Moderne Philosophie
Edmund Husserl
Edmund Husserl wurde 1859 in Proßnitz (Mähren) geboren. Während seines Studiums — ab 1876 an der Universität Leipzig, ab 1878 in Berlin und ab 1881 in Wien — galt sein Interesse vor allem der Mathematik, Physik und Astronomie. Zu seinen akademischen Lehrern zählten namhafte Mathematiker wie Leopold Kronecker und Karl Weierstraß. Im Jahr 1882 verteidigte Husserl seine Dissertation zum Thema “Einige Fragen der Theorie des Variationskalküls“. Nach der Verleihung des Doktortitels arbeitete er eine Zeit lang als Privatassistent von Weierstraß.
Karl Weierstraß, ein Vertreter der kritischen Mathematik, zeichnete sich durch das Streben nach präzisen Begriffsdefinitionen und logischer Strenge in Beweisführungen aus. Er argumentierte, dass eine rigorose Darstellung der Differential- und Integralrechnung mit der Klärung des Zahlenbegriffs beginnen müsse. Diese Idee bildete die Grundlage von Husserls Habilitationsschrift “Über den Begriff der Zahl. Psychologische Analysen“ (1887).
Im Jahr 1882 vertiefte sich Husserl unter dem Einfluss seines Freundes Tomáš Masaryk intensiv in das Neue Testament, was zu tiefgreifenden Veränderungen in seinem Denken führte: Er wandte sich von der Mathematik der Philosophie zu, um, wie er 40 Jahre später bekannte, “durch eine strenge philosophische Wissenschaft den Weg zu Gott und einem rechtschaffenen Leben zu finden.“
In den Jahren 1885 bis 1886 hörte Husserl in Wien philosophische Vorlesungen bei Franz Brentano. Dessen Werk “Psychologie vom empirischen Standpunkt“ (1874) beeindruckte Husserl durch die methodische Reduktion philosophischer Begriffe auf ihre Ursprünge in der Anschauung. Brentano nutzte diesen Ansatz, um die Problematik des Bewusstseins zu analysieren und zu klären. Husserl griff diese Methode in seinem Werk “Philosophie der Arithmetik. Psychologische und logische Untersuchungen“ (1891) auf, um den Begriff der Zahl in elementaren Anschauungen als psychische Akte zu fundieren.
In den Jahren 1900 und 1901 erschienen die beiden Bände der “Logischen Untersuchungen“. Der erste Band erregte großes Aufsehen und zog eine Gruppe junger Philosophen an, die sich der Erforschung und Weiterentwicklung der darin dargelegten Ideen widmeten. Dies markiert den Beginn der Geschichte der phänomenologischen Bewegung, aus der sich allmählich eine philosophische Schule um Husserl herausbildete.
Im Jahr 1901 erhielt Husserl eine Professur in Göttingen. Während seiner Göttinger Jahre veröffentlichte er 1913 sein zweites Hauptwerk “Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“, das ihm weltweite Anerkennung einbrachte. Nach 1907 bildete sich um Husserl ein Kreis von Enthusiasten — inspiriert von den “Logischen Untersuchungen“ —, der sich “Philosophische Gesellschaft Göttingen“ nannte. Dieser Kreis ähnelte im Geist der platonischen Akademie: Die Philosophie wurde weniger theoretisch gelehrt, als vielmehr praktisch demonstriert. Der Lehrer veranschaulichte seinen methodischen Ansatz und übte mit den Schülern dessen Anwendung ein. Ziel war es, eine spezifische geistige Atmosphäre zu schaffen, die das Denken schärfte und das Sehen klärte.
Von 1916 bis zu seiner Emeritierung 1928 lehrte Husserl in Freiburg, wo Martin Heidegger zu seinen Mitarbeitern zählte. Heidegger unterstützte die Vorbereitung der Veröffentlichung von Husserls Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins (1928). Nach seiner Emeritierung widmete sich Husserl der Verfeinerung seines phänomenologischen Ansatzes. Innerhalb weniger Monate entstand die “Formale und transzendentale Logik“ (1929). Kurz darauf hielt er Vorträge an der Sorbonne, die 1931 auf Französisch und 1950 auf Deutsch unter dem Titel “Cartesianische Meditationen“ veröffentlicht wurden.
Sein letztes Werk, “Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“, wurde 1954 posthum veröffentlicht. Die zentralen Ideen dieser Schrift hatte Husserl 1935 in Vorträgen in Wien und Prag präsentiert. Ab 1935 untersagten die nationalsozialistischen Behörden Husserl jegliche Lehrtätigkeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft und der Unvereinbarkeit der Phänomenologie mit der NS-Ideologie. Husserl wurde als Vertreter eines “geistigen Kosmopolitismus“ verfolgt, der das universelle Streben nach Wahrheit und Wissen betonte.
Das philosophische Erbe Husserls umfasst rund 40.000 handschriftliche Seiten, die überwiegend stenografisch verfasst sind. Der belgische Franziskaner Hermann Leo van Breda rettete diese Manuskripte vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten und schuf mit ihrer Überführung nach Leuven (Belgien) den Grundstein für das Husserl-Archiv, das bis heute mit der Herausgabe der “Husserliana“ fortfährt.
Die Philosophie der Arithmetik
In seinem ersten Werk setzt sich Edmund Husserl das Ziel, die Mathematik philosophisch zu fundieren, indem er sämtliche mathematischen Operationen auf einfache Anschauungen zurückführt. Diese Methode zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit Ernst Machs Ansatz, Begriffe auf Anschauungen zu reduzieren, unterscheidet sich jedoch grundlegend dadurch, dass Husserl arithmetische Begriffe auf intellektuelle Anschauungen bezieht. Solche Anschauungen galten in der posthegelianischen Philosophie als metaphysisches Vorurteil und wurden daher weitgehend verworfen. Für Husserl hingegen liegt die Evidenz auf der Hand: Wir sehen unmittelbar, inwiefern zwei Äpfel “ähnlich“ zwei Häusern sind und wie sie sich von drei Äpfeln unterscheiden. Somit sind wir in der Lage, Zahlen als solche zu betrachten. Allerdings beschränkt sich diese Fähigkeit vornehmlich auf kleine Zahlen; größere Zahlen lassen sich durch Zähloperationen erfassen, die gemäß den Prinzipien der Denkökonomie ausgeführt werden.
