Einleitung
Die Konzepte des Lebens und der Welt, die wir „philosophisch“ nennen, sind das Produkt zweier Faktoren: Der eine besteht aus ererbten religiösen und ethischen Konzepten, der andere aus jener Art von Forschung, die man, im weitesten Sinne des Wortes, als „wissenschaftlich“ bezeichnen kann. Die einzelnen Philosophen unterscheiden sich stark voneinander, je nachdem, in welchem Verhältnis diese beiden Faktoren in ihr System eingegangen sind, aber das Vorhandensein beider ist in gewissem Maße das, was die Philosophie charakterisiert.
„Philosophie“ ist ein Wort, das in vielen Bedeutungen verwendet wurde, die mehr oder weniger weit oder eng gefasst waren. Ich schlage vor, das Wort im weitesten Sinne zu verwenden, den ich nun zu erklären versuchen werde.
Die Philosophie, so wie ich das Wort verstehen werde, ist etwas Zwischenliedgendes zwischen Theologie und Wissenschaft. Ähnlich der Theologie besteht sie aus Spekulationen über Gegenstände, bei denen exaktes Wissen bisher unerreichbar blieb; aber ähnlich der Wissenschaft appelliert sie eher an die menschliche Vernunft als an die Autorität, sei es die Autorität der Tradition oder die der Offenbarung. Alles gesicherte Wissen gehört meiner Meinung nach der Wissenschaft an; alle Dogmen, sofern sie über das gesicherte Wissen hinausgehen, gehören der Theologie an. Aber zwischen Theologie und Wissenschaft gibt es ein Niemandsland, das für Angriffe von beiden Seiten offen ist; dieses Niemandsland ist die Philosophie. Fast alle Fragen, die spekulative Köpfe am meisten interessieren, sind solche, auf die die Wissenschaft nicht antworten kann, und die selbstsicheren Antworten der Theologen scheinen modernen Geistern nicht mehr so überzeugend wie in früheren Jahrhunderten. Ist die Welt in Geist und Materie geteilt, und wenn ja, was ist Geist und was ist Materie? Ist der Geist der Materie unterworfen oder besitzt er unabhängige Kräfte? Hat das Universum irgendeine Einheit oder einen Zweck? Entwickelt sich das Universum auf ein Ziel hin? Existieren Naturgesetze wirklich, oder glauben wir nur an sie aufgrund einer uns innewohnenden Neigung zur Ordnung? Ist der Mensch das, wofür er dem Astronomen erscheint – ein winziges Gemisch aus Kohlenstoff und Wasser, das hilflos auf einem kleinen und unbedeutenden Planeten herumwimmelt? Oder ist der Mensch das, wofür er Hamlet erschien? Oder ist er vielleicht beides zugleich? Gibt es eine erhabene und eine niedere Lebensweise, oder sind alle Lebensweisen nur Eitelkeit? Wenn es eine erhabene Lebensweise gibt, worin besteht sie und wie können wir sie erreichen? Muss das Gute ewig sein, um der Hochschätzung würdig zu sein, oder soll das Gute angestrebt werden, selbst wenn sich das Universum unaufhaltsam dem Untergang entgegenbewegt? Gibt es so etwas wie Weisheit, oder ist das, was als solche erscheint, nur maximal verfeinerte Dummheit? Auf solche Fragen ist im Labor keine Antwort zu finden. Die Theologen beanspruchten, Antworten auf diese Fragen gegeben zu haben, und zwar sehr bestimmte, aber gerade die Bestimmtheit ihrer Antworten lässt moderne Gemüter ihnen mit Misstrauen begegnen. Diese Fragen zu erforschen, wenn nicht zu beantworten, ist die Aufgabe der Philosophie.
Wozu dann, könnten Sie fragen, Zeit mit solch unlösbaren Fragen verschwenden? Darauf kann sowohl aus historischer Sicht als auch aus der Sicht des Einzelnen, der dem Schrecken der kosmischen Einsamkeit gegenübersteht, geantwortet werden.
