Der Mensch, die Kultur und die Kreativität
Das Konzept von Kultur und Zivilisation
Die Frage, was der Mensch ist, wird auf vielfältige Weise beantwortet. In der Naturwissenschaft wird er als Höhepunkt der biologischen Evolution verstanden, als ein natürliches Wesen, das sich von den Tieren durch die Fähigkeit zur Sprache, aufrechtes Gehen, die Fertigung von Werkzeugen, das Vorhandensein von Intellekt und durch soziale Beziehungen unterscheidet. In der Philosophie und den Geisteswissenschaften wird der Mensch als Träger des Verstandes definiert: Er unterscheidet sich grundlegend von den Tieren durch seine Vernunft, die es ihm ermöglicht, körperliche Begierden und Instinkte zu zügeln und zu kontrollieren. Durch den Verstand begreift er die Gesetze des Universums, entdeckt die Wissenschaften, erfindet Technologien, verändert die Natur und schafft eine neue Lebensumwelt. Neben der Vernunft lassen sich auch andere geistige Eigenschaften des Menschen benennen: Nur er ist in der Lage, an Gott zu glauben, Gut und Böse zu unterscheiden, seine Sterblichkeit zu erkennen, sich an die Vergangenheit zu erinnern und an die Zukunft zu glauben. Nur der Mensch kann lachen und weinen, lieben und hassen, urteilen und bewerten, fantasieren und erschaffen. In ihrer Kritik an der naturwissenschaftlichen Definition des Menschen betonen Vertreter des geisteswissenschaftlichen Ansatzes die prinzipielle Offenheit und Unvollständigkeit des Menschen, der keine angeborenen Instinkte zur Sicherung seines Überlebens besitzt. Darüber hinaus ist der Mensch als biologisches Wesen im Vergleich zu Tieren schwach und verwundbar, weshalb unklar bleibt, wie er so erfolgreich mit ihnen konkurrieren konnte und zur mächtigsten Kraft auf der Erde wurde.
Lange Zeit wurden diese beiden entgegengesetzten Ansätze über den Menschen absolut gesetzt. Sie förderten einander manchmal, doch häufig verhinderten sie eine Weiterentwicklung. Doch die Erkenntnis, dass der Mensch ein historisches, soziales und kulturelles Wesen ist, ermöglicht die Überwindung der oppositionellen Betrachtung von Geist und Körper und eröffnet somit den Weg für neue fruchtbare Programme sowohl der naturwissenschaftlichen als auch der geisteswissenschaftlichen Erforschung des Menschen. Seine sogenannte Natur ist nichts Vorgegebenes, sondern wird in jeder Kultur auf eigene Weise aufgebaut. Es gibt keine Grundlage für die Annahme von angeborener Aggressivität oder im Gegenteil von Solidarität, da die natürlichen Anlagen, die jedem Menschen innewohnen, von der Gesellschaft entweder erfolgreich unterdrückt oder aber verstärkt werden. Die Menschen mussten buchstäblich alles selbst erlernen, und alles, was sie können, ist das Produkt kultureller Entwicklung, Erziehung und Bildung.
Das Konzept von Kultur und Zivilisation
Die Philosophie betrachtet Kultur als Teil der Welt, die vom Menschen geschaffen wurde. Die soziale Anthropologie versteht unter Kultur die ganzheitliche Lebensweise der Menschen, das soziale Erbe, das der Einzelne von seiner Gruppe übernimmt. Dieser spezialisierte Begriff hat eine weit umfassendere Bedeutung als “Kultur“ im historischen oder literarischen Sinne. Ein einfacher Küchentopf ist ebenso ein Produkt der Kultur wie eine Sonate von Beethoven. Die Kultur einer Gesellschaft besteht aus dem Wissen und den Überzeugungen, die ihre Mitglieder kennen und in die sie glauben müssen, um auf eine gegenseitig akzeptable Weise zu handeln und die für sie bedeutungsvollen Rollen zu erfüllen. Dieses Wissen einer Gruppe bleibt in den Köpfen der Menschen, in Büchern und in Gegenständen für die weitere Nutzung gespeichert.
