Antike Philosophie
Philosophie des Hellenismus
Die hellenistische Periode dauerte von den Anfängen der Feldzüge Alexanders des Großen bis zur Einnahme Ägyptens durch die Römer. Die Hauptschulen der hellenistischen Philosophie waren der Epikureismus, der Stoizismus und der Skeptizismus.
Epikureismus. Der wohl herausragendste Denker der hellenistischen Periode war Epikur (342–271 v. Chr.). Die atomistische Systematik Demokrits spielt eine dominante Rolle unter den theoretischen Quellen der epikureischen Lehre. Die Hauptbetonung legt Epikur, wie fast alle Strömungen der hellenistischen und der späteren römischen Periode, auf die Ethik. Der Physik – der Lehre von der Natur – widmete Epikur die Abhandlung „Über die Natur“ (37 Bücher), und er befasste sich auch in den „Briefen“ damit. Epikurs ethische Ansichten sind in den Büchern „Über die Lebensweise“, in den „Briefen“ und in der Abhandlung „Über den Endzweck“ dargelegt.
Die Lehre Demokrits übernimmt Epikur nicht passiv, sondern korrigiert, ergänzt und entwickelt sie. Während Demokrit die Atome nach Größe, Form und Lage im Raum charakterisiert, schreibt Epikur ihnen noch eine weitere Eigenschaft zu – die Schwere. Gemeinsam mit Demokrit erkennt er an, dass sich Atome im leeren Raum bewegen: „...wenn es nicht das gäbe, was wir das Leere, den Raum oder die unkörperliche Natur nennen, so hätten die Körper keinen Ort, wohin und wodurch sie sich bewegen könnten, während es doch offensichtlich ist, dass sie sich bewegen.“ Im Gegensatz zu Demokrit, der, ausgehend von seinem Prinzip des Determinismus, den Atomen nur eine geradlinige Bewegung zuschreibt, lässt Epikur auch eine bestimmte Abweichung von der geradlinigen Bewegung zu und betrachtet sie als gesetzmäßig. „Die Atome bewegen sich ununterbrochen und ewig... einige fern voneinander, andere schwankend an Ort und Stelle, wenn sie zufällig ineinandergreifen oder von ineinandergreifenden Atomen umgeben werden. Dieses Schwanken geschieht, weil die Natur des leeren Raumes, der die Atome trennt, ihnen keinen Widerstand leisten kann; und die Härte, die den Atomen innewohnt, zwingt sie, beim Zusammenstoß so weit zurückzuprallen, wie es die Verflechtung der Atome um den Zusammenstoß herum zulässt. Dies hatte keinen Anfang, denn sowohl die Atome als auch die Leere existieren ewig.“ Epikur legt die grundlegenden Thesen der atomistischen Weltkonzeption in vieler Hinsicht zugänglicher dar als Demokrit. Der absolute Determinismus Demokrits entsprach nicht Epikurs Gesamtkonzeption, die in seinen ethischen Ansichten und Vorstellungen von der Gesellschaftsordnung gipfelte. Die Zulassung einer Abweichung von der geradlinigen Bewegung ermöglicht ein „dialektischeres“ Verständnis des Problems der Bewegung. Das Verständnis der Kausalität bei Demokrit lehnte jeden Hinweis auf die objektive Existenz des Zufalls eindeutig ab, was später zum Fatalismus führte. Epikur hebt diese absolute Notwendigkeit auf. „In der Tat ist es besser, an die Fabeln über die Götter zu glauben, als sich dem Schicksal zu beugen, das von den Physikern erfunden wurde – die Fabeln geben Hoffnung, die Götter durch Verehrung zu besänftigen, im Schicksal aber liegt eine unerbittliche Unvermeidlichkeit. Ebenso ist der Zufall für ihn weder ein Gott, wie für die Menge, weil die Handlungen eines Gottes nicht ungeordnet sind; noch eine grundlose Ursache, weil er nicht annimmt, dass der Zufall dem Menschen das Gute und das Schlechte gibt, die sein glückseliges Leben bestimmen, sondern er nimmt an, dass der Zufall nur die Anfänge großer Güter oder Übel mit sich bringt.“
Epikurs Verständnis des Zufalls schließt jedoch eine kausale Erklärung nicht aus. Es ist eher das Erfassen eines bestimmten „inneren“ kausalen Zusammenhangs, was in den Ansichten über die Gesellschaft zur Hervorhebung des Problems des Zusammenhangs von Freiheit und Notwendigkeit führt. Dadurch eröffnet sich dem Menschen die Möglichkeit einer freien (im Sinne von: nicht durch natürliche Notwendigkeit bestimmten) Wahl. Analog werden die Probleme in Epikurs Ethik gestellt.
