht.
Psychologie
In seiner Erkenntnistheorie setzte Demokrit den Intellekt nicht dem Gefühl entgegen, sondern unterschied sie präzise. Doch in seiner Psychologie betonte er ihre Gemeinsamkeit, ihre einheitliche Grundlage. Dies ist kein Widerspruch in den Ansichten Demokrits und keine zwei verschiedenen Stadien in der Entwicklung seiner Gedanken, sondern die Unterscheidung von zwei Fragen: der Frage nach der Abgrenzung der Funktionen von Gefühl und Intellekt in der Erkenntnis und der Frage nach ihrer Quelle.
Da jedoch Leukipp und Demokrit die sinnlichen Wahrnehmungen als die einheitliche Grundlage des Wissens ansahen, lässt sich daraus noch nicht bestimmen, wie ihre philosophische Position in der Erkenntnistheorie zu verstehen ist. Aus Lenins genialem Werk “Materialismus und Empiriokritizismus“ wissen wir gut, dass die bloße Behauptung, dass alle unsere Erkenntnisse aus einer einzigen Quelle — den sinnlichen Wahrnehmungen — hervorgehen, für sich genommen noch nicht bestimmt, ob die Philosophie, die eine solche Behauptung aufstellt, materialistisch oder idealistisch ist. Daher müssen wir im Fall von Leukipp und Demokrit weitergehen und die Frage stellen, wie sie die sinnliche Wahrnehmung selbst verstanden: idealistisch oder materialistisch?
Die Betrachtung dieser neuen Frage zeigt, dass die Atomisten in ihrer Erklärung der Phänomene der sinnlichen Wahrnehmung zweifellos auf einem materialistischen Standpunkt standen. Sie sahen in den Sinnen nicht nur die erste Stufe in der Erlangung objektiven Wissens über die Realität, sondern versuchten auch, eine materialistische Theorie der sinnlichen Wahrnehmung zu entwickeln. Hierüber haben wir ein autoritäres Zeugnis von Theophrastus. Mehr noch: Bei der Beschreibung von Demokrits Lehre von der körperlichen Grundlage der sinnlichen Wahrnehmungen weist Theophrastus auf den tiefen Unterschied und sogar den Gegensatz zwischen der materialistischen Theorie Demokrits und der Theorie der Wahrnehmung des Idealisten Platon hin.
Demokrit erklärt Wahrnehmung und andere seelische Aktivitäten auf der Grundlage des materialistischen Atomismus. Er strebt danach, die materielle Grundlage der sinnlichen Wahrnehmung zu bestimmen. Die Erklärungen Demokrits sind naiv, manchmal grob, aber sie haben eine große prinzipielle Bedeutung als Versuch, auch in der Psychologie einen materialistischen Standpunkt zu vertreten. Nach Demokrit ist die Seele eine Ansammlung, eine temporäre Vereinigung von Atomen. Doch da die Seele den Körper in Bewegung setzt und da die beweglichste aller Formen die Kugelform ist, besteht die Seele aus kugelförmigen Atomen. Es sind die Atome des Feuers, des beweglichsten aller Elemente. Laut Aristoteles entwickelte Demokrit den Standpunkt jener griechischen Wissenschaftler am klarsten, die annahmen, dass die Seele Feuer sei.
Demokrit versuchte erstmals, den Mechanismus jeder einzelnen Art von Empfindung zu erklären. Besonders interessant ist seine Theorie der visuellen Wahrnehmung. Ihre Originalität wird von Theophrastus hervorgehoben. Demokrits Auffassung zufolge entsteht das Sehen aus einer Reflexion, jedoch nicht einer spiegelbildlichen Reflexion. Sie entsteht nicht direkt im Auge, sondern die Luft, die sich zwischen dem Auge und dem betrachteten Gegenstand befindet, “nimmt einen Abdruck, indem sie sich durch das Sichtbare und das Sehenswerte zusammendrückt“. Danach reflektiert die Luft, nachdem sie sich verdichtet und eine andere Farbe angenommen hat, in den feuchten Teilen des Auges.
Demokrits Verständnis von Wahrnehmung und Denken war nicht nur materialistisch, sondern auch in seiner Theorie des Denkens von einem kausalen Ansatz geprägt. Wie der gleiche Theophrast berichtet, stellte Demokrit das Denken als abhängig von der Mischung der Elemente dar, die den Körper bilden. Dies war, so Theophrast, eine durchaus konsequente Sichtweise: Da Demokrit die Seele mit dem Körper identifizierte, musste er das Denken als einen Prozess erklären, der mit einer harmonischen Mischung der Substanzen zusammenhängt, aus denen die Seele besteht.