Das Kennzeichen des Menschen ist das Leben in einer symbolischen Welt, die weniger durch physische als durch soziale Parameter und Maßstäbe bestimmt wird. Das Vorhandensein einer symbolischen Metrik zeigt sich in allen Phänomenen der menschlichen Welt: Kleidung schützt den Körper vor Kälte und erfüllt zugleich disziplinierende Funktionen, sie drückt den sozialen Status aus. Selbst die moderne Mode, so frei sie auch erscheint, spielt eine repressiv-regulierende Rolle im menschlichen Verhalten. Ein ähnliches symbolisches Bedeutung hat der menschliche Wohnraum, dessen Einrichtung nicht nur durch die Notwendigkeit physischer Existenz geprägt wird, sondern auch durch gesellschaftliche Vorstellungen von Reichtum, Ruhm und dem Einfluss seines Besitzers.
Verschiedene Definitionen von Kultur (“Lebensweise der Menschen“, “geistiges Erbe“, “kollektives Wissen“, “soziale Verhaltensnormen“, “Beziehungen zur Umwelt“, “kommunikative Strategien“, “Denkmuster“, “Mentalität als Set von geistig-körperlichen Strukturen“ usw.) basieren auf der Gegensätzlichkeit von Kultur und Natur. Im Zeitalter der Aufklärung basierte die Vorstellung vom Menschen einerseits auf der Vernunft, andererseits auf der Natur. Dies schien nicht widersprüchlich, da die Aufklärer, im Gegensatz zu uns, Natur und Kultur nicht so scharf voneinander trennten. Sie glaubten, dass im gesellschaftlichen Leben ein “natürlicher Gesetz“ wirke und hielten die Vernunft nicht für etwas, das der Natur fremd ist. Kant etwa war begeistert von der Vorstellung, dass die Natur nach den Prinzipien menschlicher Vernunft organisiert zu sein schien. Der Kern der Konzeption des “Natur des Menschen“ war die Behauptung, dass diese unveränderlich sei. Das Schauspiel des Lebens verändert sich ständig, die Akteure spielen verschiedene Rollen, in unterschiedlichen Gewändern, sprechen und handeln nach den jeweiligen Bräuchen, aber ihre inneren Beweggründe, Leidenschaften und Wünsche bleiben über alle Zeiten hinweg unverändert. Daher spielte es für die philosophische Theorie des Menschen keine Rolle, was mit Rasse, Temperament, Nationalität, Geschichte, Kultur, Alltäglichem usw. zu tun hatte.
Die Illusion der Annahme einer unveränderlichen Natur des Menschen wurde immer offensichtlicher, nicht nur wegen der Entwicklung der Ethnographie oder kulturellen Anthropologie. Die Neigung, die kulturelle-historische und später die national-ethnische Relativität des “Menschenhaften“ anzuerkennen, wurde durch die Prozesse der Emanzipation innerhalb der europäischen Gesellschaften vorangetrieben, die zunehmend heterogener, multiethnischer und multikultureller wurden und dadurch toleranter gegenüber dem Anderen.
Wichtige Veränderungen in den modernen Vorstellungen von Kultur ergaben sich im Verlauf der Entwicklung der Ethnographie, der sozialen, historischen und kulturellen Anthropologie. Ethnokulturelle Studien förderten das Verständnis des Lebensstils sogenannter “wilder Völker“, die der Kolonisation ausgesetzt waren, und machten die grundlegenden Universalien der Kultur sichtbar, die nicht nur Wissen und geistige Errungenschaften, sondern auch als exotisch und rätselhaft erscheinende Traditionen, Stereotype, Überzeugungen und Rituale beinhalteten. Dies trug zum Verständnis der Bedeutung von Normen und Mustern der zwischenmenschlichen Kommunikation in zivilisierten Gesellschaften bei, in denen neben den geschriebenen Rechten und Gesetzen zahlreiche scheinbar selbstverständliche und allgemein akzeptierte Einschränkungen und Regeln bestehen, die die Grundlage rationaler Vorschriften bilden.
