Die Idee oder die Substanz – Platon und Aristoteles - Aristoteles – Politeia: Politik als vernünftiges Leben in der Gemeinschaft
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Aristoteles – Politeia: Politik als vernünftiges Leben in der Gemeinschaft

Die Idee oder die Substanz – Platon und Aristoteles

Sowohl Platon als auch Aristoteles vertraten die Auffassung, dass der Mensch nur in der Gemeinschaft ein würdiges Leben führen könne. Unter Gemeinschaft verstanden sie dabei den griechischen Stadtstaat. Doch der Unterschied zwischen dem idealistischen Rationalisten Platon und dem kritisch-realistisch denkenden Philosophen Aristoteles zeigt sich auch in ihren Ansichten über die Gesellschaft. Platon kritisiert die zeitgenössische Gesellschaft aus der Perspektive der Vernunft und betrachtet die Politik als Aufgabe, die Gesellschaft gemäß den idealen Anforderungen zu gestalten. Aristoteles hingegen geht von den bestehenden Staatsformen aus und sieht die Vernunft als ein Mittel, das Vorhandene zu klassifizieren und zu bewerten. Anders ausgedrückt: Platon strebt etwas qualitativ Neues im Vergleich zur bestehenden Ordnung an, während Aristoteles das Beste innerhalb des Gegebenen sucht. Aristoteles' Position erweist sich insofern als realistischer, als sie den politischen Verhältnissen in den Stadtstaaten seiner Zeit besser entspricht.

Diese Charakterisierung von Platon und Aristoteles mag eine Vereinfachung sein, doch sie hilft, bestimmte Unterschiede in ihren rein politischen und philosophischen Theorien zu verdeutlichen. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass beide vieles gemeinsam hatten. Die Verbindung und Kontinuität, die den Übergang vom Platonismus zum Aristotelismus kennzeichnen, beruhen darauf, dass Aristoteles Platon widerspricht, ohne unmittelbar ein völlig neues Weltbild zu entwerfen. Anstatt sich der Frage zuzuwenden, wer von beiden “recht“ hatte, könnte man sagen, dass Aristoteles eine kritische Weiterentwicklung Platons darstellt. Beispielsweise übt auch Aristoteles — ähnlich wie Platon selbst — Kritik an der sogenannten platonischen Ideenlehre.

Aristoteles argumentiert etwa wie folgt: Wenn die Idee des Grünen das ist, was allen grünen Dingen gemeinsam ist, müsste die Idee des Grünen selbst grün sein. In diesem Fall würde die Idee des Grünen sich selbst einschließen. Man könnte dann fragen, ob es etwas Drittes gibt, das der Idee des Grünen und den einzelnen grünen Dingen gemeinsam ist. Diese Frage ließe sich in Bezug auf dieses Dritte erneut stellen, und so weiter. Dies ist der Kern des sogenannten Arguments vom “Dritten Menschen“. Sollte die Idee des Grünen jedoch nicht grün sein, fällt es schwer, ihrem Anspruch gerecht zu werden, das Gemeinsame aller grünen Dinge zu sein.

Interessanterweise hat Platon selbst ähnliche Argumente gegen die Ideenlehre vorgebracht, wie etwa im Dialog Parmenides. Bedeutet dies, dass sowohl Platon als auch Aristoteles die Ideenlehre widerlegen? Zogen sie die gleichen Schlüsse aus ihrer Kritik? Es scheint, dass Aristoteles die Ideen als universelle Begriffe ansah, die induktiv durch die Verallgemeinerung gemeinsamer Eigenschaften sinnlicher Dinge gewonnen werden. So könnte die Idee des Grünen ein allgemeiner Begriff für das charakteristische Merkmal aller grünen Dinge sein. Dennoch existieren diese Ideen unabhängig vom menschlichen Geist in einer über-sinnlichen Realität. Auf dieser Grundlage und gestützt durch Argumente wie das vom “Dritten Menschen“ kommt Aristoteles zu dem Schluss, dass Ideen kein von den Dingen unabhängiges Sein besitzen können. Ideen existieren nur “in“ den Dingen und werden durch das Denken erkannt.