Ein besonders originelles Konzept in Demokrits Lehre ist seine Auffassung von der Rolle der Seele und des Atems im mechanischen Gleichgewicht, das laut Demokrit das Leben stützt und dem Widerstand gegen den Tod dient. Die Umgebung übt Druck auf die Körper aus und verdrängt die Atome, die sich in ihnen befinden und den Tieren Bewegung verleihen. Doch diesem Druck entgegen wirken Atome, die durch den Atem von außen in den Körper gelangen und verhindern, dass diese Atome den Körper verlassen. Sie hindern den Körper daran, unter dem äußeren Druck zu verdichten und abzukühlen. Ein Tier lebt, solange es diese Funktion aufrechterhalten kann.
Aristoteles hob hervor, dass Demokrits psychologische Theorie einen ausschließlich kausalen Charakter hatte. Obwohl die Seele und der Atem für das Leben notwendig sind, betrachtete Demokrit sie nicht aus einer teleologischen Perspektive. Sein Interesse galt vielmehr dem kausalen Mechanismus ihrer Entstehung und Wirkung.
Demokrits Auffassung von der Seele als einer Sammlung kugelförmiger Feueratome führte ihn zu der Vorstellung, dass die Seele sterblich ist, was eine bemerkenswerte materialistische Auslegung des Todes darstellt. Da der Ausstrom der Atome, die die Seele bilden, nicht sofort erfolgt, sondern über einen bestimmten Zeitraum, ist der Tod nach Demokrit kein plötzliches Ereignis, sondern ein Prozess, der sich im Laufe der Zeit vollzieht. Da die Seele die Ursache der Bewegungen im Körper ist, finden bekannte Bewegungen und Veränderungen im Organismus auch nach dem scheinbaren Verlust der Lebenszeichen statt. Demokrit verwies hierbei auf Beobachtungen wie das Wachstum von Nägeln und Haaren bei Verstorbenen.
Der Materialismus Demokrits steht in enger Verbindung mit der Tradition des ionischen Materialismus der frühen griechischen Naturphilosophen. Ähnlich wie Heraklit reduzierte Demokrit die Seele auf ein feuriges Prinzip. In Übereinstimmung mit den materialistischen Lehren der Milesier vertritt er die Auffassung, dass die ganze Natur belebt ist. Leben unterscheidet sich von Tod nur durch die Anzahl der kugelförmigen Feueratome im Körper. Diese Atome befinden sich jedoch nicht nur in den Körpern von Tieren und Menschen, sondern überall: in Steinen, Pflanzen und sogar in den Leichnamen von Tieren.
Demokrit konnte diese Ansicht nur vertreten, weil die Seele, wie er sie verstand, nicht notwendigerweise an ein einziges Organ gebunden war, das als ihr Zentrum fungiert. Nur der vernünftige Teil der Seele ist strikt lokalisiert und sitzt im Brustbereich, während der unvernünftige Teil über den gesamten Körper verteilt ist.
In Demokrits Lehre von den Göttern vereinen sich Kritik an der traditionellen Religion, Rationalismus und Überreste religiöser und magischer Vorstellungen. Einerseits lehnt Demokrit die mythologischen Vorstellungen von den Göttern ab. Selbst der oberste Gott des griechischen Olymp, Zeus, ist für Demokrit nur der Luftstoff, der alle feurigen Atome enthält. Demokrit glaubt, dass die Vorstellungen von den Göttern in der Volksreligion aus der Angst vor unerklärlichen Naturphänomenen entstanden sind, die der Mensch nicht beherrschen kann, sondern die im Gegenteil über ihn herrschen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass schon antike Idealisten Demokrits Lehre von den Göttern als atheistisch kritisierten, besonders das Ablehnen der Ewigkeit der Götter erschien unvereinbar mit der religiösen Sichtweise.
Dennoch hat Demokrit das religiöse Gottesbild nicht völlig verworfen. Er leugnet nicht die religiöse Weltsicht, sondern verarbeitet sie in Übereinstimmung mit seiner atomistischen Theorie und unter Beibehaltung gewisser magischer Vorstellungen.
