Moderne Philosophie: Der Synthese kultureller Traditionen
Von der Phänomenologie zum Existentialismus und zur Hermeneutik
Die Phänomenologie (E. Husserl)
Die Phänomenologie zählt zu den bedeutendsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Als eine spezifische Methodologie philosophischer Forschung hat sie nicht nur andere Denkrichtungen, insbesondere den Existentialismus, beeinflusst, sondern auch die Geisteswissenschaften nachhaltig geprägt. Ihr Begründer, der deutsche Philosoph Edmund Husserl (1859—1938), war ein Schüler von Franz Brentano (1838—1917), der die Methode der unmittelbaren Beschreibung psychischer Phänomene sowie die Herausarbeitung ihrer Strukturen entwickelte. Brentano führte den Begriff der Intentionalität ein — die Ausrichtung des Bewusstseins auf etwas anderes —, die zum Kern des phänomenologischen Ansatzes wurde.
Die Phänomenologie entstand von Anfang an nicht als geschlossene philosophische Schule, sondern als breites philosophisches Bewegungsspektrum. Bereits in ihrer Frühphase entwickelten sich Tendenzen, die über Husserls Philosophie hinauswiesen. Dennoch spielten seine Werke, insbesondere die Logischen Untersuchungen (1900—1901) sowie Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913), eine zentrale Rolle in ihrer Formierung. Die Phänomenologie fand weltweite Verbreitung, insbesondere in Europa, Amerika, Australien, Japan und weiteren asiatischen Ländern. Husserls umfangreiche Archive befinden sich in Löwen (Belgien), Köln, Freiburg und Paris. Forschungszentren und phänomenologische Gesellschaften existieren heute in vielen Teilen der Welt.
Ausgangspunkt der Phänomenologie ist die Möglichkeit, die intentional gerichtete Bewusstseinswelt zu entdecken und zu beschreiben. Eine zentrale Methode ist der Verzicht auf jede unaufgeklärte Voraussetzung. Die Phänomenologie postuliert die untrennbare und zugleich unaufhebbare Verbindung zwischen Bewusstsein und gegenständlicher Welt — seien es Natur, Gesellschaft oder geistige Kultur. Husserls Motto “Zu den Sachen selbst!“ fordert dazu auf, kausale und funktionale Beziehungen zwischen Bewusstsein und Welt zurückzustellen sowie mystifizierende Interpretationen zu vermeiden. Das Bewusstsein wird allein als Träger der Sinnkonstitution begriffen, ohne Bindung an mythologische, wissenschaftliche, ideologische oder alltagsnahe Vorannahmen.
Der Weg zur Erschließung der Gegenstände erfordert eine Rekonstruktion des Bedeutungsfeldes zwischen Bewusstsein und Welt. Dies setzt die Entdeckung eines “reinen Bewusstseins“ voraus, das mittels methodischer und phänomenologischer Arbeit — wie der Kritik an Naturalismus, Historizismus, Psychologismus und Platonismus — freigelegt wird. Die sogenannte phänomenologische Reduktion, also das “Einklammern“ äußerer Voraussetzungen, erlaubt es, die Gegenstände als reine Korrelate des Bewusstseins zu erfassen, ohne sie auf bloße Bewusstseinszustände zu reduzieren. Der Sinn eines Gegenstandes wird einzig im Zusammenhang mit seiner Wahrnehmung, Erinnerung, Fantasie oder Bewertung deutlich, unabhängig davon, ob der Gegenstand real, illusorisch oder imaginär ist.
Husserls Ansatz betont, dass das Bewusstsein weder rein “innerlich“ ist noch als ein kausal bedingtes oder funktional geregeltes Objekt verstanden werden kann. Es existiert vielmehr in einem Sinnzusammenhang mit den realen, idealen oder auch fiktiven Gegenständen, auf die es gerichtet ist. Reines Bewusstsein bedeutet nicht ein Bewusstsein ohne Gegenstände, sondern ein Bewusstsein, das in der Befreiung von vorgefertigten Denkschemata seine eigentliche Wesensstruktur offenbart: die Konstitution von Sinn in der Verbindung mit dem Gegenstand.
Husserl unterscheidet drei Arten von Beziehungen: zwischen Dingen der Außenwelt, zwischen Erlebnissen und zwischen Bedeutungen. Die Bedeutungsbeziehung ist ideal und offenbart sich nur im Prozess der Sinnbildung, der nicht deduktiv oder induktiv-logisch erklärbar ist. Das Bewusstsein bleibt in seiner Essenz ungegenständlich, manifestiert sich jedoch als Intentionalität — die Ausrichtung auf einen Gegenstand und die Konstitution seines Sinns.