Im Parmenides setzt sich Platon, ausgehend von Fragen zur Trennung der Ideen und zur Weise, wie Dinge an den Ideen teilhaben, kritisch mit der gängigen Version der Ideenlehre auseinander. Der junge (!) Sokrates wird gefragt, ob es Ideen für das Eine und das Viele sowie für mathematische Begriffe gibt. Seine Antwort ist ein klares “Ja“. Gibt es auch Ideen für das Schöne und das Gute? Wieder lautet die Antwort “Ja“. Aber was ist mit Menschen, Feuer und Wasser? Auch hier bejaht er, wenn auch zögernder. Und für Haare und Schlamm? Haben auch sie ihre eigenen Ideen? Hier zweifelt Sokrates. Dies verdeutlicht, dass es unklar bleibt, für welche Dinge Ideen existieren und für welche nicht. Offensichtlich fehlen klare Kriterien. Bedeutende Phänomene scheinen Ideen zu haben, unbedeutende jedoch nicht. Parmenides deutet dies als Hinweis darauf, dass der junge Sokrates noch von Alltagsmeinungen beeinflusst ist und nicht eigenständig denken kann.

Die sogenannte Teilhabe-Problematik stellt die nächste Herausforderung dar. Wenn Ideen und Dinge räumlich ausgedehnt sind und Teilhabe in räumlichen Kategorien gedacht wird — entweder so, dass jedes Ding einen Teil der Idee enthält, oder so, dass die Idee “einen Teil von sich selbst“ an die Dinge abgibt — führt dies zu absurden Konsequenzen. Im ersten Fall ist ein Ding nur an einem Teil der Idee teilhaftig, nicht an ihr selbst. Im zweiten Fall scheint die Identität der Idee im Vielerlei der Unter-Ideen verloren zu gehen, von denen jede nur einem einzelnen Ding zugehört.

Platon untersucht zudem die Beziehung zwischen Ideen als Ideale und unseren Begriffen. Verwarf Platon die Ideenlehre, nachdem er diese Gegenargumente vorgebracht hatte? Im Parmenides führt er die dialektische Erforschung des Begriffs des Einen weiter, in seinem Verhältnis zum Anderen, zu sich selbst und zum Vielen, ausgehend von zwei alternativen Hypothesen: Das Eine existiert, oder es existiert nicht.

Die Interpretation dieses Teils des Dialogs gehört zu den zentralen Fragen der Platonforschung. Der norwegische Forscher Egil A. Wyller sieht hierin die wichtigste Offenbarung von Platons Philosophie: das dialektische Denken. Dieses führt zunächst an die Grenzen des Denkens, hinter denen das unaussprechliche Urgrund erkennbar wird, das jenseits dessen liegt, was wir besprechen oder ausdrücken können. In einer Rückbewegung, ähnlich einem Lichtstrahl vom Urgrund, richtet sich das Denken “abwärts“ und entfaltet sich in der Lehre von Prinzipien und der Erkenntnistheorie. Hier erscheinen die Ideen in ihrer gegenseitigen Verbindung auf verschiedenen Ebenen, bis das Licht sich in der Vielfalt und im Chaos der sinnlich wahrnehmbaren Welt verliert.

In dieser Perspektive ist Platon ein “neuplatonischer Mystiker“, der ein dialektisches Denken entwickelt. Nach dieser Deutung ist die traditionelle Sicht auf die Ideenlehre, als ob sie die Wahrheit “von unten“ betrachtet — etwa aus der Position einer Schildkröte, die den sinnlichen Dingen entstammt und sich durch Abstraktion “nach oben“ bewegt. Der Lichtstrahl von oben bleibt dabei unerwähnt, obwohl er die Gegenargumente gegen die Ideenlehre versöhnen könnte. Befreit man sich vom analytischen Ansatz, befindet man sich in der Position eines Adlers, der vom Urgrund aus “nach unten“ auf die sinnliche Welt blickt. In diesem Sinne sind die Ideen kein bloßes Sammelsurium induzierter, hypostasierter Begriffe, sondern das Licht, das vom Urgrund auf die sinnliche Welt strahlt. Dieses Licht überwindet die dualistische Verdopplung der Welt zugunsten einer dynamischen Theorie der Emanation, wie sie in der neuplatonischen Philosophie und Theologie zu finden ist.

