Geschichte der Philosophie
Westliche Philosophie des späten 19. und 20. Jahrhunderts
Vertreter der Hermeneutik
Im eigentlich erkenntnistheoretischen Sinne versteht man unter Hermeneutik die Interpretation und das Verstehen von Texten. Dieser Begriff wurde im philosophischen Sinne in der frühen deutschen Romantik gebräuchlich. Die Hermeneutik war von Anfang an mit den Ideen der Interpretation und des Verstehens verbunden. Vertreter der modernen philosophischen Hermeneutik wie Emilio Betti, Hans-Georg Gadamer und Michael Landmann sehen in ihr nicht nur eine Methode der Geisteswissenschaften, sondern auch eine Art der Deutung einer bestimmten kulturhistorischen Situation und des menschlichen Seins überhaupt. Indem sie die Hauptproblematik der Philosophie im Problem der Sprache sehen, lehnen sie die objektive wissenschaftliche Erkenntnis ab und vertrauen uneingeschränkt den indirekten Zeugnissen des Bewusstseins, die in der Rede, vor allem der schriftlichen, verkörpert sind. Der berühmte Akteur der Epoche der deutschen Romantik, Friedrich Schleiermacher (1768–1834), fasste die Hermeneutik in erster Linie als die Kunst des Verstehens der fremden Individualität, des „Anderen“, auf. Gegenstand der Hermeneutik ist der Ausdrucksaspekt, denn dieser ist die Verkörperung der Individualität in ihrer Manifestation. Das Wort „Hermeneutik“ selbst geht auf die altgriechischen Mythen zurück, denen zufolge der Götterbote Hermes verpflichtet war, die göttlichen Botschaften für die Menschen zu deuten und zu erläutern. In der antiken Philosophie und Philologie verstand man unter Hermeneutik die Kunst der Deutung von Allegorien, mehrdeutigen Symbolen und die Interpretation der Werke antiker Dichter, vor allem Homers. Später bezeichnete dieser Begriff die Kunst der Auslegung der Heiligen Schrift und danach die Kunst der korrekten Übersetzung von Denkmälern der Vergangenheit.
Als Methode der eigentlich historischen Interpretation wurde die Hermeneutik von dem bedeutenden Denker Wilhelm Dilthey (1833–1911) entwickelt. Dilthey war ein deutscher Kulturhistoriker und Philosoph, ein Vertreter der Philosophie des Lebens, Begründer der verstehenden Psychologie und der Schule der Geistesgeschichte, der Ideengeschichte, in der deutschen Kulturgeschichte. Zentral für Dilthey ist der Begriff „Leben“, die kulturhistorischen Realitäten. Der Mensch hat laut Dilthey keine Geschichte, er ist selbst Geschichte. Diese enthüllt, was er ist. Der Denker trennte die menschliche Welt der Geschichte scharf von der Welt der Natur. Die Aufgabe der Philosophie als Geisteswissenschaft besteht darin, das „Leben“ aus sich selbst heraus zu verstehen. In diesem Zusammenhang führte Dilthey die Methode des „Verstehens“ als unmittelbares Erfassen einer geistigen Ganzheit – im Sinne eines ganzheitlichen Erlebens – ein. Das Verstehen, das der intuitiven Durchdringung des Lebens verwandt ist, stellte er der Methode des Erklärens gegenüber, die in den Naturwissenschaften angewandt wird, wo wir auf den verstandesmäßigen Beweis zurückgreifen. Das Verstehen der eigenen Innenwelt wird durch Introspektion, das heißt Selbstbeobachtung, Reflexion, erreicht. Das Verstehen der „fremden Welt“ hingegen erfolgt durch „Hineinleben“, „Miterleben“, „Einfühlen“. In Bezug auf die Kultur der Vergangenheit tritt das Verstehen als die von Dilthey so genannte Methode der Interpretation, der Hermeneutik, auf. Als Grundlage der Hermeneutik sah er die verstehende Psychologie: Ihre Besonderheit besteht in der unmittelbaren Erfassung der Ganzheit des seelisch-geistigen Lebens der Persönlichkeit. Das Hauptproblem der Hermeneutik besteht laut Dilthey darin, aufzuzeigen, wie die Individualität Gegenstand einer allgemeingültigen objektiven Erkenntnis in der sinnlich gegebenen Manifestation des fremden einzigartigen Lebens werden kann. Genau diesen Weg beschritt Edmund Husserl. Denn bei jeder Untersuchung einer uns fernen, umso mehr fremden, Kultur ist es vor allem wichtig, die „Lebenswelt“ dieser Kultur zu rekonstruieren, sich in sie hineinzuleben, nur in diesem Licht kann der Sinn ihrer Denkmäler verstanden werden. Die weitere Ausarbeitung dieses Problems leistete der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer, ein Schüler von Martin Heidegger, der die Hermeneutik weit fasste – als Lehre vom Sein, als Ontologie, oder vielleicht eher als Erkenntnistheorie.
Gadamer übernahm viel von Dilthey und Heidegger und verlieh der Hermeneutik einen universellen Sinn, indem er das Problem des Verstehens zum eigentlichen Kern der Philosophie machte. Gegenstand des philosophischen Wissens aus der Sicht der Hermeneutik ist die Welt des Menschen, interpretiert als das Gebiet der menschlichen Kommunikation. Genau in diesem Bereich findet das tägliche Leben der Menschen statt und werden kulturelle und wissenschaftliche Werte geschaffen.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/10/2025