Der Prozess der Schaffung neuer kultureller Traditionen muss ebenfalls den umfassenderen Begriff von Kultur berücksichtigen, der sich in der heutigen Wissenschaft auf der Grundlage umfassender historischer, soziologischer und ethnografischer Materialien herausgebildet hat. Normen, Überzeugungen, Verhaltensmuster, Sprache, Arbeits- und Erholungsrhythmen bilden die Grundlage der Ordnung sowohl des gesellschaftlichen als auch des individuellen Lebens des Menschen. Dieses alltägliche Ordnungssystem bleibt nicht unverändert, sondern entwickelt sich im Zuge des gesellschaftlichen Fortschritts weiter. Dabei entstehen Widersprüche zwischen traditionellen Werten und neuen Lebensformen der jüngeren Generationen, die in verschiedenen Kulturen unterschiedlich gelöst werden.
Die moderne Situation zeichnet sich durch eine Abnahme der Repressivität aus und erkennt die Vielfalt innerhalb einer einheitlichen Kultur verschiedener Subkulturen, insbesondere der Jugendkultur, an. Menschen schätzen den individuellen Lebensstil und das Verhalten heute mehr als zuvor. Kultur wird zunehmend vielfältiger und lässt sich nicht nur auf geistige Kreativität reduzieren, sondern umfasst auch verschiedene Lebensweisen, Kommunikationsformen und Verhaltensweisen. Entscheidend für die Kultur sind nun weniger Ideen als vielmehr konkrete Ziele, Bedürfnisse, Regeln, Rollen, kommunikative und semantische Codes.
Die Muster menschlicher Beziehungen und allgemein die verschiedenen Normen, Lebensstile, Verhaltensweisen, Handlungsstereotype und zwischenmenschliche Abhängigkeiten bilden ein komplexes Gewebe der Kultur. Diese können universell (wie nationale Feiertage) oder privat (wie familiäre Feste, Hochzeiten, Jubiläen) sein. Kulturelle Muster können sowohl Normen als auch Ideale sein, sowohl Beschreibungen als auch Vorschriften. Diese scheinbar äußeren und formalen, “seelenlosen“ Normen charakterisieren das Verhalten des Menschen oft besser als seine Absichten und Ziele.
Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn vertraten die Auffassung, dass Kultur aus expliziten und impliziten Normen besteht, die das Verhalten bestimmen, welches erlernt und durch Symbole vermittelt wird. Kultur entsteht durch die Aktivitäten von Menschengruppen und zeigt sich in den von ihnen geschaffenen Mitteln. Der wesentliche Kern der Kultur besteht aus traditionellen, historisch gewachsenen Ideen, insbesondere aus denen, die einen besonderen Wert zugesprochen bekommen. Kulturelle Systeme können einerseits als Ergebnisse menschlicher Tätigkeiten und andererseits als deren Regulierer betrachtet werden. Leslie White definierte Kultur als die Organisation von Phänomenen, Arten und Normen von Aktivitäten, Gegenständen (Mittel, Dinge, die durch Werkzeuge erschaffen werden), Ideen (Glauben und Wissen) und Gefühlen (Haltungen, Beziehungen und Werte), die in symbolischer Form Ausdruck finden.
