Grundlagen des phänomenologischen Projekts - Phänomenologie E. Husserls - Kontinentale Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Kontinentale Philosophie

Phänomenologie E. Husserls

Grundlagen des phänomenologischen Projekts

Wir wenden uns nun der sogenannten kontinentalen Philosophie zu, wie sie sich im 20. Jahrhundert herausgebildet hat und sich bis heute erfolgreich weiterentwickelt. Auf den ersten Blick mag es erscheinen, als sei die Wahl des 20. Jahrhunderts als paradigmatisches Zeitalter für die Philosophie eine rein willentliche Entscheidung. In Wirklichkeit jedoch entwickelte sich die Philosophie auf globaler Ebene so, dass gerade im vergangenen Jahrhundert ihre Potenziale auf einer prinzipiell neuen Grundlage realisiert wurden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte unbestreitbar die deutsche Philosophie die kontinentale Strömung an, die später einen starken Gegner in der französischen Philosophie fand.

Der deutsche Mainstream der vergangenen 100 Jahre lässt sich wie folgt darstellen: Husserls Phänomenologie – Heideggers fundamentale Ontologie – Gadamers Hermeneutik – die Philosophie des kommunikativen Diskurses von K.-O. Apel und J. Habermas. Interessanterweise bestehen zwischen drei dieser fünf Philosophen Lehrer-Schüler-Beziehungen: Heidegger war Husserls Schüler, Gadamer Heideggers Schüler. Habermas und Apel übernahmen viele Ideen Gadamers, wobei für sie jedoch nicht diese zentral waren, sondern die konzeptuellen Grundlagen der neomarxistischen Philosophie der Kritischen Theorie von Horkheimer und Adorno. Somit begegnet uns beim Einstieg in die kontinentale Philosophie zunächst Husserls Phänomenologie.

Der deutsch-jüdische Philosoph Edmund Husserl (1859–1938) wurde in der österreichischen Stadt Possnitz geboren, die überwiegend von einer slawischen Bevölkerung (Mahren) bewohnt war, die Deutschen und insbesondere Juden gegenüber eher misstrauisch war. Als Jude erzogen, trat er im Alter von 28 Jahren zum Christentum über und erhielt neun Jahre später die preußische Staatsbürgerschaft. Husserls jüdische Herkunft brachte ihm viele Schwierigkeiten ein. 1933 wurde er als Professor an der Universität Freiburg in den Ruhestand versetzt. Vier Jahre später wurden der mittlerweile hochbetagte, international anerkannte Professor und seine Frau aus ihrer Freiburger Wohnung vertrieben. Sein umfangreicher Archivbestand von über 45.000 Seiten dichter Manuskripte wurde 1939 nach seinem Tod durch den belgischen Franziskaner G. Bred nach Löwen gebracht, wo das heute weltbekannte Husserl-Archiv entstand. Kritische Stimmen behaupten, Husserl habe sein Leben bewusst darauf ausgerichtet, der Philosophie eine messianische Rolle zu verschaffen, indem er sie auf einen wissenschaftlich festen Weg führen wollte. Diese Aussage ist umstritten, doch dass er sich als Pionier der Philosophie verstand, steht außer Frage.

Husserl erhielt eine umfassende Ausbildung in Mathematik, Psychologie und Philosophie. Zu seinen Lehrern zählten die bedeutenden Mathematiker K. Weierstraß und L. Kronecker, der Psychologe und Philosoph F. Brentano sowie der Psychologe K. Stumpf. Es überrascht daher nicht, dass Husserl in seiner wissenschaftlichen Reife das Projekt entwickelte, Mathematik (erweitert um Logik), Psychologie und Philosophie zu vereinen. Er war der Ansicht, dass all diese Wissensbereiche ohne solide Grundlage auskommen. Vorrangig war daher die Reform der Philosophie, die in transformierter Form die Basis für Logik, Mathematik, Psychologie und letztlich für die gesamte Wissenschaft werden sollte. Auch die Philosophie selbst sollte eine strenge Wissenschaft werden. Eine seiner Schriften trägt den aufschlussreichen Titel „Philosophie als strenge Wissenschaft“, was besonders analytisch orientierte Philosophen, die der Wissenschaft zugeneigt sind, ansprechen dürfte. Husserls Ansatz hat jedoch nur eine indirekte Beziehung zur analytischen Philosophie. Frege und Russell, die Begründer der analytischen Philosophie, gingen vom Standpunkt der Logik aus, weshalb sie als Logizisten bezeichnet wurden. Husserl hingegen verfolgte einen prinzipiell anderen Ansatz: Er wollte die Natur der Logik auf Basis einer neuen Philosophie erklären, deren Reformimpulse aus der Psychologie stammten. Daher kam es zwangsläufig zu Konflikten zwischen Husserl und Frege, die beide an den Grundlagen der Arithmetik interessiert waren.