Mit diesem Ansatz zur Begründung der Mathematik betrat Husserl das Feld eines lange währenden Disputs zwischen Transzendentalisten und Empirikern, der in den 1830er-Jahren in England entbrannt war. Die Transzendentalisten vertraten die Ansicht, dass die Axiome der Geometrie nicht aus der Erfahrung abgeleitet werden könnten, sondern aus transzendentalen Grundlagen allen möglichen Wissens hervorgingen. Die Empiriker hingegen suchten, die Prinzipien der Geometrie und Mathematik induktiv aus der Erfahrung herzuleiten. Gegner des Transzendentalismus stellten etwa die Frage, warum wir so überzeugt seien, dass gerade Linien, die wir uns nicht doppelt geschnitten vorstellen können, sich in Wirklichkeit nicht auf diese Weise schneiden könnten. Die Transzendentalisten beriefen sich auf Kant und argumentierten, dass dies auf unser “räumliches Anschauen“ zurückzuführen sei, welches nicht aus der Erfahrung resultiere, sondern deren Voraussetzung darstelle und die grundlegenden räumlichen Eigenschaften alles Erfahrbaren bedinge.
Die Bedeutung dieses Streits für die Philosophie war erheblich, da er unmittelbar mit der Frage nach den transzendentalen Grundlagen unseres Wissens verknüpft war. Gerade in der Mathematik schien es am schwierigsten, den “transzendentalen“ Charakter ihrer Prinzipien infrage zu stellen, weshalb die Transzendentalisten mit Nachdruck versuchten, diese Wissenschaft vor der Reduktion auf empirisches Wissen zu schützen. Dieser Streit, der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder aufflammte, prägte auch die philosophische Entwicklung Husserls.
Obwohl Husserls Position in der Philosophie der Arithmetik als Versuch wahrgenommen wurde, die Prinzipien der Mathematik psychologisch zu begründen, stand er im Kern dem Transzendentalismus nahe. Ohne großes Aufsehen führte er das intellektuelle Anschauen als “empirische Basis“ mathematischer Begriffe ein.
Die theoretische “Auseinandersetzung um das Transzendentale“ hatte auch eine bedeutsame ethische Dimension. Sie zielte darauf, die Werte einer traditionellen, sogenannten “allgemeinmenschlichen“ Moral gegen die zerstörerische Kritik des Positivismus, Voluntarismus und linken Radikalismus zu verteidigen. Seit Hegel war es eine gängige Auffassung, dass es ebenso wenig eine außerhalb der Geschichte stehende Wahrheit und voraussetzungslose Erkenntnis gebe wie eine universelle Ethik. Vielmehr existierten verschiedene Ethiken, die historisch, sozial und naturbedingt seien. Zugleich konnte der Begriff “Gott“ nicht mehr wie einst als Grundlage eines einheitlichen Moralsystems dienen. Unter diesen Bedingungen blieb den Verteidigern einer allgemeinmenschlichen “ewigen“ Moral nichts anderes übrig, als auf transzendentale, zeitunabhängige Erkenntnisprinzipien zurückzugreifen und darauf die Prinzipien der Moral zu gründen.
Der “transzendentale Subjekt“ wurde somit als einziges “ewiges“ Prinzip im Menschen angesehen. Das christliche Konzept der Seele erschien den Intellektuellen des 19. Jahrhunderts als zu mythisch, um es weiterhin zu akzeptieren. Doch ohne ein ewiges Prinzip im Menschen wäre die Rede von zeitlosen Werten der Moral sinnlos.
Logische Untersuchungen
Im ersten Band der Logischen Untersuchungen widmet sich Husserl einer fundamentalen Kritik des Psychologismus in der Logik. Der Psychologismus ist eine Position in der Ende des 19. Jahrhunderts intensiv geführten Debatte über die Natur logischer Gesetze und das Verhältnis zwischen Logik und Psychologie. Diese Problematik reicht zurück bis zu Kant. Kant unterschied zwei Formen der Logik: die formale Logik, eine Wissenschaft von den Formen und Gesetzen des richtigen Denkens, die erst im Zusammenhang mit den Objekten des Denkens konkrete Bedeutung erlangt, und die transzendentale Logik, die allgemeine und notwendige Formen des Denkens an sich behandelt, also Kategorien mit zeitloser Gültigkeit. Nach Kant ist die transzendentale Logik unabhängig von ihrer Anwendung und daher nicht durch Erfahrung überprüfbar oder widerlegbar.
Die Vertreter des Psychologismus — darunter John Stuart Mill, Sigwart, Wundt und Schuppe — lehnten die transzendentale Logik ab und reduzierten die formale Logik auf eine rein technische, anwendungsorientierte Lehre vom Denken. Ihre Argumentation war scheinbar einleuchtend: Psychische Phänomene sind der Gegenstand der Psychologie; Denken ist ein psychisches Phänomen; folglich ist Denken Gegenstand der Psychologie. Wenn die Aufgabe der Wissenschaft darin besteht, die Gesetze der ihr zugehörigen Phänomene zu untersuchen, dann müsse die Psychologie auch die Gesetze des Denkens erforschen. Demnach seien die Gesetze der Logik ihrer Natur nach psychologische Gesetze, und die Logik selbst solle ein Teilbereich der Psychologie werden.
Die Hauptargumente der Gegner des Psychologismus beruhten auf zwei zentralen Konzepten:
- Das reine Sollen. Die Gesetze des Denkens beziehen sich auf das "reine Denken" und geben vor, wie man generell, im Hinblick auf die Wahrheit, zu denken habe — unabhängig von jedem Ziel oder Interesse. Die Vertreter des Psychologismus bestritten jedoch die Existenz einer "ewigen Wahrheit" und eines "reinen Denkens". Für sie war jegliches Sollen hypothetisch: Wenn ein bestimmtes Resultat angestrebt wird, dann soll man so und so denken.
- Die absolute Evidenz. Im Unterschied zu psychologischen Gesetzen seien die Gesetze der Logik mit absoluter Evidenz einsichtig. Psychologisten erwiderten jedoch, diese Evidenz sei nichts anderes als ein psychologisches Gefühl der Gewissheit — schließlich galt es über Jahrhunderte als "offensichtlich", dass die Sonne sich um die Erde dreht oder dass ein unbewegter Körper zur Ruhe kommt.
