Aristoteles – Politeia: Politik als vernünftiges Leben in der Gemeinschaft
Kunst – Nachahmung und Katharsis
Mit Hilfe der vier “Ursachen“ (oder Prinzipien) unterscheidet Aristoteles zwischen natürlichen und kulturellen Dingen. Dinge (Substanzen), die alle vier “Ursachen“ in sich tragen, einschließlich der wirkenden und der Zweckursache, gelten als natürlich. Ein klassisches Beispiel hierfür ist ein Samenkorn, das unter normalen Bedingungen zu der Pflanze heranwächst, die ihm bestimmt ist. Dieser Prozess vollzieht sich ohne menschliches Eingreifen sowohl in die wirkende als auch in die Zweckursache. Im Gegensatz dazu bedürfen Dinge, die für ihre Veränderung menschliches Zutun erfordern, sowohl hinsichtlich der wirkenden als auch der Zweckursache, einer kulturellen Prägung. Ein typisches Beispiel ist der Klumpen Ton, der zu einer Vase geformt wird.
Kulturelle Dinge stehen somit in Verbindung mit menschlicher schöpferischer Tätigkeit, die zweierlei Formen annehmen kann. Einerseits kann sie etwas hervorbringen, was in der Natur nicht existiert, jedoch dem Wohl des Menschen dient, etwa Werkzeuge. Andererseits kann sie die Natur nachahmen, indem sie deren Erscheinungen kopiert, wie im Fall eines Gemäldes, das einen laufenden Hund zeigt — ein Kunstwerk, das Freude bereitet, ohne nützlich zu sein. Beide Formen der Tätigkeit fallen unter den griechischen Begriff der technē, doch nur die letztere entspricht dem modernen Verständnis von Kunst.
Kunst im modernen Sinne ist nach Aristoteles durch zwei Merkmale gekennzeichnet: Sie besteht in der Schaffung einer Nachahmung und bereitet Freude um ihrer selbst willen, unabhängig von ihrem Nutzen. Das, was nützlich ist, dient einem anderen Guten; Kunst hingegen zeigt das Gute, das um seiner selbst willen gut ist. Die Essenz der Kunst liegt darin, dass sie eine Nachahmung darstellt, die aus sich heraus Freude bereitet.
Das Konzept der Kunst als Nachahmung (Mimesis) entstammt Platon. Doch Aristoteles, der die Lehre von den Ideen anders interpretiert, begreift die Nachahmung — und das Erkenntnisvermögen — auf eine eigene Weise. Während bei Platon die “Formen“ getrennt von den sinnlichen Dingen existieren, sieht Aristoteles die Formen in den Einzeldingen selbst verwirklicht. Daher messen die sinnlichen Dinge bei ihm im Vergleich zu den Formen einen höheren Wert. Infolgedessen hat Kunst als Nachahmung der sinnlichen Dinge bei Aristoteles einen größeren Stellenwert als bei Platon. Zudem vertritt Aristoteles eine demokratischere Sichtweise auf das Wissen, das für die Gesellschaftsführung und ein tugendhaftes Leben erforderlich ist, und bewertet Kunst in erkenntnistheoretischer und politischer Hinsicht positiver.
Im Vergleich zu Platon zeigt Aristoteles größere analytische und differenzierende Fähigkeiten. So unterscheidet er zwischen Theoria (Metaphysik, Mathematik, Naturphilosophie), Praxis (Ethik, Politik) und Poiesis (Tätigkeiten, deren Ziel außerhalb ihrer selbst liegt, etwa technē). Diese Bereiche sind voneinander grundlegend verschieden, und jeder folgt weitgehend seinen eigenen Voraussetzungen. Das Ästhetische kann daher bei Aristoteles als ästhetisch wahrgenommen werden, stärker als bei Platon.
Die Auffassung von Kunst als Nachahmung steht in Verbindung mit der Annahme, dass der Mensch von Natur aus danach strebt, zu lernen, und Freude an der Erkenntnis und am sinnlichen Erleben hat. Das Wort “Ästhetik“ leitet sich vom griechischen aisthesis ab, was “Wahrnehmung durch die Sinne“ bedeutet. Nachahmungen der Wirklichkeit lehren uns, die Dinge auf besondere Weise zu sehen. Wir können neue Aspekte des Vertrauten entdecken oder Bekanntes neu erleben. Diese Nachahmung bereitet sowohl dem Schöpfer (dem Künstler) als auch dem Rezipienten Freude, da das Erleben für sich genommen wertvoll ist, unabhängig von seiner Nützlichkeit. Künstler müssen dabei nicht nur das real Existierende nachahmen; sie können auch das Mögliche oder das Unmögliche darstellen, etwa gute und schlechte Menschen, Helden oder Schurken.
Aristoteles verbindet Ästhetik mit Ethik. Kunst besitzt für ihn eine moralische Funktion, indem sie erleichtert oder reinigt. Die zentrale Funktion der Kunst sieht er im Katharsis-Effekt, einer veredelnden Erleichterung und Reinigung.
Die Idee des Katharsis-Effekts wurzelt in der griechischen Kultur, die Harmonie als zentralen Begriff begreift. Das Universum (Kosmos) ist seiner Natur nach harmonisch und damit schön. Hässliches und Böses hingegen sind Ausdruck von Disharmonie. Analog wird Krankheit als Ungleichgewicht zwischen den Körpersäften verstanden. Aristoteles überträgt dieses Harmonieverständnis auf das menschliche Leben: Eine gute Gesellschaft ist in sich harmonisch und hält sich im Einklang mit ihren natürlichen Grenzen. Ebenso bedeutet ein gutes Leben, die eigenen Fähigkeiten ausgewogen zu verwirklichen, ohne Extreme zu verfolgen, die das Gleichgewicht stören oder die natürlichen Ressourcen überstrapazieren.
Aus dieser Perspektive weist Aristoteles der Kunst die Aufgabe zu, unser geistiges Gleichgewicht wiederherzustellen. Indem wir Kunstwerke — etwa Musik oder Drama — erleben, können wir Harmonie und Frieden in uns zurückgewinnen und unseren Geist veredeln.
Hierbei lassen sich zwei Interpretationen unterscheiden:
- Kunst wirkt kathartisch, indem sie uns ermöglicht, “Dampf abzulassen“. Durch das Mitfühlen mit dramatischen Figuren und großen Emotionen werden unterdrückte Leidenschaften gelöst, wodurch wir Harmonie erlangen und das Leben in der Balance der “goldenen Mitte“ fortsetzen können.
- Kunst reinigt und bildet uns, indem sie unsere Persönlichkeit über das Alltägliche hinaus veredelt. Ziel ist nicht nur das Loswerden bestimmter Emotionen, sondern die geistige
Für Aristoteles ist Kunst sowohl für den Betrachter als auch für den Künstler ein Gut an sich. Dennoch bleibt der kreative Prozess zweckgebunden, da er in einem Werk seinen Abschluss findet.
In diesem Kontext ist auch Aristoteles’ Verständnis der Rhetorik erwähnenswert. Er sieht sie als legitimes Mittel zur Meinungsbildung und erkennt ihr — anders als Platon — einen positiven Stellenwert in öffentlichen Diskussionen zu.
Aristoteles erörtert diese Themen eingehend in seiner Poetik, in der er unter anderem die klassischen Anforderungen an Drama — Einheit von Handlung, Zeit und Ort — behandelt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
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Zuletzt geändert: 12/01/2025