Philosophie und nationaler Charakter im 13. Jahrhundert
Die scholastische Philosophie als Produkt neulatinscher und anglo-keltischer Geister; der Beitrag der Germanen ist faktisch geringfügig
Nun müssen wir einen weiteren zentralen Fakt betrachten — einen Fakt von grundlegender Bedeutung. Diese Zivilisation ist in erster Linie das Produkt französischen Einflusses. Frankreich ist das Zentrum, von dem aus sie überall ihr Licht ausstrahlt. In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass die Meister der scholastischen Philosophie, die dafür verantwortlich sind, dass sie ihre volle Entfaltung erhielt und die ihren Genius auf sie prägten, alle in Frankreich ausgebildet wurden — seien sie Franzosen, Italiener, Engländer, Flamen oder Wallonen. Thomas von Aquin und Bonaventura stammen aus einflussreichen italienischen Familien; Alexander von Hales, Duns Scotus, William von Ockham und viele andere sind anglo-keltischer Herkunft; Gérard von Abbeville, Wilhelm von Paris, Wilhelm von Ockham sind gebürtige Franzosen; Heinrich von Gent und Siger von Courtrai stammen aus Flandern; Gottfried von Fontaine kommt aus dem Adel von Lüttich. All diese Meister trafen sich in Paris, wo sie lebten und lehrten, und sind somit französisch im Geiste. Die scholastische Philosophie des XIII. Jahrhunderts ist noch mehr ein System der Gallicae Sententiae (französischer Denkweise) als zur Zeit von Abelard von Bath.
Andererseits ist die Rolle der Germanen überraschend unbedeutend. Die einzige berühmte Persönlichkeit, die aus dem Rheinland stammt, ist der Schwabe Albertus Magnus, Graf von Bollstädt. Sein Beitrag zur scholastischen Philosophie verdient besondere Aufmerksamkeit, ist jedoch von sehr besonderer Art. Albertus Magnus war ein unermüdlicher Kompilator von Texten, ein fleißiger Kommentator, ein Beobachter der Fakten und ein hervorragender Enzyklopädist, aber er war kein tiefgründiger Philosoph.
Ich möchte damit nicht sagen, dass die Deutschen keinen Beitrag zur Philosophie des XIII. Jahrhunderts geleistet hätten; schließlich haben sie einige Denker hervorgebracht, deren Gedanken für die Zivilisation von außerordentlicher Bedeutung sind. Doch ihre Philosophie ist nicht die scholastische Philosophie, wie wir auf den Seiten dieses Buches nachdrücklich zu zeigen versucht haben. Ihr Denksystem enthält Samen, die dem scholastischen Genius fremd sind, und birgt die Keime ihrer zukünftigen tiefsten Bestrebungen.
Dieser Kontrast zwischen den beiden Denkrichtungen ist sowohl bemerkenswert als auch lehrreich. Daher können wir ihn in der Schlussfolgerung unserer Untersuchung fruchtbar erörtern.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025