Das organisierende Anorganische
Die anorganische Organik der Ökologie
Heute, da Maschinen organisch werden, stellt sich die Frage: Wie sollen wir diese organologischen Versuche, die Beziehung zwischen Mensch und Maschine zu verstehen, denken? Eine neue Form der Industrialisierung, oft als vierte industrielle Revolution oder Industrie 4.0 bezeichnet, schlägt vor, die Umwelt zu automatisieren und „intelligent“ zu machen. Was bedeutet hier „intelligent“? „Intelligent“ verweist auf die Fähigkeit, vorherzusehen und das Optimalste zu erwarten. Im 20. Jahrhundert fand die dritte industrielle Revolution statt, die mit der Entstehung von Informationsmaschinen begann und in der großflächigen Automatisierung durch Künstliche Intelligenz und digitale Netzwerke gipfelte. Seit der Einführung von Computern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ersetzt die digitale Rückkopplung schrittweise die mechanische, sequenzielle Kontrolle der Automatik.
Die Stärke der Digitalisierung liegt in der Fähigkeit, intersubjektive Beziehungen zwischen verschiedenen technischen Ensembles effizient zu gestalten, Raum und Zeit zu komprimieren und diese Ensembles so zu systematisieren, dass sie berechenbar werden. Heute ist diese Revolution durch die Verbreitung intelligenter Objekte und Umgebungen gekennzeichnet. Wir stehen somit vor einer Herausforderung, die nicht nur eine neue Kritik an Industrialisierung und ihrer entfremdenden Wirkung erfordert, sondern auch eine Reflexion über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit tertiärer Protention in Systemen verschiedener Größenordnungen. Die Frage der Kontingenz wird hier zentral, da sie antizipiert werden muss, um zu optimieren. Die Evolution tertiärer Protention basiert also nicht auf der Ablehnung von Kontingenz, sondern auf ihr – und dies ist ein Aspekt der „Intelligenz“.
Intelligente Objekte nehmen an der Bildung der Umgebung teil, da sie motorisch-perzeptive Funktionen übernehmen (ungefähre Sinneswahrnehmungen in Signale umwandeln), Analysefunktionen (auf Berechnungen und vorhandenen Daten basierend) und Synthesefunktionen (die tertiäre Protention erzeugen). Diese Geräte sind untereinander vernetzt, im Gegensatz zum Phänomen der Anpassung, das auf der Interaktion lebender Wesen mit ihrer Umwelt basiert. Technische Systeme antizipieren und modulieren, und soziale Phänomene lassen sich heute durch Manipulation von Signalen in verschiedenen Netzen induzieren. Profiling mittels Sensoren und Datenerhebung erzeugt eine neue individuelle Norm im Sinne Goldsteins, die jedoch über pathologische oder klinische Analysen hinausgeht, da die Umwelt auch analoge und digitale Organe einschließt, wodurch eine neue Umgebung entsteht, die durch anorganische Organik charakterisiert ist.
Der Unterschied zwischen anorganischer Organik und anorganischem Mechanismus besteht darin, dass Letzterer vollständige Synchronisation erfordert, ohne die das System nicht funktionieren kann, während Erstere (obwohl sie weiterhin eine gemeinsame Zeitskala benötigt) Vielfalt zulässt, z. B. Personalisierung und aufsteigende Bewegung. Vielfalt ist sogar notwendig, damit das organische technische System seine Performanz optimieren kann. Überintelligenz bevorzugt daher Vielfalt, ohne sie zu definieren; gleichzeitig bleibt diese Vielfalt begrenzt, da sie nur innerhalb des Systems möglich ist.
Rekursive Modelle, die die individuelle Norm durch organische Konfiguration von Wahrnehmung, Retention (Datensammlung) und Protention bestimmen, werden zu Quellen von Pathologien. Ein aktuelles Beispiel ist die Abhängigkeit von Internet und Videospielen, die wie Drogenabhängigkeit eine Umgebung benötigt, in der sie funktioniert, diese Umgebung aber unfähig macht, sich an andere Umgebungen anzupassen oder diese anzupassen. Es wäre zu einfach zu glauben, man könne dies vermeiden, indem man nur die Art des Umgangs mit Werkzeugen ändert, etwa durch sogenannte Gelassenheit, da hier systematische Determination durch Modifikation der Umwelt auf dem Spiel steht, ähnlich wie Menschen Tiere domestizieren.