Der Kulturphilosoph interessiert sich vor allem für die Erweiterung des Sinns: Höchste Anerkennung erhält derjenige, der neue Bereiche des Weltganzen erschließt, höhere Werte vorschlägt und schöne Kunstwerke schafft. Die Kultursoziologen hingegen nähern sich der Kultur mit der pragmatischeren Frage: Wie formt Kultur den Menschen? Sie tritt für sie als eine Art Paradigma auf, das die Mentalität des Menschen prägt. Die Kulturwissenschaften sind gezwungen, ihre Eigenständigkeit auch gegenüber den Sozialwissenschaften zu verteidigen. Der Begriff “Gesellschaft“ bezieht sich auf eine Gruppe von Menschen, die untereinander mehr interagieren als mit anderen, die miteinander kooperieren, um bestimmte Ziele zu erreichen. Unter “Kultur“ versteht man das spezifische Lebensmuster, das dieser Gruppe eigen ist. Nicht alle sozialen Ereignisse sind kulturell programmiert. Kultur stellt ein Reservoir des kollektiven Wissens dar. Jede Kultur ist eine Sammlung von Techniken zur Anpassung sowohl an die Umgebung als auch an andere Menschen. Der Aufbauprozess wird als Ergänzung der angeborenen biologischen Fähigkeiten des Menschen betrachtet, wobei Werkzeuge bereitgestellt werden, die biologische Funktionen verstärken, ersetzen oder biologische Begrenzungen ausgleichen.
Bronislaw Malinowski sah Kultur als eine Gesamtheit künstlich geschaffener Mittel zur Regulierung und Befriedigung von Bedürfnissen. Kultur wird als biologisch nicht vererbbare Information sowie als Methode ihrer Bewahrung und Übertragung definiert. Sie kann nicht nur geistiger, sondern auch materieller Natur sein und umfasst Wohnräume, Kommunikationsmittel, Werkzeuge, Haushaltsgegenstände, religiöse Artefakte und vieles mehr. In den letzten Jahren, beeinflusst von Zoologen, wurden auch die Formen der “Familie“ und die “Rollenstrukturen des Gruppenlebens“ von Primaten als eine Art Kultur angesehen, die Elemente sozialen Erlebens umfasst. Das Vorhandensein symbolischen Austauschs, von Fähigkeiten und “Traditionen“, von “Wissen“ und “Technologien“ bei Vormenschen bedeutet, dass das Gemeinsame zwischen höheren Tieren und Menschen eine “Protokultur“ darstellt. Als System erlernten Verhaltens ist es sowohl den Menschen als auch den Tieren eigen.
Die natürlichen Bedürfnisse haben in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche sozial sanktionierte Formen, und innerhalb einer Gesellschaft orientieren sich ihre Mitglieder an unterschiedlichen Gruppennormen des Verhaltens. Dabei wird die Gesellschaft als Struktur betrachtet, die Kultur als Inhalt des gemeinsamen Lebens. Sie ist “materialisiert“ nicht nur im System der Dinge, sondern auch in den Kommunikationsweisen und kommunikativen Strategien. Kulturelle Phänomene sind künstlich, weshalb sie oft der Natur gegenübergestellt werden. Das Rückgrat der Kultur bilden die Technologien, anhand deren Möglichkeiten bestimmte Wünsche erfüllt werden. Technologien existieren nicht nur im Bereich der Wissenschaft und Produktion, sondern auch im Management und in der Erziehung, in der Kommunikation und Interaktion.
Kultur übernimmt die Rolle einer Art schützender Hülle des Menschen, der schlecht an die äußere Welt angepasst geboren wird und eine künstliche Lebensumwelt für sein Überleben schaffen muss. In den Geisteswissenschaften wird sie als Produkt und Schöpfung des Menschen untersucht. Aus semiotischer Sicht entspringt Kultur der Fähigkeit des Menschen zur Symbolisierung, durch welche Unterscheidung und Klassifikation von Phänomenen sowie deren Interpretation und Erklärung zustande kommen. Symbole spiegeln entweder äußere Objekte oder innere Absichten wider, genauer gesagt stellen sie eine Mischung aus beidem dar. Selbst ein Tier nimmt Phänomene auf Basis von Instinkten und Bedürfnissen wahr und selektiert sie, während der Mensch sensorische Informationen gemäß seinen Zielen und Aufgaben verarbeitet, die zu einem großen Teil durch seinen Platz im System der Gesellschaft als “Superorganismus“ bestimmt werden. Kultur zeichnet sich auch durch die Fähigkeit aus, die natürliche Umwelt aktiv in eine künstliche zu verwandeln, die den Bedürfnissen des Menschen entspricht. Durch Arbeit kann der Mensch das natürliche Material in Dinge und Werkzeuge umwandeln, die wesentliche Elemente seiner künstlichen Welt sind. Es ist gerade im Wechselspiel mit der Kultur, dass die sogenannten persönlichen Merkmale und Fähigkeiten des Menschen geformt werden.
