Grundlagen der allgemeinen Philosophie
Theorie der Erkenntnis
Erkenntnis, Praxis, Erfahrung
Der Mensch lebt umgeben von der Welt, in der Atmosphäre der geistigen Kultur. Er selbst ist ein aktiv handelndes Wesen. Durch unendliche Fäden materieller und geistiger Art ist der Mensch mit der Natur und den Ereignissen des gesellschaftlichen Lebens verbunden, in ständiger Wechselwirkung mit ihnen. Ohne diese Wechselwirkung ist das Leben unmöglich. Wir interagieren mit der Welt vor allem durch unsere Bedürfnisse, angefangen bei den physiologischen bis hin zu den subtilsten – den geistig-seelischen. Wir brauchen die Welt und gestalten sie praktisch um, nicht nur um ihre Geheimnisse zu ergründen. Wir ergründen ihre Geheimnisse, um unsere materiellen und dann auch geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Darin besteht der historische Sinn der Entstehung der Erkenntnis und der Wissenschaften. Die Astronomie und die Uhren wurden durch das Bedürfnis der Seefahrt ins Leben gerufen; die Bedürfnisse der Landwirtschaft brachten die Geometrie hervor; die Geografie entstand im Zusammenhang mit der Beschreibung der Erde, die Mechanik mit der Baukunst, und die Medizin wurde durch das Bedürfnis ins Leben gerufen, die Menschen von Leiden zu befreien oder zumindest ihre Schmerzen zu lindern. Mit der Entwicklung der Gesellschaft weiteten sich die Bedürfnisse immer mehr aus und wurden reicher, wodurch immer neue Mittel und Wege der Erkenntnis entstanden: Die Menschheit kann sich nicht mit dem Erreichten zufriedengeben.
Praxis ist die sinnlich gegenständliche Tätigkeit der Menschen, ihre Einwirkung auf das eine oder andere Objekt mit dem Ziel seiner Umgestaltung zur Befriedigung historisch entstandener Bedürfnisse. In Bezug auf die Erkenntnis erfüllt die Praxis eine dreifache Rolle. Erstens ist sie die Quelle der Erkenntnis, ihre treibende Kraft; sie liefert der Erkenntnis das notwendige Tatsachenmaterial, das der Verallgemeinerung und theoretischen Verarbeitung unterliegt. Damit nährt die Praxis die Erkenntnis, wie der Boden den Baum, lässt sie nicht von der realen Welt abdriften. Zweitens ist die Praxis der Anwendungsbereich des Wissens. Und in diesem Sinne ist sie das Ziel der Erkenntnis. Drittens dient die Praxis als Kriterium, als Maßstab zur Überprüfung der Wahrheit der Ergebnisse der Erkenntnis. Nur jene Ergebnisse der Erkenntnis, die durch das reinigende Feuer der Praxis gegangen sind, können Anspruch auf objektive Bedeutung erheben, auf Unabhängigkeit von Willkür und Irrtümern.
Somit ist die Praxis die Grundlage für die Formierung und Entwicklung der Erkenntnis auf allen ihren Stufen, die Quelle des Wissens, das Kriterium für die Wahrheit der Ergebnisse des Erkenntnisprozesses. Sie geht in die Definition des Objekts in dem Sinne ein, dass das Objekt entweder zu diesem oder jenem Zweck vom Subjekt aus dem unendlichen Geflecht der Dinge herausgelöst, verändert oder von ihm geschaffen wurde. Der Begriff der Erfahrung hat eine unterschiedliche Bedeutung: Erfahrung, die Empirie, wird der Spekulation gegenübergestellt und ist in diesem Sinne ein Gattungsbegriff, der Beobachtung und Experiment unterordnet. Als Erfahrung bezeichnen wir auch das Maß an Fertigkeiten und Können – im Sinne der Lebenserfahrung, der Erfahrung beim Autofahren, beim Halten von Vorlesungen und so weiter.
Es versteht sich von selbst, dass der Mensch die Wirklichkeit nicht allein erfasst: Wenn man sagt, dass die Erkenntnis der Wahrheit auf Erfahrung beruht, so meint man die vererbte Information, deren Schweif in die Tiefen der Vergangenheit reicht, die sammelnde und sich anhäufende Erfahrung der Jahrhunderte. Die Erfahrung eines individuellen Wesens, das zweifellos isoliert ist, selbst wenn es existieren könnte, wäre offensichtlich völlig unzureichend für die Erfassung der Wahrheit.
