Parsons – Handlung und Funktion - Die Entwicklung der Sozialwissenschaften
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Die Entwicklung der Sozialwissenschaften

Parsons – Handlung und Funktion

Der nordamerikanische Sozialwissenschaftler Talcott Parsons (1902—1979) ist der letzte bedeutende Vertreter der “klassischen“ Soziologie. Seit Ende der 1930er Jahre versuchte er, eine allgemeine soziologische Theorie (“konzeptionelle Apparatur“) zu entwickeln, die zur Beschreibung verschiedener sozialer Phänomene verwendet werden konnte. In vielerlei Hinsicht stellt diese komplexe und facettenreiche Theorie eine “große“ Synthese der klassischen Soziologie, des Freudianismus und der modernen Systemtheorie dar. In seinen späten Arbeiten versuchte Parsons, die Theorie der allgemeinen Merkmale der gesellschaftlichen Entwicklung zu rehabilitieren. Zentral in dieser Theorie sind die Begriffe der Modernisierung und Differenzierung.

Bereits in seiner ersten größeren Arbeit Die Struktur sozialen Handelns (1937) vertrat Parsons die Ansicht, dass klassische soziologische Denker wie Durkheim, Weber und Pareto in Richtung einer gemeinsamen theoretischen Position konvergieren. Parsons versuchte, dieses gemeinsame Ziel in Form einer voluntaristischen Handlungstheorie zu formulieren. Das Handlungsverständnis impliziert, dass der handelnde Agent gemäß bestimmten Mitteln und Zielen handeln muss. Zugleich erlangt das Handeln seine Zielgerichtetheit nur auf der Grundlage überindividueller Normen und Werte. Streng genommen ist es gerade die gebundene Gesamtheit von Werten, die Interaktion und Gesellschaft erst möglich macht. In Parsons' Soziologie wird somit der Bereich der Kultur von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig ist seine Handlungstheorie voluntaristisch, da wir nur dann von Handlung sprechen können, wenn der Individuum die Freiheit zukommt, zwischen alternativen Mitteln und Zielen zu wählen (im Gegensatz zum Unterschied zwischen Handlung und Ereignis). Diese frühe Handlungstheorie wurde später in den sogenannten “strukturfunktionalen“ Ansatz der Soziologie integriert.

Man kann sagen, dass Parsons’ Handlungstheorie eine Kritik des Utilitarismus darstellt. Letzterer berücksichtigt nicht die normativen Einschränkungen der Ziele, die sich verschiedene Individuen setzen, und der Auswahl der Mittel zu deren Verwirklichung. Denn nach dem Utilitarismus ist lediglich die Effizienz der Mittel von Bedeutung. Im Gegensatz zu den Utilitaristen behauptet Parsons, dass allgemeine Werte und Normen das Handeln des Individuums begrenzen und koordinieren.

In seiner grundlegenden Arbeit Zur allgemeinen Handlungstheorie (1951) strebt Parsons danach, die verschiedenen Arten unserer Einstellungen gegenüber der Umwelt zu erläutern. Zunächst können wir zu Objekten und Menschen eine rationale, kognitive Haltung einnehmen (kognitive oder erkenntnistheoretische Einstellung). Zweitens kann eine emotionale Bindung zu Phänomenen bestehen (kathketische Einstellung). Drittens können wir verschiedene Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Eignung zur Erreichung unserer Ziele bewerten (bewertende Einstellung). Die bewertende Einstellung wird besonders wichtig, wenn wir mit unterschiedlichen Alternativen und deren Konsequenzen konfrontiert sind.

Die Handlungstheorie von Parsons impliziert, dass wir stets eine Wahl zwischen verschiedenen Alternativen treffen, die uns als Abfolgen von Dichotomien erscheinen. Die typische Handlungsvariable (patterns variable of action), deren Wert wir wählen müssen, liegt in Form einer Dichotomie vor. Die Wahl ihres Wertes wird durch den Sinn der Situation bestimmt, in der wir uns befinden. Parsons arbeitet mit fünf Dichotomien.