So erhält das ursprünglich klar erscheinende Wort “Kultur“ eine unerwartete Komplexität, da es sowohl materiellen als auch ideellen Inhalt umfasst.
J. Danilevsky versuchte erstmals, eine synthetische Definition von Kultur zu formulieren, die folgende Merkmale einschließt: 1) religiöse Tätigkeit, die die Beziehung des Menschen zu Gott, das Verständnis seines Platzes in der Welt, seines Schicksals und seiner Bestimmung umfasst; hierbei geht es nicht um theologische Abhandlungen, sondern um den ursprünglichen Volksglauben, der die Grundlage der Moral bildet; 2) kulturelle (im engeren Sinne) Tätigkeit, die Wissenschaft, Kunst und Technik als Formen der Erschließung der äußeren Welt umfasst; 3) politische Tätigkeit, die sich in der Bildung des Staates und der Entstehung des Volkes als Form politischer und geistiger Einheit ausdrückt; 4) gesellschaftlich-ökonomische Tätigkeit, die mit der Verbesserung der nicht nur geistig-moralischen, sondern auch wirtschaftlichen Beziehungen verbunden ist.
Die Ideen Danilevskys wurden vom deutschen Kulturhistoriker Oswald Spengler aufgegriffen, der in seinem einst aufsehenerregenden Werk “Der Untergang des Abendlandes“ auf die Vielfalt der Kulturtypen hinwies und in ihnen das kreative und das mechanische Element unterschied. Er definierte Kultur als mächtigen seelischen Antrieb, als leidenschaftlichen Kampf um die Durchsetzung einer Idee gegen die äußeren Kräfte des Chaos, wobei er sie der Zivilisation gegenüberstellte, die er als erstarrtes System kultureller Errungenschaften ansah, das die Kreativität behindert.
Die organische Verbindung materieller und geistiger Faktoren erreichte P. N. Miliukow, der die Entwicklung der russischen Kultur unter Berücksichtigung folgender Bedingungen beschrieb: 1) physische und geografische Parameter des “Entwicklungsortes“ der Kultur; 2) das Wachstum, die Differenzierung und die Besiedlung des Volkes auf seinem Territorium; 3) wirtschaftliche und soziale Strukturen; 4) der gesellschaftliche Aufbau, die Entwicklung des Staates, der Politik und des Rechts; 5) die geistige Seite der Kultur, die die religiöse, künstlerische und wissenschaftliche Evolution umfasst.
Ein Nachteil der klassischen Definition von Kultur ist die Gegenüberstellung des Sinnlichen und des Rationalen. Manchmal wird das Emotionale geradezu als außerhalb der Kultur liegend betrachtet. Sinnlichkeit wird als ein gegebenes, naturbestimmtes Element angesehen, das ausschließlich der Unterdrückung durch Rationalität unterliegt. Dabei impliziert jede Kultur eine Kultur der Gefühle, die nicht unverändert bleibt, sondern veredelt und zivilisiert wird, um rationalen Zielen und Idealen zu dienen.