Die Antwort des Historikers wird, soweit ich sie anbieten kann, im Verlauf dieser Arbeit dargelegt werden. Seit Menschen fähig wurden, frei zu denken, hängen ihre Handlungen in unzähligen wichtigen Aspekten von ihren Theorien über die Natur der Welt und des menschlichen Lebens sowie von ihren Theorien darüber ab, was gut und was böse ist. Das gilt ebenso für die Gegenwart wie für die Vergangenheit. Um eine Ära oder eine Nation zu verstehen, müssen wir ihre Philosophie verstehen, und um ihre Philosophie zu verstehen, müssen wir selbst in gewissem Maße Philosophen sein. Hier liegt eine gegenseitige Bedingtheit vor: Die Lebensumstände der Menschen bestimmen in vielem ihre Philosophie, aber umgekehrt bestimmt ihre Philosophie in vielem diese Umstände. Diese Wechselwirkung, die sich über die Jahrhunderte ereignet hat, wird Gegenstand der folgenden Ausführungen sein.
Es gibt jedoch auch eine persönlichere Antwort. Die Wissenschaft sagt uns, was wir wissen können, aber was wir wissen können, ist begrenzt, und wenn wir vergessen, wie viel jenseits dieser Grenzen liegt, verlieren wir die Empfänglichkeit für viele sehr wichtige Dinge. Die Theologie hingegen führt einen dogmatischen Glauben ein, dass wir Wissen besitzen, wo wir tatsächlich unwissend sind, und erzeugt dadurch eine Art vermessenen Respektlosigkeit gegenüber dem Universum. Die Ungewissheit angesichts lebendiger Hoffnungen und Ängste ist schmerzhaft, aber sie muss bewahrt werden, wenn wir ohne die Unterstützung tröstender Fabeln leben wollen. Es ist beides nicht gut: die von der Philosophie gestellten Fragen zu vergessen und sich selbst einzureden, dass wir unbestreitbare Antworten auf sie gefunden haben. Zu lehren, wie man ohne Gewissheit lebt und gleichzeitig nicht durch Unentschlossenheit gelähmt wird, ist wohl das Wichtigste, was die Philosophie in unserem Zeitalter für diejenigen tun kann, die sich mit ihr beschäftigen.
Die Geschichte der Philosophie
Die Philosophie als etwas von der Theologie Unterschiedenes entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland. Nachdem sie ihre Geschichte in der Antike durchlebt hatte, wurde sie in der Epoche der Entstehung des Christentums und des Falls Roms erneut von der Theologie absorbiert. Während ihrer zweiten großen Periode, vom 11. bis zum 14. Jahrhundert, steht sie unter der Herrschaft der katholischen Kirche, abgesehen von einigen großen Rebellen wie Kaiser Friedrich II. (1195-1250). Dieser Periode wurde durch das Chaos ein Ende gesetzt, das in der Zeit der Reformation kulminierte. Die dritte Periode – beginnend mit dem 17. Jahrhundert bis zu unserer Zeit – ist stärker als jede der vorhergehenden vom Einfluss der Wissenschaft geprägt. Die traditionellen religiösen Überzeugungen behalten ihre Bedeutung, aber es wird überall dort die Notwendigkeit ihrer Rechtfertigung und Modifikation empfunden, wo die Wissenschaft dies zu erfordern scheint. Wenige der Philosophen dieser Periode sind aus katholischer Sicht orthodox, in ihren Theorien nimmt der säkulare Staat einen wichtigeren Platz ein als die Kirche.