Husserl, der in seiner Philosophie der Arithmetik Positionen vertrat, die dem Psychologismus äußerlich ähnlich schienen, positioniert sich in den Logischen Untersuchungen klar auf der Seite der Transzendentalisten. Seine Argumente lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Logik ist die einzige Wissenschaft, die ihre Gesetze selbst bestimmt. Begriffe und Gesetze der Logik setzen keine psychologischen Begriffe und Gesetze voraus und können aus diesen nicht abgeleitet werden. "In der Logik... unterliegen die idealen Verbindungen, welche ihre theoretische Einheit ausmachen, als besondere Fälle den von ihr selbst aufgestellten Gesetzen."
- Die Psychologie ist nicht nur Wissenschaft über das Denken, sondern selbst ein Denken und muss daher den Gesetzen der Logik gehorchen, die als wahr vorausgesetzt werden müssen und nicht aus der Erfahrung abgeleitet werden können.
- Der "Arithmometer-Argument": Ein Arithmometer funktioniert nach den Gesetzen der Mechanik, ist zugleich aber auch ein Ausdruck der Gesetze der Arithmetik. Wie sehr man den Mechanismus auch analysieren mag, man wird weder Zahlen noch arithmetische Gesetze darin finden. Analog dazu verhält es sich mit der Beziehung zwischen der psychischen Sphäre und der Sphäre des reinen Denkens im Menschen: Man kann den psychischen "Mechanismus" des Denkens endlos untersuchen, ohne jemals auf das reine Denken zu stoßen — was nicht hindert, dass dieser Mechanismus in seinem Wirken die ewigen Wahrheiten des reinen Denkens, die "Wahrheit an sich", ausdrückt.
Im zweiten Band der Logischen Untersuchungen legt Husserl die Grundlagen der phänomenologischen Methode. Die Phänomenologie ist, wie Husserl betont, ausschließlich eine Methode und keine abgeschlossene Systematik; sie ist Erkenntnistheorie, keine Ontologie. Ziel der Methode ist die "Wesensschau". Der "Phänomen"-Begriff bei Husserl bedeutet nicht, dass hinter dem Erscheinenden eine verborgene "Wesenswirklichkeit" steht. Das Phänomen selbst ist die Wesenheit, wie sie sich zeigt. Die Wesenheit fällt mit dem reinen Phänomen zusammen, das von allen unreflektierten Deutungen befreit ist. Bedingung für das Erfassen reiner Phänomene und zugleich Hauptanforderung der phänomenologischen Methode ist die Voraussetzungslosigkeit. Phänomenologie darf keine eigenen Prämissen einführen und kann daher nur vom "unreinen" Phänomen der natürlichen Einstellung ausgehen.
Husserls phänomenologischer Ansatz war als ein Modell für eine "strenge Wissenschaft" gedacht, die nur die Fakten unvoreingenommen feststellt, ohne sie zu interpretieren. Sein Motto "Zu den Sachen selbst!" betont, dass jeder Fakt zunächst ein Fakt des Bewusstseins ist — kein "Ding an sich", sondern ein vom Bewusstsein gesetzter Sinn. Selbst die Realität der Dinge ist nur einer der von uns in sie hineingelegten Sinne; die Dinge an sich besitzen keinen Eigen-Sinn. Die Essenz des Bewusstseins liegt im "Sinngeben" durch intentionale Akte: "Bewusstsein sein" heißt "Sinn setzen". Der Weg "zu den Sachen selbst" führt daher nicht von Begriffen zu Empfindungen, sondern von abgeleiteten und sekundären Bedeutungen zurück zu den ursprünglichen, vorgegebenen Sinnschichten.
Die Logischen Untersuchungen wurden nicht in der Weise verstanden, wie Husserl es beabsichtigte. Die deskriptive Phänomenologie wurde als vorbereitender Schritt zu einer empirischen Psychologie missverstanden. Doch in den Ideen zu einer reinen Phänomenologie erklärt Husserl: "Die reine Phänomenologie, deren erster Durchbruch in den Logischen Untersuchungen erfolgte, enthüllt ihre Bedeutung immer reicher — sie ist keine Psychologie." In den Logischen Untersuchungen ist die phänomenologische Methode noch überwiegend deskriptiv, wobei die Reinigung der Phänomene durch kritische Selbstbeobachtung erfolgt. In seiner späteren Phänomenologie, wie sie in den Ideen zu einer reinen Phänomenologie erscheint, entwickelt Husserl hierfür den neuen Ansatz der phänomenologischen Reduktion und des intentionalen Analysierens.
Die reife Phänomenologie
Die in den Logischen Untersuchungen formulierte Aufgabe, die “ursprünglichen Sinne“ des Bewusstseins freizulegen, findet ihre Weiterentwicklung in den Ideen zu einer reinen Phänomenologie und anderen Werken aus Husserls reifer Schaffensperiode. Das inhaltliche Material des Bewusstseins wird hier einer systematischen Kritik unterzogen, das heißt, einer Reinigung: Die ursprünglichen Sinne werden von abgeleiteten Bedeutungen befreit, und eine neue Aufgabe tritt hervor — den Ursprung aller Bedeutungen aufzudecken und den gesamten Bewusstseinsinhalt auf diesen Ursprung zurückzuführen (Reduktion), um anschließend die Mechanismen aufzuzeigen, durch die alle Sinne aus diesem Ursprung hervorgehen (Konstitution). Die Umsetzung dieses Programms sollte es ermöglichen, den Bewusstseinsinhalt zu fundieren und dem Menschen inmitten einer Sinn verlierenden und oftmals “sinnwidrigen“ Außenwelt einen festen Orientierungspunkt in sich selbst zu bieten.
