Ironisch-reflexive Interpretation - Kierkegaard – Existenz und Ironie
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Kierkegaard – Existenz und Ironie

Ironisch-reflexive Interpretation

Ein guter Bürger kann an Gott glauben und in die Kirche gehen, verantwortungsbewusst und pflichtbewusst sein und zudem wissen, wie man sich unterhält und die Schönheit genießt. Äußerlich sollte es keinen großen Unterschied zwischen einem geselligen Bürger und einem Ästheten oder zwischen einem Ethiker und einem Religiösen geben. Der Unterschied liegt, wie wir bereits sagten, innerhalb von ihnen oder in ihren Lebenshaltungen.

So unterscheidet sich der Ästhet von dem Bürger nicht darin, dass der eine die Schönheit liebt und der andere nicht, sondern darin, dass der Ästhet eine ironisch-reflexive Haltung zum Leben einnimmt. Während der Bürger spontan seinen Alltag lebt und sich um die Konsequenzen seines Handelns sorgt, hält der Ästhet alles Geschehen auf distanzierte Weise und betrachtet weltliche Angelegenheiten als grundsätzlich bedeutungslos. Daher spielt es keine Rolle, wie die Konsequenzen ausfallen. So verstanden ist der Ästhet die Verkörperung des europäischen Nihilismus im nietzscheanischen Sinne. Keine Werte sind wertvoller als andere. Sie sind gleichwertig und grundsätzlich bedeutungslos.

Sprechen wir hier von einer Wahl, nämlich einer Wahl, die dazu führt, dass alle Werte sozusagen gleichwertig sind? Oder sprechen wir von einer Erkenntnis, nämlich der Erkenntnis der Wahrheit, dass alle Werte gleichermaßen bedeutungslos sind? Unabhängig davon, auf welchen Aspekt man den Schwerpunkt legt, erscheint der Ästhet in dieser Interpretation keineswegs als jemand, der vor allem das Leben genießt, Schönheit und Vergnügen liebt. Er erscheint vielmehr als jemand, der sich innerlich vom Leben distanziert hat, als jemand, der das Leben als ethisch leer ansieht, insofern als dass alles grundsätzlich gleichgültig ist. Weit davon entfernt, die Blumen des Vergnügens zu pflücken, die das Leben ihm bietet, steht der Ästhet dem reflektierenden Zyniker näher, der heroisch an der Überzeugung festhält, dass das Leben objektiv keinen Sinn hat. Diese innere Verzweiflung des Ästheten unterscheidet ihn radikal vom beschäftigten und verantwortungsvollen Bürger.

Der sprunghafte Übergang zur ethischen Stufe ist keine Frage der Wahl der besseren Werte im Gegensatz zu den schlechteren. Er zeichnet sich dadurch aus, dass der Einzelne ein Lebensprojekt als solches wählt. Hier geht es nicht um die Wahl konkreter Projekte wie bestimmte Berufe oder Lebensformen. Es geht um die innere, existenzielle Wahl, durch die sich unsere Lebenshaltung so verändert, dass wir uns selbst in unserer Lebensführung als unsere eigene Lebenserfahrung begreifen. Hier sind eher suggestive Begriffe erforderlich, da man, um zu verstehen, worum es geht, persönliche Erfahrungen mit einer solchen Wahl machen muss. Doch es ist wohl anzunehmen, dass die meisten Menschen, die ein selbstständiges Leben führen, in gewissem Maße wissen, wovon hier die Rede ist. Schlüsselbegriffe in diesem Zusammenhang könnten “Selbstbewusstsein“ und “der Drang, das eigene Leben zu führen“ sein. Oder, wie Kierkegaard oft sagte, “Leidenschaft“ und “aufrichtige Hinwendung nach innen“.

Im Vergleich zum Ästheten ist der Ethiker stärker in das Leben eingebunden. In diesem Sinne kann er das quälende existenzielle Verzweifeln des Ästheten überwinden. Aber auch hier ist der äußere Unterschied zum moralischen Bürger eher gering. Der Unterschied liegt immer im Inneren.

So ist der Ethiker die “einmalige Individualität“ (hin enkelte), die ein leidenschaftliches und reflektierendes Leben führt und kontinuierlich neue Anstrengungen unternimmt. Äußerlich ist er ein Mitglied der sozialen Gemeinschaft, wie alle anderen moralischen Menschen. Äußerlich ist der Ethiker nicht exzentrisch. Doch während der begrenzte Bürger in gewissem Sinne ein inaktive innere Leben führt, besitzt der Ethiker als “einmalige Individualität“ im existenziellen Sinne ein wachendes inneres Ich.

Der Übergang zur religiösen Stufe ist ein Sprung ins Ungewisse. Er erfolgt ohne Garantien aus objektivem Wissen, ohne überzeugende Argumente und ohne jegliche Vorstellung davon, was uns nach diesem Sprung erwarten wird. Wir können wohl annehmen, dass der Ethiker während dieses Sprungs von völliger Verzweiflung erfasst wird: Alles hängt nur von dir selbst ab, und alles kann zu Bruch gehen. Nur durch den Glauben an den konkret-historischen Gott findet der Einzelne in das Universelle den Anker der Rettung und enthüllt das Vergängliche im Ewigen.

Der konkret-historische Gott ist Christus, der nicht eine Doktrin, sondern das Leben ist. An ihn zu glauben bedeutet nicht, etwas über irgendetwas zu wissen, denn Christus der Herr ist nicht etwas, sondern Jemand — sozusagen zugleich Subjekt und Beziehung. Im Glauben wird die menschliche Beziehung zur Gottesbeziehung in Form unendlicher Leidenschaft. Das ist es, was für Kierkegaard “in der Wahrheit zu sein“ bedeutet, also eine innere und intensive Gottesbeziehung mit dem konkret-historischen Gott zu haben.

Für Kierkegaard, als Christen, liegt die wahre Aufgabe hier. Philosophische und literarische Aspekte gewinnen erst im Rahmen dieser religiösen Perspektive Bedeutung.

Die scharfe Trennung von Glauben und Vernunft, Glauben und äußeren Handlungen liegt im Rahmen der protestantischen Tradition, der der dänische Pietismus Kierkegaards angehörte. Doch er selbst war kein Verteidiger des moralisierenden Protestantismus. Für Kierkegaard sind moralisch bestimmende Faktoren weder gute Taten (gute Folgen) noch gute Prinzipien (kategorischer Imperativ oder Zehn Gebote). Für ihn ist nur die eigenständige, bewusste Wahl des eigenen Lebens entscheidend. Das ist Pietismus, aber kein Puritanismus. Es ist die aufrichtige Hinwendung nach innen, nicht gutes Verhalten auf dem Markt und in der Ehe.

So ist Kierkegaard kein “Asket“ und leugnet die Gesellschaft nicht. Sowohl ethisch als auch religiös sind für ihn die entscheidenden Faktoren die individuelle Lebenshaltung und das Verhältnis zu Gott. In Form des Protestantismus ist diese Haltung weder ein enthusiastisches und emanzipiertes Christentum (Grundtvig) noch ein asketisches und moralisierendes Christentum. Es ist ein Christentum existenzieller Schmerzen, das mit Schuldgefühlen und Angst ringt, aber eine leidenschaftliche und ironisch-reflexive Haltung zu sich selbst und dem konkret-historischen Gott besitzt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025