Laut Epikur ist die Seele nicht etwas Unkörperliches, sondern eine Struktur von Atomen, eine feinste Materie, die im gesamten Organismus verteilt ist. Daraus folgt auch die Ablehnung der Unsterblichkeit der Seele. Mit der Auflösung des Körpers zerstreut sich laut Epikur auch die Seele, daher ist die Angst vor dem Tod unbegründet: „Gewöhne dich daran zu denken, dass der Tod für uns nichts ist: denn alles Gute und alles Schlechte liegt in der Empfindung, und der Tod ist der Verlust der Empfindungen... Somit existiert der Tod weder für die Lebenden noch für die Toten, da er für die einen selbst nicht existiert, während die anderen für ihn selbst nicht existieren.“
Im Bereich der Erkenntnistheorie ist Epikur ein Sensualist. Die Grundlage jeder Erkenntnis sind die Empfindungen, die durch die Ablösung von Abbildern von objektiv existierenden Gegenständen entstehen und in unsere Sinnesorgane eindringen. Über die Rolle der Sinne sagte Epikur: „Wenn du alle Empfindungen ablehnst, wirst du nichts haben, worauf du dich beziehen kannst, selbst wenn du urteilst, dass einige von ihnen falsch sind.“
Große Aufmerksamkeit widmete Epikur auch den Begriffen. Die Klarheit und Genauigkeit der verwendeten Begriffe hielt er für die Grundlage jeder Argumentation. Allgemeine Begriffe charakterisiert er als die Verallgemeinerung der Erfahrung, die durch die sinnliche Erkenntnis gesammelt wurde.
Der Mensch ist laut Epikur ein fühlendes Wesen, und seine Gefühle sind das grundlegende Kriterium der Moral.
Als höchstes Gut erkannte Epikur die Glückseligkeit, die Lust (hēdonē) an. Sie besteht in der Befriedigung natürlicher Bedürfnisse und in der Erreichung eines bestimmten seelischen Gleichgewichts – der Seelenruhe (ataraxia), und damit des Glücks (eudaimonia). Diese moralischen Forderungen hielt er für natürlich, aus dem menschlichen Wesen entspringend. In ihnen manifestiert sich der Zusammenhang seiner Lehre vom Sein und der Ethik. Der Begriff „Lust“ wird bei Epikur am besten durch seinen folgenden Gedanken charakterisiert: „Für den Körper sind die Grenzen der Lust unendlich, und die Zeit für eine solche Lust muss unendlich sein. Aber der Verstand, der die Grenzen und das Endziel des Körpers erfasst und die Ängste vor der Ewigkeit zerstreut hat, führt dadurch bereits zu einem vollkommenen Leben und benötigt keine unendliche Zeit. Dabei ist der Verstand weder der Freuden abgeneigt, noch verhält er sich beim Austritt aus dem Leben so, als hätte ihm noch etwas zum Glück gefehlt.“
Die Angst vor dem Tod und die Angst vor den Göttern hielt Epikur für die Hauptquelle der Entstehung und Existenz der Religion sowie für die Haupthemmnisse für die Erreichung des Glücks durch den Menschen in seiner ethischen Konzeption. Er ließ jedoch die Existenz von Göttern zu, die angeblich in den „Zwischenwelträumen“ leben, der Welt gegenüber gleichgültig sind und sich nicht in die Geschicke der Menschen einmischen.
Die Gesellschaft ist laut Epikur eine Ansammlung von Individuen, die untereinander vereinbart haben, sich gegenseitig keinen Schaden zuzufügen. Die Einhaltung dieser Vereinbarung nannte er Gerechtigkeit: „Im Hinblick auf jene Tiere, die keine Verträge schließen können, um keinen Schaden zuzufügen und keinen Schaden zu erleiden, gibt es weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit – ebenso wenig wie im Hinblick auf jene Völker, die keine Verträge schließen können oder wollen, um keinen Schaden zuzufügen und keinen Schaden zu erleiden.“ Im Grunde nimmt Epikur in gewissem Maße die spätere Theorie des Gesellschaftsvertrages vorweg.
Ausgehend von seiner Ethik empfiehlt Epikur, dass der weise Mensch (Philosoph) die gesellschaftliche (politische) Tätigkeit meiden sollte.