Die Stufen der phänomenologischen Reduktion
Husserl entwarf den Reduktionsprozess als ein Verfahren mit mehreren Stufen. Wenn man die unterschiedlichen Darstellungen der Methode in seinen Werken vereinheitlicht, lassen sich drei zentrale Stufen herausarbeiten:
- Epoche
Bei den Nachfolgern des Skeptikers Pyrrhon bedeutete “Epoche“ das Zurückhalten eines Urteils. Husserl hingegen verwendet den Begriff im Sinne eines Enthaltens vom Zuschreiben einer Existenz an äußere Objekte. Das Sein wird “in Klammern gesetzt“. Diese Setzung bedeutet nicht, das Sein zu negieren, sondern es auszublenden und so zu argumentieren, als sei die Welt lediglich Inhalt meines Bewusstseins. Ziel ist es, sich von jedem praktischen Interesse zu lösen und die Haltung eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen.
Was ergibt sich aus der Epoche? Der Inhalt unseres Bewusstseins bleibt unverändert, lediglich unser Verhältnis zu diesem Inhalt wandelt sich. Die theoretische Einstellung ist nicht unmittelbar an die praktische gekoppelt: Ein Astronom, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit von einer theoretischen Haltung leiten lässt, muss dennoch beim Gehen auf der Erde auf die Festigkeit des Bodens vertrauen wie jeder andere Mensch.
Unser gesamter Erfahrungshorizont erscheint nun als Bewusstseinsinhalt, das heißt, alle Gegenstände unserer Erfahrung werden nicht als “Dinge an sich“, sondern als Bedeutungen für das Subjekt betrachtet. Es existieren keine “Bedeutungen an sich“, die nicht zugleich Bedeutungen für ein Bewusstsein wären. “Man darf sich keinesfalls von Überlegungen in die Irre führen lassen, die behaupten, ein Ding sei transzendent gegenüber dem Bewusstsein oder es sei ‚Sein an sich’.“
So verschiebt sich der Fokus phänomenologischer Forschung vom Sein zum Sinn. Die “Realität“ der Dinge, wie sie sich in der natürlichen Einstellung zeigt, wird zur fernen Idee, die das Bewusstsein des Phänomenologen nicht berührt. “Zwischen Bewusstsein und Realität klafft wahrhaftig ein Abgrund des Sinns.“
- Transzendentalreduktion
Auf dieser Stufe wird das gesamte Leben des Bewusstseins als eine Einheit betrachtet, in der jeder intentionale Akt mit den vorhergehenden Bewusstseinsinhalten in einen “universalen Synthesezusammenhang“ tritt. Diese Perspektive ermöglicht es, nicht nur die Existenz der Außenwelt, sondern auch die des empirischen Subjekts “in Klammern zu setzen“.
Das Bewusstsein wird nun als absolutes Bewusstsein aufgefasst — ein in sich geschlossenes, autarkes Gefüge, das keine Beziehung zu etwas “Außerhalb des Bewusstseins“ besitzt: “Das Bewusstsein, wenn es in seiner Reinheit betrachtet wird, muss als ein in sich abgeschlossenes Gefüge absoluten Seins angesehen werden, ein Gefüge, in das nichts eindringen und aus dem nichts entweichen kann.“
Sobald sich das Bewusstsein des Forschers von praktischen Interessen und den durch sie bedingten Vorurteilen befreit hat, eröffnet sich ein weites Feld zur Untersuchung — das Feld des “transzendentalen Erlebens“, einer Reflexion, in der sich das Subjekt ausschließlich mit den Fakten des Bewusstseins auseinandersetzt.
Der transzendentale Erfahrende ist letztlich der transzendentale Subjektpol, der sich als gemeinsames Sinnzentrum des gesamten Bewusstseinslebens enthüllt. Husserl zufolge muss ein solcher Pol notwendig als “Ich-Pol“ der “Ich-Akte“ gedacht werden.
Intentioniertheit
Die Intentioniertheit, das charakteristische Merkmal der Erfahrung, “Bewusstsein von etwas zu sein“, ist für Husserl das Wesen der transzendentalen Subjektivität. Hier erscheint das Bewusstsein nicht nur als intentionale, d. h. auf einen Gegenstand gerichtete, sich mit einem Objekt in Beziehung setzende, sondern als in intentionale Akte entfaltend, in denen es aktiv die Bedeutung (d. h. den Inhalt) seines Gegenstandes setzt. Der intentionale Akt, so Husserl, ist die allgemeine Lebensform des Bewusstseins.
Im weiteren Verlauf entfaltet sich die Phänomenologie als intetionaler Analyse — eine Analyse der Prinzipien und der Struktur der sinnsetzten Tätigkeit des Bewusstseins. Die Hauptbegriffe der intentionalen Analyse sind Noesis, Noema und Horizont.
Noesis
Noesis bezeichnet die reale Art und Weise, wie ein Gegenstand im Akt der Wahrnehmung gegeben wird, was Husserl auch mit dem Begriff “reell“ bezeichnet. “Reell“ bedeutet “Fakten der Wahrnehmung“, in denen Subjekt und Objekt, Materie und Form des Gedankens noch nicht durch Reflexion differenziert sind und im “heraklitischen Strom“ des psychischen Lebens des Bewusstseins verschmelzen. Die noetische Schicht des Lebens des Bewusstseins ist prinzipiell der direkten Beobachtung zugänglich, und ihre Gesetze oder vielmehr empirischen Gesetzmäßigkeiten sollten durch empirische Psychologie untersucht werden. Die Phänomenologie (oder “phänomenologische Psychologie“) nimmt das “Reelle“ nur als Material für die intentionale Analyse, die darin die idealen objektiven Bedeutungen (Noemata) aufdeckt.
Noema
Noema ist der intentionale Korrelat der Akte des Bewusstseins, ihr idealer “objektiver Pol“, das cogitatum (Gedachtes). Jeder Akt des Bewusstseins ist auf “etwas“ gerichtet, aber dieses “Etwas“ erhält erst durch den Akt des Bewusstseins die Bedeutung “Gegenstand“ — folglich ist diese “Gegenständlichkeit“ nicht real, sondern ideal.