In seinem programmatischen Essay Philosophie als strenge Wissenschaft (1910—1911) proklamiert Husserl eine Wende zur nicht-psychologisch verstandenen Subjektivität und kritisiert den Naturalismus, der entweder alles Sein mit physischer Natur gleichsetzt oder das Psychische als kausal davon abhängig betrachtet. Husserl sieht im “Naturalismus der Vernunft“ eine Bedrohung für die Kultur, da er die Sinngebung des Bewusstseins ebenso relativiert wie die absoluten Ideale und Normen. Der Relativierung durch den Naturalismus setzt Husserl die Methodologie einer strengen Wissenschaft entgegen, die darauf abzielt, den Sinnstrom des Bewusstseins zu erforschen und die Sinngebung des Erlebens im konkreten Bewusstseinsfluss aufzudecken.
Strenge in der Lehre vom Bewusstsein bedeutet, zum einen auf Aussagen über die Existenz von Gegenständen in ihren räumlich-zeitlichen und kausalen Zusammenhängen zu verzichten und zum anderen auf kausale oder assoziative Beschreibungen von Erlebnissen zu verzichten. Weder die Existenz von Gegenständen noch die von psychischen Zuständen wird dadurch negiert, sondern lediglich ihr Status als alleinige Erklärungsmethode suspendiert. Der phänomenologische Zugang ermöglicht es, das Bewusstsein als konstituierenden Sinnzusammenhang zu begreifen, der sich jenseits von Funktionalismus und Kausalität entfaltet.
Husserl führt besondere Begriffe ein, um die Verfahren der phänomenologischen Methode zu bezeichnen, durch die der Übergang von der natürlichen (naturalistischen) Einstellung zur phänomenologischen vollzogen wird: das Epoché (das Zurückhalten von Urteilen über das, was außerhalb des Bewusstseins liegt) und die phänomenologische Reduktion (das Ausklammern dessen), wodurch die sinnhafte Beziehung zwischen Bewusstsein und Welt in den Vordergrund tritt. Für den "naiven Menschen" (ein Ausdruck Husserls) verschmelzen die Art der Verbindung zwischen Gegenständen und die Art der Beziehung zwischen Gegenständen und Bewusstsein. Die phänomenologische Einstellung distanziert sich von der kausal-funktionalen Verflechtung zwischen Bewusstsein und der gegenständlichen Welt. Der Leitsatz "Zu den Sachen selbst!" fordert dazu auf, die Aufmerksamkeit auf die sinnhafte Ausrichtung des Bewusstseins auf die Gegenstände zu richten, in der diese ihren Sinn offenbaren, ohne auf natürliche oder künstliche Verbindungen mit anderen Gegenständen Bezug zu nehmen. In diesem Verfahren liegt nichts Übernatürliches: Es genügt beispielsweise, die Aufmerksamkeit auf ein Haus als architektonisches Bauwerk zu lenken, das einen bestimmten kulturhistorischen oder sozialen Sinn trägt, und dabei das Haus als Hindernis (oder Ziel) sowie als Resultat der Arbeit der Baumeister "auszuklammern". Das Erfassen von Sinnzusammenhängen nennt Husserl "Wesensschau", zu der die phänomenologische Reduktion das Bewusstsein vorbereiten soll, indem sie es von jeglichem empirischen Gehalt reinigt und die Frage nach der Existenz einer außerhalb des Bewusstseins liegenden Welt ausklammert. Die Phänomenologie vereint traditionell in der Philosophie gegenübergestellte Bereiche: die idealen, zeitlosen Gegenstände und den zeitlichen Bewusstseinsstrom. Dieser Strom des Bewusstseins und der ideale Gegenstand sind hier lediglich zwei Arten nichtpsychologischer Beziehungen des Bewusstseins. Husserl setzt das Ideale mit dem Allgemeinen gleich; das Erfassen des Allgemeinen ist keine intellektuelle oder verstandesmäßige Operation, sondern eine besondere, "kategoriale Anschauung". Die Anschauung des Allgemeinen bedarf einer sinnlichen Grundlage, die jedoch völlig beliebig sein kann: Der ideale Gegenstand ist nicht notwendig an eine bestimmte Art von Wahrnehmung, Erinnerung oder Ähnlichem gebunden. So ergeben sich zwei wesentlich verschiedene Ebenen der Intentionalität: Die Einsicht in Ideen (reine Wesen) baut auf der Wahrnehmung individueller Gegenstände und Prozesse auf und verändert die Ausrichtung des Bewusstseins radikal (etwa wenn die Wahrnehmung eines Bauplans lediglich eine sinnliche Grundlage für das Erfassen geometrischer Zusammenhänge bildet).