Die Frage nach der Existenz der Götter stellte Demokrit im Zusammenhang mit seiner Theorie der feurigen Atome. Besonders viele kugelförmige Feueratome befinden sich in der Luft. Die Luft ist nicht nur das materielle Medium, das für das notwendige Ein- und Ausatmen des Lebens erforderlich ist, sondern sie ist auch mit Atomen der Seele durchzogen. Aber die Luft enthält nicht nur einzelne Atome der Seele, sondern sie ist auch voll von Bildern, die aus den Wirbeln der feurigen Kugelatome entstehen. Diese Bilder sind die Götter. Sie entstehen durch die Verbindung der Atome und sind schwer zerstörbar, das heißt, sie zerfallen nur langsam. Ihre Existenz ist lang, aber nicht ewig. Die Götter Demokrits sind Bilder, die den Menschen ähnlich sind. Wenn diese Bilder den Menschen näher kommen, wirken einige von ihnen wohltuend, andere schädlich. Sie kündigen die Zukunft der Menschen durch ihr Aussehen und die Geräusche, die sie von sich geben, an.
Diese Sichtweise ist magisch. Nach Demokrit ist der Luftraum mit vielen dämonischen “Bildern“ erfüllt, die auf den Menschen einwirken können und umgekehrt von ihm beeinflusst werden können. Diese Einflüsse sind möglich durch die Ausscheidungen, die von den Objekten der natürlichen Welt ausgehen, einschließlich des Menschen, sowie von den dämonischen göttlichen Bildern. Diese Auffassung machte für Demokrit auch den Glauben an Vorzeichen, an prophetische Träume, an den bösen Blick und an die Wirkung von Gebeten möglich.
Jedoch beruht Demokrits magische Auffassung nicht auf idealistischer Mystik oder dem Glauben an übernatürliche Kräfte, sondern auf naturwissenschaftlichen Annahmen. Demokrits magische Vorstellungen basieren nicht auf göttlicher Willkür, sondern auf dem atomaren Aufbau der Körper der Natur und den Wirbeln von Atomen, aus denen sowohl die Himmelskörper als auch die Luft und die in der Luft schwebenden göttlichen Bilder entstehen. Diese naturwissenschaftlich und sogar materialistisch geprägte Auffassung über die magische Wirkung der Ausscheidungen wurde von Plutarch bestätigt.
Lehre vom Menschen und der Kultur
Die Lehre des Demokrit über die Seele führt uns zu seiner Auffassung von der Kultur. Zunächst brachte Demokrit in den Begriff der Kultur die Idee ihrer Entwicklung ein. Vor ihm war dieser Gedanke von seinen Vorgängern als eine Vorstellung von der Veränderung der Natur geäußert worden. Bereits Anaximander hatte die Idee eines allmählichen Entwicklungsprozesses des organischen Lebens aufgestellt, das Entstehen der Tiere, die heute die Erde bewohnen, aus Meeresbewohnern und die Entstehung des Menschen aus fischartigen Wesen. Xenophanes und andere bereicherten den Gedanken der Veränderungen in der Natur durch ihre Beobachtungen von Fossilien, die auch heute noch weit entfernt vom Meer und in großer Höhe gefunden werden. Anaxagoras äußerte den genialen Gedanken über die Bedeutung der Hand im geistigen Entwicklungsprozess des Menschen, die Hand als Werkzeug der technischen Handlung.
Jedoch finden wir bei keinem dieser Vorgänger Demokrits noch eine klare Vorstellung von der Entwicklung der menschlichen Kultur — sowohl der materiellen als auch der geistigen.
Ein weiterer neuer Aspekt in Demokrits Lehre über die Kultur ist der Gedanke, dass die treibende Kraft dieser Entwicklung die Notwendigkeit und der Nutzen waren, das heißt die Nützlichkeit zur Befriedigung der Bedürfnisse.
Nach Demokrit ist das erste und größte aller Bedürfnisse das Erlangen von Nahrung, um zu existieren und zu leben. An zweiter Stelle steht das Bedürfnis nach Unterkunft, an dritter Stelle das Bedürfnis nach Kleidung. Das materielle Bedürfnis wird bei Demokrit als die fortwährend wirkende Grundursache der Veränderungen betrachtet, die sich in der Entwicklung der Gesellschaft vollziehen. Doch als unmittelbaren Auslöser dieser Veränderungen sieht Demokrit das Bewusstsein der Menschen für den Nutzen, den Neuerungen für ihr Leben bringen.