Nehmen wir an, wir schauen auf ein Gebäude von einer bestimmten Seite. Laut Aristoteles könnte man sagen, dass alle Wahrnehmungen des Hauses (von verschiedenen Seiten, von innen etc.) durch die objektive Form (das Wesen) des Hauses miteinander verbunden werden, die im Begriff des Hauses erfasst wird. Für Husserl jedoch ist die Essenz “jenseits“ des Phänomens unvorstellbar, da sie “Ding an sich“ wäre. Daher stellt sich die Frage: Was verbindet in diesem Fall die einzelnen Wahrnehmungsakte des Hauses (D1, D2, Dn) zu einem einheitlichen Bild des “Hauses“? “Die Ganzheit des Hauses an sich“ kann nicht mehr gesagt werden, da “das Haus an sich“ nur in der “natürlichen Einstellung“ gedacht werden kann, nicht jedoch in der phänomenologischen. “Praktisches Interesse“ ist näher an der Wahrheit, aber oft lässt sich die Ganzheit unserer Anschauungen nicht einfach mit praktischen Interessen erklären. So teilt der Mensch beim Blick auf den Sternenhimmel die Sterne selbstverständlich in Gruppen von Sternbildern ein, obwohl ihn kein praktisches Interesse mit ihnen verbindet. Kant nannte diese Fähigkeit, den Stoff der Empfindungen willkürlich zu verbinden, die “produktive Kraft der Phantasie“, doch nach Husserl setzt die Arbeit der Phantasie notwendigerweise ein ideales (nur denkbares, nicht wahrnehmbares) Zentrum voraus. Dieses Zentrum nennt Husserl das Noema.
In der psychischen Lebenswelt haben zwei Wahrnehmungen desselben Hauses, betrachtet in ihrer psychophysischen Gegebenheit, nichts Identisches: Sie unterscheiden sich entweder im Raum — durch den Blickwinkel — oder in der Zeit — durch den Zustand des Bewusstseins. “Zwei Phänomene, die mir durch Synthese als Phänomene desselben gegeben werden, sind real (reell) getrennt, und als real getrennte haben sie keine gemeinsamen Daten; sie haben nur in höchstem Maße ähnliche und ähnliche Momente.“ Alles, was diese Akte des Bewusstseins vereint und dem Bewusstsein so Ganzheit verleiht, ist das ideale (sogenannte, gedachte) Zentrum, auf das sich das Bewusstsein jedes Mal in Beziehung setzt. Dieser Kern des Noema ist die Entelécheia, die die fundamentale Einheit des transzendentalen Ich als sinnsetzendem, zielsetzendem Ursprung sichert. Daher erlangt das Bewusstsein nur in der Setzung des Gegenstandes seine Ganzheit, d. h., es ist von Natur aus teleologisch.
Horizont
Bewusstsein ist bei der Konstitution eines Gegenstandes grundsätzlich horizontal: Der Gegenstand des Bewusstseins erscheint immer als ein aktualisierter Horizont, jedoch immer vor dem Hintergrund eines potenziellen Horizonts. Bei dem Vorhandensein bereits eines Bewusstseinsaktes D1 ist die Ganzheit des Bewusstseins und seines Gegenstandes potenziell (hypothetisch) als Horizont C der möglichen (vorstellbaren) Wahrnehmungsakte desselben Gegenstandes (Noema) durch dasselbe Bewusstsein vorgegeben. Wenn der Horizont beispielsweise der visuellen Wahrnehmung eine Menge von Punkten ist, die von einem bestimmten Zentrum aus betrachtet werden können, so ist der phänomenologische Horizont die Menge der Sichtweisen auf den gegebenen Gegenstand, die für das jeweilige Bewusstsein möglich sind. Dieser Horizont umfasst nicht nur die Punkte der Beobachtung im Raum, sondern auch in der Zeit und in anderen Dimensionen der “intentionalen Lebenswelt“ des Bewusstseins.
Die Möglichkeiten, deren Kreis durch den Horizont gezogen wird, sind die wahre Essenz. “Die Potenzialität des Lebens ist ebenso wichtig wie seine Aktualität, und diese Potenzialität ist keine leere Möglichkeit.“ Oder anders gesagt: “Du bist das, was du werden kannst.“ Vielleicht lässt sich dieser Gedanke von Husserl am besten in den Begriffen von Nikolaus von Kues ausdrücken: Möglichkeit ist die entfaltete Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist die zusammengezogene, konzentrierte Möglichkeit.
Für die Wissenschaft des Bewusstseins und überhaupt für die Philosophie hat die Entdeckung der Horizontalität des Bewusstseins eine enorme Bedeutung, die noch nicht vollständig entfaltet wurde. Viele Probleme — die Unendlichkeit und Endlichkeit der Welt, die Unsterblichkeit der Seele, die Freiheit — könnten im Lichte dieser Entdeckung eine neue Lösung erhalten.
Konstituierung
Die Konstituierung. In der Aktualisierung potenzieller Möglichkeiten, im Entfalten neuer Horizonte, liegt der tätige Charakter der Intentionalität. Bewusstsein wird auf dieser Stufe der Reduktion nicht mehr als gleichgültige Form empirischen Inhalts betrachtet, sondern als aktiv konstituierend (aufbauend, erschaffend) seines Gegenstandes. Das, was konstituiert wird, existiert vor diesem Akt als unbestimmte Möglichkeit, die in den Horizont des Bewusstseins eintritt. Die Konstituierung füllt diese Möglichkeit mit bestimmtem Sinn — sie erschafft damit den Gegenstand als Wahrnehmungsobjekt (wobei neue Horizonte möglicher Wahrnehmungen eröffnet werden).
Auf dieser Stufe der Reduktion stellt sich die Hauptfrage — die Frage der Intersubjektivität und des Verhältnisses des transzendentalen Subjekts zu seinem “empirischen Ich“. Der schrittweise Verlauf der Überlegungen führte Husserl zu dem Schluss, dass transzendentale Phänomenologie eine Form des Solipsismus sei (natürlich rein theoretisch, nicht praktisch): Da ich die transzendentale Subjektivität immer in mir selbst entdecke, kann ich (mit wissenschaftlicher Strenge) das transzendentale Ich nur als mein eigenes begreifen. “Das ganze eigene Leben des Bewusstseins kann ich direkt und unmittelbar in seiner Selbstheit (als es selbst) erfahren, das Leben des Anderen — dessen Gefühl, Wahrnehmung, Denken, Empfinden, Sehen — jedoch nicht.“ Nur durch Analogie mit mir selbst kann ich schließen, dass der Andere — ein ebenso transzendentaler Ego ist wie ich. Husserl erkannte, dass dieser Zustand der Intersubjektivitätsproblematik unbefriedigend war, und hoffte, dass eine weiterentwickelte Phänomenologie eine erschöpfende Lösung dieser Frage bieten könnte. Doch es stellte sich heraus, dass die Intentionale Analyse des “Einfühlens“ dieses Problem nicht lösen konnte. Der Wunsch, sich vom extremen Solipsismus, wenn auch nur dem transzendentalen, zu entfernen, war einer der Beweggründe, die Husserl in seinen späteren Arbeiten zu einer neuen Interpretation der Phänomenologie führten.