1891 veröffentlichte Husserl seine erste Monographie „Philosophie der Arithmetik. Psychologische und logische Untersuchungen“. Kernidee war, dass die Natur arithmetischer Konzepte, insbesondere grundlegender wie Zahl und Menge, durch psychologische Analyse bestimmt werde. Psychologie galt als Schlüssel zum Verständnis der Arithmetik. Der junge Husserl war naiv der Ansicht, er habe Frege in der Erkenntnis der philosophischen Grundlagen der Arithmetik übertroffen. Frege reagierte jedoch mit einer kritischen Rezension, in der er betonte, dass Psychologie lediglich eine empirische Wissenschaft sei, auf deren Basis sich kein Zahlbegriff entwickeln lasse. Frege, in Anlehnung an Platon, sah das Reich der Zahlen als unabhängig von der sinnlichen Erfahrung der Menschen, einschließlich Mathematikern und Philosophen, existierend. Husserl nahm Freges Kritik ernst, was ihn nicht in den Platonismus führte, ihn jedoch zwang, die Bedeutung der Psychologie neu zu bewerten. Er zog seine Behauptung zurück, dass die Natur von Begriffen in der Psychologie offenbart werde. Stattdessen wurde die Untersuchung der Konstitution von Begriffen durch den Menschen zum zentralen Thema seiner weiteren Arbeit. Nun stützte er sich auf die Phänomenologie als eigene philosophische Theorie.

Wegweisend waren seine beiden Arbeiten von 1900 und 1901: „Logische Untersuchungen. Erster Teil: Einleitung in die reine Logik“ und „Logische Untersuchungen. Zweiter Teil: Untersuchungen zur Phänomenologie und Erkenntnistheorie“. 1913 erschien sein Hauptwerk „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erster Band: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie“. Erst damit erhielt die Welt einen „Phänomenologen“ mit großem Anfangsbuchstaben – dies wurde in deutschen Universitätskreisen erkannt. Husserl wurde später auf den Lehrstuhl für Philosophie an der renommierten Universität Freiburg berufen, zuvor geleitet von dem bedeutenden Neukantianer H. Rickert.

Doch was bedeutet es, Phänomenologe zu sein? Wörtlich verstanden ist Phänomenologie die Lehre von den Phänomenen (griech. ta phenomena). Dieses Lehrsystem kann jedoch unterschiedlich interpretiert werden. In den Subwissenschaften, etwa in der Physik, unterscheidet man zwischen phänomenologischen und dynamischen Theorien. Phänomenologische Theorien untersuchen nicht die fundamentalen physikalischen Gesetze selbst, sondern deren Erscheinungen. So gilt die Thermodynamik als phänomenologische Wissenschaft, da ihre Untersuchungsobjekte, etwa Temperatur, nicht durch mikrophysikalische Vorgänge wie Molekularbewegung erklärt werden.

Die breiteste Interpretation des Begriffs „Phänomenologie“ schlug der deutsche Philosoph I. Lambert (1764) vor. Er wollte ein Instrument zur Unterscheidung von Wirklichem und Scheinbarem schaffen und führte den Begriff des tatsächlich Geschehenden ein. Nach Kant geht die Phänomenologie der Metaphysik als Lehre von den wahren Grundlagen der Wissenschaft voraus. In der Regel versteht man unter Phänomenologie die Lehre vom Erscheinenden oder Geschehenden.

Husserl berücksichtigte bei der Benennung seiner Theorie als Phänomenologie die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten, war sich aber bewusst, dass seine Theorie grundlegend von anderen Varianten der Phänomenologie abweicht. Er verstand Phänomenologie als philosophische Lehre vom Erkennen auf Basis der Phänomene des Wesens, sei es in wissenschaftlichen Gesetzen oder im Wesen realer Dinge. Diese Auffassung war sowohl Hegel als auch Kant fremd. Ähnlich wie Platon sah Hegel die Weltgesetze als unabhängig vom erkennenden Subjekt gegeben. Kant begründete seine Theorie auf apriorischen Prinzipien, die den Phänomenen vorausgehen. Gleiches galt für viele Neukantianer, mit denen Husserl persönlich vertraut war. Husserl stellte sich die enorme philosophische Aufgabe, die Wege der Konstitution menschlicher Begriffe, einschließlich grundlegender Regulative menschlichen Handelns, zu erforschen. Im Gegensatz zu analytischen Philosophen setzte Husserl dabei nicht auf Sprache, sondern auf die Mentalität. Analytische Philosophen beginnen beim Studium des Mentale (Bewusstsein) stets mit Sprachphilosophie, für sie ist diese der Schlüssel zur Philosophie der Mentalität. Husserl hingegen argumentierte umgekehrt: Die Philosophie der Mentalität eröffnet den Zugang zur Sprachphilosophie. Für ihn war entscheidend, die Konstitution von Konzeptualität im menschlichen Bewusstsein zu verstehen. Seine Phänomenologie ist die Lehre dieser Konstitution. Im Folgenden rekonstruieren wir vor allem den zentralen konzeptuellen Inhalt von Husserls Phänomenologie.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025