In Demokrits Lehre verbindet sich der Gedanke an die materielle Ursache von Veränderungen, die zur Entwicklung der Gesellschaft führen, mit dem Gedanken an die Rolle des Bewusstseins — des Bewusstseins von Nutzen — im Leben der Gesellschaft. Der Materialismus ist dabei nur der letzte Hintergrund der Erklärung. In den Vordergrund rückt die Rolle des Bewusstseins. Ein Begriff des materiellen Produktionsprozesses, des Zusammenhangs von Bewusstsein und diesem Prozess sowie der Änderungen in ihm fehlt Demokrit natürlich noch.
Ein ähnliches Zusammenspiel von Gedanken über die natürliche — materielle — Notwendigkeit und der menschlichen Festlegung, die vom Bewusstsein des Nutzens bestimmt ist, finden wir in Demokrits Lehre über die Sprache und deren Entstehung.
Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. stellte sich der griechischen Wissenschaft eine wichtige Frage: In welchem Verhältnis stehen die Wörter der Sprache zu den Dingen, die sie bezeichnen? Anders ausgedrückt, worauf beruht die Verbindung zwischen Wort und Ding: auf der Ähnlichkeit des Wortes mit der Natur des bezeichneten Gegenstands oder auf einem bloßen Übereinkommen, das heißt einer Vereinbarung zwischen den Menschen, dass ein bestimmter Gegenstand künftig mit einem bestimmten Wort bezeichnet wird, ohne dass eine Beziehung zwischen dem Wort und der Natur des Gegenstandes besteht? Laut der ersten dieser Ansichten besteht die Verbindung zwischen Wort und Ding von Natur aus, laut der zweiten nicht von Natur aus, sondern durch eine Festlegung.
Demokrit vereint in seiner Sprachtheorie beide Ansichten, jedoch so, dass eindeutig die zweite überwiegt. Einerseits führt er die Entstehung der Sprache aus derselben materiellen Notwendigkeit her, die nach seiner Lehre die Grundlage aller Veränderungen im Leben der Gesellschaft bildet. Wenn er diesen Gedanken weiterentwickelt, scheint Demokrit zu glauben, dass das Wort ein Abbild des Gegenstandes selbst ist. In diesem Sinne sagte er beispielsweise, dass “die Namen der Götter die klingenden Abbildungen ihrer“ seien.
Andererseits, indem er tiefer in die Frage nach der Beziehung zwischen Wort — Name — und dem Ding eindringt, kommt Demokrit zu dem Schluss, dass das Verhältnis des Wortes zum Ding nicht mehr durch die Natur des Gegenstandes, sondern durch eine Vereinbarung innerhalb der Gesellschaft, die eine bestimmte Sprache spricht, bedingt ist. Diese Lösung des Problems wird von Proklus, einem späten Neuplatoniker, in seinem Kommentar zu Platons “Kratylos“ deutlich bestätigt. Demokrits Auffassung zufolge ist die Sprache also kein einfaches “natürliches“ Phänomen, sondern eine Art Fortsetzung dieses Phänomens.
Der für alle Atomisten typische Blick auf die Kultur als eine eigenständige Fortsetzung der Natur tritt auch in den Äußerungen Demokrits über die Kunst deutlich zutage. Von Demokrit stammt die Theorie, dass Kunst ein “Nachahmen“ der Natur ist. Dabei unterscheidet Demokrit noch nicht zwischen “Kunst“ im Sinne von Tätigkeiten, die Kunstwerke hervorbringen, und “Kunst“ im weitaus breiteren Sinn, der Techniken, Handwerkskünste, landwirtschaftliche Verfahren und dergleichen umfasst. In all diesen “Künsten“ betrachtet Demokrit das Nachahmen dessen, was der Mensch in der Tätigkeit der Tiere beobachtet, als Quelle.