Gesellschaftliche Bindung und individuelle Freiheit
Die gesellschaftliche Bindung und die persönliche Freiheit befinden sich, ähnlich wie Religion und Wissenschaft, während dieser gesamten Periode im Konflikt oder in einem instabilen Kompromiss. In Griechenland wurde die soziale Bindung durch die Loyalität gegenüber der Stadt-Staat gewährleistet; selbst Aristoteles, obwohl zu seiner Zeit Alexander die Stadt-Staat obsolet gemacht hatte, konnte keinen Vorteil in einer anderen Politik erkennen. Der Grad, in dem die individuelle Freiheit durch die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Stadt-Staat beschnitten wurde, war sehr unterschiedlich. In Sparta hatte der Einzelne wenig Freiheit, wie es im modernen Deutschland oder Russland der Fall ist. Trotz gelegentlicher Verfolgungen genossen die Bürger in Athen in den besten Zeiten eine ganz außergewöhnliche Freiheit von staatlichen Beschränkungen. Bis Aristoteles dominierte in der griechischen Gedankenwelt ein tiefes Gefühl religiöser und patriotischer Hingabe an die Stadt-Staat; ihre ethischen Systeme waren an das Leben der Bürger der Stadt-Staaten angepasst und enthielten bedeutende politische Elemente. Doch Konzepte, die der Ära der Unabhängigkeit der Griechen entsprachen, wurden unanwendbar, sobald die Griechen zuerst unter die Herrschaft der Mazedonier und dann der Römer gerieten. Dies führte erstens aufgrund des Bruchs mit der Tradition zu einem Verlust an Kraft und zweitens zu einer Ethik, die individualistischer und weniger gesellschaftlich war. Die Stoiker betrachteten das tugendhafte Leben eher im Hinblick auf die Beziehung der Seele zu Gott als auf die des Bürgers zum Staat. Auf diese Weise ebneten sie dem Christentum den Weg, das zunächst, ähnlich dem Stoizismus, eine unpolitische Lehre war, da die Anhänger des Christentums während der ersten drei Jahrhunderte keinen Einfluss auf die Regierung hatten. Während sechseinhalb Jahrhunderten, beginnend mit Alexander dem Großen und endend mit Konstantin, wurde die soziale Bindung keineswegs durch die Philosophie oder durch das althergebrachte Gefühl der Hingabe, sondern durch Gewalt gewährleistet, in erster Linie durch die Gewalt der Armee und dann durch die zivile Verwaltung. Römische Armeen, römische Straßen, römisches Recht und römische Beamte schufen und bewahrten zunächst einen mächtigen zentralisierten Staat. Man kann der römischen Philosophie in dieser Angelegenheit keine Rolle zuschreiben, weil sie keine spielte.
Während dieser langen Periode durchliefen die von der Ära der Freiheit geerbten griechischen Ideen einen Prozess der allmählichen Umwandlung. Einige der alten Ideen, insbesondere jene, die wir als spezifisch religiös betrachten müssen, gewannen verhältnismäßig an Bedeutung; andere, rationalistischere, wurden aufgrund ihrer Unvereinbarkeit mit dem Zeitgeist verworfen. Auf diese Weise modifizierten die späteren Heiden die griechische Tradition, bis sie für die Verschmelzung mit der christlichen Lehre geeignet wurde.
Das Christentum popularisierte eine wichtige Ansicht, die bereits in der Lehre der Stoiker impliziert war, aber dem allgemeinen Geist der Antike fremd war: Ich meine die Ansicht, dass die Pflicht des Menschen gegenüber Gott dringlicher ist als seine Pflicht gegenüber dem Staat. Die Ansicht, dass „wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen“, wie Sokrates und die Apostel sagten, überlebte den Übergang zum Glauben Konstantins, weil die frühen christlichen Kaiser Arianer waren oder zum Arianismus neigten. Als die Kaiser jedoch orthodox wurden, verschwand diese Ansicht in der Vergessenheit. Im Byzantinischen Reich blieb sie latent, ebenso später im Russischen Reich, das sein Christentum aus Konstantinopel bezog. Aber im Westen, wo die katholischen Kaiser fast sofort (mit Ausnahme eines Teils von Gallien) durch häretische, barbarische Eroberer ersetzt wurden, blieb der Vorrang der religiösen Pflicht vor der politischen erhalten und hält sich in gewissem Maße bis heute.
Die Invasion der Barbaren setzte der Existenz der Zivilisation in Westeuropa für sechs Jahrhunderte ein Ende. Sie glühte noch in Irland, bis die Dänen sie auch dort im 9. Jahrhundert zerstörten, aber bevor sie ganz erlosch, brachte sie eine bemerkenswerte Figur hervor – Johannes Scotus Eriugena. Im Oströmischen Reich überdauerte die griechische Zivilisation unverändert, wie in einem Museum, bis zum Fall Konstantinopels im Jahr 1453, aber abgesehen von der künstlerischen Tradition und dem justinianischen Kodex des römischen Rechts lieferte Konstantinopel der Welt nichts Bedeutendes.
