Psychoanalyse und das neue Verständnis des Menschen - Freud und der Psychoanalyse
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Freud und der Psychoanalyse

Psychoanalyse und das neue Verständnis des Menschen

Das Leben. Sigmund Freud wurde 1856 in Freiberg, einem Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, geboren, der heute zur Tschechischen Republik gehört. Er studierte Medizin in Wien, wo er bis zur Annexion Österreichs durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 lebte und arbeitete. Als Jude war er gezwungen, seine Heimat zu verlassen und zog nach London, wo er 1939 starb. Über viele Jahre hinweg kämpfte er gegen eine unheilbare Krebserkrankung.

Werke. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören: Die Traumdeutung (1899), Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1915—1917), Jenseits des Lustprinzips (1920), Die Zukunft einer Illusion (1927), Das Unbehagen in der Kultur (1930), Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939).

Psychoanalyse und das neue Verständnis des Menschen

Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Viele halten seine Beiträge in diesem Bereich für so revolutionär, dass sie ihn mit Denkern wie Darwin, Marx und Einstein auf eine Stufe stellen. Er stellte die bis dahin herrschende Vorstellung vom Menschen völlig in Frage. Nach Descartes, Locke und Kant war die Natur des Menschen durch die Freiheit des Willens geprägt. Die Fähigkeit, freie Entscheidungen zu treffen, wurde als tiefste Essenz des Individuums angesehen und mit dem bewussten “Ich“ verbunden. Freud betrachtete diese Vorstellung von der menschlichen Psyche (Seele, psyche) als Illusion. Das bewusste “Ich“ ist lediglich die Spitze eines mächtigen, unbewussten mentalen Lebens.

Freud revolutionierte damit unser Verständnis des Subjekts. Er wollte zeigen, dass das bewusste mentale Leben nur ein kleiner Teil des gesamten mentalen Lebens des Menschen ist. Unsere bewussten Prozesse werden streng von unbewussten Faktoren determiniert. Um dies zu veranschaulichen, verwendet man oft die Analogie zum Eisberg. Wenn man den sichtbaren Teil des Eisbergs mit dem bewussten Leben vergleicht, dann entspricht das Unbewusste der weitaus größeren, unsichtbaren Masse unter Wasser. Diese unsichtbare Masse bestimmt sowohl das Zentrum der Schwere als auch die Richtung des Eisbergs. Ebenso ist das Unbewusste das Zentrum unserer Individualität.

In zwei wichtigen Arbeiten, die zu Beginn des Jahrhunderts verfasst wurden, spricht Freud von der Existenz unbewusster mentaler Prozesse bei allen Individuen und zeigt, dass die Psychoanalyse unbewusste Ursachen alltäglicher Phänomene aufdecken kann. Dies führte zur Entwicklung einer neuen und umfassenden Theorie der menschlichen Seele (des menschlichen “Ichs“, psyche). In Die Traumdeutung (1900) wird betont, dass Träume einen Sinn haben und das Ergebnis unbewusster Wünsche sind, die in verzerrter und entstellter Form ins Bewusstsein dringen. Der Inhalt des Unbewussten, verborgen in den Träumen, kann nur durch einen komplexen Interpretationsprozess erschlossen werden. In Die Psychopathologie des Alltagslebens (1901) werden triviale “Fehlhandlungen“ des täglichen Lebens untersucht, wie Sprachfehler und Gedächtnislücken. Laut Freud sind diese Phänomene nicht zufällig oder bedeutungslos, sondern drücken unbewusste Motive und Absichten aus. Zum Beispiel verlieren oder vergessen wir etwas, das wir von einer Person erhalten haben, die uns nicht mehr gefällt, und so weiter.

Hier wird bereits ersichtlich, dass die Psychoanalyse ein neues Verständnis des Menschen bietet und davon ausgeht, dass hinter unseren Träumen, unangemessenen Reaktionen, Scherzen und neurotischen “Symptomen“ unbewusste (oft sexuelle) Motive stecken. Anders ausgedrückt: Wenn man Freuds Überlegungen folgt, dann entsteht der Verdacht, dass Dinge, die im Licht bewusster Absichten und Motive des Subjekts sinnvoll erscheinen, durch psychoanalytische Untersuchung des Unbewussten eine neue Bedeutung gewinnen können. “Symptome“, die zunächst unverständlich und bedeutungslos erscheinen, erhalten einen Sinn, wenn man sie als Ausdruck unbewusster Motive und Absichten betrachtet. Man könnte daher sagen, dass Freud eine “Hermeneutik des Verdachts“ entwickelt.

