Weltpolitik und Weltphilosophie
Die Vereinigung Chinas
Obwohl Qin Shi Huangdi der erste war, der das Land einte, hegten viele Menschen die Idee einer solchen Einheit bereits lange vor ihm. So wird im Mengzi berichtet, dass auf die Frage von Hui Wang von Liang: „Wie kann unter dem Himmel Frieden herrschen?“ Mengzi antwortete: „Wenn Einheit besteht, wird auch Frieden sein.“ „Doch wer kann unter dem Himmel Einigkeit schaffen?“ fragte Hui Wang. „Wer Freude am Töten von Menschen nicht empfindet, kann sie vereinen“, antwortete Mengzi (1a, 6). Die Worte von Mengzi spiegeln lebhaft die Sehnsüchte seiner Zeit wider.
Das oft als „Frieden“ übersetzte chinesische Wort tianxia bedeutet wörtlich „alles, was unter dem Himmel ist“. Manche übersetzen es als „Reich“ und gehen davon aus, dass tianxia in der Antike für die Chinesen nur das Territorium der chinesischen Staaten umfasste. Das ist zwar korrekt, doch darf man die Bedeutung des Begriffs nicht mit den räumlichen Vorstellungen der Menschen einer bestimmten Epoche verwechseln. Letzteres ergibt sich aus dem konkreten Wissen der Menschen in einer bestimmten Zeit, Erstere ist eine definitorische Frage. Ebenso kann man das Wort ren („Menschen“) nicht mit „Chinesen“ gleichsetzen, nur weil die Alten darunter Personen chinesischer Abstammung verstanden. Wenn die alten Chinesen von ren sprachen, meinten sie „menschliche Wesen“, auch wenn ihr Wissen über diese damals auf diejenigen beschränkt war, die im Gebiet des Zentralstaates lebten. Ebenso verstanden sie unter tianxia „die ganze Welt“, obwohl diese Welt für sie nicht über die chinesischen Staaten hinausreichte.
Seit der Zeit Konfuzius’ begannen die Chinesen im Allgemeinen und politische Denker im Besonderen, über politische Angelegenheiten in Begriffen von „Welt“ nachzudenken. Deshalb erschien den Menschen jener Zeit die Vereinigung Chinas unter der Herrschaft von Qin genauso bedeutsam wie uns heute die Vereinigung der ganzen Welt. Seit 221 v. Chr. lebten die Chinesen über zweitausend Jahre hinweg in einer Welt und unter einheitlicher Verwaltung. Ausnahmen bildeten lediglich Perioden, die die Chinesen selbst als „unruhig“ bezeichneten. Sie hatten sich an eine zentralisierte Organisation gewöhnt, die Frieden in der Welt sicherstellte. Doch in jüngster Vergangenheit sahen sie sich erneut einer Welt gegenüber, deren politische Lage an die fernen Epochen der Chunqiu- und Zhanguo-Zeit erinnerte. Die Chinesen waren gezwungen, eingefahrene Denkmuster und Verhaltensweisen zu ändern. In diesem Sinne wiederholte sich für die Chinesen die Geschichte, was in erheblichem Maße zu ihrem gegenwärtigen Leid beitrug (vgl. „Anmerkung…“ am Ende des Kapitels).
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 05/10/2025