Sozial-ökonomische und geisteswissenschaftliche Wissenschaften
Subjekt der Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Erkenntnis
Evolution der Vorstellungen vom Subjekt in Philosophie und Wissenschaft
Der Begriff „Subjekt“ stammt aus dem Lateinischen. Übersetzt ins Russische bedeutet er, ebenso wie die verwandten Wörter „Substanz“ und „Substrat“, etwas, das der Grundlage liegt. Somit liegt die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs weit von seiner heutigen Interpretation entfernt. Dies bemerkte auch M. Heidegger, der zahlreiche philosophische Begriffe lateinischen und griechischen Ursprungs detailliert analysierte. Er schreibt, dass das lateinische Wort „subjekt“ eine Übersetzung des griechischen Begriffs „hypokeimenon“ („das Unterliegende“) sei, also dessen, „was als Grundlage alles auf sich sammelt. Diese metaphysische Bedeutung des Subjekts hat unmittelbar keinerlei betonte Beziehung zum Menschen und erst recht nicht zum Ich“.
Bemerkenswerterweise geht in der russischen Grammatik die Bezeichnung des Hauptteils des Satzes, der den Handelnden oder Träger einer Eigenschaft bezeichnet, auf die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Substanz“ zurück: das Subjekt – das im Fundament Liegende.
Die moderne Vorstellung vom Subjekt als Träger des handelnden und erkennenden Prinzips entwickelt sich in der Zeit der europäischen Wissenschaft der Neuzeit. Bei Descartes steht das Subjekt als „denkendes Ding“ dem Objekt gegenüber – dem Teil der materiellen Welt, mit dem es in erkenntnisleitende Beziehungen tritt. Für die materialistische Philosophie ist Erkenntnis das Abbilden der Eigenschaften des Objekts im Subjekt. Dabei galt das Objekt als aktive, bestimmende Seite der Subjekt-Objekt-Beziehung.
Die idealistische Philosophie betonte und begründete ebenfalls die aktive Rolle des Subjekts im Erkenntnisprozess. Besonders fruchtbar war die kantische Lehre vom transzendentalen Subjekt. Kant unterschied im Subjekt zwischen dem empirischen Niveau, das die individuellen Besonderheiten des Menschen widerspiegelt, und dem transzendentalen, das eine überindividuelle Struktur darstellt, also das Allgemeine für alle Menschen. Die Bedeutung dieses Konzepts liegt darin, dass ein stabiles, einheitliches Kernstück in jedem erkennenden Individuum anerkannt wird, das die Allgemeingültigkeit und Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis gewährleistet. Kant vertrat dabei die Auffassung, dass sowohl die Kriterien der Wahrheit als auch die Struktur der Erkenntnis nicht vom Objekt, sondern vom Subjekt bestimmt werden. Genauer gesagt ist das Objekt selbst das Ergebnis der konstituierenden Tätigkeit des Subjekts.
Die weitere Entwicklung von Wissenschaft und Kultur zeigte jedoch, dass idealistische Deutungen des Subjekts das Menschenbild einengen, indem sie ihn ausschließlich als erkennendes Wesen darstellen. Andere Aspekte seines Seins blieben unbeachtet oder unberücksichtigt. Daher ging die Philosophie den Weg, diese Einschränkung zu überwinden und zum ganzheitlichen Subjekt zurückzukehren. In diesem Zusammenhang wurde viel im Zuge der Entstehung der Sozial- und Geisteswissenschaften geleistet. W. Dilthey, der die Besonderheit der Geisteswissenschaften stets hervorhob, kritisierte die idealistische Vorstellung vom menschlichen Subjekt, in dem – bildhaft gesprochen – statt des lebendigen Blutes „verflüssigter Saft der Vernunft“ zirkuliert.
Einen großen Beitrag zur Entwicklung des Konzepts des ganzheitlichen Subjekts leisteten die existentialistischen Philosophen. Sie betonten, dass der Mensch nicht nur ein erkennendes, sondern auch ein fühlendes und leidendes Wesen sei. In ihrem Fokus standen zunächst nicht die Erkenntnisprozesse, sondern andere Aspekte des menschlichen Seins: Glaube, Hoffnung, Angst usw. In diesem Ansatz lag der anthropologische Wendepunkt der Philosophie, der eintrat, als die Grundlagen der Naturwissenschaften gelegt waren und die Notwendigkeit entfiel, die erkennenden Funktionen des Subjekts zu absolutieren.
In der Epistemologie selbst tauchen Konzepte auf, die den Einfluss außer-rationaler Tätigkeitsformen des Subjekts auf den Erkenntnisprozess untersuchen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Konzept des „impliziten Wissens“ von M. Polanyi (1891–1976), einem englischen Philosophen und Wissenschaftler ungarischer Herkunft. In seinem Werk „Personal Knowledge“ (1958) unterscheidet Polanyi zwischen Wissen, das eine klare rationale, begriffliche Form hat, und implizitem Wissen, das sich in praktischen Fertigkeiten und körperlichem Gedächtnis ausdrückt. In der wissenschaftlichen Tätigkeit bezieht sich dies auf Experimentierpraxis, den Umgang mit Geräten, Diagnostik usw. Implizites Wissen lässt sich nur teilweise durch Sprache erklären; überwiegend erfolgt seine Aneignung und Weitergabe in gemeinsamer experimenteller Tätigkeit von Lehrer und Schüler.