Während dieser Periode der Dunkelheit, vom Ende des 5. Jahrhunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts, erfuhr die weströmische Welt einige sehr interessante Veränderungen. Der Konflikt zwischen der Pflicht gegenüber Gott und der gegenüber dem Staat, den das Christentum mit sich gebracht hatte, nahm die Form eines Konflikts zwischen der Kirche und dem König an. Die kirchliche Jurisdiktion des Papstes erstreckte sich auf Italien, Frankreich und Spanien, Großbritannien und Irland, Deutschland, Skandinavien und Polen. Zuerst war die Kontrolle des Papstes über die Bischöfe und Äbte außerhalb Italiens und Südfrankreichs sehr schwach, aber seit Gregor VII. (Ende des 11. Jahrhunderts) wurde diese Kontrolle real und wirksam. Von dieser Zeit an verwandelte sich der Klerus ganz Westeuropas in eine einzige Organisation, die von Rom aus geleitet wurde und klug und unerbittlich nach Macht strebte. Der Klerus ging in seinen Konflikten mit den weltlichen Autoritäten gewöhnlich als Sieger hervor, bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Konflikt zwischen Kirche und Staat war nicht nur ein Konflikt zwischen Klerikern und Laien, er stellte auch eine Wiederbelebung des Konflikts zwischen der Mittelmeerwelt und den nördlichen Barbaren dar. Die Einheit der Kirche war eine Wiederholung der Einheit des Römischen Reiches: Der Gottesdienst wurde in lateinischer Sprache abgehalten, die führenden Köpfe der Kirche stammten größtenteils aus Italien, Spanien oder Südfrankreich. Ihre Bildung wurde nach ihrer Wiederbelebung wieder klassisch, ihre Vorstellungen von Recht und Regierung wären einem Marc Aurel verständlicher gewesen als ihren zeitgenössischen Monarchen. Die Kirche vereinte in ihrer Person gleichzeitig die Kontinuität zur Vergangenheit und alles Zivilisierteste in der Gegenwart.
Die weltliche Macht hingegen lag in den Händen von Königen und Baronen teutonischer Herkunft, die bestrebt waren, so viel wie möglich von den Institutionen zu bewahren, die sie aus den Wäldern Deutschlands mitgebracht hatten. Die absolute Macht war diesen Institutionen fremd, sie erschien den starken Eroberern als leere und leblose Legalität. Der König musste seine Macht mit der Feudalaristokratie teilen, aber alle hielten es gleichermaßen für erlaubt, sich von Zeit zu Zeit in Ausbrüchen von Leidenschaft in Form von Krieg, Mord, Raub oder Gewalt zu ergehen. Die Monarchen konnten bereuen, denn sie waren aufrichtig religiöse Menschen, zumal die Reue am Ende selbst nur eine Art von Leidenschaft war. Aber die Kirche konnte niemals die ruhige Mäßigung guten Benehmens in ihnen erziehen, die ein moderner Arbeitgeber von seinen Angestellten verlangt und gewöhnlich erreicht. Was nützte die Eroberung der Welt, wenn sie nicht nach ihrer Stimmung trinken, töten und lieben konnten? Und warum sollten sie mit ihren Armeen stolzer Ritter den Anweisungen von Schreibern gehorchen, die das Zölibat gelobt hatten und waffenlos waren? Entgegen der kirchlichen Missbilligung bewahrten sie Duelle, Gerichtsduelle, organisierten Turniere und entwickelten die höfische Liebe; im Zorn töteten sie sogar bekannte Kleriker.
Die gesamte bewaffnete Macht blieb auf der Seite der Könige, und dennoch siegte die Kirche. Die Kirche setzte sich durch, teils weil sie ein fast vollständiges Monopol auf die Bildung besaß, teils weil die Könige ständig gegeneinander Krieg führten, aber hauptsächlich, weil, mit wenigen Ausnahmen, die Herrscher und das Volk gleichermaßen tief davon überzeugt waren, dass die Kirche allmächtig war. Die Kirche konnte entscheiden, ob dieser oder jener König die Ewigkeit im Paradies oder in der Hölle verbringen würde, die Kirche konnte die Untertanen von der Pflicht zum Gehorsam entbinden und dadurch einen Aufstand auslösen. Darüber hinaus verkörperte die Kirche die Ordnung im Gegensatz zur Anarchie und gewann daher die Unterstützung der aufstrebenden Handelsklasse. Insbesondere in Italien war dieser letzte Umstand entscheidend.