Die menschlichen Emotionen und rationalen Pläne sind eng miteinander verwoben, weshalb man von einer “Psychologisierung“ des Verstandes und einer “Rationalisierung“ der Sinnlichkeit als miteinander verbundenen Aspekten eines historischen Prozesses sprechen kann, der sich in der Etablierung einer einheitlichen Ordnung äußert. Diese Ordnung wird nicht von oben durch die Bemühungen von Philosophen geschaffen, noch entsteht sie spontan. Die Differenzierung des Lebens, das Aufkommen verschiedener Stände und die Zentralisierung der Macht — all dies führt dazu, dass körperliche Gewalt und persönliche Abhängigkeit allmählich dem Recht als Form der Lebensorganisation Platz machen. Und obwohl das Recht anfangs ebenfalls mit Gewalt, Überwachung und Bestrafung verbunden ist, wird im Laufe der Zeit die Selbstdisziplin und Verantwortung in der Gesellschaft immer bedeutender. So entsteht die wichtige Aufgabe der Selbstorganisation des inneren Seelenlebens, der Verwaltung der eigenen Gefühle, Wünsche und Affekte.
Diese Aufgabe wurde von jenen Historikern völlig übersehen, die sich auf eine eng rationale Definition von Kultur stützten. Indem sie den geistigen und technischen Komponenten mechanisch trennten, gaben sie Anlass zu der späteren Gegenüberstellung von “Kultur“ und “Zivilisation“. In Wirklichkeit lässt sich die Zivilisation nicht auf wissenschaftlich-technische oder ökonomische Errungenschaften reduzieren. Die Geschichte der Kultur zeigt die langsame und mühevolle Arbeit, die auf die Selbstkontrolle des Verhaltens, die Zurückhaltung von Gefühlsausbrüchen und die Einhaltung von Regeln abzielt. Eine bedeutende Rolle in diesem Zivilisationsprozess spielen nicht nur die Erzieher der Jugend, die Pädagogen und Lehrer, sondern auch die adligen Stände, die kreativ den Stil des zurückhaltenden Verhaltens formen, der sich durch eine korrekte Sprache, gutes Benehmen und Höflichkeit auszeichnet.
War in den mittelalterlichen Zeiten das zivilisierte Verhalten nur einem kleinen Teil der Bevölkerung eigen, vor allem der Hofgesellschaft, so verbreitete sich nach dem Übergang der Macht vom militärischen (ritterlichen) Stand zum zivilen (bürgerlichen) der Stil und die Manieren des Adels auf breitere Schichten der Bevölkerung. Gleichzeitig verwandelte die bürgerliche Gesellschaft den Ritter- und Adelsethos auf der Grundlage rationaleren Planens und Kalkulierens, wodurch den Menschen Voraussicht beigebracht wurde. Diese Zurückhaltung, die die früheren Exzesse überwand, wurde zur Quelle neuer Probleme.
Heute kann der Mensch seine Leidenschaftsausbrüche nicht mehr direkt entladen, und deshalb entsteht ein starkes Spannungsverhältnis zwischen seinem inneren Selbst und den Anforderungen, denen er unterworfen ist. Die Gesellschaft hat den Weg der Erfindung verschiedener Kompensationsmethoden zur Entspannung eingeschlagen: sportliche Veranstaltungen, Diskotheken und dergleichen. Doch all dies befreit den Menschen nicht von Unruhe und zwingt ihn, auf Drogen zurückzugreifen, die künstliche Wünsche anregen. Auch heute bleibt die Schaffung effektiver Modelle und die Zivilisation unseres psychischen Apparats eine wichtige Herausforderung der modernen Kultur.
Eine der effektiven Formen der Modellierung menschlichen Verhaltens war stets die Kunst, insbesondere die Literatur. Der Leser erhält nicht nur Genuss aus dem Text, taucht nicht nur in eine ideale Welt ein, die frei von den Belastungen des Alltags ist, sondern lernt auch, die umgebende Welt so zu sehen, zu bewerten und zu erleben, wie es seine geliebten Helden tun. Historiker der geistigen Kultur haben stets auf den zivilisierenden Einfluss literarischer Helden hingewiesen, die hohe Vorbilder für Nachahmung bieten. Auf die Buchkultur erzogen, konnten sie die neuen Formen der Massenkunst, die im 20. Jahrhundert verbreitet wurden, weder verstehen noch akzeptieren. In der Folge entstand die Gegenüberstellung von Massen- und elitärer Kultur.