So überwinden Vertreter der Philosophie und Wissenschaft im 20. Jahrhundert im Wesentlichen die Reduktion der Funktionen des Subjekts auf rein rationale Erkenntnis. Die Subjektivität selbst wird nicht als Mangel betrachtet, der eliminiert werden müsste, sondern als notwendige und unverzichtbare Bedingung des Erkenntnisprozesses. Es entwickelt sich eine besondere Einstellung zum erkennenden Subjekt, die L. A. Mikeschina als „Prinzip des Vertrauens in das Subjekt“ bezeichnet. „Dieses Prinzip“, schreibt sie, „besteht darin, dass die Analyse der Erkenntnis von der lebendigen historischen Konkretheit des Erkennenden ausgeht, von seinem teilnehmenden Denken, und auf dem Vertrauen in ihn als verantwortungsvoll Handelnden beim Erlangen wahrer Erkenntnis und beim Überwinden von Irrtümern aufbaut.“
Hier seien zwei wesentliche Punkte hervorgehoben, die das „Prinzip des Vertrauens in das Subjekt“ erläutern: Erstens ist das Streben des Subjekts nach Wahrheit, nicht nach Irrtum, von zentraler Bedeutung. Zweitens bestimmt nach der evolutionären Erkenntnistheorie das menschliche Dasein selbst die Möglichkeit adäquater Erkenntnis, da die Evolution den menschlichen Wahrnehmungsorganen jene Struktur verliehen hat, die Anpassung und Überleben in der Welt gewährleistet.
Das Subjekt-Objekt-Denken entwickelte sich im Rahmen der europäischen Kulturtradition. Gerade es ermöglichte in großem Maße die erstaunliche Dynamik der europäischen Zivilisation, die Erfolge der Wissenschaften und die technologischen Errungenschaften. Wie bereits erwähnt, wandelten sich die Vorstellungen vom erkennenden und handelnden Subjekt: von der Auffassung des isolierten Individuums („gnoseologische Robinsonade“) bis hin zum transzendentalen Subjekt, das selbst das Objekt konstituiert und die Allgemeingültigkeit und Wahrheit der Erkenntnis bestimmt. Das von T. Kuhn eingeführte Konzept der wissenschaftlichen Gemeinschaft erweitert die Vorstellung vom Subjekt der Erkenntnis. Aus dieser Perspektive kann das Subjekt auf individueller Ebene (ein einzelner Forscher), auf Gruppenebene (wissenschaftliches Team), auf Ebene von Fachleuten einer bestimmten Wissensdisziplin („unsichtbares Kollegium“) oder auf Ebene der gesamten Menschheit fungieren. Die detaillierte Untersuchung wissenschaftlicher Gemeinschaften, ihrer Interaktionen sowie des Verhältnisses von individuellem und kollektivem Handeln in der Wissenschaft ist Gegenstand der Wissenschaftssoziologie. Dabei ist zu beachten, dass jegliche wissenschaftliche Erkenntnis letztlich gesellschaftlichen Charakter hat, da selbst der einzelne Wissenschaftler auf den Leistungen seiner Vorgänger aufbaut, in wissenschaftliche Kommunikation während der Forschung tritt und seine Ergebnisse der Beurteilung der wissenschaftlichen Gemeinschaft unterbreitet.
Das von J. Habermas vorgeschlagene Konzept der kommunikativen Rationalität entwickelt im Wesentlichen diese Ideen T. Kuhns weiter. Es geht davon aus, dass Normen der Rationalität historisch bedingt sind und sich im Verlauf der Kommunikation der Vertreter einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin bilden. Mit anderen Worten: kommunikative Rationalität ist jene Rationalität, die im Rahmen der Kommunikation von Wissenschaftlern entsteht.
Alles Gesagte über das Subjekt der Erkenntnis gilt für alle Bereiche wissenschaftlicher Tätigkeit. Das Funktionieren des Subjekts in der sozial- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnis weist jedoch eigene Besonderheiten auf. Im vorherigen Paragraphen haben wir diese bereits bei der Diskussion des Erkenntnisobjekts erwähnt. Nochmals sei betont: Die Hauptbesonderheit der Subjekt-Objekt-Beziehung in den Geisteswissenschaften besteht darin, dass zwischen Subjekt und Objekt keine klare Grenze besteht. Das erkennende Subjekt ist im Objekt präsent und umgekehrt. Bei der Untersuchung von Gesellschaft und Kultur sind der Wissenschaftler und Philosoph zugleich Teil beider. Dies erschwert die Suche nach Kriterien für Wahrheit und Objektivität sozial- und geisteswissenschaftlicher Erkenntnis erheblich.
Eine weitere Besonderheit besteht in den Werten und Motiven des erkennenden Subjekts, die in den Geisteswissenschaften einen weitaus stärkeren Einfluss auf den Erkenntnisprozess ausüben als in den Naturwissenschaften. Daher kommt den Prinzipien des „verantwortlichen Denkens“, wie sie in M. M. Bachtins Werk „Philosophie der Handlung“ formuliert sind, hier besondere Bedeutung zu.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025