Am Anfang wurde festgestellt, dass Platon und Aristoteles Argumente gegen die Ideenlehre vorbrachten, die von ähnlicher Art waren. Weiterhin wurde gezeigt, dass “dasselbe Argument“ für jeden von ihnen eine andere Bedeutung hatte, da es in unterschiedliche Kontexte eingebettet war — sei es in den Platonismus oder den Aristotelismus. Daraus ergibt sich, dass es problematisch ist, dieses Argument isoliert oder außerhalb des Gesamtkontextes zu betrachten, dem es angehört. Noch problematischer ist es zu behaupten, es handle sich um ein und dasselbe Argument in verschiedenen Kontexten.

Hier berühren wir die Frage nach der inneren Verbindung zwischen einzelnen Aspekten (Argumenten, Begriffen) und dem gesamten philosophischen System, zu dem sie gehören. Diese innere Kohärenz macht es schwierig, einzelne Argumente oder Thesen zu isolieren, gleichzusetzen oder zu vergleichen. Daher ist der Vergleich unterschiedlicher Systeme in der Philosophiegeschichte stets mit Vorbehalten zu betrachten. Dasselbe gilt für schematische Darstellungen isolierter Themen. Ein vertieftes Eindringen in die jeweiligen Systeme, die Untersuchung ihrer Voraussetzungen und insbesondere das Studium der Primärtexte stellen den angemessenen Zugang zur Philosophie dar.

Platon, gemäß der traditionellen Interpretation, vertritt die Auffassung, dass die Ideen das eigentlich Seiende sind, während Aristoteles behauptet, dass unabhängig existierende Entitäten die Einzeldinge sind — oder in der aristotelischen Terminologie: Substanzen. Der Eiffelturm, der Hund des Nachbarn und dieser Bleistift sind Beispiele für solche Einzeldinge oder Substanzen im aristotelischen Sinne. Sie alle existieren unabhängig. Zugleich aber sind die Höhe des Eiffelturms, die schwarze Fellfarbe des Hundes und der sechseckige Querschnitt des Bleistifts Eigenschaften, die nicht unabhängig von Turm, Hund und Bleistift existieren können. Substanzen besitzen Eigenschaften, und diese existieren nur als Eigenschaften von Substanzen. Außerhalb der Substanzen haben die Eigenschaften keine eigenständige Existenz.

Wir können verschiedene gelbe Gegenstände betrachten und über das Merkmal “gelb“ sprechen. Das Gleiche gilt für andere Objekte und deren Eigenschaften. Aristoteles zufolge macht dies jedoch das Merkmal “gelb“ nicht zu einer unabhängig existierenden Idee. Das Merkmal “gelb“ existiert ausschließlich in gelben Dingen und aufgrund der Existenz gelber Dinge.

Ähnlich können wir bekannte Pferde betrachten und über sie als Pferde sprechen. Wenn wir alle individuellen und zufälligen Merkmale jedes einzelnen Pferdes außer Acht lassen, bleibt das übrig, was allen Pferden gemeinsam ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gescheckt oder schwarz, wohlgenährt oder mager, gehorsam oder eigensinnig sind. All diese Eigenschaften sind unwesentlich, wenn wir über das Wesen des Pferdes nachdenken. Es gibt jedoch andere Eigenschaften, ohne die ein Pferd kein Pferd sein könnte, wie etwa die Eigenschaft, ein Säugetier zu sein und Hufe zu besitzen. Solche Eigenschaften werden als wesentlich bezeichnet, da sie das charakterisieren, was diese Art von Substanzen ausmacht. Durch die Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften lässt sich der Begriff der Art — etwa der Art “Pferd“ — definieren, die durch die wesentlichen Eigenschaften gekennzeichnet ist, die allen Pferden gemeinsam sind.

Aristoteles vertritt die Ansicht, dass Substanzen das eigentliche Seiende sind. Eigenschaften und Arten hingegen besitzen eine relative Existenz, da sie in oder mit Substanzen existieren. Dies lässt sich veranschaulichen: Die braune Tür und das Merkmal “braun“ stehen zueinander wie Einzelding und Eigenschaft beziehungsweise Art — die Tür existiert unabhängig, während “braun“ nur in Relation zur Tür existiert. In diesem Sinne verortet Aristoteles die Ideen in den Dingen selbst und verbindet Eigenschaften und Arten mit ihrer Existenz in den Einzeldingen.

