Subjekt und Objekt der Erkenntnis - Theorie der Erkenntnis - Grundlagen der allgemeinen Philosophie
Philosophie: Mensch, Welt, Gesellschaft - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Grundlagen der allgemeinen Philosophie

Theorie der Erkenntnis

Subjekt und Objekt der Erkenntnis

Erkenntnis setzt eine Zweiteilung der Welt in Objekt und Subjekt voraus. Welche Fragen der Mensch in seinem Leben auch immer löst, ob theoretische oder praktische, materielle oder geistige, persönliche oder gesellschaftliche, er ist, so Iwan Iljin, stets verpflichtet, die Realität, die ihm gegebenen objektiven Umstände und Gesetze zu berücksichtigen. Zwar kann er sie auch ignorieren, aber dadurch sichert er sich früher oder später ein Scheitern im Leben und möglicherweise eine ganze Kette von Leid und Unglück. Für das Bewusstsein ist daher das ständige Hinausgehen über die eigenen Grenzen charakteristisch: Es sucht ständig nach einem Objekt, und ohne dieses ist das Leben für es kein Leben.

Die Welt existiert für uns nur im Aspekt ihrer Gegebenheit für das erkennende Subjekt. Die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ sind korrelativ. Wenn wir „Subjekt“ sagen, stellen wir die Frage: Subjekt wessen – der Erkenntnis? der Handlung? der Bewertung? Wenn wir „Objekt“ sagen, fragen wir uns ebenfalls: Objekt wessen – der Erkenntnis? der Bewertung? der Handlung?

Das Subjekt stellt eine komplexe Hierarchie dar, deren Fundament das gesamte soziale Ganze ist. Letzten Endes ist die höchste Produzentin von Wissen und Weisheit die gesamte Menschheit. In ihrer historischen Entwicklung heben sich kleinere Gemeinschaften hervor, als welche einzelne Völker auftreten. Jedes Volk, das Normen, Ideen und Werte produziert, die in seiner Kultur fixiert sind, tritt ebenfalls als ein besonderes Subjekt der Erkenntnistätigkeit auf. Stück für Stück, von Jahrhundert zu Jahrhundert, sammelt es Informationen über Naturerscheinungen, über Tiere oder zum Beispiel über die heilenden Eigenschaften von Pflanzen, die Eigenschaften verschiedener Materialien, über die Sitten und Gebräuche verschiedener Völker an. In der Gesellschaft heben sich historisch Gruppen von Individuen hervor, deren spezielle Bestimmung und Beschäftigung die Produktion von Wissen ist, das einen besonderen Lebenswert besitzt. Solches ist insbesondere das wissenschaftliche Wissen, dessen Subjekt die Gemeinschaft der Wissenschaftler ist. In dieser Gemeinschaft heben sich einzelne Individuen hervor, deren Fähigkeiten, Talent und Genie ihre besonders hohen Erkenntnisleistungen bedingen. Die Geschichte bewahrt die Namen dieser Menschen als Bezeichnung herausragender Meilensteine in der Evolution wissenschaftlicher Ideen.

Das wahre Subjekt der Erkenntnis ist niemals nur ein gnoseologisches: Es ist eine lebendige Persönlichkeit mit ihren Leidenschaften, Interessen, Charakterzügen, ihrem Temperament, ihrem Verstand oder ihrer Dummheit, ihrem Talent oder ihrer Talentlosigkeit, ihrem starken Willen oder ihrer Willenlosigkeit. Wenn das Subjekt der Erkenntnis eine wissenschaftliche Gemeinschaft ist, dann gibt es hier eigene Besonderheiten: zwischenmenschliche Beziehungen, Abhängigkeiten, Widersprüche, aber auch gemeinsame Ziele, die Einheit des Willens und der Handlungen und so weiter. Oft wird unter dem Subjekt der Erkenntnis jedoch eine Art unpersönlicher logischer Kondensationspunkt intellektueller Aktivität verstanden.

Das Subjekt und seine Erkenntnistätigkeit können nur in ihrem konkret-historischen Kontext adäquat verstanden werden. Wissenschaftliche Erkenntnis setzt nicht nur ein bewusstes Verhältnis des Subjekts zum Objekt voraus, sondern auch zu sich selbst, zu seiner Tätigkeit, das heißt die Bewusstmachung der Bedingungen, Vorgehensweisen, Normen und Methoden der Forschungstätigkeit, die Berücksichtigung von Traditionen und so weiter.

