Kontinentale Philosophie
Existenzielle Philosophie
Erfolge und Misserfolge der existenziellen Philosophie
Wir haben vier zentrale Projekte der existenziellen Philosophie untersucht, nämlich die philosophischen Systeme von M. Heidegger, K. Jaspers, J.-P. Sartre und M. Merleau-Ponty. Als Vater der existenziellen Philosophie gilt oft Søren Kierkegaard (1813–1855). Unbestreitbar legte er in vielerlei Hinsicht die Grundlagen dieser Philosophie. Ebenso unbestreitbar ist, dass ihn ein erheblicher historischer Abstand von den herausragenden Existenziellen des 20. Jahrhunderts trennt. Sie wirkten in einer anderen historischen Epoche, angesichts neuer Herausforderungen, insbesondere im Zusammenhang mit den Verbrechen des Hitler- und Stalinregimes. Hauptgegner der Existenzialisten waren philosophische Strömungen, die zu Kierkegaards Zeiten schlichtweg nicht existierten. Die Existenzialisten positionierten sich in einer scharfen Polemik gegenüber den Neukantianern, den Lebensphilosophen, Phänomenologen, Analytikern und Marxisten. Die existenzielle Bewegung erwies sich als bemerkenswert widerstandsfähig. Aktive Teilnehmer neben den bereits genannten Autoren waren Philosophen wie N. A. Berdjajew, L. Shestov, M. Unamuno, G. Marcel, N. Abbagnano, L. Pareyson, O. Bolnow, M. Buber, R. Guardini. Bis mindestens in die 1960er Jahre war die existenzielle Philosophie in ganz Europa populär. Zur Popularität trug auch ihre subtile Verbindung zur Kunst, insbesondere zur Literatur, bei. Zu den Klassikern der existenziellen Literatur zählen F. M. Dostojewski, H. Hesse, A. Camus, R. Rilke und F. Kafka. Doch trotz unbestreitbarer Verdienste steht die existenzielle Philosophie heute nicht mehr an der Spitze der philosophischen Bewegung. Wie erwarb sie Autorität, und warum verlor sie diese?
Unserer Ansicht nach ist den Existenzialisten vor allem zuzurechnen, dass sie das Konzept der menschlichen Existenz sorgfältig entwickelt und dabei versucht haben, ihre Echtheit hervorzuheben, sie mit einem besonderen Wert – der Verantwortung für Freiheit – zu verknüpfen, die Fülle und Konkretheit des Lebens auszudrücken und neue Wege der Problematisierung philosophischen Wissens zu finden. Dennoch musste die existenzielle Philosophie anderen Strömungen, insbesondere dem Poststrukturalismus, den Vortritt lassen.
Die existenzielle Philosophie stieß bei der Entwicklung des Problems der Intersubjektivität auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Einerseits zeigte sich ihre Bindung an sozialen Atomismus. Alle Existenzialisten beginnen beim Subjekt und leiten dann die Erklärung der gesellschaftlichen Ordnung ab. Konzeptionell dominiert bei ihnen das Subjekt über die Gesellschaft, und häufig überwiegt die Subjektivität gegenüber der Intersubjektivität. Die Potenziale der Welt (Heidegger), des Umfassenden (Jaspers) und des Intermondes (Merleau-Ponty) sind unzureichend, um intersubjektive Beziehungen darzustellen. In Bezug auf die Intersubjektivität messen die Existenzialisten der Sprache eindeutig zu wenig Bedeutung bei. Angesichts der literarischen Orientierung vieler von ihnen ist dies erstaunlich. Selbst Heidegger, einer der Pioniere der Neubewertung der philosophischen Bedeutung der Sprache, wirkt bemerkenswert hilflos, wenn es um Intersubjektivität geht.