Dieser Ursprung menschlicher Kunst wird direkt in einem Text Demokrits von Plutarch überliefert: “Von den Tieren haben wir durch Nachahmung die wichtigsten Dinge gelernt: nämlich, wir sind Schüler des Spinnentiers in der Weberei und Schneiderei, Schüler der Schwalbe im Bau von Behausungen und Schüler der Singvögel, des Schwans und der Nachtigall im Gesang.“
Demokrits Lehre, nach der die Natur die Quelle der Kunst ist und die erste Lehrerin des Menschen im Bereich der Kunst, steht nicht im Widerspruch zu seiner Erklärung des künstlerischen Inspiration. Nach Demokrit ist künstlerische Inspiration ein gewisser Typ von göttlicher Eingebung und sogar eine Art Wahnsinn. So charakterisieren die römischen Schriftsteller Cicero und Horaz Demokrits Sicht auf die Inspiration.
Wie passt diese Auffassung Demokrits mit seiner Lehre von der Kunst als “Nachahmung“ der Natur zusammen? Der Gedanke Demokrits ist hier klar. Inspiration ist für Kunst — für Kunstfertigkeit (für Dichtung, Musik) erforderlich. Im Gegensatz dazu ist sie nicht notwendig für Kunst — technische Fertigkeit, die (wie zum Beispiel die Weberei) aus der Nachahmung der Handlungen von Tieren, die in der Natur beobachtet werden, hervorgegangen ist. Nur für die “poetischen“ (kreativen) Künste ist die Quelle die “Inspiration“, der “Wahnsinn“. Doch auch in diesen Künsten enthält “Inspiration“, “Wahnsinn“ nichts Mystisches. Ihr Ursprung ist dieselbe “natürliche Magie“, auf die sich Demokrits Begriff von den Göttern, von den Dämonen — den Bildern, die in der Luft schweben und durch ihre Ausströmungen verschiedene Wirkungen auf den Menschen ausüben — stützt. Die von außen in den Dichter eindringenden Kräfte der Inspiration erzeugen in ihm etwas, das ihn über die gewöhnlichen Grenzen des Verstandes hinausführt. Doch in diesen Kräften gibt es nichts Übernatürliches, Mystisches. Ihr Ursprung sind dieselben “Bilder“, die durch das Zusammentreffen von Atomen entstehen.
Ethik und Politik
Ein herausragender Platz in der Lehre des Demokrit nimmt die Ethik ein. Demokrit gelang es, seine ethischen Auffassungen in einer glänzenden literarischen Form zu fassen, die die Ansichten der fortschrittlicheren Schichten der griechischen Sklavenhalterdemokratie des 5. Jahrhunderts v. Chr. widerspiegeln.
Die ethische Lehre des Demokrit ist durch die grundlegenden Merkmale seiner politischen Lehre geprägt. Die Axiomatik und Grundlage seiner Ethik ist der Gedanke, dass der freie Grieche keine isolierte Einheit außerhalb der Gesellschaft darstellt, sondern Bürger eines Stadtstaates (Polis) ist. Ein gut geführter Staat ist die größte Bastion: In ihm ist alles enthalten, und wenn er erhalten bleibt, bleibt alles intakt, doch wenn er verfällt, geht auch alles unter. Daher müssen die Interessen des Staates über alles andere gestellt werden; man muss dafür sorgen, dass er gut geführt wird. Diese Aussage gilt für jeden Staat, und den Feind des Staates muss man in jeder Staatsform töten.
Neben dieser Voraussetzung, die für das Bestehen eines jeden Staates notwendig ist, formuliert Demokrit auch solche Normen politischen Verhaltens, die für die Bürger nicht jedes Staates, sondern des besten Staates erforderlich sind. Als den besten Staat betrachtete Demokrit die Demokratie.
Demokrit zufolge sind die Vorteile einer demokratischen Ordnung so groß, dass in einer demokratischen Polis sogar Armut besser ist als Reichtum in einer Monarchie. Doch die unbestreitbaren Vorteile der Demokratie garantieren nicht — das sieht Demokrit klar — absolut, dass immer und in jedem Fall nur die besten Bürger gewählt werden. Demokrit erkannte, dass in den Polis seiner Zeit, bei der häufigen Wechselwahl, ehemalige Herrscher, die ihre Ämter abgegeben hatten, oft Verfolgungen von denen erfuhren, die während ihrer Herrschaft zur Rechenschaft gezogen worden waren. Demokrit wollte in der demokratischen Staatsform Bedingungen schaffen, die die Standhaftigkeit und Sicherheit der demokratisch gewählten Herrscher beim Wahrhalten und Verteidigen der demokratischen Ordnung gewährleisteten. Daher betonte er neben der Forderung nach Sicherheitsgarantien für gewählte Herrscher, die ihre staatsbürgerlichen Pflichten ehrlich erfüllten, dass gewählte Amtsträger, die ihre Funktionen gut ausübten, nicht für diese Leistung gelobt werden sollten — ebenso wie es seltsam wäre, die zu loben, die anvertraute Gelder zurückgeben: Denn eine führende Person wird nicht gewählt, um schlecht zu handeln, sondern um gut zu handeln.