Dieses aristotelische Unterscheidungsmodell wirkt zunächst einfach und klar verständlich. Doch bei näherer Betrachtung wird es schnell komplex. Was bleibt von einem unabhängig existierenden Einzelding übrig, wenn man alle Eigenschaften entfernt, die nur eine relative Existenz haben?

Sowohl Platon als auch Aristoteles sind der Ansicht, dass konzeptionelle Begriffe (wie die Namen von Eigenschaften — etwa “rot“ oder “rund“ — und Arten — etwa “Pferd“ oder “Mensch“) auf etwas verweisen, das existiert. Platon glaubt, dass dieses “Etwas“ die “Ideen“ sind, die “jenseits“ der sinnlichen Phänomene existieren. So erkennen wir einen Gegenstand als Stuhl und beschreiben ihn als blau, doch um dies zu sehen, müssen wir bereits die Idee des “Stuhls“ und die Idee “blau“ besitzen. Die Idee erlaubt es uns, in den Phänomenen dasjenige zu erkennen, was sie sind — etwa “als Stuhl“ oder “als blau“. Aristoteles hingegen argumentiert, dass dieses “Etwas“ die “Formen“ sind, die in den sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen existieren. Dabei ist zu beachten, dass dies nicht zu wörtlich verstanden werden sollte: Für Aristoteles ist es allein der Verstand, der das Allgemeine oder die Formen erfassen kann. Indem wir abstrahieren, was einzigartig für ein bestimmtes Pferd ist, sind wir in der Lage, die allgemeine Form “Pferd“ zu erkennen. Wir nehmen also ein konkretes Pferd sinnlich wahr, doch die Form “Pferd“, die in diesem konkreten Pferd existiert, erfassen wir durch Abstraktion.

Für Platon stellt die sinnliche Erfahrung eine unvollkommene Form des Erkennens dar. Wahres Wissen besteht im Erfassen der Ideen, das ein intuitives Schauen der Ideenwelt jenseits der sinnlichen Welt voraussetzt. Aristoteles hingegen misst der sinnlichen Erfahrung und dem Empirischen eine positivere Bedeutung zu. Das, was existiert — und das Einzige, was existiert —, sind vor allem die Einzeldinge (Substanzen). Durch das Denken jedoch können wir die allgemeinen Formen in diesen Dingen erkennen. Durch Abstraktion erschließen wir die allgemeinen Formen, die in den Dingen enthalten sind. Mit anderen Worten: Für Aristoteles stehen sinnliche Erfahrung und Denken in einem gleichberechtigteren Verhältnis zueinander als für Platon.

Aristoteles betrachtet die theoretischen Wissenschaften als unterschiedliche Stufen der Abstraktion von der alltäglichen Erfahrung. In der Welt des Alltags verfügen wir über unmittelbare sinnliche Erfahrungen von materiellen Dingen. Die Physik abstrahiert von den zufälligen Merkmalen einzelner materieller Dinge und beschäftigt sich mit physischen Objekten, die bestimmte Gewichte und Bewegungen aufweisen. Die Mathematik geht einen weiteren Schritt der Abstraktion, indem sie die materiellen Eigenschaften der Dinge ausklammert, sodass diese nur noch als geometrische Formen oder Zahlen auftreten. Schließlich führt eine weitere Abstraktion zur Metaphysik, die universelle Prinzipien und Eigenschaften untersucht.

Aristoteles steigt somit gleichsam “aufwärts“, indem er vom sinnlichen Erleben abstrahiert. Platon hingegen beginnt “oben“ und steigt “hinab“ in die sinnlich wahrnehmbare Welt, wobei dieser Abstieg als Verwirklichung der Ideen verstanden wird. Dieses dialektische Erfassen der Ideen ist jedoch der wahre Anfang und das eigentliche Ziel des Erkennens. Wir kehren immer wieder zwischen “oben“ und “unten“ hin und her, um im Laufe unseres Lebens das bestmögliche Verständnis der Ideen zu erlangen.

Die Unterschiede zwischen Platonismus und Aristotelismus werden wir später noch ausführlich im Zusammenhang mit dem Universalienstreit betrachten.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025