Geboren aus der Freiheit
Die Philosophie entstand nahezu gleichzeitig im Osten und im Westen. Doch sind sich die meisten Historiker der Philosophie einig, dass es die antike, genauer gesagt die griechische (hellenische) Zivilisation war, die zur wahren Wiege der Philosophie und der Wissenschaft wurde — in jener Form, die bis heute in Grundzügen erhalten blieb. In den Gesellschaften des Alten Orients hingegen diente die Philosophie primär als Lehre, die das Verhalten und die Tätigkeiten der Menschen regelte. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass die Philosophie bis ins späte 18. Jahrhundert als ein einzigartiges Merkmal westlicher Kultur angesehen wurde.
Der Übergang zur Sklavenhaltergesellschaft veränderte die Stellung des Einzelnen in der Gemeinschaft grundlegend. In der Urgesellschaft übte die Stammesgemeinschaft eine absolute Kontrolle über jedes ihrer Mitglieder aus und machte ein unabhängiges Dasein nahezu unmöglich. Sie bestimmte alles: nicht nur die Verteilung der Nahrung und die Wahl der Kleidung, sondern auch, wann und wen man heiratete oder wie man den Körper bemalte. Der Einzelne kam nicht einmal auf die Idee, sich dagegen aufzulehnen, da er sich nicht vom Stamm getrennt sah. Er unterwarf sich sowohl den Normen der Gemeinschaft als auch dem Ratschluss des Schicksals.
Wenn ein Jäger beispielsweise Beute erlegte, so gab er das Beste den Ältesten, während der Rest per Los unter ihm und den anderen Stammesmitgliedern verteilt wurde. Nicht zufällig gaben die Griechen der Schicksalsgöttin den Namen “Moira“, was im Griechischen “Teil“ oder “Anteil“ bedeutet.
Diese Identität mit dem Stamm und das Einssein mit ihm übertrug der Mensch auf die Natur und die gesamte Welt; er entwarf ein Bild des Kosmos nach seinem eigenen Vorbild. Diese Weltsicht, die die Natur mit menschlichen Eigenschaften versah, machte die Welt dem Stammesmenschen verständlicher und vertrauter. Der Mythos wurde zur adäquaten Ausdrucksform dieses Menschenbildes — einer Welt, die untrennbar mit dem Menschen verbunden und mit menschlichen Zügen versehen war. So entstand die Mythologie als Ausdruck der emotionalen Verbundenheit der Menschen mit ihrer Umwelt. Das mythische Bewusstsein ist daher von einer lebendigen, bildhaften und gefühlsbetonten Qualität geprägt.
Zugleich ist Mythologie nicht nur ein gefühltes Abbild der Welt, wie es in Schöpfungsmythen oder Geschichten über Götter und Helden dargestellt wird. In der Mythologie manifestierte sich auch das praktische Wissen vieler Generationen. Dadurch wurde der Mythos zu einem der wesentlichen Ordnungsmechanismen für das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der Stammesgemeinschaft. Der Mythos bewahrte das kollektive Gedächtnis, verankerte Werte in der Gemeinschaft, stärkte die Glaubenssysteme und legte soziale Verhaltensregeln fest.
Mit dem Zerfall der Stammesgemeinschaft verlor die Mythologie ihre Monopolstellung im öffentlichen Bewusstsein. Der Übergang zur Zivilisation zerstörte die Einheit der Welt, stellte die Gesellschaft der Natur gegenüber und führte innerhalb der Gesellschaft zu einer sozialen Schichtung sowie zu einer Spezialisierung der Tätigkeiten. Die Sklaverei ermöglichte es den freien Bürgern, sich vom materiellen Produktionszwang zu befreien. Dadurch entstand eine Trennung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Während für die freien Bürger die geistige Betätigung als würdig galt, war die materielle Arbeit die Aufgabe der Sklaven.
In dieser sozial gespaltenen Gesellschaft erlangte die Pflege des gemeinsamen Lebens besondere Bedeutung. Eine wirksame Verwaltung erforderte die Unterscheidung der Herrschaft, was zur Entstehung des Sklavenhalterstaats führte, der in Griechenland die Form des Stadtstaates, des “Polis“, annahm.
