Neokonfuzianismus – Kosmologen
Das Gesetz der Evolution der Dinge
Wenn man zur Diagrammstruktur von Shao Yun eine vierte, fünfte und sechste Reihe hinzufügt und dieselbe Kombinationsmethode anwendet, erhält man ein Diagramm, das alle 64 Hexagramme umfasst, zusammengesetzt aus den Kombinationen der acht Trigramme. Teilt man es anschließend in zwei gleiche Hälften, die jeweils halbkreisförmig gebogen sind, und fügt die Hälften zusammen, entsteht Shao Yuns „rundes Diagramm der 64 Hexagramme“. Betrachtet man es (zur Vereinfachung hier auf die zwölf Haupthexagramme reduziert), so erkennt man, dass alle zwölf in der richtigen Reihenfolge folgen — vom Zentrum aus oben im Uhrzeigersinn.
Diese Reihenfolge lässt sich automatisch mit der sogenannten „Verdopplungsmethode“ gewinnen. Die Anzahl der Linien in jeder Reihe des Diagramms verdoppelt sich gegenüber der vorherigen unteren Reihe, sodass die Kombination aller sechs Reihen die 64 Hexagramme an der Spitze erzeugt. Diese einfache Progression macht das Diagramm gleichzeitig natürlich und mystisch. Deshalb betrachteten die meisten Neokonfuzianer es als eine der größten Entdeckungen Shao Yuns, in der ein universelles Gesetz gefunden werden kann, das die Evolution aller Dinge steuert, und als Schlüssel zum Geheimnis des Kosmos.
Dieses Gesetz bestimmt nicht nur den Wechsel der Jahreszeiten, sondern auch den Wechsel von Tag und Nacht alle 24 Stunden. Shao Yun und andere Neokonfuzianer betrachteten Yin als einfaches Negativ von Yang. Wenn Yang die konstruktive kosmische Kraft ist, ist Yin ihr destruktives Prinzip. In diesem Sinne interpretiert, drückt das Diagramm den Weg aus, den alle Dinge im Kosmos durch Schöpfung und Zerstörung durchlaufen. So zeigt die erste Linie des Hexagramms Fu den Beginn der Schöpfungsphase, und im Hexagramm Qian findet man deren Vollendung. Die erste Linie des Hexagramms Gou markiert den Beginn der Zerstörungsphase, die im Hexagramm Kun abgeschlossen wird. Auf diese Weise wird im Diagramm das universelle Gesetz der „Selbstnegation“ grafisch dargestellt, wie es bereits von Laozi und im Yi Zhuan beschrieben wurde.
Die Welt als Ganzes bildet keine Ausnahme von diesem universellen Gesetz. Shao Yun sagt, dass die Welt mit der ersten Linie des Hexagramms Fu entsteht. Mit dem Hexagramm Tai erscheinen die zugehörigen individuellen Dinge. Dann tritt der Mensch auf, und mit dem Hexagramm Qian beginnt das „Goldene Zeitalter“ der Zivilisation. Anschließend setzt ein allmählicher Verfall ein, bis mit dem Hexagramm Bo alle individuellen Dinge vergehen und die Welt mit dem Hexagramm Kun aufhört zu existieren. Danach entsteht die Welt erneut mit der ersten Linie des Hexagramms Fu, und der Zyklus wiederholt sich. So lebt die geschaffene und zerstörte Welt insgesamt 129.600 Jahre.
Shao Yuns Hauptwerk ist das Huang Ji Jing Shi Shu („Buch der historischen Epochen gemäß dem Kanon des höchsten Höchsten“), in dem ein chronologisches Schema unserer Welt entwickelt wird. Nach dieser Chronologie liegt das „Goldene Zeitalter“ unserer Welt bereits hinter uns. Es fällt in die Regierungszeit von Yao, dem legendären Helden der mythischen Antike, der traditionell im 24. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll. Heute befinden wir uns in der Epoche des Hexagramms Wo, in der alle Dinge dem Verfall entgegengehen.
Wie bereits erwähnt, betrachteten viele chinesische Philosophen die Geschichte als einen Prozess allmählicher Degeneration, bei dem alles Gegenwärtige dem idealen Vergangenen nachsteht. Shao Yuns Theorie begründet diese Auffassung metaphysisch. Die Vorstellung, dass alles seine eigene Negation in sich trägt, erinnert an Hegel. Während nach Hegel durch die Negation eines Dings etwas Neues auf höherem Niveau entsteht, wiederholt nach Laozi und dem Buch der Wandlungen das Neue lediglich das Alte. Dies ist die Philosophie eines agrarischen Landes, wie wir bereits im zweiten Kapitel ausgeführt haben.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 05/10/2025