Westliche Postklassische Philosophie (19. – 20. Jahrhundert)
Personalismus
Der Personalismus ist eine Strömung der westlichen Philosophie des 20. Jahrhunderts, deren Ursprünge im späten 19. Jahrhundert in Russland (Nikolai Berdjajew, Lew Schestow, später Nikolai Losski und Sergei Bulgakow) sowie in den Vereinigten Staaten (Borden Parker Bowne, Josiah Royce und ihre Nachfolger wie William Ernest Hocking und Melvin Calhoun) liegen. Seine weitere Entwicklung ist insbesondere mit Frankreich verbunden, wo sich um die Zeitschrift Esprit (1932 gegründet) eine Gruppe von Philosophen formierte, darunter Emmanuel Mounier, Jean Lacroix, Paul Landsberg, Maurice Nédoncelle und Paul Ricœur.
Der Begriff “Personalismus“ leitet sich vom lateinischen Wort persona (Persönlichkeit) ab und betont die Persönlichkeit als primäre Realität und höchste geistige Wertdimension. Die Welt, erschaffen von Gott, der höchsten Persönlichkeit (Theismus), birgt eine Vielzahl von Bewusstseinsformen, Willensakten und Persönlichkeiten — ein Grundsatz des idealistischen Pluralismus. In dieser Sichtweise wird die Persönlichkeit zur fundamentalen ontologischen Kategorie des Personalismus. Dabei widerspricht der Personalismus einem individualistischen Verständnis, das den Menschen als isoliertes Wesen von Natur und Gesellschaft trennt. Vielmehr existiert die Persönlichkeit in und durch die Beziehung zu anderen.
Im Bereich der Erkenntnislehre hebt der Personalismus die zentrale Rolle des einzigartigen, individuellen Subjekts hervor und wendet sich damit gegen die abstrakte Subjektauffassung der klassischen Philosophie. Zugleich bewertet er die erkenntnistheoretische und orientierende Funktion der Wissenschaft äußerst gering. Stattdessen sieht der Personalismus in der religiösen Philosophie die einzig klare Orientierung für das Leben.
Der französische Personalismus nimmt eine dezidiert antikapitalistische Haltung ein. Mounier argumentiert, dass im Kapitalismus die Macht des Geldes alles auf den Kopf stelle: Der Mensch strebe danach, mehr zu haben als zu sein. Doch auch der marxistische Kommunismus findet keine Zustimmung, da er ein Produkt der Materie sei. Mounier ruft zu einer “personalistischen und gemeinschaftlichen Revolution“ auf, die sowohl spirituelle als auch wirtschaftliche Erneuerung bringen solle. Das Ziel sei eine Gemeinschaft, die totalitäre und individualistische Tendenzen überwindet.
Ein zentraler Gedanke im Personalismus ist das Transzendieren — das Selbstbestimmen und Entwickeln des Menschen mit Gott (dem Absoluten) als Orientierungspunkt, der die Persönlichkeit und die Gesellschaft lenkt.
In der letzten Viertel des 20. Jahrhunderts verschwindet der Personalismus weitgehend von der philosophischen Bühne. Einige seiner Ideen werden jedoch von anderen westlichen Strömungen wie der Phänomenologie, dem Existentialismus und der philosophischen Anthropologie aufgegriffen.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025