Die freien Bürger der griechischen Polis erkannten ihre Individualität und die autonome Freiheit ihrer Persönlichkeit. Die neue politische Realität erlaubte ihnen, Entscheidungen gemäß ihrem bewussten Willen zu treffen, und führte zu der Einsicht, dass das politische Leben des Staates von ihrem individuellen Handeln abhing. Daher konnten sie sich nicht länger mit den traditionellen mythologischen Vorstellungen zufriedengeben. Sie suchten nicht nur im Glauben, sondern auch im Wissen nach Halt. Als Antwort auf diese neuen weltanschaulichen Bedürfnisse der freien Bürger des Sklavenhalterstaats entstand die Philosophie als eine besondere Form der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Wissen.
Der antike Philosoph Xenophon (430—354 v. Chr.), der seine philosophischen Studien gegen das Handwerk des Söldners eintauschte, kehrte aus Kriegszügen mit reicher Beute zurück, erwarb ein Landgut, wurde ein wohlhabender Gutsbesitzer und widmete sich der Literatur. Er überlegte unter anderem, wie ein geordnetes Staatswesen seine Quellen des Wohlstands richtig erschließen und das Leben der Bürger gestalten könnte. Wäre das athenische Staatswesen, argumentierte Xenophon in seinem Traktat Über die Einkünfte, im Besitz so vieler Sklaven, dass auf jeden freien Bürger drei Sklaven kämen, und würden diese in die Bergwerke von Laurion geschickt, könnte das dort gewonnene Silber dazu beitragen, die freien Bürger Athens auf Staatskosten zu versorgen. Den Freigeborenen blieben dann nur Tätigkeiten, die einem Aristokraten angemessen wären: Kriegsdienst, Pferde- und Jagdhundezucht, die Jagd und die Philosophie.
So sah Xenophon die Sklaverei als einzige Möglichkeit, freie Bürger von körperlicher Arbeit zu befreien und ihnen die Hingabe an aristokratische Tätigkeiten, einschließlich der Philosophie, zu ermöglichen.
Die Philosophie entstand tatsächlich in der Zeit, als sich in Griechenland die Sklavenhaltergesellschaft etablierte. Sie bot dem Menschen eine ihm bis dahin unbekannte Form der Selbstverortung in der Welt — nicht mehr durch Gewohnheit, Tradition oder den Autoritätsglauben wie in früheren Zeiten, sondern durch den eigenen Verstand. Anders als die Religion lehrte die Philosophie, nicht alles blind zu glauben, sondern zur unabhängigen Reflexion aufzurufen, frei von jeder Autorität. Damit die Bürger das Streben nach eigenständigem Denken entwickeln konnten, mussten sich in Griechenland günstige Bedingungen herausbilden.
Die Reformen von Solon und Kleisthenes und die Entwicklung der demokratischen Selbstregulierung des Polislebens verankerten die Prinzipien der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit im griechischen Bewusstsein. Die Sklavenhalterdemokratie ermöglichte den freien Bürgern, sich an der staatlichen Verwaltung zu beteiligen, an Versammlungen und Gerichten teilzunehmen und öffentliche Angelegenheiten zu diskutieren. Das Prinzip der Gleichheit aller freien Bürger vor dem Gesetz setzte sich durch, ohne jedoch die faktische Ungleichheit aufgrund des Besitzes auszuschließen.
