Die Idee Gottes im Leben des Menschen
Die Hauptrichtungen und wichtigsten Fragen der Philosophie des 20. - frühen 21. Jahrhunderts - 2024 Inhalt

Die Idee Gottes im Leben des Menschen

Der Mensch ist ein geheimnisvolles und unverständliches, außergewöhnliches und einzigartiges Wesen. Einerseits ist er Teil der natürlichen Welt und unterworfen ihren Gesetzmäßigkeiten. Um zu überleben, muss er sich an die vorgegebenen biologischen und sozialen Bedingungen anpassen. Andererseits besitzt er ein stark ausgeprägtes Bewusstsein für seine Freiheit und trifft Entscheidungen selbst, selbst wenn er harte Arbeit wählt, sich einer Macht unterwirft oder einen anderen zwingt. Jedenfalls glaubt er, dem Gesetz des Guten, der Gerechtigkeit und der Liebe folgen zu wollen, während ihn die Umstände zu kleinen oder großen Täuschungen, dem Gehorsam gegenüber der Macht des Stärkeren und schließlich zu den alltäglichen Sorgen um das tägliche Brot zwingen, die weder Kraft noch Zeit für höhere Anliegen lassen.

Offenbar sind diese Bestrebungen nach höheren Werten der ursprüngliche religiöse Erfahrungsraum, aus dem — entsprechend der historischen, kulturellen und sozialen Umgebung — die jeweilige Gottesvorstellung hervorgeht. Für die einen ist Gott ein allmächtiges Wesen, bei dem man Gesundheit oder Reichtum als Almosen erbitten kann. Für andere ist er der furchterregende Richter, der die Sünder streng zur Rechenschaft zieht und die Gehorsamen mit paradiesischen Freuden im Jenseits belohnt. Wieder andere wenden sich der Gottesidee zu, um das Universum zu erklären oder die Grundsätze menschlicher Erkenntnis zu rechtfertigen. Für einige ist Gott etwas, wenn auch unergründlich, so doch nah und seelisch. Für andere hingegen ist er etwas Jenseitiges, radikal anders als alles, was im empirischen Erlebnis vorkommt. Auch die Persönlichkeit Christi bleibt ein Rätsel. Warum wurde er auf die Erde gesandt? Warum nahm er den martyrischen Tod am Kreuz auf sich? Dies verstanden nicht einmal die Menschen, denen er predigte, und selbst seine Jünger erkannten erst nach seinem Tod die wahre Bedeutung seiner Lehre und glaubten an die Auferstehung.

Auch heute noch gibt es unaufhörliche Debatten über den Kern der Religion und des Christentums. Für viele ist in unserer Zeit Religion das Privileg der Schwachen und Ungebildeten, der Unterdrückten und Getäuschten. Nichts benötigt der moderne Mensch, der sich mit Wissenschaft auskennt, Rechte und Freiheiten besitzt und wirtschaftlich unabhängig ist, weniger als Religion. Die Welt und das menschliche Leben haben ihre Geheimnisvolligkeit verloren, und das, was für unsere Vorfahren unverständlich, aber allmächtig war, ist heute rational begreifbar. Wir haben entdeckt, dass Gott weder für den Erhalt des Universums noch für die Gesellschaft mit ihren rechtlichen, moralischen und sozialen Gesetzen notwendig ist. Im 19. Jahrhundert erklang das Wort von Nietzsche: “Gott ist tot“. Der Mensch schuf die Idee Gottes, als er schwach war, und lehnte sie ab, als er die vollständige Macht über das Seiende erlangte. Er selbst nahm seinen Platz ein.

Die Vorstellung von Gott hängt natürlich vom Menschen ab, und dies erklärt die Vielfalt der Religionen und die religiöse Toleranz, den Respekt gegenüber Andersgläubigen. Doch auch der Mensch hängt von Gott ab, denn zu allen Zeiten wurden Götter als Wesen gedacht, die den Menschen in allen Aspekten überlegen sind. Die Griechen hielten sie für ewig jung, schön, unsterblich und unbedürftig nach Nahrung. Die Ägypter verehrten Tiere und statteten sie mit Figuren ihrer Götter aus, die Macht, Ausdauer, Schnelligkeit und andere übermenschliche Eigenschaften symbolisierten. Im Christentum übertrifft Gott die Menschen in moralischer Hinsicht, indem er die moralischen Gebote kompromisslos erfüllt, in der Lage ist, alle zu lieben und zu vergeben, sogar seinen Feinden. Die modernen Diskussionen über Religion, über den Glauben, über das Geheimnis Christi — sie bezeugen, dass die Suche nach Gott nicht aufgehört hat. Nietzsches “Gott ist tot“ bedeutet, dass die alten naiven Vorstellungen von ihm als Weltgerichtsherrn und Moralist tot sind, dass dem modernen Menschen eine höhere Vorstellung von Gott entsprechen sollte. So trägt Unglaube oft mehr zur Sache des Glaubens bei, als naives, unkritisches Verehren eines allmächtigen Wesens.

Heute gehen viele in die Kirche. Aber wie stellen sie sich Gott vor, was erbitten sie von ihm? Es ist notwendig, die Geschichte der Religion zu studieren, um eine dem Zeitalter entsprechende Form des Glaubens zu entwickeln. Wissenschaftliche Bildung hindert nicht nur nicht, sondern fördert dieses wichtige geistige Vorhaben, indem sie vor allem das tiefere Verständnis des Wesens des Problems ermöglicht. Was die Wissenschaft erklären kann, sollte von ihr erklärt werden, doch eine Reihe von Aussagen, die für die Wissenschaft eine weltanschauliche, moralische Rolle spielen, hat keine wissenschaftliche Begründung. Sie werden auf der Grundlage des Glaubens als unbestreitbare Grundlagen des Lebens akzeptiert, denen Wissenschaft, Politik, Kunst und Philosophie untergeordnet sein müssen. Neu in der modernen religiösen Situation ist die Freiheit der Religionsausübung, die nicht nur die persönliche Wahl zwischen Religiosität und Atheismus betrifft, sondern auch die gleiche Anerkennung aller Konfessionen gewährleistet. Früher war sie stark durch Traditionen, nationale und kulturelle Zugehörigkeit begrenzt. Heute kann der Mensch frei zwischen allen Konfessionen und sogar Sekten wählen. Ein solcher Demokratisierungsprozess hat sowohl positive als auch negative Seiten. Einerseits steht er dem religiösen Fundamentalismus und Fanatismus entgegen. Andererseits macht er den Menschen zur Marionette neuer Propheten. Heute trägt der Mensch eine größere Verantwortung bei der Wahl seines Glaubens. Angesichts der Schwächung der christlichen Tradition kommt der religiösen Bildung eine besondere Rolle zu, die hilft, die Möglichkeiten der einzelnen Religion zu vergleichen und zu verstehen. Sie fördert auch das Wachstum religiöser Toleranz, da sie dabei hilft, die gemeinsamen Intentionen in den verschiedenen konfessionellen Formen zu erkennen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025