Kritische Bewertung der Phänomenologie - Phänomenologie E. Husserls - Kontinentale Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Kontinentale Philosophie

Phänomenologie E. Husserls

Kritische Bewertung der Phänomenologie

Bei der Bewertung der Phänomenologie ist der gesamte Verlauf der Entwicklung der Weltphilosophie zu berücksichtigen. Besonders relevant ist dabei die Frage nach dem Verhältnis von Mentalem und Körperlichem. Bis zum 17. Jahrhundert gelang es Philosophen kaum, diese Frage scharf zu formulieren. Descartes’ unbestreitbare Leistung bestand darin, Seele und Körper einander gegenüberzustellen und ein Problem zu formulieren, das einer Lösung bedurfte. Nach Descartes versuchte fast jeder bedeutende Philosoph, das Problem des Dualismus von Geist und Körper zu lösen, doch alle Versuche scheiterten regelmäßig. Besonders bemerkenswert waren die Anstrengungen der Empiristen John Locke, George Berkeley und David Hume auf der einen Seite sowie der Rationalisten Descartes, Leibniz und Kant auf der anderen.

Locke entwickelte zur Bestimmung der Natur von Begriffen die Theorie der Abstraktion, nach der Reflexion Sinneswahrnehmungen in Begriffe verwandelt. Das Scheitern dieses Versuchs lag in der Ablehnung der ideellen Eignung des gesamten Sinnesmaterials. Berkeley reduzierte die gesamte Außenwelt auf die Mentalität des Menschen. Ein solcher Radikalismus wurde nur von wenigen Philosophen als tatsächliche Überwindung des Dualismus von Geist und Körper anerkannt.

Die Rationalisten gingen anders vor. Sie bewerteten philosophisch ausschließlich die Formen des Denkens, die das Sinnliche ordnen. Nach Kant erlauben apriorische Prinzipien die philosophische Erfassung des Sinnlichen. Ein solcher Aufbau erschien vielen jedoch recht formal. Descartes’ Dualismus blieb ungelöst, zwischen Mentalem und Körperlichem klaffte weiterhin eine Kluft. Der Positivismus, Mitte des 19. Jahrhunderts vom Franzosen Auguste Comte und dem Engländer John Stuart Mill laut verkündet, wollte diese Kluft schließen. Comte erklärte die beobachtbaren Phänomene zur einzigen Basis wissenschaftlicher Philosophie, doch der Tunnel vom Sinnlichen zum Denkenden gelang ihm nicht. Erfolgreicher waren Mills Versuche, der Logik eine psychologische Grundlage zu geben, indem er das Sinnliche der Logik unterordnete und den induktiven Ansatz nutzte. Mills Projekt schien vielen vielversprechend, doch die rasche Entwicklung der Logik Ende des 19. Jahrhunderts machte diese Hoffnungen weitgehend zunichte. Notwendig war eine neue symbolische Logik, die nach Mill entwickelt wurde. Die historische Staffel verband Mills Positivismus mit Carnaps Neopositivismus. Carnap handelte im Geiste Mills, doch trotz brillanter logischer Ausbildung erreichte auch er keinen vollständigen Erfolg. Carnaps Scheitern führte dazu, dass der Dualismus Descartes von der Mehrheit der analytischen Philosophen als Pseudo-Problem angesehen wurde. Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt das Mentale kaum als Gegenstand philosophischer Forschung. Erst durch Gilbert Ryle wurden dem Mentalen wieder philosophische Rechte zugestanden, wenn auch stark zugunsten der Sprache eingeschränkt.

Unserer Ansicht nach besteht der Hauptmangel phänomenologischer Konstruktionen darin, dass sie versuchen, alle Fragen der konzeptuellen Erkenntnis ohne direkten Bezug auf wissenschaftliches Material zu lösen. Der Phänomenologe bemüht sich stets, die Entstehung und Natur eines Konzepts durch Verweis auf die Erfahrungswelt zu erklären. Tatsächlich jedoch entstehen neue Konzepte im Prozess der Transformation veralteter Theorien. Der Forscher bewegt sich, entgegen den Behauptungen der Phänomenologen, nicht von Erfahrungen zu Konzepten, sondern von einem Konzept zum nächsten. Erfahrungen selbst sind bereits konzeptuell geprägt.

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Geschichte der Versuche, den cartesischen Dualismus von Geist und Körper zu überwinden, wurde Husserls Ansatz von vielen Philosophen nicht ohne Begeisterung aufgenommen, darunter auch von seinem Schüler Martin Heidegger.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025