Der Mensch - Westliche christliche Philosophie des Mittelalters
Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Westliche christliche Philosophie des Mittelalters

Der Mensch

Die Lehre vom Menschen im Mittelalter stützte sich unmittelbar auf die Heilige Schrift. Der Mensch ist Gottes Schöpfung, und zwar “nach Seinem Bild und Gleichnis“. Er wurde über alle “irdischen Kreaturen“ gestellt und ist der König der Natur, der Gipfel der Schöpfung. Darüber hinaus erhebt er sich, ähnlich wie Gott, in gewissem Sinne über die natürliche Welt. Ein anderer Grundsatz entstammt den Lehren der antiken Philosophen (Platon, Aristoteles), die den Menschen als “vernünftiges Tier“ betrachteten. Obwohl die christlichen Philosophen das irdische, natürliche Wesen des Menschen auch ohne Bezugnahme auf ihre griechischen Vorfahren erkannten, stellte sich somit eine der zentralen Fragen der christlichen Anthropologie: Was ist im Menschen von Gott und was von der Natur, wie verhalten sich in ihm das Göttliche (Geistige) und das Natürliche (Tierische)?

Die erste vollständige Lehre vom Menschen auf der Grundlage christlicher Ideen wurde von Origenes entwickelt, der auf viele Fragen bezüglich des Menschen antwortet. Der Mensch besteht aus Geist, Seele und Körper. Der Geist stammt von Gott und gehört im vollen Sinne dem Menschen. Der Körper ist ein geschaffenes, natürliches Prinzip, doch die Quelle des Übels liegt nicht in ihm. Die Seele ist das persönliche “Ich“ des Menschen, ausgestattet von Gott mit der Freiheit, zwischen Gut und Böse zu wählen. Es ist die Seele, die die Wahl zwischen Gut und Böse trifft. Wenn sie dem Geist folgt, ist dies die richtige Wahl — hin zu Gott, dem Guten und der Gnade. Folgt sie jedoch dem Körper mit seinen sinnlichen Neigungen und wendet sich vom Geist ab, so ist dies der Weg des Lasters und des Bösen. Nach Origenes ist die Ursache des Übels also nicht in Gott und nicht in der Natur zu finden, sondern im Menschen, der seine Freiheit missbraucht und die falsche Wahl trifft. Dies ist die Theodizee (also die Rechtfertigung Gottes) hinsichtlich des Ursprungs und der Existenz des Übels auf Erden.

Ein wichtiger christlicher Dogma ist der Dogma von der Belohnung. Der Sünder empfängt ewige Qualen, der Gerechte das ewige, glückselige Leben in Gott. Dabei unterscheidet sich die mittelalterliche Auffassung vom Leben nach dem Tod von der antiken. Ihr Unsterblichkeit wird nicht verneint, aber die Auferstehung nach dem höchsten Gericht muss im physischen Körper geschehen. Diese merkwürdige Überzeugung wurde nicht von allen christlichen Philosophen geteilt. Origenes etwa vertrat die gnostische Lehre von der Vorexistenz der Seele und ihren ständigen Wiedergeburten in verschiedenen Körpern. Die Gnostiker und Theosophen behaupteten, dass der Dogma der körperlichen Auferstehung im Widerspruch zu den Lehren Christi stehe. Ihrer Ansicht nach habe er gelehrt, dass der Mensch nach dem Tod in einem feinstofflichen (geistigen oder genauer astralen) Körper weiterlebt und daraufhin wieder auf der Erde geboren wird. Er habe also die Theorie der Wiedergeburt gelehrt, von der versteckte Andeutungen sogar in der kanonischen Version des Neuen Testaments enthalten sind.

Das endgültige Ziel der geistigen Bestrebungen des Menschen ist die Rettung seiner Seele. Doch die orthodoxen mittelalterlichen Theologen verweigerten dem Menschen die Möglichkeit der Selbstrettung. Diese sei nur mit Gottes Beteiligung möglich, so ihr Glaube. Die gesamte Menschheitsgeschichte sei die schrittweise Verwirklichung des von Gott erstellten Plans zur Erlösung der Menschen (Providentialismus).

Ein wichtiges Errungenschaft der mittelalterlichen Philosophie war die Entdeckung der inneren Welt (des Selbstbewusstseins) des Menschen. Ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung dieser Frage wurde von Aurelius Augustinus (dem Heiligen) (IV.—V. Jahrhundert) geleistet. In seinen “Bekenntnissen“ lenkt er die Philosophie auf das Studium der menschlichen Seele, mit all ihren widersprüchlichen Bestrebungen, Erregungen und Erfahrungen. “Was für ein Geheimnis — der Mensch!“ ruft er aus. Es ist viel einfacher, “die Haare zu zählen, als die Leidenschaften und seelischen Bewegungen“. Auf dem Weg zur Gotteserkenntnis richtet die christliche Philosophie zwangsläufig ihren Blick auch auf die Erkenntnis des Menschen. Die innere Welt seiner Seele wird zum Objekt eingehender Aufmerksamkeit und Analyse.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025