In der klassischen Gesellschaft wurde Kultur als Aneignung der höchsten spirituellen Muster verstanden, die in Wissenschaft und Kunst erreicht wurden. Ein leuchtendes Beispiel dafür waren die aristokratischen Salons des 18. Jahrhunderts, in denen nicht nur Bücher, Gemälde und Musikwerke besprochen, sondern auch beispielsweise die “Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie“ Newtons studiert wurden. Die Demokratisierung der Kultur begann jedoch nicht im 20. Jahrhundert, wie es die modernen Kritiker der Massenkultur behaupten, sondern viel früher. Sie ist mit dem Übergang von der feudalen Gesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft verbunden, in dessen Verlauf Kunstwerke nicht nur in Burgen ausgestellt wurden, wo sie den hohen sozialen Status ihres Besitzers demonstrierten, sondern auch in städtischen Galerien. Die Verbreitung öffentlicher Ausstellungen, Theater und Konzerte führte zu einer Erweiterung des künstlerischen Publikums, das Werke diskutierte und eigene Forderungen stellte, die dann von Kunstkritikern kultiviert und festgeschrieben wurden. Die Verbesserung der Massenkommunikationsmittel, insbesondere die Erfindung des Buchdrucks und die Verbreitung von Zeitungen und Zeitschriften, führte zur Bildung einer öffentlichen Meinung, die den Charakter wissenschaftlicher, philosophischer und künstlerischer Schöpfungen bestimmte. Die Sprache der Werke des 18. und 19. Jahrhunderts wurde allgemein verständlich, und ihr Inhalt entsprach pragmatischen Kriterien und den Lebensanforderungen.
Die Veränderungen in der Kultur des 20. Jahrhunderts setzten diese Tendenz zur Demokratisierung fort. Doch das Phänomen der “Massifizierung“, von dem Vertreter der hohen Kultur mit Angst sprachen, ging nicht nur mit einer Erweiterung der kulturellen Öffentlichkeit einher, sondern auch mit deren radikaler Degeneration. Das Volk, die Stände in der klassischen Gesellschaft waren an den Boden und an Traditionen gebunden. In unserer Zeit beobachten wir die Entfremdung der Menschen vom Land, von der familiären und gruppenspezifischen Zugehörigkeit im Prozess der Migration von Dörfern in Städte, die immer größer werden und ebenfalls Traditionen und Verhaltensnormen verlieren, die einst kleinen städtischen Siedlungen eigen waren. Infolgedessen verwandelt sich das Volk in eine Masse, die, wie der spanische Philosoph José Ortega y Gasset schrieb, “alles Unähnliche, Außergewöhnliche, Persönliche und Beste niederwalzt. Wer nicht wie alle ist, wer nicht wie alle denkt, riskiert, ein Ausgestoßener zu werden“. Zu den Merkmalen des Massenmenschen zählte Ortega neben einem neidischen Gefühl der Gleichheit auch eine begrenzte Selbstsicherheit, Trivialität, die Überzeugung, über alles urteilen zu können, das Streben nach Komfort, das Fehlen von Zurückhaltung und Selbstdisziplin. Natürlich hatte der Philosoph recht, wenn er von den ordnenden, zivilisierenden Funktionen der Kultur und der Kunst sprach. Dennoch sollte man sich fragen, von welcher Ordnung hier eigentlich die Rede ist.