Ein Fragment des Seins, das in den Fokus des forschenden Gedankens gerät, bildet das Objekt der Erkenntnis, wird in einem bestimmten Sinne zum „Eigentum“ des Subjekts, indem es in eine Subjekt-Objekt-Beziehung zu ihm tritt. Folglich gibt es die Realität an sich, außerhalb ihrer Beziehung zum Bewusstsein des Subjekts, und es gibt die Realität, die in diese Beziehung eingetreten ist. Sie ist gleichsam „fragend“ geworden, dem Subjekt sagend: „Antworte mir – was bin ich? Erkenne mich!“ Kurz gesagt, das Objekt in seiner Beziehung zum Subjekt ist nicht mehr bloß Realität, sondern eine mehr oder weniger erkannte Realität, das heißt eine, die zu einem Faktum des Bewusstseins geworden ist – eines Bewusstseins, das in seinen Erkenntnisbestrebungen sozial determiniert ist, und in diesem Sinne wird das Objekt der Erkenntnis bereits zu einem Faktum des Soziums.

Aus Sicht der Erkenntnistätigkeit existiert das Subjekt nicht ohne das Objekt, und das Objekt nicht ohne das Subjekt. So war das Gen nicht nur in der Antike, sondern auch für Jean-Baptiste de Lamarck und Charles Darwin, obwohl es in der Struktur des Lebendigen existierte, kein Objekt des wissenschaftlichen Denkens. Bis zu einer bestimmten Zeit konnten die Wissenschaftler diese feinste biologische Realität nicht als Objekt ihres Denkens isolieren. Dies geschah erst vor relativ kurzer Zeit, als wesentliche Veränderungen im allgemeinen wissenschaftlichen Weltbild eintraten. Oder, sagen wir, erst vor wenigen Jahrzehnten ermöglichten der wissenschaftliche Gedanke, die technischen Errungenschaften und die sozialen Bedingungen, die entferntesten Weiten des Kosmos zum Forschungsobjekt zu machen.

In der modernen Gnoseologie ist es üblich, zwischen Objekt und Gegenstand der Erkenntnis zu unterscheiden. Unter dem Objekt der Erkenntnis versteht man die realen Fragmente des Seins, die untersucht werden. Der Gegenstand der Erkenntnis sind die konkreten Aspekte, auf die sich die Spitze des forschenden Gedankens richtet. So ist der Mensch das Objekt der Untersuchung vieler Wissenschaften – Biologie, Medizin, Psychologie, Soziologie, Philosophie und anderer. Jede von ihnen „sieht“ den Menschen jedoch unter ihrem eigenen Blickwinkel: Die Psychologie erforscht zum Beispiel die Psyche, die seelische Welt des Menschen, sein Verhalten, die Medizin seine Krankheiten und die Methoden zu deren Behandlung und so weiter. Folglich geht in den Gegenstand der Untersuchung gleichsam die aktuelle Einstellung des Forschers ein, das heißt, er wird unter dem Gesichtspunkt der Forschungsaufgabe geformt.

Es ist bekannt, dass der Mensch der Schöpfer, das Subjekt der Geschichte ist, selbst die notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen seiner historischen Existenz schafft. Folglich wird das Objekt der sozialgeschichtlichen Erkenntnis nicht nur erkannt, sondern auch von den Menschen geschaffen: Bevor es zum Objekt wird, muss es von ihnen zuvor geschaffen, geformt worden sein. In der sozialen Erkenntnis hat der Mensch es somit mit den Ergebnissen seiner eigenen Tätigkeit zu tun, das heißt auch mit sich selbst als praktisch handelndem Wesen. Als Subjekt der Erkenntnis erweist er sich zugleich auch als ihr Objekt. In diesem Sinne ist die soziale Erkenntnis das gesellschaftliche Selbstbewusstsein des Menschen, in dessen Verlauf er seine eigene historisch geschaffene gesellschaftliche Essenz für sich entdeckt und erforscht.

Aufgrund dessen wird die Wechselwirkung von Subjekt und Objekt in der sozialen Erkenntnis besonders kompliziert: Hier ist das Objekt gleichzeitig das Subjekt der historischen Schöpfung. In der sozialen Erkenntnis dreht sich alles im Bereich des Menschlichen: Das Objekt sind die Menschen selbst und die Ergebnisse ihrer Tätigkeit, das Subjekt der Erkenntnis sind ebenfalls Menschen. Der Prozess der Erkenntnis ist ohne Zeugnisse von Augenzeugen, Dokumente, Umfragen, Fragebögen, von Menschen geschaffene Arbeitsgeräte und Kulturdenkmäler unmöglich. All dies prägt die soziale Erkenntnis auf bestimmte Weise und bildet ihre Spezifik. In ihr sind daher, wie in keiner anderen, die bürgerliche Haltung des Wissenschaftlers, sein moralisches Erscheinungsbild, seine Treue zu den Idealen der Wahrheit von außerordentlicher Bedeutung.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/10/2025