Demokrit macht die intellektuelle Überlegenheit und die Vorbereitung auf die Staatsführung nicht zum Privileg der höchsten Kaste oder Klasse. Er glaubt, dass die Eigenschaften, die für den Bürger erforderlich sind, durch Erziehung und Bildung erworben werden. “Weder Kunst noch Weisheit kann erreicht werden, wenn man nicht lernt.“ Doch Demokrit schränkt den Kreis der Erziehbaren nicht auf eine exklusive Oberschicht ein. Erstens, so weist er hin, sind die Anlagen zur Vernunft auch denen eigen, die keine Bildung erhalten haben. Zweitens hängt alles Gute, zu dem ein Mensch in der Reife fähig ist, nicht von seiner “Natur“, nicht von seiner Herkunft ab, sondern von seiner Erziehung: “Mehr Menschen werden durch Übung gut als durch Natur.“
Demokrit verstand gut, dass das gesellschaftlich-politische Leben nicht mehr “Natur“ im unmittelbaren Sinne ist. Politisches Handeln ist das, was der Mensch zur “Natur“ hinzufügt. Doch Demokrit gelingt es nicht, im Menschen richtig zwischen den durch die Natur gegebenen Zügen und den sekundären Zügen, dem Resultat von Erziehung und sozialer Prägung, zu unterscheiden. Bei Klemens wird ein Zitat aus Demokrit überliefert, in dem er sagt: “Lehre verändert den Menschen, die Natur aber, indem sie verändert, schafft den Menschen, und es gibt keinen Unterschied, ob man so wird, von Natur geformt, oder ob man durch Zeit und Lehre in eine solche Form umgestaltet wird.“
Offenbar, wie Diels vermutet, dachte Demokrit, dass die Lehre den Menschen umwandelt und ihm durch diese Umgestaltung eine neue Natur erschafft.
Bei der Ausarbeitung ethischer Fragen geht Demokrit von den allgemeinen Grundlagen seiner Weltanschauung aus. Wie wir gesehen haben, erkannte er in seiner Erkenntnistheorie die Sinneswahrnehmung als den Ausgangspunkt des Wissens. Dementsprechend betrachtete er auch im Bereich der Ethik das Streben nach dem, was das Gefühl der Freude erzeugt, als treibende Kraft des Verhaltens, und die Abwendung von allem, was das Gefühl des Unbehagens hervorrufen könnte.
Das Ziel des Lebens, so Demokrit, ist “eine gute Gemütsverfassung (euthymia)“. Dieses Ziel ist sowohl für Alte als auch für Junge dasselbe. Es ist keineswegs völlig subjektiv, wie das einfache Gefühl von Freude. Das Konzept des Guten und Schlechten ist objektiv und einheitlich für alle Menschen: “Was einem angenehm ist… ist es für einen anderen nicht, aber für alle Menschen gibt es dasselbe Gute und dieselbe Wahrheit.“ Das Verhältnis zwischen subjektiver Freude und Unzufriedenheit entspricht einem breiteren und objektiveren Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden. Freude ist das Zeichen der Nützlichkeit dessen, was dieses Vergnügen verursacht, und Unzufriedenheit ist das gleiche Zeichen für die Schädlichkeit.
Doch das Gefühl der Freude kann nur dann als Maßstab der Nützlichkeit (und damit der Schädlichkeit) dienen, wenn es der Maßhaltung unterliegt. “Das rechte Maß ist in allem schön.“
In das allgemeine griechische Verständnis des “Maßes“ führt Demokrit eine neue Bedeutung ein. Nicht nur im subjektiven Bereich der Empfindungen, sondern auch im Bereich des öffentlichen Verhaltens fordert er, das Maß zu wahren. Unter Maß versteht er hier das Verhalten, das im Einklang mit den Kräften und Fähigkeiten steht, die dem Menschen durch die Natur gegeben sind.