Stoizismus. Am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bildete sich in Griechenland der Stoizismus, der in der hellenistischen sowie in der späteren römischen Periode zu einer der am weitesten verbreiteten philosophischen Strömungen wurde. Sein Gründer war Zenon von Kition (336–264 v. Chr.). Der Name „Stoizismus“ leitet sich vom griechischen Wort „stoa“ ab, was „Säulengang“, „Portikus“ bedeutet. Diesen kaufte Zenon für seine Schüler und sich selbst. In Athen lernte er die nachsokratische Philosophie kennen (sowohl die akademische als auch die Philosophie der kynischen und megarischen Schulen) und gründete um 300 v. Chr. seine eigene Schule. Diogenes Laertios berichtet, dass Zenon wohl der Erste war, der in der Abhandlung „Über die menschliche Natur“ verkündete, dass das Hauptziel sei, „im Einklang mit der Natur zu leben, und das ist dasselbe wie im Einklang mit der Tugend zu leben“. Damit gab er der stoischen Philosophie die grundlegende Ausrichtung auf die Ethik und deren Ausarbeitung.
Das aufgestellte Ideal verwirklichte er selbst in seinem Leben. Von Zenon geht auch das Bestreben aus, die drei Teile der Philosophie (Logik, Physik und Ethik) zu einem ganzheitlichen System zu verbinden. Die Stoiker verglichen die Philosophie oft mit dem menschlichen Organismus. Die Logik betrachteten sie als das Skelett, die Ethik als die Muskeln und die Physik als die Seele.
Die Stoiker charakterisierten die Philosophie als „Übung in der Weisheit“. Als Werkzeug der Philosophie, als ihren grundlegenden Teil, betrachteten sie die Logik. Sie lehrt den Umgang mit Begriffen, die Bildung von Urteilen und Schlussfolgerungen. Ohne sie kann man weder die Physik noch die Ethik verstehen, die der zentrale Teil der stoischen Philosophie ist. Die Physik, d. h. die Naturphilosophie, überschätzten sie jedoch nicht. Dies ergibt sich aus ihrer wichtigsten ethischen Forderung, „im Einklang mit der Natur“, d. h. mit der Natur und der Ordnung der Welt – dem Logos – zu leben.
In der Ontologie (die sie zur „Naturphilosophie“ zählten) erkannten die Stoiker zwei Grundprinzipien an: das materielle Prinzip (Material), das als Grundlage gilt, und das geistige Prinzip – den Logos (Gott), der die gesamte Materie durchdringt und konkrete einzelne Dinge bildet.
Der Begriff des Gottes in der stoischen Philosophie kann als pantheistisch charakterisiert werden. Der Logos durchdringt ihren Ansichten zufolge die gesamte Natur und manifestiert sich überall in der Welt. Er ist das Gesetz der Notwendigkeit, die Vorsehung.
Im Bereich der Erkenntnistheorie stellen die Stoiker vorwiegend die antike Form des Sensualismus dar. Die Grundlage der Erkenntnis ist ihren Ansichten zufolge die sinnliche Wahrnehmung, die durch konkrete, einzelne Dinge hervorgerufen wird.
Das Zentrum und der Träger der Erkenntnis ist laut der stoischen Philosophie die Seele. Sie wird als etwas körperliches, materielles verstanden. Manchmal wird sie als Pneuma (eine Verbindung von Luft und Feuer) bezeichnet. Ihren zentralen Teil, in dem die Denkfähigkeit und überhaupt alles, was man in heutigen Begriffen als psychische Tätigkeit bezeichnen kann, lokalisiert ist, nennen die Stoiker den Verstand (Hēgemonikon). Der Verstand verbindet den Menschen mit der gesamten Welt. Der individuelle Verstand ist ein Teil des Weltverstandes.
Große Aufmerksamkeit widmeten die Stoiker auch den Problemen des Denkens. Sie beschäftigten sich intensiv mit der Erforschung der Gesetze des Denkens und leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Logik.
Die stoische Ethik stellt die Tugend an die Spitze der menschlichen Bemühungen. Tugend ist ihren Vorstellungen zufolge das einzige Gut, was ein Leben im Einklang mit dem Verstand bedeutet. Die Stoiker erkennen vier Haupttugenden an: Vernünftigkeit, die an Willenskraft grenzt, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit. Zu den vier Haupttugenden kommen vier Gegensätze hinzu: der Vernünftigkeit steht die Unvernünftigkeit gegenüber, der Mäßigung die Zügellosigkeit, der Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit und der Tapferkeit die Feigheit, die Kleinmütigkeit. Zwischen Gut und Böse, zwischen Tugend und Sünde gibt es einen klaren, kategorischen Unterschied, es gibt keine Übergangszustände zwischen ihnen. Alles andere zählen die Stoiker zur Kategorie der gleichgültigen Dinge (adiaphora).