Technische Infrastrukturen bauen aufeinander wie Bausteine, beginnend bei Sensoren und Daten bis hin zu Programmen und Systemen, die in einer rekursiven Rückkopplungsschleife arbeiten können. Technische Systeme übertreffen die operative Kapazität einzelner technischer Objekte und die kognitive Fähigkeit jedes Individuums. Der rekursive Kreislauf, basierend auf drei Formen von Protention und Retention, bildet eine neue Dynamik der Seele, die die Evolution technischer Objekte und die Inhumanisierung zeigt, in der die Seele durch das Produkt des Geistes brüchig wird.
Seit der Cybernetik erleben wir die Entwicklung anorganischer Organik, die sich auf alle intelligenten Geräte erstreckt und viele Ebenen systemischer Organisation umfasst. Diese Geräte und Ebenen werden nicht mehr nur als organisiertes Anorganisches verstanden, sondern als organisierendes Anorganisches, das rekursiv funktioniert und eigene Strukturen und Gesetzmäßigkeiten erzeugt. Rekursivität ist Denken, das alle Größenordnungen durchdringt, z. B. in der synthetischen Biologie. Rekursive Algorithmen werden verwendet, um die Reproduktion der DNA-RNA-Protein-Kette theoretisch zu modellieren. Ein Forscher der synthetischen Biologie bemerkte unter Bezug auf Schellings Naturphilosophie: „Wissenschaftler in der synthetischen Biologie versuchen, die Natur zu verstärken und zu überwinden, indem sie Prinzipien der Selbstorganisation dieser Natur selbst nutzen, also die Natur zu beherrschen! Sie theoretisieren die Natur als eine Art Technik, genauer, als universellen Ingenieur.“
Die Natur ist rekursiv: In ihr entfaltet sich Rekursivität zwischen Teilen und Ganzem. Rekursivität ist jedoch nicht nur ein Naturphänomen; sie stellt auch technisches Denken dar, was Douglas Hofstadter als „strange loop“ bezeichnet. Durch Rekursivität können Algorithmen verschiedene Formen von Kontingenz bändigen und nutzbar machen. Das Verhältnis von Technik und Kontingenz muss materiell und historisch analysiert werden, da sich darin die dominanten wissenschaftlichen Epistemologien widerspiegeln. Kapital in der digitalen Ära nimmt eine rekursive Form an, ermöglicht durch Algorithmen und digitale Netzwerke, da es sich regenerieren oder reproduzieren kann. Diese Regeneration ist jedoch nicht linear; sie überwindet rekursiv (durch Integration oder Zerstörung) Kontingenz auf dem Weg zur Unendlichkeit, also zum Endziel von Akkumulation und Entwicklung. Dies ist nicht nur ein ideologischer Prozess, denn Technik ist keine Ideologie, und die Kritik des Kapitals ist im Kern eine Kritik der Technik.
Viele konkrete Beispiele lassen sich finden: Google ist eine riesige rekursive Maschine, die sich selbst reproduziert, indem sie alle Nutzerdaten integriert, aktualisiert und sortiert, um Informationen für andere Dienste nutzbar zu machen. Natürlich ist Google nur ein Beispiel, doch wenn unsere Umwelt mit Sensoren und interaktiven Maschinen ausgestattet wird, beginnt die reale Unterwerfung über einen neuen Mechanismus zu funktionieren, in dem der Nutzer als rekursiver Algorithmus Teil eines anderen rekursiven Algorithmus wird. Deleuze übernimmt den Terminus von Simondon und nennt diesen Prozess Modulation statt Formung. Der Prozess der Konkretisierung technischer Systeme benötigt Zeit. Er beginnt stets mit Fehlern und Bugs, doch die Technik wird durch diese Fehler und Grenzen geformt. Ihr Ziel ist nicht Perfektion, da diese den Fortschritt beenden würde. Das, was als System bezeichnet wird, gilt als Idealisierung, die von sich selbst abhängt, in organischer (rekursiver und kontingenter) Form realisiert und mathematisch begründet ist.
