Mehrwert und Ausbeutung - Marx – Produktivkräfte und Klassenkampf
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Marx – Produktivkräfte und Klassenkampf

Mehrwert und Ausbeutung

Einer der zentralen Kritikpunkte von Marx gegenüber den klassischen liberalen Ökonomen wie Smith und Ricardo bestand in ihrer abstrakten und atomistischen Denkweise. Sie operieren vornehmlich mit den Begriffen eines ahistorischen Individuums und ahistorischer Gesetzmäßigkeiten. Dies führt dazu, dass sie das Funktionieren der Wirtschaft in Gesellschaft und Geschichte missverstehen.

In einer vereinfachten Darstellung könnte dieser Gedanke folgendermaßen formuliert werden: Wir können den Preis eines Gutes auf Grundlage von Angebot und Nachfrage bestimmen, wobei die Nachfrage wiederum durch das Bedürfnis definiert ist. Doch das Bedürfnis meint hier die Kaufkraft, nicht die tatsächliche Notwendigkeit. Es ist durchaus möglich, dass wir ein Gut dringend benötigen — etwa Nahrungsmittel —, es uns aber aufgrund von Armut nicht leisten können (eine allzu häufige Realität in der modernen Welt). In einem solchen Fall manifestiert sich unser Bedürfnis nicht als Nachfrage. Gleichzeitig wird jedoch die Kaufkraft eines achtjährigen Mädchens, das sich einen Büstenhalter leisten könnte, als Nachfrage registriert, auch wenn sie ein solches Produkt überhaupt nicht benötigt.

Bedürfnisse und insbesondere Kaufkraft sind nicht ahistorisch. Wir müssen uns fragen, wie sie entstehen und wer sie formt. Solche Aspekte zu übersehen, bedeutete, sich mit einer vulgären ökonomischen Theorie zu begnügen. Ein häufig anzutreffendes Thema in der marxistischen Literatur ist daher die Unterscheidung zwischen vulgärer ökonomischer Theorie und den großen Denkern der klassischen politischen Ökonomie. Marx hat niemals verborgen, dass er viel von Smith und Ricardo gelernt hat. Die marxistische Tradition spricht zudem von der klassischen englischen politischen Ökonomie als einem der drei Hauptquellen des Marxismus. Diese umfassen: die deutsche idealistische Philosophie (etwa Hegels Dialektik), den französischen Sozialismus (mit Begriffen wie Bourgeoisie, Arbeiterklasse und Revolution) sowie die englische politische Ökonomie (mit Konzepten wie Tauschwert, Gebrauchswert und Kapital).

Was ist dann der Beitrag von Marx zur klassischen politischen Ökonomie? Marx selbst betrachtete die Unterscheidung zwischen Arbeit und Arbeitskraft als einen seiner wesentlichen Beiträge. Arbeitskraft ist eine Ware, deren Wert sich aus den Konsumgütern ergibt, die notwendig sind, um diese Arbeitskraft zu reproduzieren. Die Nutzung der Arbeitskraft wiederum ist die Arbeit, die Wert schafft. Wie wir später sehen werden, spiegeln diese Ideen soziale und politische Bedingungen wider und bilden gleichzeitig die Grundlage für Marx’ Kritik am Kapitalismus.

Ein Gut ist einerseits Gebrauchswert, da es Bedürfnisse befriedigt, und andererseits Tauschwert, der über den Markt bestimmt wird. Im Kapitalismus wird grundsätzlich alles zur Ware, einschließlich der Arbeitskraft. Innerhalb dieses umfassenden Warenmarktes tauschen wir nicht nur Dinge gegen Dinge, sondern auch Arbeitskraft gegen Lohn. Oftmals besitzt der Arbeiter nichts außer seiner Arbeitskraft und verkauft diese an denjenigen, der sie kaufen möchte — denjenigen, der über Arbeitsplätze und Produktionsmittel verfügt. Der Preis der Arbeitskraft ist der Arbeitslohn. Während der Tausch von Dingen wie einem Sack Salz gegen zwei Ziegenfelle keinen Wertzuwachs erzeugt, stellt sich die Frage, wie ein solcher Zuwachs überhaupt erklärt werden kann. Manche verweisen auf Arbeitsteilung oder Spezialisierung, andere auf die Nutzung neuer Ressourcen. Für Marx liegt der Ursprung des Werts jedoch im Arbeitsprozess selbst.

Die Arbeitskraft ist eine besondere Ware: Während ihres Verbrauchs entsteht ein Wertzuwachs in der Gesamtwirtschaft. Nach Abzug der Produktionskosten und der Zahlung des Arbeitslohns bleibt ein Überschuss — der Mehrwert —, der den Anteil der unbezahlten Arbeit des Arbeiters darstellt. Dieser Mehrwert wird von denjenigen angeeignet, die die Arbeitskraft gekauft haben. So beruht die kapitalistische Ausbeutung auf der Aneignung dieses unbezahlten Teils der Arbeit.

Die Käufer der Arbeitskraft stehen untereinander im Wettbewerb. Die Gefahr des Bankrotts zwingt sie dazu, Gewinne nicht exzessiv zu konsumieren, sondern in neue Technologien und andere Bereiche zu reinvestieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dies führt dazu, dass ein Teil des Mehrwerts in Kapital umgewandelt wird, wodurch die kapitalistische Wirtschaft expandiert.

Der Mehrwert ist somit ein Schlüsselbegriff der marxistischen Theorie und verweist zugleich auf die objektive Ausbeutung, die im Kapitalismus stattfindet. Die Arbeitskraft als Ware schafft im Arbeitsprozess Mehrwert, der vom Kapitalisten als Gewinn angeeignet wird. Konkurrenz erfordert eine Reinvestition des Profits, was die kapitalistische Dynamik perpetuiert. Dieses System jedoch, so Marx, ist selbstzerstörerisch. Es führt zu Krisen, die es aus sich heraus nicht lösen kann. Die einzige Lösung liegt in der Einführung eines alternativen Systems.

Die Begriffe Arbeitskraft, Wert und Mehrwert zeigen die kapitalistische Wirtschaft als umfassende gesellschaftliche Praxis mit inneren Widersprüchen. Marx bemühte sich daher um Begriffe, die den realen Verhältnissen besser gerecht wurden als jene der klassischen Ökonomie. Doch mit zunehmender gesellschaftlicher Spezialisierung wird es schwieriger, den tatsächlichen Mehrwert in spezifischen Situationen zu bestimmen, insbesondere in Bereichen wie Bildung oder Technologie, die nur indirekt kapitalistische Gewinne generieren.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025