Der Versuch der Teutonen, zumindest eine teilweise Unabhängigkeit von der Kirche zu bewahren, fand seinen Ausdruck nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kunst, den Romanen, dem Rittertum und dem Krieg. Intellektuell spiegelte sich dieser Versuch nur schwach wider, denn die Bildung lag fast vollständig in den Händen des Klerus. Die gängige Philosophie des Mittelalters ist kein genaues Spiegelbild ihrer Epoche, sie spiegelt nur wider, was eine Partei dachte. Unter dem Klerus gab es dennoch, insbesondere unter den Franziskanermönchen, Menschen, die aus verschiedenen Gründen mit dem Papst nicht einverstanden waren. Außerdem verbreitete sich die Kultur in Italien unter den Laien einige Jahrhunderte früher als nördlich der Alpen. Friedrich II., der versuchte, eine neue Religion zu gründen, repräsentierte in seiner Person die extreme antipäpstliche Kultur, während Thomas von Aquin, geboren im Königreich Neapel, wo Friedrich II. herrschte, bis heute der klassische Vertreter der Philosophie des Papsttums bleibt. Fünfzig Jahre später erreicht Dante eine Synthese und liefert die einzige harmonische Darstellung des vollendeten mittelalterlichen Ideensystems.
Nach Dante zerfällt die mittelalterliche philosophische Synthese aus verschiedenen politischen und geistigen Gründen. Solange diese Synthese Bestand hatte, zeichnete sie sich durch eine eigentümliche Sauberkeit und eine miniaturenhofte Vollständigkeit und Abgeschlossenheit aus. Was auch immer auf dieses System traf, es brachte alles in genaue Übereinstimmung mit dem gesamten übrigen Inhalt seiner sehr begrenzten Welt. Aber das Große Schisma, die Beschwichtungsbewegung und das Papsttum der Renaissance bereiteten die Reformation vor, die die Einheit der Christenheit und die scholastische Theorie der auf den Papst zentrierten Herrschaft zerstörte. Neues Wissen über die Antike sowie über die Form der Erde erzeugte in der Renaissance im Menschen ein Gefühl der Müdigkeit von Systemen, die nun als geistiges Gefängnis empfunden werden mussten. Die Astronomie des Kopernikus stellte die Erde und den Menschen in eine bescheidenere Position im Vergleich zu der, die sie im ptolemäischen System innehatten. Unter den Gelehrten trat das Streben nach dem Sammeln neuer Fakten an die Stelle des Strebens nach Argumentation, Analyse und Systematisierung. Obwohl die Renaissance im Bereich der Kunst immer noch eine strenge Ordnung einhält, zieht sie im Denken eine große und fruchtbare Unordnung vor. In dieser Hinsicht ist Montaigne der typischste Vertreter seiner Epoche.
In der politischen Theorie war die Ordnung, wie überall außer in der Kunst, gestört. Während des Mittelalters, das in der Praxis so unruhig und stürmisch war, herrschten im Bereich des Denkens die Leidenschaft für die Gesetzlichkeit und die strengste Theorie der politischen Macht. Letztendlich geht jede Macht von Gott aus. In heiligen Dingen hatte er den Papst zur Macht ermächtigt, und in weltlichen Dingen den Kaiser. Aber sowohl der Papst als auch der Kaiser verloren im Laufe des 15. Jahrhunderts an Bedeutung. Der Papst wurde einfach zu einem der italienischen Fürsten, verwickelt in das unglaublich komplexe und skrupellose italienische politische Spiel. Die neuen nationalen Monarchien in Frankreich, Spanien und England besaßen in ihrem Territorium eine Macht, die weder der Papst noch der Kaiser anfechten konnten. Der Nationalstaat gewann, insbesondere dank des Schießpulvers, einen Einfluss auf die Gefühle und Gedanken der Menschen, den er vorher nicht hatte und der allmählich alles zerstörte, was vom römischen Glauben an die Einheit der Zivilisation übrig geblieben war.
Diese politische Unordnung fand ihren Ausdruck in Machiavellis „Der Fürst“. Beim Fehlen irgendeines leitenden Prinzips wird die Politik zum unverhüllten Kampf um die Macht. Im „Fürsten“ wird subtiler Rat gegeben, wie man ein solches Spiel erfolgreich führt. Was in der großen Epoche Griechenlands geschah, ereignete sich erneut im Italien der Renaissance: Traditionelle moralische Beschränkungen verschwanden, weil man sie als mit Vorurteilen verbunden ansah; die Befreiung von den Fesseln weckte in den Menschen Energie und Kreativität, führte zu einer seltenen Blüte des Genies, aber Anarchie und Verrat, die unweigerlich auf den Niedergang der Moral folgten, entkräfteten die Italiener als Nation, und die Italiener gerieten, ähnlich den Griechen, unter die Herrschaft von Nationen, die weniger zivilisiert waren als sie selbst, aber nicht in dem Maße der sozialen Bindung beraubt waren.