Ein weiterer wesentlicher Mangel der existenziellen Philosophie ist ihre äußerst negative Haltung gegenüber der Institution Wissenschaft. Die Existenzialisten beachteten die Errungenschaften der Sozialwissenschaften kaum. Sie lehnten die Wissenschaft ziemlich vorschnell ab und unterzogen sie einer oberflächlichen Kritik. Sie waren überzeugt, ein Forschungsfeld eröffnet zu haben, das der Wissenschaft verschlossen bleibt. Unserer Ansicht nach waren diese Ansprüche überzogen. Vorsichtiger wäre es gewesen zu sagen, dass sie neue Themen zur Analyse vorschlagen, die nicht nur Philosophen, sondern auch Wissenschaftler betreffen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang das Problem der Wahl. Fast alle Existenzialisten behaupteten, dass der freie Mensch vor schwierigen Entscheidungen stehe und die Wissenschaft ihm dabei nicht helfen könne. Seit den 1970er Jahren stieg jedoch durch Forschungen von J. Buchanan, G. Tullock, E. Datsis, M. Olson, B. Weingast und K. Shepsle die Autorität der Theorie der öffentlichen Wahl in den Sozialwissenschaften stark an. Es zeigte sich, dass das Thema Wahl nicht nur Philosophen zugänglich ist.
Kontrovers war auch die Interpretation des Verhältnisses von Ontologie, Erkenntnistheorie und Ethik durch die Existenzialisten. Sie traten im Namen der Ontologie auf und lehnten die Erkenntnistheorie nahezu vollständig ab. Die Ethik versuchten sie in der Ontologie aufzulösen. Sie wollten der ethischen Problematik einen natürlichen Anschein verleihen. Ethische Präferenzen sollten quasi von selbst entstehen: Wie das Sein des Menschen ist, so sind auch seine Präferenzen. Das Paradoxe bestand jedoch darin, dass die philosophischen Untersuchungen der Existenzialisten von offensichtlichem ethischem Pathos durchdrungen waren. Jaspers und Sartre wurden wiederholt als das Gewissen der deutschen bzw. französischen Nation bezeichnet. Ihre theoretischen Setzungen erlaubten jedoch keine Selbstdefinition als Ethiker. Ein konsequenter Ethiker erfindet Werte und rangiert sie anschließend, die Existenzialisten wollten sie aus dem Sein ableiten. Streng genommen gelang dies keinem von ihnen. Man kann – wie Jaspers, Sartre und Merleau-Ponty – auf die Notwendigkeit der Verantwortung für Freiheit pochen. Doch dies ist ihre Wahl, nicht ein Ausdruck des Seins.
Die unaufhörliche Neigung der Existenzialisten zum Konkreten wies ebenfalls Schwächen auf. Per Definition ist das Konkrete vielfältig. Dieses Vielfältige gelang ihnen im Wesentlichen nicht darzustellen. Einige, wie Sartre und Camus, versuchten ihr Philosophieren durch literarische und theatralische Werke zu ergänzen, in denen es ihnen tatsächlich gelang, ihre Figuren inmitten vielfältiger Situationen zu präsentieren. Üblicherweise gilt, dass literarische Werke der Existenzialisten eine direkte Fortsetzung ihrer philosophischen Experimente darstellen. Hierüber bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Bislang konnte niemand eine eindeutige Verbindung zwischen existenzieller Philosophie und den als existenziell anerkannten literarischen Werken nachweisen.
Somit sind sowohl die Errungenschaften der Existenzialisten als auch ihre Misserfolge unbestreitbar. Ebenso unbestreitbar ist, dass sie die Philosophie um höchst aktuelle Konzepte bereichert haben, wie etwa Dasein (Heidegger), Verantwortung für Freiheit (Jaspers und Sartre), mauvaise foi (Sartre) und intermonde (Merleau-Ponty). Und selbstverständlich haben sie die Frage nach der menschlichen Existenz fundierter durchdacht als je zuvor. Unserer Ansicht nach ist die existenzielle Philosophie auch heute noch lebendig. Wer Neues lernen möchte, findet in den philosophischen Projekten der großen Existenzialisten stets ein weites Feld für die Entfaltung eigener kreativer Fähigkeiten.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 27/09/2025