Marx – Produktivkräfte und Klassenkampf
Historischer Materialismus
Marx betrachtete wirtschaftliche Faktoren als die entscheidende treibende Kraft im formativ-historischen Prozess. Die Geschichte sei die Geschichte der Ökonomie, die Geschichte der Arbeit. Qualitative Veränderungen im wirtschaftlichen Leben machen die Geschichte zu einem unumkehrbaren, fortschreitenden Prozess.
Dieser unumkehrbare formative Prozess durchläuft folgende ökonomische Stadien:
- Urgesellschaft
- Sklavenhaltergesellschaft
- Feudalgesellschaft
- Kapitalismus
- (Kommunismus)
Der Übergang von einer ökonomischen Stufe zur nächsten stellt einen qualitativen Sprung dar, der zwangsläufig erfolgt, sobald sich die Wirtschaft bis zu einem gewissen Punkt der Erfüllung entwickelt hat. Diese qualitativen Sprünge erfolgen auf dialektische Weise, indem eine Stufe von einer höheren "verneint" und "aufgehoben" wird.
Hierbei können wir von einer höheren Position und von Fortschritt sprechen, da die Verneinung nicht einfach ein Ersetzen eines ökonomischen Systems durch ein anderes bedeutet, wie etwa bei der Absetzung eines Königs zugunsten eines anderen. Vielmehr handelt es sich um eine Aufhebung, bei der zwischen wesentlichen Aspekten rationalere Beziehungen hergestellt werden. Die Geschichte verliert dabei nichts. Der Kommunismus beispielsweise integriert die klassenlose Gesellschaft der Urgesellschaft, die engen sozialen Verflechtungen der Feudalzeit sowie die formalen Rechte und die entwickelten Produktionsmittel des bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters. Gleichzeitig vereint er diese Elemente in einem System, das auf rationaler und demokratischer Kontrolle über die Wirtschaft beruht.
Ähnlich wie Hegel betrachtete Marx diesen Prozess der Aufhebung als notwendig. Arbeit und Wirtschaft erzeugen letztlich die entsprechenden Veränderungen unabhängig davon, was einzelne Menschen denken oder sich vorstellen. Individuen können diesen Prozess nicht durch ihre subjektiven Wünsche beeinflussen. Er schreitet voran, selbst wenn die Menschen sich dessen nicht bewusst sind (zumindest bis Marx die Gesetze der historischen Dialektik enthüllte).
Für Marx ist die Wirtschaft, nicht der Geist, wie bei Hegel, das Fundament. In gewissem Sinne spiegeln unsere Gedanken die ökonomisch-materiellen Bedingungen wider. Daher werden die ökonomisch-materiellen Faktoren als Basis bezeichnet, während kulturelle Phänomene wie Religion, Philosophie, Ethik oder Literatur als Überbau gelten.
In seiner extremen Form führt der historische Materialismus zu den folgenden Annahmen:
- Die Basis, nicht der Überbau, ist die treibende Kraft der Geschichte.
- Die Basis bestimmt den Überbau, nicht umgekehrt.
Versteht man den historischen Materialismus in dieser extremen Form, so wird er zum ökonomischen Determinismus. Sowohl der Gang der Geschichte als auch die Gedanken der Menschen werden von ökonomisch-materiellen Umständen bestimmt. Die Menschen können weder frei denken noch ihre Gedanken auf die Ereignisse einwirken lassen.
Ein solcher ökonomischer Determinismus wird jedoch aus mehreren Gründen unhaltbar:
a) Er impliziert den Verzicht auf jede souveräne Rationalität. Unsere Gedanken wären dann stets ökonomisch begründet, nicht rational motiviert. Doch eine Theorie, die behauptet, alle Gedanken seien ökonomisch bedingt, entzieht sich selbst die Grundlage, da auch sie nur ein Produkt bestimmter wirtschaftlicher Umstände wäre, die sich von denjenigen unterscheiden, die Marx beeinflussten.
- b) Ein solcher ökonomischer Determinismus widerspricht der Dialektik, da er eine scharfe Trennung zwischen zwei Phänomenen — Wirtschaft und Denken — zieht und behauptet, das eine bestimme kausal das andere. Eine solche Dualität widerspricht dem dialektischen Ansatz, der davon ausgeht, dass Phänomene wie die Wirtschaft nicht isoliert betrachtet werden können. Da die Wirtschaft Teil der Gesellschaft ist, betonte Marx die wechselseitige Beziehung zwischen ökonomischen und geistigen Faktoren.
- c) In Marx' Schriften finden sich Aussagen, die zeigen, dass er kein ökonomischer Determinist war, auch wenn er sich gelegentlich zweideutig ausdrückte.
Zusammengefasst zeigt sich, dass der historische Materialismus, wenn er dialektisch verstanden wird, nicht auf einen starren ökonomischen Determinismus reduziert werden kann, sondern die komplexen Wechselwirkungen zwischen Basis und Überbau berücksichtigt.