Auf diese Dinge kann der Mensch keinen Einfluss nehmen, er kann sich aber über sie „erheben“. Das Ideal der stoischen Bestrebungen ist die Ruhe (ataraxia) oder zumindest die teilnahmslose Geduld (anatheia). Der stoische Weise (das Ideal des Menschen) ist die verkörperte Vernunft. Er zeichnet sich durch Duldsamkeit und Zurückhaltung aus, und sein Glück „besteht darin, dass er kein Glück wünscht“.
Die Gesellschaft entsteht nach den Vorstellungen der Stoiker auf natürliche Weise (und nicht durch eine Konvention, wie bei den Epikureern). Alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, sozialem Status oder ethnischer Herkunft, sind auf ganz natürliche Weise gleich. Darin manifestiert sich in hohem Maße auch der für diese Zeit charakteristische Kosmopolitismus, der mit der Erweiterung der Horizonte der antiken Welt verbunden war.
Der Stoizismus lebte in der Zeit der Krise der Römischen Republik und dann in der beginnenden Auflösung des Römischen Reiches wieder auf. Hauptvertreter sind der Kaiser Marc Aurel, Epiktet und Lucius Annaeus Seneca.
Skeptizismus. Am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bildete sich in der griechischen Philosophie eine weitere, im Vergleich zu den vorhergehenden weniger verbreitete philosophische Richtung – der Skeptizismus. Sein Gründer war Pyrrhon von Elis (ca. 365–275 v. Chr.). Er legte, ebenso wie Sokrates, seine Ideen nur in mündlicher Form dar und hinterließ kein einziges Werk. Daher schöpfen wir die Informationen über seine Ideen vor allem aus den Werken seines herausragendsten Schülers – Timon (ca. 320–230 v. Chr.).
Der Skeptizismus lehnte die Wahrheit jeglicher Erkenntnis ab. Das Enthalten vom Urteil (epochē) ist seine Hauptthese. Daher „sahen die Skeptiker ihr Ziel darin, die Dogmen aller Schulen zu widerlegen, aber sie selbst... bestimmten nichts, sie bestimmten auch nicht, was sie taten“, wobei sie am Ende, wie Diogenes Laertios bezeugt, auch die Behauptung, „nichts zu behaupten“, ablehnten.
Die Annahme dieser Behauptung als Prinzip der Philosophie würde ebenfalls bedeuten, „etwas zu behaupten“. Ausgehend vom Prinzip, „nichts zu behaupten“, das durch die Tropen (Möglichkeiten) untermauert wird, lehnten die Skeptiker jegliche Versuche zur Erkenntnis von Ursachen ab und verwarfen jegliche Beweise. Im Gegensatz zur epikureischen und stoischen Philosophie, in denen die Erreichung des Glücks notwendigerweise die Erkenntnis der Naturphänomene und -gesetze, d. h. die Erkenntnis der Dinge, voraussetzte, verzichtet die Philosophie des Skeptizismus im wahrsten Sinne des Wortes auf diese Erkenntnis.
Die Erreichung des Glücks bedeutet laut Pyrrhon das Erreichen der Ataraxie (der Ruhe, der Unerschütterlichkeit).
Ein solcher Zustand ist das Ergebnis der Beantwortung von drei grundlegenden Fragen. Die erste: „Woraus bestehen die Dinge?“ Darauf ist es unmöglich zu antworten, weil kein Ding „dies mehr ist als ein anderes“. Aus dieser Aussage ergibt sich auch die Antwort auf die zweite Frage: „Wie sollen wir uns zu diesen Dingen verhalten?“
Auf der Grundlage der vorherigen Antwort wurde das „Enthalten von jeglichem Urteil“ als die einzige würdige Haltung zu den Dingen angesehen. Das Enthalten vom Urteil bedeutet jedoch nicht die Ablehnung des Wesens ihrer Wahrheit oder Richtigkeit. Pyrrhon und Timon erkennen nur unmittelbare Wahrnehmungen an, wenn über sie als Wahrnehmungen gesprochen wird. Die dritte Frage: „Welchen Nutzen ziehen wir aus einer solchen Haltung zu den Dingen?“ Pyrrhons Antwort ergibt sich aus den vorhergehenden Aussagen und zielt auf die ethischen Konsequenzen dieser Problematik ab. Wenn wir uns jeglicher Urteile über die Dinge enthalten, werden wir eine stabile und unerschütterliche Ruhe erlangen. Gerade darin sehen die Skeptiker die höchste Stufe des möglichen Glücks.