Auf die Wahl des Gegenstands der wissenschaftlichen Forschung, auf die Richtung und das Tempo der Entwicklung des Wissens, auf den Charakter der Nutzung seiner Errungenschaften nehmen viele gesellschaftliche Faktoren Einfluss: die Notwendigkeiten der materiellen Produktion; das sozial-politische Leben; die Wirtschaftsordnung der Gesellschaft; der Charakter der vorherrschenden Weltanschauung; verschiedene Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins; der Entwicklungsstand der Produktion, der Technik, der geistigen Kultur, der Bildung sowie die innere Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst. Unter all diesen Faktoren sind die Bedürfnisse der materiellen Produktion die entscheidenden. Sie stellen die Erkenntnis vor bestimmte Forschungsaufgaben. Die Produktion tritt als Hauptabnehmer der Ergebnisse der wissenschaftlichen Erkenntnis und als Lieferant technischer Mittel der Erkenntnis auf – von Geräten und Instrumenten, ohne deren Anwendung es praktisch unmöglich ist, beispielsweise die Mikrowelt und viele andere Bereiche der Wirklichkeit zu erforschen. Der Erfolg im wissenschaftlichen Schaffen hängt nicht nur von der Begabung, dem Scharfsinn und der Fantasie des Wissenschaftlers ab, sondern auch von der Verfügbarkeit der notwendigen Apparaturen. Gerade die Entwicklung der Technik hat der Wissenschaft mächtige Mittel der experimentellen und logischen Forschung gesichert, bis hin zu Synchrophasotronen, Raumschiffen und so weiter. So wurden elektromagnetische und intraatomare Prozesse erst dann zum Forschungsobjekt, als die Gesellschaft einen hohen Entwicklungsstand der Produktion erreichte, der der Wissenschaft die notwendigen Mittel zur Erkenntnis dieser Phänomene sicherte.
Die Ergebnisse des wissenschaftlichen Schaffens finden ihren praktischen Niederschlag nicht nur im Bereich der materiellen Produktion, in der Technik. Jedes Gebiet des wissenschaftlichen Wissens, indem es entsprechende Gesetzmäßigkeiten aufdeckt und bestimmte Phänomene erklärt, trägt zur Schaffung eines einheitlichen Weltbildes, zur Formierung der Weltanschauung bei. Die Wissenschaft muss, wie Erwin Schrödinger bemerkte, auch die Frage beantworten, wer wir sind und wozu wir in die Welt gekommen sind. Dies hat nicht nur einen nicht geringen metaphysischen, sondern auch einen praktischen Sinn.
Die Praxis wählt nicht nur jene Phänomene aus und weist auf sie hin, deren Erforschung für die Gesellschaft notwendig ist, sondern sie verändert auch die umgebenden Gegenstände und enthüllt solche Seiten an ihnen, die dem Menschen zuvor nicht bekannt waren und daher nicht Gegenstand der Forschung sein konnten. Nicht nur irdische, sondern auch himmlische Körper, an denen wir nichts ändern, stellen sich unserem Bewusstsein dar und werden in dem Maße erkannt, wie sie als Mittel zur Orientierung in der Welt in unser Leben einbezogen werden.
Der immer kühnere Eintritt der Natur- und Gesellschaftswissenschaften in die weite Arena praktischer Anwendungen schuf jenen Rückkopplungsmechanismus zwischen Wissenschaft und Praxis, der für die Wahl vieler Hauptforschungsrichtungen bestimmend wurde. Zum Beispiel hat die Anwendung von Satelliten und Raumschiffen als neue Mittel der astronomischen Beobachtung nicht nur die Erforschung des Sonnensystems zu einer der vordringlichsten astronomischen Probleme gemacht, sondern auch den Anstoß zur Schaffung einer neuen Wissenschaft gegeben – der experimentellen Astronomie, die im Wesentlichen an die Geophysik angrenzt. Astronomen erhielten die Möglichkeit, die Umgebung der Sonne „abzutasten“ und die vielfältigen Teilchenströme zu beobachten, die die Sonne in den umgebenden Raum aussendet.
Die gesamte Geschichte der wissenschaftlichen Erkenntnis zeigt, dass auf die praktische Anwendung irgendeiner Entdeckung eine stürmische Entwicklung des entsprechenden Bereichs der wissenschaftlichen Erkenntnis folgt: Die Entwicklung der Technik revolutioniert die Wissenschaft.
Nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Gesellschaftswissenschaften haben die Praxis als ihre Grundlage.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/10/2025