Das, was oben als “Epoche“ und “transzendentale Reduktion“ bezeichnet wurde, nennt Husserl manchmal auch zusammenfassend “phänomenologische Reduktion“ und ergänzt sie mit der eidätischen Reduktion, die in diesem Fall die dritte Stufe der phänomenologischen Methode der Reduktion bildet.
Eidätische Reduktion
Bisher blieb die Phänomenologie im Bereich der Erfahrung, auch wenn diese anders betrachtet wurde als üblich — als transzendentale Erfahrung. Doch dies ist noch keine Wissenschaft. Wissenschaft stellt die allgemeinen und notwendigen Prinzipien fest, auf denen die Erfahrung basiert — die Gesetze oder Invarianten der Erfahrung. Die Phänomenologie als universelle Wissenschaft von den Prinzipien jeglicher Erfahrung beginnt mit der eidätischen Reduktion.
Die eidätische Reduktion ist die Konzentration auf nicht das reine Bewusstsein selbst, sondern auf dessen apriorische Strukturen (das “phänomenologische Apriori“). “Die Methode, das reine Apriori zu erreichen, ist vollkommen nüchtern, allgemein bekannt und in allen Wissenschaften anwendbar, ... sie besteht darin, dass man in apodiktischer Betrachtung die reinen Allgmeinheiten erreicht, ohne dabei Fakten als Grundlage zu postulieren, ... Allgemeinheiten, die apodiktisch diese letztgenannten als denkbare Fakten normieren. Sobald sich solche reinen Allgemeinheiten manifestieren, obwohl sie nicht durch strikte logische Methoden entstanden sind, sind sie reine Selbstverständlichkeiten, bei denen das Entstehen eines offensichtlichen Absurditätsbeweises immer die Unmöglichkeit beweist, anders zu denken. So etwas ist im Bereich der Natur das Verständnis, dass jede intuitiv als reine Möglichkeit vorgestellte oder, wie wir sagen, denkbare Sache grundlegende räumlich-zeitliche kausale Eigenschaften hat als res extensa — räumliche und zeitliche Form, räumlich-zeitliche Lage usw.“
Zur Ermittlung der “Invarianten der transzendentalen Erfahrung“ schlägt Husserl die Methode der eidätischen Variation vor. “Die eidätische Variation sucht die wesentlichen Strukturen, indem sie von den Zufälligkeiten und individuellen Merkmalen der tatsächlich ablaufenden Denkakte abstrahiert. Da die ermittelten wesentlichen Gesetzmäßigkeiten die allgemeinen Strukturen nicht nur der gegebenen Denkakte umfassen, sondern auch anderer zulässiger Denkakte, die sich auf denselben Gegenstand beziehen, können sie auf uneingeschränkte Allgemeingültigkeit Anspruch erheben. Jeder Einzelfall ist ein Exemplar dieser Allgemeinheit.“
Die Methode der eidätischen Reduktion wurde von Husserl weit weniger entwickelt als die des deskriptiv-phänomenologischen Ansatzes. Auf dieser Stufe der Reduktion und entsprechend der Anwendung der phänomenologischen Methode stellt sich die Hauptfrage nach dem Verhältnis zwischen den “Wissenschaften der Fakten“ und den “eidätischen Wissenschaften“ (den Wissenschaften über ideale Wesenheiten). Theoretisch, so Husserl, müsste jede Wissenschaft der Fakten — Physik, Chemie, Biologie, Soziologie — notwendigerweise auf der entsprechenden eidätischen Wissenschaft basieren. Ein ideales Beispiel sah er in der Beziehung zwischen Physik, die seiner Ansicht nach alle Dinge auf räumliche Formen zurückführt, und der Geometrie, der “reinen eidätischen Lehre vom Raum“. Der Durchbruch in der Physik der Neuzeit war, so Husserl, dadurch bedingt, dass die Physik die geometrische Methode weit anwandte. Nach Husserls Vorstellung sollte die gesamte Wirklichkeit in “Regionen“ unterteilt werden (Sein, Raum, Zeit, Leben, Gesellschaft), wobei jede dieser Regionen durch ihre eigene eidätische Wissenschaft behandelt werden sollte. Doch die Versuche, neue “Wissenschaften der Wesenheiten“ auf Grundlage dieser Methode zu schaffen, sind nicht vollständig erfolgreich gewesen. Die Phänomenologie blieb so eine allgemeine Methode der “eidätischen Wissenschaften“.
Späte Phänomenologie
Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich in Deutschland, wie auch in ganz Europa, die Haltung zur Wissenschaft drastisch. War vor dem Krieg die positiven Wissenschaften, die die Lebensbedingungen der Menschheit revolutioniert hatten, maßgeblich für die Weltanschauung der gebildeten Gesellschaftsschichten, so verlor die Wissenschaft nach dem Krieg dieses Vertrauen. Erstens, weil die technischen Errungenschaften, die im 19. Jahrhundert noch solche Begeisterung ausgelöst hatten, sich in einer bislang nie gesehenen tödlichen Gewalt entluden (so kehrt der Dschinn, der unvorsichtig aus der Flasche gelassen wurde, gegen seinen Befreier). Zweitens, weil in den Umständen des Zusammenbruchs des alten Lebensgefühls und der bisherigen Werte die Wissenschaft sich selbst zurückzog und nicht in der Lage war, dem Menschen einen Sinn des Lebens und einen Halt in der schnell veränderlichen Welt zu bieten. “Der Umsturz in der öffentlichen Bewertung [der Wissenschaft] wurde besonders nach dem Krieg unvermeidlich und erzeugte, wie wir wissen, eine feindliche Haltung unter der jungen Generation. Diese Wissenschaft, so sagt man uns, kann uns in unseren Lebensbedürfnissen in keiner Weise helfen. Sie schließt prinzipiell gerade jene Fragen aus, die für den Menschen von entscheidender Bedeutung sind: Fragen nach dem Sinn und der Sinnlosigkeit des gesamten menschlichen Daseins.“
In den 20er und 30er Jahren, im Kontext des Wachstums des Nationalismus und der Festigung des Faschismus, fühlte sich die Mehrheit der nachdenklichen Menschen in Deutschland “verlassen“ und entleert, das Leben als sinnlos. Diese Krise führte dazu, dass viele auf der Suche nach dem Sinn des Daseins zu den “dunklen Wassern des Irrationalen“ zurückkehrten — zur religiösen, philosophischen und poetischen Mystik. Auch Heidegger, auf den Husserl große Hoffnungen setzte, fiel in diese Richtung.