Im Gespräch mit neurotischen Patienten entdeckte Freud, dass sie ihr Unbewusstes nicht erkennen, das für sie “eine innere Grenze“ darstellt. Nur der Patient kann den Psychoanalytiker zu einem Verständnis der unbewussten Ursachen seiner neurotischen Symptome führen. Mit anderen Worten, die Symptome haben Bedeutung, aber weder der Träger des Symptoms noch der Arzt haben unmittelbares Wissen über diese Bedeutung. Eine Interpretation wird notwendig.

Ein Beispiel aus Freuds Werk kann diese Ansicht veranschaulichen. Eine junge Frau leidet unter einem schweren Zwangssyndrom. Mehrmals täglich läuft sie aus dem Schlafzimmer in das Wohnzimmer, bleibt am Tisch stehen und ruft die Dienstmagd. Dann erteilt sie ihr einen unbedeutenden Auftrag und kehrt zurück. Die Patientin kann nicht erklären, warum sie dies tut. Ihr Verhalten ist unverständlich und erscheint sinnlos. Nach einiger Zeit wurde der Ursprung dieses Zwangsverhaltens entdeckt. Vor zehn Jahren hatte die Patientin einen Mann geheiratet, der viel älter als sie war und sich in der Hochzeitsnacht als impotent herausstellte. Mehrmals in dieser Nacht kam er ins Schlafzimmer und versuchte erfolglos, seine Frau zu nehmen. Am nächsten Morgen sagte er, er würde sich vor der Dienstmagd schämen, wenn sie das Bettzeug aufräumt. Er nahm eine Flasche roter Tinte und verschüttete sie auf das Laken, jedoch nicht an der Stelle, an der man Blutspuren erwartet hätte. Dies war der Ausgangspunkt des seltsamen Verhaltens der Patientin.

Es stellte sich heraus, dass auf dem Tisch ein großes Fleck war und die Patientin immer so stand, dass die Dienstmagd ihn sehen konnte. Freud interpretierte das zwanghafte Verhalten der Patientin als Nachahmung des Verhaltens ihres Mannes in der Hochzeitsnacht. Das Bett war durch den Tisch ersetzt worden, und die Patientin wollte der Magd zeigen, dass auf dem Tisch ein Fleck war. So reproduzierten ihre zwanghaften Handlungen ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben. Aber zu welchem Zweck? Laut Freud war das Zwangshandeln eine Art, das Ereignis der Hochzeitsnacht zu “korrigieren“. Der Fleck auf dem Tisch war an der richtigen Stelle und so positioniert, dass die Magd ihn nicht übersehen konnte. Damit wurde gewissermaßen die Impotenz des Ehemanns der Patientin beseitigt. Freud erklärte, dass die Frau unbewusst den Wunsch hegte, den Ruf ihres Mannes in den Augen anderer oder in ihren eigenen zu retten. Das Zwangshandeln war das Mittel, diesen Wunsch zu realisieren. Wenn Freud sagt, dass neurotische Symptome, Träume und Fehlhandlungen einen Sinn haben, dann bedeutet das, dass er sie genauso verstehen möchte, wie wir bewusste Handlungen verstehen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass in ersterem Fall die Wünsche, Absichten und Motive unbewusst sind. Aus dieser Perspektive haben Zwangshandlungen einen “Sinn“, der dem bewusster Handlungen entspricht. In dem betrachteten Beispiel war die psychoanalytische Analyse jedoch nicht abgeschlossen, da sie nicht bis zum “Trauma“ aus der Kindheit geführt wurde.

Freud vertrat die Ansicht, dass sexuelle Wünsche (ängstlicher oder verborgener Art) in andere, wesentlich verschiedene Phänomene umgewandelt werden können, wie scheinbar bedeutungslose Symptome und Träume. Aber warum werden solche Wünsche ins Unbewusste verdrängt? Freud vermutete, dass es Mechanismen der Verdrängung emotional aufgeladener Erlebnisse gibt, die in den Teil der Psyche verschoben werden, der für das Gedächtnis unzugänglich ist. Symptome, die diese verdrängten Erlebnisse ersetzen, sind ein Trauma. (Das griechische Wort trauma bedeutet Wunde). Der Ursprung des Traumas kann letztlich bis in die frühe Kindheit zurückverfolgt werden. Durch die Methode der freien Assoziation können Patient und Psychoanalytiker die Wurzeln des Traumas aufdecken. Daher besteht das therapeutische Ziel der Psychoanalyse darin, verdrängte und unbewusste Informationen wiederherzustellen und in das Bewusstsein des Ichs zu integrieren.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025