Emotionen — Emotionale Neutralität

Ein Lehrer beispielsweise muss in der Ausübung seiner beruflichen Pflichten ein normatives Verhaltensmuster wählen, das emotionale Neutralität vorschreibt. Er darf Studierende nicht emotional bewerten. Dies gilt ebenso für Berufe wie Richter, Psychologen und ähnliche Rollen. Im Gegensatz dazu erfordert die Rolle von Vater oder Mutter emotionales Engagement. Daraus ergibt sich eine interessante Frage: Führt die Modernisierung (Rationalisierung und Differenzierung) zur Etablierung eines normativen Verhaltensmusters, das die Zahl emotional neutraler Beziehungen erhöht? Während Arbeit und berufliche Tätigkeit für die meisten Menschen emotional neutral sein sollen oder müssen (siehe Diskussionen über “sexuelle Belästigung“ am Arbeitsplatz), wird das Privatleben zur Domäne emotionalen Handelns (Tränen, Zärtlichkeiten etc.). Früher erfüllte die Familie oft eine kathartische Funktion. Doch heute scheint die emotionale Funktion der Familie abzunehmen. Möglicherweise erklärt dies, warum es in unserer Zeit einen neuen, spezialisierten (und kostspieligen) Dienstleistungssektor gibt, der “Sensibilisierungskurse“ für Geschäftsleute anbietet, die ihre eigenen Gefühle und die anderer Menschen besser verstehen wollen.

Universalismus — Partikularismus

Sollten Phänomene im Bereich des Handelns nach allgemeinen Regeln (vgl. Kants kategorischen Imperativ) oder nach spezifischen situativen Aspekten bewertet werden? In der modernen Gesellschaft betonen wir die Bedeutung von beruflicher Kompetenz, nicht jedoch von familiären Beziehungen, ethnischer Herkunft usw. Laut Talcott Parsons basieren unsere Bewertungen hier auf allgemeinen Regeln. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Modernisierung die Zahl der Phänomene erhöht, die nach universalen statt nach partikularen Regeln bewertet werden (vgl. den Grundsatz der “Gleichheit vor dem Gesetz“).

Selbstorientierung — Kollektivorientierung

Es gibt die Wahl zwischen der Sorge um sich selbst und der Sorge um andere. Erlaubt der normative Handlungstyp, dass eine Person eine Situation zu ihrem eigenen Vorteil nutzt, oder sollte sie primär an das Kollektiv denken? Ein Börsenspekulant etwa handelt im Rahmen seiner Rolle primär in eigenem Interesse oder im Interesse seines Unternehmens. Gleichzeitig müssen Ärzte und Psychologen die Interessen ihrer Patienten an erste Stelle setzen. Nach Émile Durkheim wird die Selbstorientierung erst mit der historischen Entstehung des “Individuums“ möglich und ist charakteristisch für eine Gesellschaft, die auf “organischer Solidarität“ basiert. Die Kollektivorientierung, oder Altruismus, hingegen ist typisch für Gesellschaften, die von “mechanischer Solidarität“ geprägt sind. Auch hier stellt sich die Frage: Führt die Modernisierung zur Priorisierung der Selbstorientierung gegenüber der Kollektivorientierung (vgl. Diskussionen über zunehmenden materiellen Egoismus und den Niedergang kollektiver Solidarität nach dem Zweiten Weltkrieg)?

Zugeschriebenes — Erreichtes

Diese Handlungstypologie beruht auf Ralph Lintons Unterscheidung zwischen dem einem Individuum inhärent Zugeordneten und den von ihm selbst erworbenen sozialen Merkmalen als Grundlage seines Status. Sollen Merkmale wie Geschlecht, Alter und Gruppenzugehörigkeit oder persönliche Leistungen im Vordergrund stehen? Die Modernisierung scheint dahin zu führen, dass realisierte Merkmale an Bedeutung gewinnen (“Talent muss eine Chance erhalten“). Beispielsweise sind viele Berufe nicht mehr ausschließlich Aristokraten oder bestimmten Kasten vorbehalten. Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine Tendenz, dem Geschlecht besondere Aufmerksamkeit zu schenken (z. B. durch die Einführung von Frauenquoten). Die Zuschreibung besonderer Merkmale allein aufgrund des Geschlechts kann ambivalente Folgen haben: “Sie ist ja nur ein Mädchen, daher…“ oder “Natürlich ist er ein guter Mann, aber…“.