In diesem Fall war das Ergebnis jedoch weniger zerstörerisch als in Griechenland, da die neuen mächtigen Nationen (mit Ausnahme Spaniens) ebenso fähig zu großen Leistungen waren wie die Italiener selbst kurz zuvor.
Ab dem 16. Jahrhundert wird die Geschichte des europäischen Denkens durch die Reformation bestimmt. Die Reformation ist eine komplexe und vielschichtige Bewegung, sie verdankt ihren Erfolg vielen Ursachen. Im Grunde ist sie eine Rebellion der nördlichen Nationen gegen die wiederhergestellte Herrschaft Roms. Die Religion war die Kraft, die den Norden unterwarf, aber in Italien war die Religion im Niedergang begriffen: Das Papsttum als Institution blieb erhalten und zog riesige Tribute aus Deutschland und England ein, aber diese noch frommen Nationen konnten keinen Respekt vor den Borgia und Medici empfinden, die sich darauf spezialisiert hatten, Seelen gegen Geld aus dem Fegefeuer zu retten, das sie selbst für Luxus und Ausschweifungen ausgaben. Nationale, wirtschaftliche und moralische Motive verschmolzen, um die Rebellion gegen Rom zu verstärken. Darüber hinaus erkannten die Könige bald, dass, wenn die Kirche in ihrem Territorium nur national würde, sie die Herrschaft über sie erlangen könnten und dadurch bei sich zu Hause noch größere Macht als zuvor erwerben könnten, als sie die Macht mit dem Papst teilten. Aus all diesen Gründen wurden die theologischen Neuerungen Luthers gleichermaßen von den Herrschern und dem Volk des größten Teils Nordeuropas begrüßt.
Die katholische Kirche hat ihren Ursprung in drei Quellen. Ihre Heilige Geschichte war jüdisch, ihre Theologie griechisch und ihre Regierung und ihr kanonisches Recht, zumindest indirekt, römisch. Die Reformation lehnte die römischen Elemente ab, milderte die griechischen und verstärkte die jüdischen sehr. Sie arbeitete somit mit den nationalistischen Kräften zusammen, die das Werk des sozialen Zusammenhalts, das zuerst durch das Römische Reich und dann durch die katholische Kirche verwirklicht wurde, untergruben. Gemäß der katholischen Doktrin endete die göttliche Offenbarung nicht mit der Schaffung der Schrift, sondern setzt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert durch die Kirche fort, weshalb der Einzelne seine privaten Meinungen ihr unterordnen muss. Die Protestanten hingegen lehnten die Kirche als Vermittler der Offenbarung ab; die Wahrheit sollte nur in der Bibel gesucht werden, die jeder Mensch für sich selbst interpretieren kann. Wenn Menschen in ihrer Interpretation auseinandergehen, gibt es keine von Gott eingesetzte Macht, die diesen Streit entscheiden könnte. In der Praxis beanspruchte der Staat Rechte, die zuvor der Kirche gehörten, aber das war eine Usurpation. Die Theorie des Protestantismus erkannte keinen irdischen Vermittler zwischen der Seele und Gott an.
Diese Veränderung hatte wichtige Konsequenzen. Die Wahrheit sollte nicht mehr durch eine beratende Autorität bestätigt werden, sondern durch innere Kontemplation. Es entstand eine sich schnell entwickelnde Tendenz zum Anarchismus in der Politik, zum Mystizismus in der Religion, der immer schwer in die Grenzen der katholischen Orthodoxie zu fassen war. Es entstand kein einziger Protestantismus, sondern eine Vielzahl von Sekten, keine einzige Philosophie, die der Scholastik entgegenstand, sondern so viele philosophische Systeme, wie es Philosophen gab, und nicht ein Kaiser, wie im 13. Jahrhundert, der dem Papst gegenüberstand, sondern eine große Anzahl häretischer Könige. Letztendlich entwickelt sich sowohl im Denken als auch in der Literatur ein sich ständig vertiefender Subjektivismus, der zunächst als eine wohltuende Befreiung von geistiger Sklaverei erscheint, aber unaufhaltsam zu einer für die soziale Gesundheit feindlichen Isolierung des Einzelnen führt.