Heute lässt sich sagen, dass Systeme von Schelling, Hegel, Bertalanffy, Luhmann und von Foerster auf diese anorganische Organik der Gesellschaft abzielten, obwohl sie nicht an deren Realisierung durch digitale Technologien dachten. In Luhmanns Sozialtheorie wird Gesellschaft durch Performanz gestützt, die wie Rückkopplung funktioniert (Anstoß), und entscheidet, ob der nächste Zyklus ausgeführt wird. Diese Selbstreferenz wird als doppelte Kontingenz der Kommunikation zweier „Black Boxes“ konzeptualisiert, wobei die Komplexität des sozialen Systems durch verschiedene selbstreferentielle Teilsysteme bestimmt wird. Die Entwicklung eines sozialen Systems kann über die Realisierung solcher rekursiven Formen auf allen Ebenen (Sprache, Individuen, Familien, Institutionen, Staaten) und deren Verbindungen erfolgen.
Verglichen mit Schellings idealistischer Konzeption der Natur als universellem Organismus oder sichtbarem Geist, treten Menschen heute an deren Realisierung in Form eines kybernetischen Systems heran. Ähnliche Argumente finden sich in Teilhard de Chardins Noosphären-Konzept, die er als „Hülle der denkenden Substanz“ beschreibt. Die Noosphäre ist ein „zusätzlicher planetarischer Layer“, erzeugt durch den Anthropogeneseprozess. Dieser Layer führt zu einer Konvergenz, deren Nachweis sich in der „Universalisierung“ der Technik findet. Teilhard de Chardin bemerkte, dass Werkzeuge von Individuen erfunden werden konnten, ihre Verbreitung jedoch planetarischen Charakter hat. Werkzeuge dienten ursprünglich biologisch zur Entlastung von Gliedmaßen und Organen, doch die kontinuierliche technologische Evolution schuf eine völlig andere Bühne:
„Als der Homo faber erschien, entstand das erste primitive Werkzeug als zusätzliche Anpassung an den menschlichen Körper. Heute jedoch ist das Werkzeug zu einer mechanisierten Schicht geworden (innen kohärent und unendlich vielfältig), die auf die gesamte Menschheit bezogen ist. Es ist nicht mehr somatisch, sondern ‚noosphärisch‘.“
In der Universalisierung noosphärischer Technologien sieht Teilhard de Chardin die Konvergenz aller Gehirne zu einem „Gehirn“ oder die Schöpfung eines Superorganismus. Die heutige Erde, nach Margulis und Lovelock als künstliche Erde oder Gaia bezeichnet, ist die Realisierung dieses Superorganismus, eines Supergehirns, das die Kollektivität individueller Gehirne darstellt. Dieser Superorganismus ähnelt Schellings universellem Organismus nicht, da bei Schelling der universelle Organismus den Namen der Natur trägt, während Teilhards Superorganismus nicht mehr Natur ist, sondern ein durch Technik realisiertes System, das Reflexion und Antizipation ermöglicht.
Wir können spekulativ fragen: Wenn man Teilhards Logik folgt, gibt es Gründe anzunehmen, dass die Noosphäre bei Reife eine organisierte Einheit aus Technik, Umwelt, Organischem und Anorganischem bilden könnte, die ewigen Frieden im Sinne Kants gewährleistet – da eine solche Selbstorganisation der Natur auf Gegenseitigkeit und Gemeinschaft beruht und somit dem politischen Ideal Kants entspricht? Kann also unter technologischer Beschleunigung, Streben nach Singularität und explosionsartiger Intelligenzentwicklung eine künstliche Erde geschaffen werden, die sich selbst planen und organisieren kann und daher einem wahren „Organismus“ entspricht? Teilhard de Chardin konnte diese Eschatologie vorschlagen, weil er Macht und Kapital nicht berücksichtigte. Der Superorganismus bleibt ein theologisches Ideal, das aber die verschiedenen Formen des Kampfes auf unterschiedlichen Ebenen außer Acht lässt. Deshalb muss die Organologie nach Canguilhem auch ein politisches, genauer gesagt ein kosmotechnisches Projekt sein.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 04/10/2025