Der berühmte Politiker, Feldherr und Redner des antiken Griechenlands, Perikles (etwa 494—429 v. Chr.), lieferte gemäß Thukydides in seiner Grabrede über die im Peloponnesischen Krieg gefallenen Soldaten eine prägnante Charakterisierung der athenischen Demokratie, deren Mitbegründer er selbst war: “Unsere Staatsverfassung ahmt die Einrichtungen anderer nicht nach; eher dienen wir selbst als Beispiel für manche, als dass wir andere nachahmen. Diese Verfassung wird demokratisch genannt, weil sie sich nicht auf eine Minderheit, sondern auf die Mehrheit stützt. In den privaten Angelegenheiten gewähren unsere Gesetze jedem Gleichberechtigung; und was das politische Gewicht betrifft, so steht bei uns in den Staatsangelegenheiten jeder im Ansehen nicht aufgrund der Unterstützung irgendeiner politischen Partei, sondern aufgrund seiner Tugend, die ihm Ruhm in einem oder anderen Bereich verschafft. Ebenso ist die Schlichtheit des Standes kein Hindernis für einen Armen, sich zu betätigen, wenn er nur imstande ist, dem Staat irgendeinen Dienst zu erweisen. Wir leben in freier politischer Gemeinschaft und leiden nicht unter Misstrauen in den täglichen Beziehungen des privaten Lebens ... Im privaten Leben frei von jeglichem Zwang, verletzen wir in den öffentlichen Beziehungen die Gesetze nicht, sondern gehorchen denen, die zur gegebenen Zeit mit Macht bekleidet sind …“
Der bürgerliche Charakter des öffentlichen Lebens und die Bedeutung der Persönlichkeit spiegelten sich in der Vorstellung vom Wert des Menschen wider. Für Perikles ist die Tugend und der Dienst am Staat das Maß für die Wertigkeit eines Menschen. Der Drang zur Tugend, die von den Mitbürgern anerkannt wird, nahm im antiken Griechenland eine ausgeprägt agonale, also wettbewerbsorientierte, Form an. Für den Griechen war der Ruhm, der den Sieger in verschiedenen Wettkämpfen auszeichnete, wertvoller als alle materiellen Preise. Er brachte ihm Ansehen und Respekt in der Gesellschaft.
Dieser Agon, der Geist des Wettkampfs, durchdrang sämtliche Bereiche des Lebens der freien Bürger. In ihm wurzelt auch die Dialektik als die Kunst des Streitgesprächs, in der sich Sokrates als unübertroffener Meister einen Namen machte und sich unsterblichen Ruhm als Weisester unter den Menschen erwarb. Die Ursprünge des Agons selbst liegen in der griechischen Mythologie, nach der auch die Götter dem Wettbewerbscharakter nicht abgeneigt waren. Es war Zeuss Sieg über Kronos und die Titanen, der die Weltordnung, wie sie alle Zeit hindurch beobachtet werden kann, erst möglich machte. Zu Ehren dieses Sieges wurden die Olympischen Spiele begründet — Wettkämpfe sterblicher Menschen in Olympia.
Mit der Demokratie begann die Befreiung des Geistes der Griechen von religiös-mythologischen Vorstellungen und von der Macht der Götter. Demokratie, die ohne Diskussion und Debatte nicht existieren kann, brachte sie dazu, die Ordnung des öffentlichen Lebens im Lichte des Gesetzes (nomos) zu interpretieren. Nomos bedeutete vernünftige Festlegungen, die von den freien Bürgern des Polises beschlossen wurden und für alle verbindlich waren.
Gemäß der demokratischen Norm wurde eine Entscheidung dann zur gesellschaftlichen Ordnung, wenn sie im Verlauf der Diskussion von der Mehrheit der Bürger angenommen wurde. Dabei hatte jeder das Recht, eine eigene Meinung zu vertreten, allerdings nur, wenn diese argumentativ fundiert und nicht mit den Gesetzen des Staates im Widerspruch stand. Um die Mehrheit der Stimmen zu gewinnen, bedurfte es der Beherrschung der Kunst des Denkens und Überzeugens, das heißt der Logik und der Kunst des rationalen Beweises.
Die Verankerung eines allgemeinverbindlichen Bürgerrechts bedeutete das Bewusstsein, dass das öffentliche Leben nicht das Ergebnis göttlicher, sondern menschlicher Festsetzungen war: durchdiskutierte, begründete und von der Mehrheit angenommene Gesetze.
Demokratie, Freiheit der Persönlichkeit, die Möglichkeit des freien Ausdrucks der eigenen Ansichten, die Befreiung des Bewusstseins von religiösen Dogmen und Autoritäten führten zu jenen revolutionären Veränderungen im Denken, die die Philosophie als notwendige Frucht des “griechischen Wunders“ überhaupt erst möglich machten.
Von Demokratie und Freiheit geboren, stellte die Philosophie den mythischen Fantasien und Bildern und der religiösen Intuition eine logische Analyse entgegen, schuf Verallgemeinerungen auf der Basis von Beobachtungen und formte daraus Schlüsse und Beweise.