Die moderne Philosophie beginnt mit Descartes, für den die grundlegende unbestreitbare Prämisse die über die Existenz nur des eigenen Selbst und der eigenen Gedanken war, woraus man auf die Existenz der Außenwelt schließen soll. Das ist nur die erste Stufe in einer Entwicklung, die über Berkeley und Kant zu Fichte führte, für den alles nur eine Emanation des Ich ist. Das war Wahnsinn, und angesichts solch einer Extremität hat die Philosophie seither versucht und versucht, sich in die Welt des alltäglichen gesunden Menschenverstands zurückzubegeben.
Subjektivismus in der Philosophie und Anarchismus in der Politik gehen Hand in Hand. Schon zu Lebzeiten Luthers entwickelten unaufgeforderte, unanerkannte Apostel die Doktrin des Anabaptismus, der einige Zeit in der Stadt Münster herrschte. Die Anabaptisten schafften alle Gesetze ab, da sie behaupteten, dass ein guter Mensch in jedem Moment vom Heiligen Geist geleitet würde, der nicht an Vorschriften gebunden sein kann. Aus dieser Prämisse gelangten sie zum Kommunismus und zur sexuellen Promiskuität. Sie wurden bald nach heldenhaftem Widerstand ausgelöscht. Aber ihre Doktrin verbreitete sich in einer milderen Form in Holland, England und Amerika; historisch war sie die Quelle des Quäkertums. Eine noch schärfere Form des Anarchismus, die nicht mehr mit Religion verbunden war, entsteht im 19. Jahrhundert. In Russland, in Spanien und in geringerem Maße in Italien hatte er beträchtlichen Erfolg und bleibt bis heute ein Schreckgespenst für die amerikanischen Einwanderungsbehörden. Diese moderne, wenn auch antireligiöse Form behält noch viel vom Geist des frühen Protestantismus bei; sie unterscheidet sich dadurch, dass sie die Feindseligkeit, die Luther gegen die Päpste richtete, hauptsächlich gegen die weltlichen Regierungen richtet.
Die Subjektivität, der man einmal freien Lauf gelassen hat, kann in keine Grenzen eingeschlossen werden, bis sie ihr logisches Ende erreicht. Die protestantische Betonung des individuellen Gewissens im Bereich der Moral war im Wesentlichen anarchisch. Gewohnheit und Brauchtum waren so stark, dass (abgesehen von gelegentlichen Ausbrüchen wie dem in Münster) die Anhänger des Individualismus in der Ethik weiterhin tugendhaft im Einklang mit der Tradition handelten. Aber das war ein instabiles Gleichgewicht. Der Kult der „Empfindsamkeit“ des 18. Jahrhunderts begann, es zu zerstören: Die Handlung rief Bewunderung hervor, nicht aufgrund ihrer guten Konsequenzen und nicht aufgrund ihrer Übereinstimmung mit einem moralischen Kodex, sondern aufgrund des Gefühls, das sie hervorgerufen hatte. Aus dieser Haltung entwickelte sich der Kult des Helden, ausgedrückt von Carlyle und Nietzsche, und der Byronsche Kult der ungestümen Leidenschaft, was auch immer ihr Inhalt sein mochte.
Die romantische Bewegung in Kunst, Literatur und Politik ist mit dieser subjektiven Art verbunden, Menschen nicht als Mitglieder der Gesellschaft, sondern als ästhetisch schöne Gegenstände der Kontemplation zu beurteilen. Tiger sind schöner als Schafe, aber wir ziehen es vor, sie hinter Gittern zu sehen. Der typische Romantiker schiebt die Gitter beiseite und freut sich über die herrlichen Sprünge des Tigers, der die Schafe vernichtet. Er ruft die Menschen auf, sich selbst als Tiger vorzustellen; aber wenn sein Ruf Erfolg hat, sind die Ergebnisse nicht ganz angenehm.