Aufgeklärte Freude im Maß, die das Ziel des Handelns bildet, ist nicht mehr das unmittelbare sinnliche Vergnügen. Wie Diogenes Laertios erklärt, ist “Euthymia“ oder “gute Gemütsverfassung“ nicht dasselbe wie Freude, wie einige die Gedanken Demokrits interpretierten, sondern ein Zustand, in dem die Seele in Frieden und Ruhe lebt, nicht von Angst oder Dämonenfurcht erschüttert. “Euthymia“ kann nur erreicht werden, wenn der Mensch seine Freuden von den vergänglichen Dingen unabhängig macht.
In der Ethik Demokrits nähern sich die Kräfte, die das moralische Verhalten des Menschen antreiben, denen des Verstandes, sie werden intellektualisiert. In den Handlungen des Verstandes sieht Demokrit die Ursache sowohl für richtige Taten, die den Menschen zum Glück führen, als auch für falsche, die zum Unglück führen. Alles Schlechte, das im Handeln des Menschen liegt, erklärt Demokrit als Mangel an Wissen: “Der Grund des Fehlens ist, dass das Beste nicht bekannt ist.“
Weisheit nannte Demokrit die Athene Tritogeneia, was er dahingehend verstand, dass Weisheit drei Früchte bringt: nicht nur die Gabe, gut zu denken und gut zu sprechen, sondern auch die Gabe, gut zu handeln.
Die Ethik des Demokrits ist von Vernunft erleuchtet und optimistisch. Wenn die Quelle des fehlerhaften Handelns im Fehlen oder Mangel an Wissen liegt, bedeutet dies, dass es in das Leben der Menschen keine Mängel oder Übel gibt, die nicht beseitigt und überwunden werden könnten. Alles hängt vom Erwerb des notwendigen Wissens ab. Der Mensch besitzt — zumindest in der Möglichkeit — die ganze Welt, und es gibt keine Grenzen für seine Vervollkommnung. Der weise Mensch, auch wenn er das bestehende Übel sieht, erkennt es nicht als unumstößlich und unbesiegbar an: Aus dem Übel kann der Weise Gutes ziehen, wenn er das notwendige Wissen dafür besitzt. Umgekehrt ist der Mensch, dem die Weisheit fehlt, in der Lage, das Gute selbst ins Böse zu verkehren. Bei den Menschen wächst das Übel aus dem Guten, wenn sie nicht in der Lage sind, mit dem Guten richtig umzugehen und es angemessen zu nutzen. Ein tiefes Gewässer zum Beispiel ist in vieler Hinsicht nützlich, aber es kann auch schädlich sein, da die Gefahr besteht, darin zu ertrinken. Doch es gibt ein Mittel, diese Gefahr zu vermeiden — das Erlernen des Schwimmens.
Die intellektualistische Ethik des Demokrits ist kontemplativ und tendiert zum Ideal des kontemplativen Glücks und der Selbstgenügsamkeit. Für Demokrit verdient die unerschütterliche Weisheit den höchsten Respekt. Die Unerschütterlichkeit ist für Demokrit ein Synonym für “Euthymia“, das “gute Seelenheil“, das er als das Ziel des Lebens ansah. Nach dem Zeugnis von Stobäus nannte Demokrit das Glück “gutes Seelenheil, Wohlstand, Harmonie, Symmetrie und Unerschütterlichkeit“.
Das Ideal des kontemplativen Wissens wird vom Philosophen erreicht, der die Mängel der ihm gegenwärtigen Demokratie erkennt, die Distanz sieht, die sie vom möglichen Perfektion entfernt, und Korrekturen vorschlägt, dabei jedoch fest auf ihrem Fundament bleibt und sie als die beste Form der politischen Ordnung anerkennt. Er verwirft das ihm zeitgenössische Staatsführungswesen nicht von vornherein, sondern empfiehlt, dieses “als die höchste aller Künste“ zu studieren, insbesondere in seinen besten Ausprägungen, die von Melissos und Parmenides vertreten werden.
Doch obwohl für Demokrit Wissen das Mittel ist, das Hindernisse für das Erreichen des “guten Seelenheils“ (Euthymia) beseitigt, ist es noch kein Hebel zur Transformation der Welt. Der Materialismus des Demokrit bleibt ein kontemplativer Materialismus. Der unersättliche Wissensdurst, den Demokrit im frühen Marxismus findet, führt nicht in den Drang, die Welt mit Hilfe des Wissens zu verändern.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025