Grundlagen der allgemeinen Philosophie
Theorie der Erkenntnis
Ideale Triebkräfte der Erkenntnis
Die Wissenschaft gleicht einem Eisberg: Ihr sichtbarer Teil ist stets kleiner als der unter Wasser verborgene. Nach der Erkenntnis der Kräfte der Natur und der Gesellschaft erfolgt früher oder später die praktische Beherrschung dieser Kräfte. Es gibt keine nutzlosen Entdeckungen: Die Wissenschaftsgeschichte kennt eine Vielzahl von Entdeckungen, die jahrzehntelang und sogar jahrhundertelang nutzlos schienen und später zum Eckpfeiler eines ganzen technischen Zweiges wurden. Verschiedene Wissenszweige streben laut Johann Wolfgang von Goethe danach, sich vom Leben zu entfernen, um auf Umwegen zu ihm zurückzukehren. Nichts ist praktischer als eine richtige Theorie.
In der wissenschaftlichen Forschung gibt es gleichsam verschiedene Ebenen. Die unteren Ebenen entsprechen den nächsten und unmittelbaren Bedürfnissen der Praxis, das heißt, sie lösen sozusagen die taktischen Aufgaben des heutigen Tages; die oberen sind auf eine mehr oder weniger ferne Perspektive ausgerichtet, zielen auf die Lösung strategischer Aufgaben, auf die Erschließung von Möglichkeiten für die Praxis der Zukunft und auf die Einbringung grundlegender Veränderungen in die bestehende Praxis.
Ein enger Praktizismus ist schädlich für die Wissenschaft, besonders für ihre theoretischen Bereiche: Er beschränkt den wissenschaftlichen Gedanken, indem er sein Tempo an die Grenzen des untersuchten Objekts fesselt, welche nur für historisch vergängliche Formen der Praxis wichtig sind, und verarmt dadurch den Inhalt der Theorie. Im Gegenteil, wenn der wissenschaftliche Gedanke sich nicht in diesen Rahmen zwängen lässt, ist er in der Lage, im Objekt solche Eigenschaften und Beziehungen aufzudecken, die perspektivisch die Möglichkeit einer vielseitigeren praktischen Nutzung geben.
Die wissenschaftliche Theorie erlangt nach der Schaffung ihrer logischen Grundlage die Fähigkeit zur Selbstentwicklung und zur Reproduktion solcher Eigenschaften und Beziehungen der Dinge, die der Praxis und der sinnlichen Erkenntnis noch nicht zugänglich sind oder die erst in der Zukunft erscheinen werden. Die Entwicklung der Wissenschaft in jedem gegebenen Zeitraum hängt von dem von früheren Generationen vererbten gedanklichen Material ab, von den bereits gestellten theoretischen Aufgaben. Die relative Selbstständigkeit in der Entwicklung der Wissenschaft besteht auch in der aus den Bedürfnissen der Erkenntnis selbst resultierenden Notwendigkeit der Systematisierung des Wissens, in der Wechselwirkung verschiedener Bereiche der jeweiligen Wissenschaft und verschiedener Wissenschaften untereinander, in der gegenseitigen Beeinflussung aller Formen der geistigen Tätigkeit der Menschen und im freien Meinungsaustausch. Die theoretische Bewegung des Denkens tritt letztendlich als Ziel der praktischen Tätigkeit auf und verkörpert und materialisiert sich in der Produktion: Die Wissenschaft folgt nicht nur der Praxis, sondern eilt der Praxis voraus. Eine Vielzahl von Entdeckungen wurde unabhängig von den unmittelbaren Anforderungen der Praxis gemacht, und erst später wurden sie zur Quelle einer neuen Praxis: die Entdeckung der Röntgenstrahlen, der Radioaktivität, des Penicillins und so weiter.