Zeit wird in der Phänomenologie nicht als objektive Zeit betrachtet, sondern als Temporalität (Zeitlichkeit) des Bewusstseins selbst, insbesondere seiner primären Existenzformen — Wahrnehmung, Erinnerung, Fantasie. Die Temporalität offenbart das Bewusstsein als zugleich aktiv und passiv, als eine Kombination aus dem Vordergrund der Wahrnehmung — der Gegenstände, ihrer Formen, Farben usw. — und dem Hintergrund oder der Grundlage, die das Einheitsbewusstsein ermöglicht. Der zeitliche Strom des Bewusstseins vereint alle seine in der Phänomenologie verstandenen Charakteristika: Gegenstandslosigkeit, Unreduzierbarkeit, die Abwesenheit äußerlich vorgegebener Richtung, Reproduzierbarkeit und Einzigartigkeit.
Für die Phänomenologie ist die Entwicklung eines ontologischen Verständnisses von Wahrheit von zentraler Bedeutung. Husserl bezeichnet als Wahrheit erstens die Bestimmtheit des Seins, also die Einheit der Bedeutungen, die unabhängig davon existiert, ob jemand sie erfasst oder nicht, sowie das Sein selbst, verstanden als "Gegenstand, der die Wahrheit vollzieht". Anders ausgedrückt ist Wahrheit die Identität des Gegenstandes mit sich selbst, das "Sein im Sinne der Wahrheit" (wahrer Freund, wahre Sachlage usw.). Zweitens ist Wahrheit die Struktur des Bewusstseinsaktes, die die Möglichkeit schafft, eine Sachlage genau so zu erfassen, wie sie ist — also die Möglichkeit der Identität (Übereinstimmung) zwischen dem Gedachten und dem Angeschauten; Evidenz als Kriterium der Wahrheit ist das Erlebnis dieser Übereinstimmung.
Mit der Vorstellung von der Subjektivität des Bewusstseins und dem Charakter seiner Objektivierung sind Begriffe der Phänomenologie wie Intersubjektivität und Geschichtlichkeit verbunden. Die Welt, die wir im Bewusstsein vorfinden, ist eine intersubjektive Welt, das heißt eine Schnittmenge und Verflechtung objektivierter Bedeutungen. Was die historische Welt betrifft, so ist sie laut Husserl "vor allem als gesellschaftlich-historische Welt gegeben, doch historisch ist sie nur aufgrund der inneren Geschichtlichkeit der Individuen". Der Geschichtlichkeit liegen erstens die primäre Temporalität (Zeitlichkeit) individueller menschlicher Bewusstseine als Bedingung für das zeitliche und sinnhafte Feld jeder Gemeinschaft zugrunde, und zweitens die in der Antike entstandene "theoretische Einstellung", die Menschen zur gemeinsamen Arbeit an der Schaffung von Strukturen der Sinngebung verbindet. In diesem Sinne soll die europäische Kultur ihre Bestimmung erfüllen — die Verwirklichung einer "Übernationalität" als Zivilisation neuen Typs, weniger durch die Vereinheitlichung wirtschaftlicher und politischer Verbindungen, sondern vielmehr durch den "Geist freier Kritik", der der Menschheit neue, unendliche Aufgaben stellt und "neue, unendliche Ideale erschafft".
Phänomenologie ist somit die Lehre vom Sein des Bewusstseins, das weder auf praktische Konsequenzen (Pragmatismus), den irrationalen Fluss des Seins oder das Kulturbild (Lebensphilosophie), praktische Tätigkeiten (Marxismus), das individuelle oder kollektive Unbewusste (Psychoanalyse), Zeichensysteme und strukturelle Verbindungen als kulturelles Gerüst (Strukturalismus) noch auf logische oder linguistische Analysen (Analytische Philosophie) reduzierbar ist. Zugleich gibt es Berührungspunkte mit nahezu allen Denkströmungen, die im 20. Jahrhundert entstanden oder verbreitet wurden. Eine wesentliche Nähe zeigt sich dort, wo die Problematik der Bedeutung (des Sinns) in den Vordergrund tritt und der Analyse die Unreduzierbarkeit der Bedeutung auf das begegnet, was nicht selbst bedeutungstragend oder sinnstiftend ist. In der phänomenologischen Lehre vom Bewusstsein werden die äußersten Möglichkeiten vielfältiger Sinnbildungsweisen sichtbar: von der einfachsten Fixierung der räumlich-zeitlichen Lage eines Objekts bis hin zur Einsicht in ideale Gegenstände, von der primären Wahrnehmung eines Gegenstandes bis zur Reflexion über die sinnhaften Grundlagen der Kultur.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025