Es lässt sich festhalten, dass die Behauptung, die ökonomische Basis bestimme die Überbau vollständig kausal, dem vulgären Marxismus zuzurechnen ist. Daher erscheint es gerechtfertigt, den historischen Materialismus bei Marx so zu interpretieren, dass Wirtschaft und Denken sich wechselseitig beeinflussen, wobei der Wirtschaft eine entscheidende Rolle zukommt. Diese Sichtweise kann zudem um sozial-politische Faktoren erweitert werden, die neben den ökonomischen und ideellen Aspekten eine zusätzliche Dimension einbringen.
Dies ergibt eine einfache, jedoch plausible Interpretation der materialistischen Geschichtsauffassung Marx’. Doch diese bleibt nicht ohne Mehrdeutigkeiten. Was genau ist gemeint, wenn gesagt wird, dass alle genannten Faktoren eine Rolle spielen, die Wirtschaft jedoch prioritär ist? Dies könnte als methodologische Maxime verstanden werden: “Sucht ökonomische Erklärungen!“ oder “Betont wirtschaftliche Faktoren innerhalb der gesellschaftlich-historischen Gesamtheit!“. Diese Sichtweise mag kategorisch erscheinen, doch Marx ging es um mehr.
Eine alternative Deutung wäre: “Die Überbau beeinflusst die Basis insofern, als sie für diese notwendig ist, kann jedoch deren Entwicklungsrichtung nicht bestimmen.“ Diese Aussage macht deutlich, dass der Überbau — also Staat, Ideologie und Denken — als notwendiger Teil des Ganzen verstanden wird, die eigentliche Dynamik und Richtung der Veränderungen jedoch von der Basis ausgeht. Eine andere Formulierung könnte lauten: “Die Überbau kann unabhängig existieren, indem sie die Basis unterstützt, ist jedoch nicht in der Lage, sich aus sich selbst heraus weiterzuentwickeln.“ Solch eine Lesart weist der Überbau — etwa staatlichen oder politischen Faktoren — die Fähigkeit zu, auf Ereignisse einzuwirken, jedoch lediglich als stabilisierende Masse, die bestehende Tendenzen erhält, ohne eine eigene Entwicklungslogik zu besitzen. Die schöpferische Kraft bleibt der ökonomischen Basis vorbehalten.
In der Beziehung von Wirtschaft und Denken hebt Marx hervor, dass die Wirtschaft auf Arbeit basiert. Arbeit ist dabei kein blindes Naturphänomen, sondern ein sozialer, menschlicher Prozess — eine spezifisch menschliche Tätigkeit, durch die der Mensch mit der Realität interagiert. Durch Arbeit erkennen wir die Welt und uns selbst, da sie neue Produkte und soziale Bedingungen hervorbringt. Dieser Prozess ermöglicht es uns, immer mehr über uns und die Welt zu erfahren. Für Marx ist Arbeit daher ein zentrales erkenntnistheoretisches Konzept: Durch Arbeit werden wir zu erkennenden Subjekten. Damit widerspricht Marx der statischen, individualistischen Erkenntnismodell der klassischen Empiristen, das den Menschen mit einer passiven Kamera vergleicht, die lediglich optische Eindrücke aufnimmt.
Wenn diese epistemologische Deutung der Arbeit zutrifft, so liefert sie ein weiteres Argument gegen die scharfe Trennung von Basis und Überbau sowie gegen den ökonomischen Determinismus. Arbeit und Erkenntnis sind Aspekte eines dialektischen Prozesses, weshalb es unzutreffend wäre, zu behaupten, Arbeit bestimme die Erkenntnis kausal.
Die politischen Implikationen zweier möglicher Positionen innerhalb des Marxismus sind nun deutlich. Die erste Position verteidigt einen strengen ökonomischen Determinismus, während die zweite der Überbau eine aktive Rolle zuspricht. Die erste führt zur politischen Passivität: “Wir müssen warten, bis die Bedingungen reif sind.“ Die zweite hingegen ruft zur politischen Aktivität auf.
Hält man daran fest, dass die Überbau primär durch die Basis bestimmt ist, so scheint es sinnlos, mit ideologischen Gegnern zu diskutieren. Ihre Sichtweise wird durch ihre materiellen Umstände geprägt, die sich Argumenten nicht beugen. Nur eine Veränderung dieser Umstände könnte eine Änderung ihrer Ansichten bewirken. Folglich: Diskutiert nicht mit dem Fabrikbesitzer, enteignet ihn und lasst ihn körperliche Arbeit verrichten — erst danach lohnt sich ein Gespräch!
Ebenso erscheinen politische Abmachungen bedeutungslos, da die wirtschaftliche Macht und nicht Vereinbarungen die entscheidende Rolle spielt. Parlamentarische Systeme sind daher ebenfalls fragwürdig, denn die Macht liegt “außerhalb des Parlaments“ und gründet sich auf ökonomische Stärke. Der Parlamentarismus wird so zum bloßen politischen Ausdruck der bestehenden ökonomischen Verhältnisse.
Die radikale Form des ökonomischen Determinismus bringt unangenehme politische Konsequenzen mit sich, weshalb es nötig erscheint, nach einem vernünftigen Gleichgewicht zu suchen. Auch wenn der strikte ökonomische Determinismus problematisch ist, bleibt der Einfluss ökonomisch-materieller Bedingungen auf unsere Erkenntnisformen unbestreitbar. Wie dieser Einfluss jedoch genau zu gewichten ist, bleibt eine schwierige und umstrittene Frage.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025