Die traditionelle Gesellschaft stützte sich auf strenge Regeln und Normen, Gesetze und allerlei ungeschriebene Traditionen, die das menschliche Verhalten ordneten. Sie gaben der Entwicklung der Individualität keinen Raum. Sicherlich stellen auch die modernen, scheinbar vielfältigen Modeerscheinungen, Literatur und Presse, die allen Geschmäckern und Bedürfnissen gerecht werden, in Wirklichkeit strenge und zudem ideologisierte Verhaltensstereotype auf. Doch der Zerfall der einheitlichen Ordnung, die Anerkennung unterschiedlicher Standards der Rationalität, wie sie in den großen Städten der Gegenwart vorherrschen, schafft günstigere Bedingungen für Kreativität und individuelle Lebensformen. Neue Kommunikationsformen, die Relativierung von Vorstellungen über Rationalität sowie ästhetische und sogar ethische Anforderungen stellen die Kulturschaffenden vor neue Aufgaben. Sie verlieren das Recht, für andere zu denken oder zu schaffen, verlieren ihr Recht auf das alleinige Besitzen kulturellen Kapitals, müssen in einem Wettbewerb agieren und die Bedürfnisse der Massen berücksichtigen. Dennoch schließt dies nicht aus, dass auch effektive kulturelle Modelle für die Erziehung und Bildung der Massen geschaffen werden. In der Tat möchte das Massenpublikum genau “Seifenopern“ sehen, aber was hindert den Künstler daran, klassische oder gar avantgardistische Bilder und Ideen in dieses Genre einzuführen, wie es die herausragenden Vertreter der Kriminalliteratur gelernt haben?
Die Grundlage für den Pessimismus gegenüber der Gegenwart liegt nicht nur im Verlust einiger Errungenschaften der Vergangenheit, sondern auch in den zu engen Vorstellungen von Kultur als den höchsten Werken des Geistes. Denn in Wahrheit gab es zu jeder Zeit ihre eigene Alltagswirklichkeit, und die Geschichte zeigt, dass hinter dem Fassadenbild von Errungenschaften in den Bereichen der Kunst, Wissenschaft und Religion häufig Armut, Unterdrückung, Rechtlosigkeit und elementare Unbildung der Bevölkerung verborgen waren. Für die Entwicklung richtiger Orientierungen erscheint es von außerordentlicher Bedeutung, die modernen Vorstellungen von Kultur zu verinnerlichen, die sich wesentlich von den klassischen unterscheiden, da sie sich nicht nur auf intellektuelle und künstlerische Errungenschaften stützen, sondern auch das Alltagsleben mit einbeziehen.
In der modernen Gesellschaft gewinnt Kommunikation zunehmend an Bedeutung, und die Kultur des Gesprächs tritt in den Vordergrund. Die alltägliche Kommunikation ist vielschichtig und wird nach anderen Kriterien reguliert als die Wissenschaft. Zunächst muss man in ihrem Gefüge die unausgesprochenen Ziele und Strategien hervorheben, die in den meisten Fällen keineswegs auf die Suche nach Wahrheit abzielen, sondern vielmehr auf die Unterwerfung von Menschen, auf Selbstbehauptung oder die Erfüllung anderer Bedürfnisse.
Der Erfolg der sogenannten persönlichen Kommunikation wird ebenfalls nicht nur durch die herzlichen freundschaftlichen Gefühle bestimmt, die manche Menschen füreinander empfinden. Wie bereits angemerkt, kommt auch auf dieser Ebene die moralische Anerkennung, der gegenseitige Respekt des anderen nicht immer automatisch zustande. Menschen bemerken oft, dass sie gerade in freundschaftlichen Beziehungen in Abhängigkeit geraten, dass instrumentelle Beziehungen, von denen sie sich in der persönlichen Kommunikation zu befreien glaubten, sie erneut einholen und lediglich von Gefühlen belastet werden. Doch es wäre falsch zu denken, dass dies ausschließlich auf angeborene Charakterzüge der Menschen zurückzuführen ist. Häufig ist der Grund für Konflikte das unterschiedliche Setzen von Werten und Einstellungen, die die Menschen in der Vergangenheit als Traditionen und Verhaltensmuster übernommen haben. Eine wichtige Rolle der Kommunikationskultur besteht genau darin, diese Einstellungen zu erkennen und zu kontrollieren und zu versuchen, sie in einer gemeinsamen Strategie des Zusammenlebens zu versöhnen.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025