In all dem sah Husserl Symptome des Krisenprozesses des Zerfalls der europäischen Rationalität. “Die wahren, einzig bedeutenden Kämpfe unserer Zeit sind die Kämpfe zwischen dem bereits zerrissenen Menschentum und dem Menschentum, das noch auf festem Boden steht und für ihn oder für das Erlangen eines neuen kämpft.“ “Das zerfallene Menschentum“ ist das Menschentum, das den Glauben an die für alle gültige Wahrheit verloren hat, entsprechend auch an die “reinen“ Ideale von Gut und Schönheit, an Gerechtigkeit, und das in den “Skeptizismus“ versunken ist.
Der “Skeptizismus“ zeigt sich am schmerzlichsten im Verständnis der Geschichte. “...Die Geschichte kann uns nur eines lehren — dass alle Formen der geistigen Welt, alle, die je eine Stütze für das menschliche Leben bildeten, Verbindungen, Ideale und Normen, entstehen und wieder verschwinden, wie heranrollende Wellen... dass der Verstand immer wieder in Bedeutungslosigkeit verfallen wird und das Wohlwollen — Qualen? Können wir uns damit abfinden, können wir in dieser Welt leben, in der das historische Geschehen nichts anderes darstellt als das ständige Wechselspiel aus vergeblichen Anstrengungen und bitteren Enttäuschungen?“ Die Krise, die “Krankheit“ des europäischen Menschentums, ist die Krise des europäischen Geistes, jener fundamentalen erkenntnistheoretischen Haltung, die die Grundlage der geistigen Verwandtschaft aller Völker bildet, die, unabhängig von ihrem geographischen Standort, der “Europäischen“ zugeordnet werden können.
Im hohen Alter musste Husserl eine umfassende Aufgabe stellen — die Grundlagen und Hauptmerkmale einer wissenschaftlichen Philosophie der Geschichte zu skizzieren, natürlich auf Grundlage der phänomenologischen Methode.
Husserls Aufgabe hier ist zweifach: Erstens eine klare Definition des “Geistes Europas“ als einer Art Rationalität oder einer bestimmten Erkenntnishaltung zu geben; diese Haltung, so ist Husserl überzeugt, hat eine zeitlose, unvergängliche Bedeutung und muss in allen Umwälzungen des geistigen und materiellen Lebens Europas bewahrt werden. Zweitens muss er die Ursprünge der “Krankheit“ der europäischen Rationalität finden — den Moment in der Geschichte, an dem die ursprünglich reine Haltung verzerrt wurde, was in unseren “letzten Zeiten“ zu einem solch krisenhaften Zustand führte.
Das bestimmende Merkmal der geistigen Eigenart Europas sieht Husserl im Streben, das Leben gemäß unendlicher Aufgaben (Ideen des Verstandes) zu gestalten. “Das geistige Telos des europäischen Menschentums, in dem das besondere Telos jeder Nation und jedes Einzelnen enthalten ist, liegt in der Unendlichkeit, es ist die unendliche Idee, auf die in der Geheimnisvollen, sozusagen, die gesamte geistige Entfaltung ausgerichtet ist.“
Dieses Gefühl und dieses Streben realisieren sich in der theoretischen (“schauenden“, von theoria — “Schau“ — abgeleiteten) Haltung, die erstmals in der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft auftrat. “Wissenschaft... ist nichts anderes als die Idee der Unendlichkeit der Aufgaben, die das Endliche immer wieder erschöpfen und ihm seine unveränderliche Bedeutung bewahren.“ Gerade die Wissenschaft und die “wissenschaftliche Philosophie“, die Philosophia Perennis, das einheitliche Wissen über das Universum, bilden die Grundlage der ganzen Eigenart, die der europäischen Rationalität eigen ist. Im Osten, wenn auch unendliche Aufgaben gestellt wurden (Befreiung, Vereinigung mit dem Absoluten), so wurde doch die Idee niemals völlig von der Materie getrennt, die theoretische Haltung — nie von der praktischen: immer war Erkenntnis und Tätigkeit zwei Seiten desselben Prozesses der Vervollkommnung.
So sieht Husserl die Eigenart der europäischen Rationalität im Aufkommen einer reinen theoretischen Haltung. Die allgemeine Bezeichnung nicht-europäischer Haltungen als “natürlich“ lässt vermuten, dass es gerade die phänomenologische Haltung ist, die die europäische Rationalität in ihrer reinsten Form darstellt.