In der Epoche der römischen Dominanz (ab dem Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr.) entwickelten sich die hellenistischen Schulen weiter, insbesondere der Stoizismus, und es bildete sich eine neue – der Neuplatonismus. Die römische Philosophie wird oft (und nicht ohne Grund) als die Philosophie des späten Hellenismus bezeichnet.
Der Neuplatonismus entwickelte sich im 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr., in den letzten Jahrhunderten der Existenz des Römischen Reiches. Er ist die letzte ganzheitliche philosophische Richtung, die in der Antike entstand. Der Neuplatonismus bildete sich in derselben sozialen Umgebung wie das Christentum.
Sein Begründer war Plotin (ca. 203 – ca. 269). Plotin begann spät, seine philosophischen Ansichten darzulegen. Er schrieb mehrere Dutzend Abhandlungen, schaffte es aber nicht, ihnen die Form eines geschlossenen Werkes zu geben. Seine Werke wurden größtenteils nach seinem Tod von einem seiner Schüler – Porphyrios – herausgegeben.
Plotin vertrat die Ansicht, dass die Grundlage alles Existierenden ein übersinnliches, übernatürliches, übervernünftiges göttliches Prinzip ist. Von ihm hängen alle Formen des Seins ab. Dieses Prinzip erklärt Plotin zum absoluten Sein und sagt über es, dass es unerkennbar ist. „Dieses Sein ist und bleibt Gott, es existiert nicht außerhalb seiner, sondern ist gerade seine eigene Identität.“ Dieses einzig wahre Sein ist nur durch das Eindringen in den Kern der reinen Anschauung und des reinen Denkens erfassbar, was nur bei der „Loslösung“ des Gedankens – der Ekstase – möglich wird. Alles andere, was in der Welt existiert, ist von diesem einzig wahren Sein abgeleitet. Die Natur ist laut Plotin so erschaffen, dass das göttliche Prinzip (Licht) die Materie (Dunkelheit) durchdringt. Plotin schafft sogar eine bestimmte Gradation der Existenzen vom Äußersten (Wahren, Echtem) bis zu den niedrigsten, untergeordneten (unwahren). An der Spitze dieser Gradation steht das göttliche Prinzip, dann die göttliche Seele und am niedrigsten die Natur.
Die Seele ist etwas dem Materiellen, Körperlichen Fremdes und Äußeres. Nach Plotins Vorstellungen ist die Seele nicht organisch mit dem Körper verbunden. Sie ist Teil der allgemeinen Seele. Das Körperliche ist die Fessel der Seele, die es nur zu überwinden gilt. Dies mündet in die Predigt des Asketismus. Wenn Plotin über die materielle und sinnliche Welt spricht, charakterisiert er sie als unwahres Sein, als Nicht-Seiendes, „das in sich ein gewisses Abbild des Seienden hat“. Das unwahre Seiende hat seiner Natur nach keine Form, keine Eigenschaften und keinerlei Merkmale. Durch diese Lösung der philosophischen Grundproblematik ist bei Plotin auch seine Ethik gekennzeichnet. Das Prinzip des Guten ist mit dem einzigen wahrhaft Seienden – dem göttlichen Verstand oder der Seele – verbunden. Im Gegensatz dazu wird das Gegenteil des Guten – das Böse – mit dem unwahren Sein, d. h. mit der sinnlichen Welt, verknüpft und identifiziert. Von diesen Positionen aus geht Plotin auch an die Problematik der Erkenntnistheorie heran. Für ihn ist die einzig wahre Erkenntnis die Erkenntnis des wahren Seins, d. h. des göttlichen Prinzips. Letzteres kann verständlicherweise nicht durch sinnliche Erkenntnis erfasst werden und ist auch nicht auf rationale Weise erkennbar. Als einzigen Weg der Annäherung an das göttliche Prinzip betrachtet Plotin (wie bereits erwähnt) die Ekstase, die nur durch geistige Anstrengung – seelische Konzentration und Unterdrückung alles Körperlichen – erreicht wird. Schüler und Fortführer der Lehre Plotins waren Porphyrios, Proklos und Iamblichos.
In der antiken Philosophie kristallisierten sich erstmals praktisch alle wichtigen philosophischen Probleme heraus, und es wurden auch die grundlegenden Vorstellungen vom Gegenstand der Philosophie geformt. In den antiken philosophischen Systemen sind bereits der philosophische Materialismus und Idealismus ausgedrückt, die die nachfolgenden philosophischen Konzepte in vieler Hinsicht beeinflusst haben.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 14/10/2025