Entdeckungen entstehen oft als Folge der Lösung interner Widersprüche in der wissenschaftlichen Theorie selbst und treten früher auf, als die praktischen Anforderungen an sie bewusst werden. Es kommt auch vor, dass ein neues Bedürfnis gerade unter dem Einfluss dieser oder jener Entdeckung oder Erfindung entsteht. Aber oft ist es auch umgekehrt: Bei aller Dringlichkeit der praktischen Notwendigkeit der Gesellschaft gibt es in der Wissenschaft nicht das für ihre Befriedigung notwendige Wissen, und das Bedürfnis bleibt unbefriedigt. Auf jeder gegebenen Entwicklungsstufe der Gesellschaften muss sich die Praxis mit dem gegebenen Entwicklungsstand der Theorie begnügen, so arm letztere auch sein mag. Die Praxis kann jedoch nicht auf „bessere Zeiten“ warten, in denen die Theorie sehr reich wird. Kann die Praxis der Behandlung von Krebspatienten warten, bis die Natur dieser Geißel der Menschheit vollständig enthüllt ist?! Die Behandlung erfolgt auf dem bestehenden Niveau der vorerst noch sehr armen Theorie: Wie die Theorie, so die Praxis. Ob jede Praxis und immer eine abgeschlossene Theorie braucht, ist fraglich. Norbert Wiener bemerkte witzig, dass der ganze Reiz von Dame und Schach gerade im Fehlen einer abgeschlossenen Theorie liegt, dass es keine ideale Theorie weder für den Krieg noch für das Spiel noch für die Liebe gibt.
Aus der Praxis erwachsend, verwandelt sich die Erkenntnis im Laufe ihrer Entwicklung in ein relativ eigenständiges Bedürfnis, in einen wahren Wissensdurst, in die Neugier als mächtige Kraft der Seele, in ein uneigennütziges Interesse am Wissen und am Schaffen.
Aristoteles bemerkte: Erkenntnis beginnt mit dem Staunen. Wer, so Max Planck, so weit gekommen ist, dass er sich über nichts mehr wundert, beweist nur, dass er gründlich das Nachdenken verlernt hat. Für den Forscher ist die Entdeckung des Erstaunlichen stets ein glückliches Ereignis und ein Stimulus in der kreativen Arbeit. Das Schönste, sagte Albert Einstein, das wir erleben können, ist dieses Geheimnisvolle. Den Wissenschaftler zieht unwiderstehlich die bezaubernde Schönheit der stimmigen Logik wissenschaftlicher Theorien an, die erstaunliche List der experimentellen „Tricks“ der Wissenschaft und die Entschlüsselung der rätselhaften Rebusse der Natur, der Gesellschaft und der Geheimnisse unserer Seele. Mit welcher Kraft künstlerischen Zaubers klingen die Worte von Waleri Brjussow zum Ruhme der Macht des Denkens und des Wissensdurstes:
Über dem tobenden Chaos elementarer Kräfte
Erschien den Menschen der Gedanke, wie Licht im Äther.
Durch die Suche nach Geheimnissen lebte der Geist des Menschen,
Die Macht der Vernunft verbreitete sich in der Welt.
In allen Zeitaltern lebte, verborgen,
Die Hoffnung, alle Geheimnisse der Natur zu enthüllen,
Die Völker bewegten sich auf das große Ziel zu.
Die alles verschlingende Sehnsucht nach Wissen ist eines der erhabensten Bedürfnisse des denkenden Menschen, eine mächtige ideale Triebkraft der menschlichen Tätigkeit. Nach den Worten Einsteins presst der Dämon wissenschaftlicher Probleme den Wissenschaftler unbarmherzig in seine Klauen und zwingt ihn zu verzweifelten Anstrengungen bei der Suche nach der Wahrheit. Unter dem Einfluss dieser Kraft beschäftigen sich die Menschen hartnäckig mit der Anhäufung von Wissen, mit künstlerischem Schaffen, ohne dabei an praktische Ziele und Berechnungen zu denken. Im Kampf um die Wahrheit wurden Menschen verfolgt, starben als Arme: Das ist das Schicksal vieler Neuerer. Wie Jean-Paul Marat sagte, kann derjenige kein Apostel der Wahrheit sein, der nicht den Mut hat, ihr Märtyrer zu sein. Der Geist der uneigennützigen Suche erfüllt die Geschichte der Wissenschaft. Diese Märtyrer der Wissenschaft, für die die Suche nach der Wahrheit der Sinn ihres gesamten bewussten Lebens war, haben uns klüger und aufgeklärter gemacht. Dies sind die Opfer der Menschheit, die im Namen ihrer Erhebung gekreuzigt wurden. Ihnen schulden wir unser dankbares Andenken!
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/10/2025