Als Reaktion auf die verrücktesten Formen des Subjektivismus in der modernen Ära folgten verschiedene Reaktionen. Erstens, eine halbherzige, kompromissbereite Philosophie, die Doktrin des Liberalismus, die versuchte, die entsprechenden Bereiche für den Einzelnen und für die Regierung zu definieren. In ihrer modernen Form hat dieser Versuch seinen Ursprung bei Locke, der sowohl gegen den „Enthusiasmus“ – den Individualismus der Anabaptisten – als auch gegen die absolute Autorität und blinde Verehrung der Tradition auftrat. Eine radikalere Bewegung führte zur Doktrin der Verehrung des Staates, die dem Staat die gleiche Bedeutung beimisst, die der Katholizismus der Kirche oder manchmal sogar Gott beimaß. Hobbes, Rousseau und Hegel repräsentieren verschiedene Stadien dieser Theorie, und ihre Doktrinen wurden praktisch von Cromwell, Napoleon und dem faschistischen Deutschland verwirklicht. Der Kommunismus ist in der Theorie weit von solchen Philosophien entfernt, aber in der Praxis wird er zu einer Art Gesellschaft gezogen, die das Ergebnis einer solchen Vergöttlichung des Staates ist.
Während der gesamten langen Entwicklung, vom 7. Jahrhundert v. Chr. bis zu unseren Tagen, teilten sich die Philosophen in jene, die bestrebt waren, die sozialen Bindungen zu stärken, und jene, die sie schwächen wollten. Mit diesem Unterschied waren andere verbunden. Die Befürworter der Disziplin verteidigten einige dogmatische Systeme, alte oder neue, und waren folglich gezwungen, in größerem oder geringerem Maße Positionen einzunehmen, die der Wissenschaft feindlich waren, da ihre Dogmen nicht empirisch bewiesen werden konnten. Sie alle lehrten fast ausnahmslos, dass Glück kein Gut sei, sondern dass ihm die „Edelheit“ oder der „Heroismus“ vorzuziehen sei. Sie hegten Sympathie für den irrationalen Teil der menschlichen Natur, da sie fühlten, dass die Vernunft der sozialen Bindung feindlich sei. Die Befürworter des Liberalismus hingegen neigten, mit Ausnahme der extremen Anarchisten, zum Wissenschaftlichen, Nützlichen, Rationalistischen, feindlich gegenüber der ungestümen Leidenschaft. Sie neigten dazu, gegen alle tieferen Formen der Religion aufzutreten. Dieser Konflikt existierte in Griechenland bereits vor dem Aufkommen dessen, was wir als Philosophie anerkennen, und er ist bei den Vertretern des frühesten griechischen Denkens ganz deutlich ausgeprägt. Modifiziert hat er sich bis heute erhalten und wird zweifellos noch viele kommende Jahrhunderte bestehen bleiben.
Es ist klar, dass jede Seite in diesem Konflikt, soweit es darum geht, was über eine lange historische Periode hinweg Bestand hat, teils Recht hat und teils irrt. Der soziale Zusammenhalt ist eine Notwendigkeit, und die Menschheit hätte niemals Erfolg gehabt, ihn nur durch vernünftige Argumente zu etablieren. Jede Gesellschaft ist zwei entgegengesetzten Gefahren ausgesetzt: einerseits der Gefahr der Versteinerung aufgrund von zu viel Disziplin und Verehrung der Tradition, und andererseits der Gefahr der Zersetzung oder der Unterwerfung unter fremde Eroberung aufgrund des Wachstums des Individualismus und der persönlichen Unabhängigkeit, die eine Zusammenarbeit unmöglich machen. Im Allgemeinen beginnen bedeutende Zivilisationen mit grausamen und abergläubischen Systemen, die allmählich nachlassen und in einem bestimmten Stadium zu einer Ära brillanter Genies führen, in der das Gute der alten Tradition bewahrt wird und das mit der Zerstörung dieser Tradition verbundene Übel noch nicht zur Entwicklung gekommen ist. Aber wenn das Übel sich manifestiert, führt es zur Anarchie, deren Folge unweigerlich eine neue Tyrannei sein wird, die eine neue Synthese hervorbringt, geschützt durch ein neues System von Dogmen. Die Doktrin des Liberalismus ist ein Versuch, diese unendliche Oszillation zu vermeiden. Die Essenz des Liberalismus besteht in dem Versuch, eine soziale Ordnung zu stärken, die nicht auf irrationalen Dogmen basiert, und Stabilität zu gewährleisten, ohne größere Einschränkungen einzuführen, als zur Erhaltung der Gesellschaft notwendig sind. Ob dieser Versuch erfolgreich sein kann, wird nur die Zukunft entscheiden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 11/10/2025