Spezifität — Diffusion

Diese Dichotomie unterscheidet zwischen einem spezifischen und einem diffusen Umgang mit Phänomenen. Das normative Handlungsmuster kann vorschreiben, sich auf einen bestimmten Aspekt zu beschränken (vgl. bürokratische Kasuistik) oder eine umfassendere Perspektive einzunehmen (vgl. moderne pädagogische Ansätze, die Lehrende als Beschützer, Freunde, Berater usw. sehen). Auf sozialer Ebene scheint die Modernisierung zunehmend spezifische Beziehungen hervorzubringen. Gleichzeitig gibt es Forderungen, dass Bürokraten persönliche Faktoren und Umstände berücksichtigen und Fälle ganzheitlich betrachten. Diffusion ist eine charakteristische Eigenschaft der Gemeinschaft (Gemeinschaft) und findet auch in der modernen Gesellschaft ihren Ausdruck, etwa in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Die typischen Variablen des Handelns

Parsons’ Typologien stellen eine Synthese grundlegender Konzepte der klassischen Soziologie dar: Ferdinand Tönnies’ Begriffe von Gemeinschaft und Gesellschaft, Max Webers Handlungstypen und Durkheims Unterscheidung zwischen mechanischer und organischer Solidarität. Soziale Rollen prädisponieren bestimmte Wahlmöglichkeiten innerhalb dieser Typologien. Eine berufliche Rolle verlangt etwa Selbstorientierung, während eine andere Kollektivorientierung erfordert. Eine Mutter muss gegenüber ihren Kindern emotional, diffus, partikularistisch und kollektiv orientiert handeln, während sie als Lehrerin andere Werte priorisieren sollte.

Typische Variablen des Handelns zeigen zudem, welche Prioritäten in den normativen und wertbezogenen Strukturen einer Gesellschaft verankert sind. Parsons beschreibt damit soziale Strukturen wie universelle Verhaltensmuster in modernen Industriegesellschaften, die auf Leistung orientiert sind. Diese Muster unterscheiden sich von denen vorindustrieller Gesellschaften. Die Typologien des Handelns sind ein integraler Bestandteil von Parsons’ Theorie der Rationalisierung und Differenzierung.

Parsons versucht zu zeigen, dass soziale Systeme sogenannten systemischen Problemen gegenüberstehen und Mechanismen besitzen, um ihr Gleichgewicht zu wahren (vgl. Prinzip des Homöostase). Diese funktionalistische Perspektive erklärt, wie differenzierte Rollen und Institutionen Probleme auf Mikro- und Makroebene lösen. Gesellschaftliche Subsysteme — etwa Kultur, Politik und Wirtschaft — sichern die Anpassung an äußere Bedingungen, soziale Integration und normative Kohärenz. Eine einseitige Konzentration auf instrumentelle Fragen kann jedoch die gesellschaftlichen Werte beeinträchtigen.

In späteren Arbeiten rehabilitiert Parsons die Theorie evolutionärer Universalien. Soziale Differenzierung und Stratifizierung seien notwendig, um die langfristige Anpassungsfähigkeit einer Gesellschaft zu erhöhen. Bürokratie, politische Demokratie und institutionalisierte Normensysteme schaffen Stabilität und Legitimation. Hierbei versucht Parsons, Webers Rationalisierungstheorie weiterzuentwickeln. Seine Soziologie antwortet auch auf den “Hobbes’schen Paradox“: Wie können Gesellschaften in einem Naturzustand entstehen? Für Parsons ist die Institutionalisierung gemeinsamer Normen entscheidend, um gesellschaftliche Ordnung zu gewährleisten. Doch bleibt die Frage offen, wie universelle Werte gerechtfertigt werden können.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025