Wo aber liegen die Ursprünge der Krise? Der “Krise Europas“, so Husserl, ist ein Ergebnis der Abweichung von diesem Bild der Rationalität. Diese Abweichung bestimmt Husserl als “Naturalismus“ und “Objektivismus“ und den daraus hervorgehenden “Technizismus“ der Wissenschaften der Neuzeit. Der Beginn der Krise, so Husserl, liegt in der wissenschaftlichen Tätigkeit Galileis, der, nach Husserls Ansicht, die “Ersatzwelt“ des wahrhaft Gegebenen, des wahrgenommenen und erkennbaren in der Erfahrung der Welt — unserer alltäglichen Lebenswelt — durch eine Welt idealer Entitäten ersetzte, die mathematisch begründet wird. Diese Substitution wurde von seinen Nachfolgern, den Physikern der folgenden Jahrhunderte, übernommen. Die erstaunlichen Erfolge der mathematischen Naturwissenschaften der Neuzeit führten dazu, dass die Wissenschaftler und, nach ihnen, die meisten gebildeten Europäer vergaßen, dass das mathematische Modell nur ein Modell ist und die lebendige Natur, wie wir sie in der vorkognitiven Erfahrung wahrnehmen, nicht ersetzen kann. Die natürliche Realität wurde durch die virtuelle Realität mathematischer Modelle ersetzt, doch der unzählige, nicht mathematisierbare Rest der Wirklichkeit rächt sich am Menschen — mit Kriegen, Krankheiten, Depressionen und Verwüstung. Untrennbar mit dieser Substitution verbunden ist die Vorstellung von der Natur lediglich als Objekt für wissenschaftliche Erkenntnis und technisches Umgestalten (“Objektivismus“). Zuerst wird vergessen, dass die Natur auch vor der wissenschaftlichen Erkenntnis existiert, als “Lebenswelt“, in der die Wissenschaftler leben, sich entwickeln und arbeiten, und zweitens wird die Subjektivität des Wissenschaftlers beim wissenschaftlichen Erkenntnisprozess überhaupt nicht berücksichtigt.
Der von Husserl vorgeschlagene Weg aus der Krise erscheint widersprüchlich: Einerseits heißt es: “Erst wenn der Geist von seiner naiven Hinwendung nach außen zu sich selbst zurückkehrt und bei sich selbst bleibt, kann er sich zufriedenstellen“, was wie ein Höhepunkt des Subjektivismus wirkt; hier verteidigt Husserl die “Autonomie“ des reinen Bewusstseins gegenüber allem Natürlichen und die Möglichkeit einer “vorurteilsfreien“ Erkenntnis aus sich selbst. Andererseits weist die Einführung des “Lebenswelt“-Begriffs auf die prinzipielle Vorbedingungen jedes Wissens hin und auf die Einbeziehung des reinen Bewusstseins in die untrennbare Verbindung mit den natürlichen Phänomenen. Das Widerspruchhafte ist jedoch nur scheinbar: Vor allem bedeutet Vorurteilsfreiheit lediglich die Forderung, keine eigenen Voraussetzungen für das Wissen in Form von Axiomen oder Hypothesen einzuführen, sondern die tatsächlichen Voraussetzungen der wissenschaftlichen Erkenntnis aufzudecken. “Der Fundus der Voraussetzungen“, so nennt Husserl die Welt des endlichen, vorwissenschaftlichen “Lebenswelt“ des Wissenschaftlers.
Mit seiner Kritik am Objektivismus und der Einführung des Lebenswelt-Begriffs strebt Husserl an, das wesentliche positive Element der europäischen Rationalität zu retten — das Gefühl der Unendlichkeit und das Streben nach der Lösung unendlicher Aufgaben. Husserl wurde wiederholt der Unvereinbarkeit seiner Auffassungen beschuldigt, auch von seinen Anhängern. So wurde der von ihm in den “Logischen Untersuchungen“ aufgestellte Slogan “Zurück zu den Sachen!“ als Aufruf verstanden, sich von den abstrakten Konstruktionen der Philosophie zu den Dingen des “natürlichen Erlebens“ in ihrer Konkretheit zu wenden. Daher schien es vielen inkonsequent, als Husserl in den “Ideen...“ eine hoch abstrakte Lehre vom objektiven Syntheseobjekt vortrug, bei der die “Dinge“ als ideale Aspekte der Denkakte aufgelöst wurden. Andererseits ruft Husserl in der “Krise der europäischen Wissenschaften“ dazu auf, sich auf die vorwissenschaftliche Wahrnehmung der Welt zu stützen, die er in seinen Arbeiten der “reifen Phänomenologie“ als “natürliche Einstellung“ kritisiert hatte, von der wir uns distanzieren müssen, um zur phänomenologischen Einstellung zu gelangen.
Es ist schwer, das Element der Inkonsistenz zu leugnen, doch betrifft es eher die Interpretation von Husserls eigener Sichtweise. Bei der Betrachtung der Phänomenologie Husserls muss man zwischen dem grundlegenden Verlauf seines Denkens unterscheiden, der für Husserl, gemäß dem Prinzip seiner phänomenologischen Methode, eine Form des “transzendentalen Erlebens“ war, einem fortwährend geschärften Kunstwerk der “Einsicht in das Wesen“, und den Schlussfolgerungen und Auslegungen, die Husserl selbst anstellte oder die er seinen Anhängern nahelegte. Der grundlegende Verlauf von Husserls Denken ist während seines gesamten Werkes durchaus konsistent, von der “Philosophie der Arithmetik“ bis zur “Krise der europäischen Menschheit“. So bedeutet der Slogan “Zu den Sachen selbst!“ von Anfang an nicht den Aufruf zu den “Dingen“ in ihrer sinnlichen Konkretheit, sondern die Forderung, die Anschauung von jedem unkritischen Setzen zu befreien, wobei die Anschauung nicht die sinnliche, sondern die intellektuelle war. Husserl hebt diesen Unterschied absichtlich nicht hervor, als würde er die sinnliche und die intellektuelle Anschauung stillschweigend gleichsetzen, bzw. die sinnliche Anschauung auf die intellektuelle zurückführen. Gerade das Schweigen über diese Identifikation rief Unverständnis für die “Logischen Untersuchungen“ hervor und führte zu Vorwürfen des Psychologismus.
Der Rückgriff auf die “natürliche Einstellung“ in den letzten Arbeiten Husserls widerspricht ebenfalls nicht dem grundlegenden Verlauf seines Denkens: Die Welt der “natürlichen Einstellung“, obwohl sie in früheren Arbeiten kritisiert wurde, wurde nicht negiert, sondern als Ausgangspunkt phänomenologischer Forschung betrachtet. Doch wenn in der reifen Phänomenologie diese Einstellung dazu diente, sich von ihr abzustoßen, so dient sie nun dazu, sich auf sie zu stützen.
Die allgemeine leitende Idee in Husserls Phänomenologie während all ihrer Phasen ist, den Weg zu einer einzigen wahren Philosophie als strenge und universelle Wissenschaft zu finden — Philosophia Perennis, einer Wissenschaft, die lebendig und menschlich ist und den Anforderungen nicht nur des Verstandes, sondern auch des Gefühls und des Gewissens entspricht.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025